(zum Sonntags-Evangelium vom 10. Januar 2010: Lukas 3,15-16.21-22.)
(…)
Während ich dies beobachte, bemerke ich, daß die Szene sich bevölkert. Längs des rechten Ufers des Jordan (von mir aus gesehen) haben sich viele Männer in verschiedenartiger Kleidung eingefunden. Die einen machen einen volkstümlichen Eindruck, andere scheinen reich zu sein; es fehlen auch nicht etliche Pharisäer, die an ihren mit Fransen besetzten Gewändern zu erkennen sind. In ihrer Mitte, auf einem Felsblock stehend, befindet sich ein Mann, den ich, obwohl ich ihn zum ersten Mal sehe, als den Täufer erkenne. Er spricht zum Volk, und ich kann euch versichern, es ist keine sanfte Predigt. Jesus nannte Jakob und Johannes “Donnersöhne”. Wie soll ich nun diesen gewaltigen Redner nennen? Johannes der Täufer verdient die Namen: Blitz, Lawine, Erdbeben… so eindrucksvoll und machtvoll ist seine Sprache und sein Gebaren. Er verkündet den Messias und fordert auf, die Herzen für seine Ankunft vorzubereiten, alles Hinderliche aus dem Weg zu räumen und die Gedanken geradeaus zu richten. Es ist eine harte und rauhe Rede. Der Vorläufer hat nicht die leichte Hand Jesu für die Wunden der Herzen. Jesus ist wie ein Arzt – auch Johannes, doch einer, der entblößt, wühlt und erbarmungslos schneidet. Während ich zuhöre – ich wiederhole die Worte nicht, denn es sind dieselben, die uns von den Evangelisten überliefert worden sind – sehe ich auf einem Sträßlein, das dem bewachsenen und schattigen Verlauf des Jordan folgt, meinen Jesus.
Jesus ist allein. Er geht langsam auf Johannes zu, der ihn nicht kommen sieht, da er ihm den Rücken zuwendet. Jesus nähert sich unauffällig, als sei auch er einer der vielen, die Johannes aufsuchen, um sich taufen zu lassen, um sich vorzubereiten und gereinigt zu sein bei der Ankunft des Messias. Nichts unterscheidet ihn von den anderen; er ist dem Gewand nach ein Landmann, dem schönen Aussehen und der Haltung nach ein Herr; doch keinerlei göttliches Merkmal hebt ihn von der Menge ab.
Es scheint, als ob Johannes eine besondere geistige Ausstrahlung empfinde. Er wendet sich um und errät sofort die Quelle dieser Ausstrahlung. Mit Ungestüm verläßt er den Felsblock, der ihm als Kanzel gedient hat, und geht eilig auf Jesus zu, der sich einige Meter von der Menge entfernt an einen Baumstamm gelehnt hat.
Jesus und Johannes schauen sich einen Augenblick fest in die Augen. Jesus mit dem sanften Blick seiner blauen Augen; Johannes mit seinen ernsten, schwarzen, blitzenden Augen. Die beiden, wie sie so nebeneinander stehen, bilden einen krassen Gegensatz. Hochgewachsen sind sie beide, dies ist die einzige Ähnlichkeit; doch in allem übrigen sind sie grundverschieden.
Jesus hat ordentliche, lange, blonde Haare, eine elfenbeinfarbene Gesichtshaut, blaue Augen und trägt ein einfaches, doch vornehm wirkendes Gewand.
Johannes ist verwildert. Die schwarzen, glatten Haare von ungleichmäßiger Länge hängen ihm auf die Schultern herab, während der schwarze Bart, der das ganze Gesicht umrandet, nicht verhindern kann, daß man die vom Fasten eingefallenen Wangen bemerkt. Die Augen sind schwarz und fieberglänzend. Die Haut ist von der Sonne und vom Wetter gebräunt und dicht behaart; er ist halbnackt und trägt ein Kamelfell, das in der Taille mit einem Lederriemen gegürtet ist und auf den Seiten Schlitze hat, durch die man die mageren Beine sehen kann. So sieht es aus, als ob ein Wilder neben einem Engel stehe.
