„Martha, Martha, du machst dir Sorge und Unruhe um vieles“

18/07/2010

(zum Sonntagsevangelium vom 18. Juli 2010: Lk 10,38-40)

Ich begreife sofort, daß es wieder um die Person der Magdalena geht, denn ich sehe sie als erste, in einem einfachen Gewand von einem Rosalila, das mich an eine Malvenblüte erinnert. Sie trägt keinen kostbaren Schmuck, ihr Haar ist in einfachen Zöpfen im Nacken zusammengesteckt. Sie scheint viel jünger als früher, da sie noch ein Meisterwerk der Schönheitspflege war. Sie hat nicht mehr den herrischen Blick aus jener Zeit, als sie die „Sünderin“ war, und auch nicht den niedergeschlagenen Blick von damals, als sie das Gleichnis vom verlorenen Schäflein hörte. Sie hat nicht mehr den beschämten, tränenfeuchten Blick, wie damals im Saal des Pharisäers… Jetzt ist ihr Auge ruhig und wieder klar wie das eines Kindes, und ein friedliches Lächeln strahlt von ihm aus.

Hl. Maria Magdalena

Sie hat sich an der Grenze des Besitztums von Bethanien an einen Baum gelehnt und schaut zur Straße hin. Sie wartet. Dann stößt sie einen Freudenschrei aus. Sie wendet sich zum Hause und ruft laut, um gehört zu werden; sie ruft mit ihrer herrlichen, samtenen, leidenschaftlichen, unverwechselbaren Stimme: „Er kommt!… Martha, sie haben Recht gehabt. Der Rabbi ist hier!“ und sie beeilt sich, das schwere quietschende Tor zu öffnen. Sie läßt den Dienern keine Zeit, es zu tun, und wie ein Kind zur Mutter eilt, läuft sie mit ausgestreckten Armen auf die Straße hinaus. In liebevoller Freude ruft sie: „O mein Rabbomi!“ und wirft sich zu Jesu Füßen nieder, die sie trotz des Staubs des Weges küßt.

„Der Friede sei mit dir, Maria. Ich komme, um mich unter deinem Dach auszuruhen.“

„O mein Meister!“ wiederholt Maria, indem sie ihr von Ehrfurcht und Liebe erfülltes Antlitz erhebt, in dem so vieles geschrieben steht: Segenswünsche, Freude, die Einladung, einzutreten, und der Jubel, weil er einkehrt…

Jesus hat ihr die Hand aufs Haupt gelegt und es ist, als ob er ihr noch einmal die Absolution erteilen würde. Maria erhebt sich und kehrt an der Seite Jesu auf ihren Besitz zurück. Inzwischen sind einige Diener und Martha herbeigeeilt. Die Diener mit Krügen und Schüsseln, Martha nur mit ihrer Liebe, aber diese ist groß.

Die erhitzten Apostel trinken kühle Getränke, die ihnen von den Dienern eingeschenkt werden. Sie möchten sie zuerst Jesus reichen, aber Martha ist ihnen schon zuvorgekommen. Sie hat einen Becher voll Milch genommen und ihn Jesus angeboten. Sie muß wohl wissen, daß Jesus Milch sehr gern hat.

Nachdem die Jünger sich erfrischt haben, sagt Jesus zu ihnen: „Geht und benachrichtigt die Gläubigen. Ich werde heute abend zu ihnen sprechen.“

Kaum haben sie den Garten verlassen, zerstreuen sich die Apostel in verschiedene Richtungen.

Jesus geht mit Martha und Maria weiter.

