Die Geheimnisse von Fatima (II) : Widersprüche um das „dritte Geheimnis“

14/05/2010

Papst Benedikt XVI, der frühere Kardinal Joseph Ratzinger, weilt zur Zeit in Fatima, Portugal, anlässlich des 10. Jahrestages der Seligsprechung der Seherkinder Francisco und Jacinta.

Von den drei Teilen des Geheimnisses, das in den Marienerscheinungen von Fatima offenbart wurde, wurden zwei am 13. Mai 1947 veröffentlicht. Der dritte Teil des Geheimnisses blieb dagegen im Verborgenen; zahlreiche Indizien sprechen dafür, dass er bis heute nicht veröffentlicht ist.

Der folgende Versuch einer Chronik möchte auf Widersprüche im Zusammenhang mit dem Geheimnis aufmerksam machen.

Am 13. Mai 1917 findet die erste Marienerscheinung in Fatima statt.

Am 13. Juli 1917 offenbart die Gottesmutter der Seherin Lucia einen dritten Teil des Geheimnisses, der vorläufig niemandem mitgeteilt werden soll.

Im September 1943 erkrankt Ordensschwester Lucia schwer. Der Bischof von Fatima befürchtet, sie könne sterben und das dritte Geheimnis mit ins Grab nehmen. Er befiehlt ihr daher, es niederzuschreiben.

Im April 1957 wird das Geheimnis in einem versiegelten Umschlag an den Vatikan weitergeleitet. Es soll auf Anweisung der Gottesmutter spätestens 1960 veröffentlicht werden.

Johannes XXIII liest während seines Pontifikats (1958-1963) das Geheimnis und beschließt, es nicht zu veröffentlichen.

Am 13. Mai 1981 wird auf dem Petersplatz ein Attentat auf Papst Johannes Paul II. verübt. Der Papst überlebt schwer verletzt.

Am 11. November 1984 veröffentlicht die italienische Zeitschrift „Jesus“ ein Interview aus dem Oktober 1984 mit dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation Kardinal Ratzinger, bezüglich des dritten Teils des Fatima-Geheimnisses:

J: Kardinal Ratzinger, haben Sie das sogenannte „3. Geheimnis“ von Fatima gelesen, d.h. jenes, das Schwester Lucia an Papst Johannes XXIII geschickt hatte, und das er nicht veröffentlichen wollte und in die Vatikanischen Archive überstellt hat?

KR: Ja, ich habe es gelesen.

J: Warum wurde es nicht enthüllt?

KR: Weil es laut Urteil der Päpste nichts zu dem hinzufügt, was ein Christ bezüglich des Inhalts der Offenbarung wissen müsste, d.h. einen radikalen Aufruf zur Bekehrung, die große Bedeutung der Geschichte, die Gefahren, die den Glauben und das Leben der Christen und damit der Welt, bedrohen. Und dann die Wichtigkeit der „Novissimi“ (Die letzten Dinge: Tod, Jüngstes Gericht/Apokalypse, Himmel und Hölle). Wenn es nicht veröffentlicht wird, zumindest im Moment, dann um zu vermeiden, dass religiöse Prophezeihung mit Sensationalismus verwechselt wird. Aber die Dinge, die im dritten Geheimnis enthalten sind, entsprechen dem, was in der Schrift angekündigt wurde und immer wieder in anderen Marienerscheinungen gesagt worden ist, allen voran die Erscheinung von Fatima mit ihren bekannten Inhalten. Umkehr, Buße, sind die wesentlichen Voraussetzungen zum Heil. …

Am 13. Mai 2000, während der Seligsprechungszeremonie der beiden Seherkinder kündigt der damalige Kardinal Staatssekretär Sodano die baldige Veröffentlichung des dritten Teils des Geheimnisses von Fatima an. Es handle u.a. von einem „weißgekleideten Bischof“, der „wie tot“ zu Boden falle.

Am 26. Juni 2000 wird das „dritte Geheimnis“ von Fatima durch Kardinal Ratzinger veröffentlicht. Darin heißt es eindeutig, dass jener weißgekleidete Bischof von Soldaten getötet wird. Dieser Widerspruch zur vorigen Aussage Sodanos fiel nicht nur aufmerksamen Katholiken auf, auch die Washington Post wies in einem Artikel vom 1. Juli 2000 auf die Widersprüchlichkeiten hin.

