„Simon des Jonas, liebst du mich?“

17/04/2010

(zum Sonntags-Evangelium vom 18. April 2010: Joh 21,1-19)


„Ihr dort im Boot, habt ihr nichts zu essen?“ Die Männerstimme kommt vom Ufer. Eine Stimme, die auffahren läßt.

Sie zucken die Achseln und antworten laut: „Nein!“ Dann sagen sie zueinander: „Man könnte glauben, ihn zu hören…!“

„Werft die Netze auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas fangen.“

Rechts, das bedeutet zur Seemitte hin. Sie werfen etwas verwundert das Netz aus, und bald darauf neigt sich das Boot durch den Zug und das Gewicht des Netzes.

„Aber das ist doch der Herr!“ ruft Johannes.

„Der Herr, sagst du?“ fragt Petrus.

„Hast du noch Zweifel?“ Es schien uns seine Stimme zu sein, aber das hier ist der Beweis. Schau dir das Netz an! Wie damals! Er ist es, sage ich dir! Oh, mein Jesus! Wo bist du?“

Alle bemühen sich, mit ihren Blicken die Nebelschleier zu durchdringen, nachdem sie das Netz gut befestigt haben, um es in Schlepp zu nehmen; denn es ist zu gefährlich, es ins Boot zu ziehen. Und so rudern sie zum Ufer. Doch dann muß Thomas das Ruder des Petrus übernehmen, der rasch und ungestüm seine Tunika über die kurze Hose zieht, die seine einzige Bekleidung war, ebenso wie die aller anderen außer Bartholomäus. Petrus springt in den See, teilt mit kräftigen Armen das stille Wasser, schwimmt dem Boot voraus und setzt als erster den Fuß auf das verlassene Ufer, wo auf zwei Steinen im Schutz eines Dorngestrüpps ein Reisigfeuer flackert. Und dort, neben dem Feuer, steht Jesus und lächelt sanft.

„Herr! Herr!“ Petrus keucht schwer vor Erregung und bringt kein weiteres Wort heraus. Da er von Wasser trieft, wagt er nicht einmal, das Gewand seines Jesus zu berühren. In der nassen Tunika, die ihm am Rücken klebt, wirft er sich anbetend in den Sand.

Das Boot knirscht auf dem Kies und steht still. Alle sind aufgesprungen und ganz aufgeregt vor Freude…

„Bringt die Fische her. Das Feuer ist bereit. Kommt und eßt“, gebietet Jesus.

Petrus eilt zur Barke und hilft, das Netz herauszuziehen. Er nimmt aus dem zappelnden Haufen drei große Fische, schlägt sie an den Bootsrand, um sie zu töten, und weidet sie dann mit seinem Messer aus. Aber seine Hände zittern. Oh, nicht vor Kälte! Er wäscht die Fische, bringt sie zum Feuer, legt sie darauf und gibt auf sie acht, während sie braten. Die anderen beten den Herrn an, in gewisser Entfernung und, wie immer, etwas furchtsam, seit er so göttlich und mächtig auferstanden ist.

„Hier ist Brot. Ihr habt die ganze Nacht gearbeitet und seid müde. Nun werdet ihr euch stärken. Sind die Fische bereit, Petrus?“

„Ja, mein Herr“, sagt Petrus mit einer Stimme, die noch rauher als sonst klingt. Er beugt sich über das Feuer und trocknet sich die Augen, aus denen es tropft, so als müßte er wegen des Rauches weinen, der auch die Kehle reizt. Aber der Rauch ist nicht die Ursache der Tränen und der rauhen Stimme… Er bringt den Fisch, den er auf ein haariges Blatt gelegt hat, anscheinend ein Kürbisblatt, das ihm Andreas gegeben hat, nachdem er es zuvor im See gewaschen hat.