„Komm, Meister!“ sagt Martha. „Bis Lazarus kommt, kannst du dich ausruhen und stärken.“

Während sie einen kühlen Raum hinter der schattigen Vorhalle betreten, kommt Maria zurück, die sich eiligen Schrittes entfernt hatte. Sie kommt mit einem Krug Wasser, gefolgt von einem Diener, der ein Waschbecken trägt. Aber Maria will Jesus die Füße waschen. Sie löst ihm die staubigen Sandalen und gibt sie dem Diener, damit er sie reinige, zusammen mit dem Mantel, der ebenfalls vom Staub befreit werden soll. Dann taucht sie seine Füße ins Wasser, das durch eine aromatische Zugabe leicht rosa gefärbt ist, trocknet sie ab und küßt sie. Daraufhin wechselt sie das Wasser und bietet Jesus reines für seine Hände an. Während sie auf den Diener mit seinen Sandalen wartet, kauert sie sich zu den Füßen Jesu auf den Teppich nieder, streichelt sie, und bevor sie die Sandalen anlegt, küßt sie die Füße noch einmal und sagt: „Heilige Füße, die ihr so viel gewandert seid, um mich zu suchen!“

Martha, die praktischer veranlagt ist, geht zum menschlich Nützlichen über und fragt: „Meister, wer wird außer deinen Jüngern noch kommen?“

Jesus sagt: „Ich weiß es noch nicht genau. Aber du könntest noch für fünf weitere Vorbereitungen treffen.“

Jesus geht in den kühlen, schattigen Garten. Er trägt nur sein dunkelblaues Gewand. Der Mantel, sorgfältig von Maria zusammengefaltet, bleibt auf einer Truhe im Zimmer liegen. Maria begleitet Jesus. Sie gehen auf gepflegten Wegen zwischen blühenden Beeten bis zum Fischteich, der einem ins Grüne gefallenen Spiegel gleicht.

Die klare Reglosigkeit des Wassers wird nur hie und da durch das silberne Aufschnellen eines Fisches und durch den Regen des feinen, hohen Wasserstrahls in der Mitte unterbrochen. Bei dem großen Becken, das einem kleinen See gleicht, von dem kleine Bewässerungskanäle ausgehen, stehen Sitzbänke. Ich glaube, daß einer der Kanäle den Fischteich speist und die anderen, kleineren, die von ihm abzweigen, zur Bewässerung dienen.

Jesus setzt sich auf eine Bank neben dem Becken, und Maria setzt sich zu seinen Füßen auf den grünen, wohlgepflegten Rasen. Anfangs sprechen sie nicht. Jesus genießt sichtlich die Stille und Ruhe in der Kühle des Gartens. Maria erfreut sich an seinem Anblick.

Jesus spielt mit dem klaren Wasser des Beckens. Er taucht seine Finger hinein, kämmt es, so daß sich viele kleine Kielwasser bilden, und taucht dann die ganze Hand in die reine Frische.

„Wie schön ist dieses klare Wasser!“ sagt er.

Und Maria: „Gefällt es dir so sehr, Meister?“

„Ja, Maria. Weil es so klar ist. Schau, es ist keine Spur von Schlamm zu sehen. Es ist Wasser, aber es ist so rein, daß es fast scheint, als wäre es nicht ein Element, sondern nur Geist, auf dessen Grund man die Worte lesen kann, die sich die Fischlein sagen…“

„Wie man in der Tiefe der reinen Seele lesen kann. Nicht wahr, Meister?“ und Maria seufzt mit einem geheimen Bedauern.

Jesus bemerkt den zurückgehaltenen, mit einem Lächeln verschleierten Seufzer und heilt sofort das Leid Marias.


„Die reinen Seelen, wo gibt es die, Maria? Eher wird sich ein Berg in Bewegung setzen, als daß ein Geschöpf die dreifache Reinheit zu erlangen vermag. Viele, allzu viele Dinge umgeben einen Erwachsenen und gären. Es läßt sich nicht immer verhindern, daß sie ins Innere eindringen. Nur Kinder haben eine engelgleiche Seele, eine Seele, die in ihrer Unschuld vor Erkenntnissen bewahrt bleibt, die sich in Schlamm verwandeln können. Daher liebe ich sie so sehr. Ich sehe in ihnen einen Widerschein der unendlichen Reinheit. Sie sind die einzigen, die diese Erinnerung an den Himmel mit sich tragen.