Johannes heftet seinen durchdringenden Blick auf Jesus und ruft dann aus: «Seht, das Lamm Gottes! Wie geschieht mir, daß mein Herr zu mir kommt?»
Jesus antwortet ruhig: «Um den Ritus der Buße zu vollziehen.»
«Nie, Herr. Ich muß zu Dir gehen, um geheiligt zu werden; und nun kommst Du zu mir?»
Jesus legt Johannes, der gebeugt vor ihm steht, die Hand aufs Haupt und antwortet: «Laß es nach meinem Willen geschehen, damit alle Gerechtigkeit erfüllt und deine Handlung zum Anfang eines höheren Geheimnisses werde; damit den Menschen verkündet werde, daß sich das Sühneopfer auf dieser Welt befindet!»
Johannes betrachtet Jesus, und eine Träne läßt seinen Blick sanfter erscheinen; dann geht er voraus ans Ufer, wo Jesus den Mantel und die Tunika ablegt. Mit einer Art Beinkleider steigt er ins Wasser, wo Johannes schon auf ihn wartet. Er tauft ihn nun, und gießt ihm Wasser des Flusses über das Haupt mit einem Gefäß, das er am Gürtel hängen hatte und das, wie mir scheint, eine Muschel oder eine halbe, ausgehöhlte und getrocknete Kürbisschale ist.
Jesus ist wahrlich das Lamm. Das Lamm in der Reinheit des Fleisches, in der Bescheidenheit des Ausdrucks und in der Sanftmut des Blickes. Nachdem Johannes Jesus das Wasser über das Haupt gegossen hat, steigt Jesus aus dem Fluß und legt seine Kleider wieder an. Dann sammelt er sich zum Gebet. Währenddessen hat Johannes den Leuten versichert und bezeugt, daß er IHN erkannt habe an einem Zeichen, das ihm der Geist Gottes als unfehlbares Erkennungsmerkmal des Erlösers geoffenbart habe (die göttliche Taube und die göttliche Stimme).
Ich aber bin in den Anblick des betenden Jesus versunken, und in mir bleibt nichts als diese lichtvolle Gestalt vor dem grünen Hintergrund.
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Auszug aus “Der Gottmensch″, Band I von Maria Valtorta, mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören
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“Johannes benötigte kein besonderes Zeichen” (Erläuterungen Jesu im Anschluss an die Vision seiner Taufe)











27/01/2012 um 23:08
Hallo,
Wie wunderbar: eine Wohltat für Seele & Geist!
Ich bin so froh, dass ich euren Blog entdeckt habe,
und nun Kenntnis von den Schriften Maria Valtortas habe.
Die Auszüge helfen mir, ich finde darin Zuspruch und Resonanz einer alten lieben Wahrheit schöner in mir anklingen …
Vielen Dank an Euch, dass ihr Auszüge aus dem Werk hier einstellt! Ich bin sehr glücklich, und hoffe auch bald erste Bände in meinen Händen zu halten.
Liebe Grüße aus Berlin,
Flam
28/01/2012 um 08:25
Hallo Flam,
das freut uns, dass Du über den Blog zur Valtorta gefunden hast. Die Schriften sind ein wahrer Schatz, ja. Alles Gute nach Berlin
07/01/2012 um 22:45
Ich bin tief berührt, mein Herz sehnt sich immer mehr nach Gott.
Die Bücher von Maria Valtorta sind wunderbar!
09/01/2012 um 09:19
Hallo Nika, so ähnlich geht es mir beim Lesen der Valtorta auch. Man fühlt sich Gott näher, wenn man in seine Realität eintaucht, mit Jesus, Maria und den Aposteln “unterwegs ist”. Ihre Bücher sind ein großes Geschenk, was hoffentlich künftig immer mehr Menschen erkennen werden.