Jesus dankt und segnet, bricht das Brot, zerlegt die Fische und teilt sie in acht Stücke. Er kostet ebenfalls etwas davon. Sie essen mit einer Ehrfurcht, mit der sie ein Ritual vollziehen würden. Jesus sieht ihnen zu und lächelt. Aber auch er schweigt, bis er schließlich fragt: „Wo sind die anderen?“

„Auf dem Berg, wie du gesagt hast. Wir sind fischen gegangen, weil wir kein Geld mehr haben und den Jüngern nicht zur Last fallen wollen…“

„Gut. Aber von jetzt an sollt ihr Apostel auf dem Berg bleiben und beten und durch euer Beispiel die Jünger erbauen. Schickt sie zum Fischfang. Für euch ist es besser, daß ihr dort im Gebet  verharrt und jene anhört, die euren Rat brauchen oder kommen, um euch Nachrichten zu bringen. Haltet die Jünger eng beisammen. Ich werde bald kommen.“

„Wir werden es tun, Herr.“

„Ist Margziam nicht bei dir?“

„Du hast nicht gesagt, daß ich ihn sofort kommen lassen darf.“

„Laß ihn kommen. Sein Gehorsam ist beendet.“

„Ich werde ihn kommen lassen, Herr.“

Schweigen. Dann hebt Jesus, der mit leicht geneigtem Haupt nachdenklich dagestanden ist, den Kopf und richtet seinen Blick auf Petrus. Er schaut ihn an mit dem Blick der Stunden seiner größten Wunder und Macht. Petrus schreckt fast ängstlich zusammen und weicht ein wenig zurück… Aber Jesus legt ihm eine Hand auf die Schulter, hält ihn fest mit energischem Griff und fragt ihn: „Simon des Jonas, liebst du mich?“

„Gewiß, Herr! Du weißt, daß ich dich liebe“, antwortet Petrus mit Nachdruck.

„Weide meine Lämmer… Simon des Jonas, liebst du mich?“

„Ja, mein Herr. Und du weißt, daß ich dich liebe.“ Die Stimme ist nicht mehr so selbstsicher, eher etwas erstaunt über die Wiederholung dieser Frage.

„Weide meine Lämmer… Simon des Jonas, liebst du mich?“

„Herr, Du weißt alles… Du weißt, daß ich dich liebe…“ Die Stimme des Petrus zittert, obwohl er seiner Liebe sicher ist; aber er hat das Gefühl, daß Jesus nicht überzeugt ist.

„Weide meine Schafe. Das dreimalige Bekenntnis deiner Liebe hat deine dreimalige Verleugnung getilgt. Du bist ganz rein, Simon des Jonas, und ich sage dir: Bekleide dich mit dem Gewand des Oberhirten und trage die Heiligkeit des Herrn in meine Herde. Gürte dein Gewand um die Mitte und trage es gegürtet, bis auch du vom Hirten zum Lamm wirst. Wahrlich, ich sage dir, als du jünger warst, hast du dich selbst gegürtet und bist gegangen, wohin du wolltest; wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst. Jetzt aber bin ich es, der dir sagt: ‚Gürte dich und folge mir auf meinem Weg.‘ Steh auf und komm.“

 

A. Carracci: Domine, quo vadis?

Jesus steht auf, und auch Petrus erhebt sich, und sie gehen ans Ufer, während die anderen das Feuer löschen, indem sie es mit Sand ersticken. Aber Johannes folgt Jesus, nachdem er die Brotreste gesammelt hat. Petrus, der die Schritte hört, dreht den Kopf. Er sieht Johannes, zeigt auf ihn und fragt Jesus: „Und was wird mit diesem geschehen?“

„Wenn ich will, daß er bleibt, bis ich wiederkomme, was kümmert dich das? Du, folge mir nach.“

Sie sind am Ufer. Petrus möchte noch sprechen; die Majestät Jesu und die gehörten Worte halten ihn davon ab. Er kniet nieder, ebenso die anderen, und betet an. Jesus segnet sie und entläßt sie. Sie besteigen das Boot und entfernen sich rudernd. Jesus schaut ihnen nach.

Auszug aus “Der Gottmensch”, Bd. XII von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz:book@parvis.ch, www.parvis.ch


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