Meine Mutter ist die Frau mit der Seele eines Kindes. Mehr noch. Sie ist die Frau mit der Seele eines Engels, so wie Eva war, als sie aus der Hand des Vaters hervorging. Kannst du dir vorstellen, Maria, wie diese erste blühende Lilie im irdischen Garten war? So schön auch diese hier sein mögen, an denen das Wasser vorbeifließt, die erste, die aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen ist, war sie Blume oder Diamant? Waren es Blütenblätter oder Blätter aus reinem Silber? Und doch ist meine Mutter noch reiner als jene erste Lilie, die ihren Duft in den Winden verströmte. Ihr Duft der unversehrten Jungfrau erfüllt Himmel und Erde, und ihm werden von Jahrhundert zu Jahrhundert die Guten folgen.

Das Paradies ist Licht, Duft und Harmonie. Aber wenn der Vater sich nicht der Wunderbaren erfreuen könnte, die aus der Erde ein Paradies macht, und wenn das Paradies in Zukunft nicht diese lebendige Lilie hätte, in deren Schoß die drei Blütenstengel des Feuers der göttlichen Dreifaltigkeit, Licht, Duft und Harmonie, sind, so wäre die Glückseligkeit des Paradieses um die Hälfte vermindert. Die Reinheit der Mutter wird der Edelstein des Paradieses sein. Aber das Paradies ist unendlich! Was würdest du von einem König sagen, der nur eine Perle in seinem Schatz hat? Auch wenn es die allerschönste wäre?

Wenn ich die Pforten des Himmelreiches geöffnet habe – seufze nicht, Maria, denn dazu bin ich gekommen – dann werden viele Seelen von Gerechten und von Kindern hineingehen. Eine Schar der Reinheit folgt dem Purpur des Erlösers nach. Aber es werden immer noch zu wenige sein, um den Himmel mit Perlen zu schmücken und die Bürgerschaft des Ewigen Jerusalem zu bilden. Doch später… wenn die Lehre der Wahrheit und Heiligung bei den Menschen bekannt sein wird, später, wenn mein Tod den Menschen die Gnade wieder geschenkt haben wird, wie würden die Erwachsenen wohl den Himmel erwerben können, wenn das arme Menschenleben immer nur Schlamm wäre, der unrein macht? Wird mein Paradies also nur den Kindern gehören? O nein! Wie die Kinder müssen sie werden, dann steht auch den Erwachsenen das Reich offen.

Wie die Kinder… So ist die Reinheit. Siehst du dieses Wasser? Es scheint ganz klar zu sein. Aber beobachte: es genügt, daß ich mit diesem Zweig den Grund aufwühle, und schon trübt es sich. Abfälle und Schlamm kommen an die Oberfläche. Das kristallklare Wasser wird gelblich, und niemand würde mehr davon trinken.

Aber wenn ich den Zweig herausziehe, kehrt der Friede zurück und das Wasser wird langsam wieder klar und schön. Der Zweig ist die Sünde. So ist es bei den Seelen. Die Reue, glaube mir, ist das, was reinigt…“

Martha kommt bekümmert hinzu: „Bist du immer noch hier, Maria? Und ich mühe mich so sehr ab!… Die Zeit vergeht… Bald werden die Geladenen kommen, und es ist noch so vieles zu tun. Die Dienerinnen sind beim Brotbacken, die Diener bereiten und kochen das Fleisch. Ich sorge für die Gedecke, die Tische und die Getränke. Aber es sind noch Früchte zu pflücken und Pfefferminz- und Honigwasser herzurichten…“

Maria hört sich die Klagen ihrer Schwester mehr oder weniger an. Mit einem seligen Lächeln schaut sie unentwegt auf Jesus, ohne sich zu bewegen.