Sowohl Sodano als auch Ratzinger beziehen die Vision aus dem vermeintlichen dritten Geheimnis nun auf das Attentat von 1981 und sprechen ihm damit jegliche Relevanz für die Gegenwart und kommende Zeiten ab.

Im begleitenden theologischen Kommentar zur Veröffentlichung schreibt Kardinal Ratzinger:

„Soweit einzelne Ereignisse dargestellt werden, gehören sie nun der Vergangenheit an: Wer auf aufregende apokalyptische Enthüllungen über das Weltende oder den weiteren Verlauf der Geschichte gewartet hatte, muss enttäuscht sein. Solche Stillungen unserer Neugier bietet uns Fatima nicht, wie denn überhaupt der christliche Glaube nicht Futter für unsere Neugierde sein will und kann. Was bleibt, haben wir gleich zu Beginn unserer Überlegungen über den Text des Geheimnisses gesehen: die Führung zum Gebet als Weg zur „Rettung der Seelen“ und im gleichen Sinn der Hinweis auf Buße und Bekehrung.“

In einem Interview am 5. September 2003 spricht Kardinal Ratzinger plötzlich doch wieder von der Zukunft. Er sagt: „Wir können nicht ausschliessen – ich würde sogar sagen, wir müssen damit rechnen, dass wir sogar in späteren Zeiten ähnliche Krisen in der Kirche und vielleicht auch ähnliche Angriffe auf einen Papst haben werden.“ (Interview HIER).

Und gestern, am 13. Mai 2010, sprach unser Papst am Erscheinungsort selbst folgende Worte: „Wer glaubt, dass die prophetische Mission Fatimas beendet sei, der irrt sich.“

Kommentar: Merkwürdig, dass Kardinal Ratzinger 1984 den Bezug zum Papstattentat nicht erwähnt hat. Den Eindruck, den er in dem Interview vom dritten Teil des Geheimnisses vermittelt, steht in Kontrast zum später veröffentlichten Text. Damals war keine Rede davon, dass sich das Geheimnis um bereits vergangene Dinge dreht. Klang nicht vielmehr durch, dass der Inhalt aufrüttelnd und brandaktuell sein muss, wenn man von einer Veröffentlichung abgesehen habe, um Sensationsgier nicht zu schüren, sprich: keinen Aufruhr auszulösen? Was ist aus den „Gefahren für die Christen und die Welt“ geworden und der „Wichtigkeit der Letzten Dinge“, von denen  Kardinal Ratzinger damals gesprochen hat?

Ist der 2000 veröffentlichte Text ein anderer, als das tatsächliche Geheimnis?

Verschiedene Stimmen aus dem Umfeld von Schwester Lucia bekräftigen die Vermutung, dass das dritte Geheimnis von einer großen Apostasie spricht, die die Kirche in vielen Ländern erschüttern wird. Es würde somit nahtlos an eine Aussage Schwester Lucias anknüpfen, worin es heißt, dass jedoch in Portugal das Dogma des Glaubens stets erhalten bliebe.

Dieser Glaubensabfall ist nun voll da, zu beobachten in allen Instanzen von Gesellschaft  und katholischer Kirche.

Angesichts dessen bleibt zu hoffen, dass jene, die über den wahren Inhalt des dritten Geheimnis unterrichtet sind, allen voran Papst Benedikt, in diesen bewegten Zeiten vom Geist der Wahrheit gedrängt werden, die Wahrheit über Fatima, und gleichzeitig die Wahrheit über den Zustand der Kirche und der Welt endlich ans Licht zu bringen.


Anmerkung: Auch wenn häufig von „Drei Geheimnissen“ oder dem „Dritten Geheimnis“ von Fatima zu lesen ist, gab es korrekt immer nur ein einziges „Geheimnis“, welches sich aber in drei Teile gliedern lässt.

Weiterlesen:

Teil I: Höllenvision und der Botschaft erster und zweiter Teil

Teil III: Was geschah mit Schwester Lucia?

Teil IV: Die Weihe Russlands ist noch immer nicht erfolgt

Das Sonnenwunder von Fatima

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