Die Geißelung unseres Herrn Jesus Christus

01/04/2010

„Kreuzige ihn! Kreuzige ihn! Er muß sterben! Du schützt die Verbrecher! Heide! Auch du bist ein Teufel!“

Die Menge kommt näher, und die erste Reihe der Soldaten wankt unter dem Aufprall und kann die Lanzen nicht gebrauchen. Doch die zweite Reihe kommt eine Stufe herunter, legt die Speere ein und befreit die Gefährten.

„Er soll gegeißelt werden“, befiehlt Pilatus einem der Centurionen.

„Wann?“

„Wann du willst… damit es ein Ende hat. Ich bin sehr verärgert. Geh!“

Jesus wird von vier Soldaten in den Hof hinter dem Atrium geführt, der einen Boden aus buntem Marmor hat und in dessen Mitte eine hohe Säule steht, ähnlich denen des Portikus. Daran befindet sich etwa drei Meter über dem Boden eine eiserne Querstange, die in einem Ring endet. An diesen wird Jesus mit über den Kopf erhobenen Händen gebunden, nachdem er sich entkleidet hat. Er hat jetzt nur noch eine kurze Leinenhose und Sandalen an. Die an den Gelenken zusammengebundenen Hände werden hinaufgezogen bis zu dem Ring, so dass er trotz seiner Größe den Boden nur noch mit den Fußspitzen berührt… Schon diese Stellung muss eine Tortur sein.

Ich habe irgendwo gelesen, dass die Säule niedrig gewesen sei und Jesus gebückt stehen musste. Mag sein. Ich sehe es so und sage es so.

Hinter Jesus stellt sich einer mit einem Henkergesicht reinsten hebräischen Profils. Vor Jesus ein anderer mit demselben Aussehen. Sie haben eine Geißel aus sieben Lederriemen, die an einem Griff befestigt sind und in einem Hämmerchen aus Blei enden. Rhythmisch , als wäre es eine Übung, fangen sie an zu schlagen. Der eine von vorne, der andere von hinten, so dass der Körper Jesu ringsum von Schlägen getroffen wird. Die vier Soldaten, denen man ihn übergeben hat, machen gleichgültig mit drei anderen Soldaten, die noch dazugekommen sind, ein Würfelspiel.

W. Bouguereau: Die Geisselung unseres Herrn Jesus Christus

 

Die Stimmen der Spieler vermischen sich mit dem Geräusch der Geißeln, die wie Schlangen zischen und sich dann anhören wie Steine, die auf das straff gespannte Leder einer Trommel fallen, wenn sie den armen schlanken Körper von der Farbe alten Elfenbeins treffen. Zuerst hinterlassen sie rosarote Streifen, die immer dunkler und schließlich violett werden, dann bilden sich dunkelblaue, blutgefüllte Schwellungen, die aufreißen und am ganzen Körper Blut fließen lassen. Sie schlagen hauptsächlich auf den Oberkörper und den Unterleib, aber auch Beine, Arme und sogar den Kopf lassen sie nicht aus, damit kein schmerzfreies Fleckchen Haut übrigbleibt.

Und keine Klage… Wenn der Strick ihn nicht halten würde, würde er zu Boden fallen. Aber er fällt nicht und er stöhnt nicht. Nur der Kopf sinkt ihm auf die Brust nach so vielen Schlägen, als wenn er ohnmächtig geworden wäre.

„Halt! Hört auf! Er muss noch lebendig hingerichtet werden!“ höhnt ein Soldat.

Die beiden Henker halten ein und trocknen sich den Schweiß ab.

„Wir sind völlig erledigt“, sagen sie. „Gebt uns den Lohn, damit wir trinken und uns erholen können.“

„Hängen sollte man euch! Doch nehmt…“ und ein Decurio wirft jedem der beiden eine große Münze zu.

„Ihr habt eure Pflicht getan. Er gleicht einem Mosaik. Titus, sag, war dieser Mensch wirklich die Liebe des Alexander? Dann wollen wir ihn benachrichtigen, damit er Trauer tragen kann. Binden wir ihn jetzt los.“

Sie binden Jesus los, und dieser sinkt wie tot zu Boden. Sie lassen ihn liegen und stoßen ihn nur ab und zu mit den Stiefeln an, um zu sehen, ob er klagt.

Aber er schweigt.

„Ob er tot ist? Wäre es möglich? Er ist jung und ein Handwerker, hat man mir gesagt… aber er gleicht einer zarten Dame…“

„Lass mich nur machen“, sagt ein Soldat. Er setzt ihn auf und lehnt ihn mit dem Rücken an die Säule. Wo er gelegen ist, sind Blutlachen… Dann geht der Soldat zu einem Brunnen, der unter dem Tor plätschert, füllt einen Eimer mit Wasser und schüttet es über den Kopf und den Körper Jesu. „So, den Blumen tut das Wasser gut.“

Jesus seufzt tief und will aufstehen, aber noch bleibt er mit geschlossenen Augen sitzen.

„Oh! Gut! Auf, Schöner! Eine Dame wartet auf dich!…“

Aber vergebens stemmt Jesus die Hände auf den Boden, um aufzustehen.

„Los, rasch! Bist du schwach? Hier ist eine Erfrischung“, grinst ein anderer Soldat. Mit dem Schaft seiner Hellebarde versetzt er Jesus einen Schlag ins Gesicht und trifft ihn zwischen dem rechten Jochbogen und der Nase, die zu bluten beginnt.

Jesus öffnet die Augen und blickt um sich. Ein verschleierter Blick. Er schaut den Soldaten an, der ihn geschlagen hat, wischt sich mit der Hand das Blut ab und stellt sich mit grosser Mühe auf die Füße.

„Zieh dich an. Es ist nicht anständig, so herumzustehen, Schamloser!“ Alle umringen Jesus und lachen.

Jesus gehorcht wortlos. Aber während er sich bückt – und nur er weiß, was er dabei leidet, zerschlagen wie er ist und mit Wunden, die sich durch die Anspannung der Haut noch weiter öffnen, und blutgefüllten Schwellungen, die aufbrechen – gibt ein Soldat den Kleidern einen Tritt und zerstreut sie. Und jedesmal, wenn Jesus sich nach ihnen bücken will, nachdem er sie wankend erreicht hat, stößt oder wirft ein Soldat sie in eine andere Richtung. Jesus, der furchtbar leidet, sagt nichts und versucht sie zu holen, während die Soldaten obszöne Späße über ihn machen.

Auszug aus “Der Gottmensch”, Bd. XI von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch

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