Martha wendet sich an Jesus: „Meister, schau, wie erhitzt ich bin. Scheint es dir recht, daß ich mich allein für die Bewirtung abmühe? Sag ihr doch, sie soll mir helfen.“ Martha ist wirklich aufgeregt.

Jesus schaut sie mit einem halb milden, halb wissenden, oder vielmehr scherzhaften Lächeln an.


Martha wird etwas ungeduldig: „Ich sage es im Ernst, Meister. Schau nur, wie faul sie ist, während ich arbeite, und sie sieht doch, daß…“

Jesus wird ernster: „Das ist nicht Müßiggang, Martha. Es ist Liebe. Müßiggang war es einmal, und du hast über diesen unwürdigen Müßiggang so viel geweint. Deine Tränen haben meinen Bemühungen, sie mir zu retten und sie deiner ehrlichen Liebe wiederzugeben, Flügel verliehen. Willst du ihr nun ihre Liebe zu ihrem Erlöser streitig machen? Möchtest du sie lieber fern von hier sehen, damit sie dich nicht arbeiten sieht, aber auch fern von mir?

Martha, Martha! Muß ich nun sagen, daß sie (Jesus legt ihr die Hand aufs Haupt), die von so weit her gekommen ist, dich in der Liebe übertroffen hat? Muß ich nun sagen, daß sie, die nicht ein einziges gutes Wort zu sagen wußte, nun eine Gelehrte in der Wissenschaft der Liebe ist? Laß sie doch in ihrem Frieden! Sie war so krank, und nun ist sie eine Genesende, die gesundet, indem sie Getränke trinkt, die sie kräftigen. Sie war so sehr gequält… Und nun, aus dem Alptraum erwacht, schaut sie um sich und in sich und entdeckt sich neu und entdeckt eine neue Welt. Lasse sie sich darin sicher fühlen. Mit diesem ihrem „neuen“ Leben muß sie die Vergangenheit vergessen und sich das ewige erwerben… Dieses wird nicht allein durch Arbeit erworben, sondern auch durch Anbetung. Wer dem Apostel und dem Propheten ein Brot gereicht hat, wird dafür belohnt werden, aber doppelt belohnt werden jene, die sogar vergessen haben, Speise zu sich zu nehmen, um mich zu lieben; denn mehr als das Fleisch wird dann der Geist gekostet haben, dessen Stimme stärker war als die selbst der berechtigten menschlichen Bedürfnisse.

Du machst dir Sorge und Unruhe um vieles, Martha. Diese hier hat nur eine Sorge, die jedoch genügt für ihren Geist, und vor allem für ihren und deinen Herrn. Laß die unnützen Dinge beiseite. Ahme deine Schwester nach. Maria hat den besseren Teil gewählt, und er wird ihr nicht genommen werden. Wenn alle anderen Tugenden verblaßt sind, weil sie für die Bürger des Reiches entbehrlich sein werden, wird als einzige Tugend die Liebe bleiben. Sie wird als ewig Einzige bestehen und herrschen. Maria hat diese zu ihrem Schild und Wanderstab erwählt und mit ihr wird sie wie auf Engelsflügeln in meinen Himmel gelangen.“

Martha senkt beschämt den Kopf und geht weg.

„Meine Schwester liebt dich sehr, und sie müht sich ab, um dir Ehre zu erweisen“, sagt Maria, um Martha zu entschuldigen.

„Ich weiß es, und es wird ihr vergolten werden… Aber sie bedarf der Läuterung in ihrem menschlichen Denken, so wie dieses Wasser jetzt rein geworden ist. Schau, wie klar es wieder geworden ist, während wir gesprochen haben. Martha wird sich durch die Worte, die ich zu ihr gesagt habe, reinigen. Du… du durch die Aufrichtigkeit deiner Reue…“

„Nein, durch deine Vergebung, Meister. Meine Reue hätte nicht genügt, um meine große Sünde abzuwaschen…“

„Sie genügt, und sie wird deinen Schwestern genügen, die es dir nachtun werden, all den armen Kranken im Geiste. Die aufrichtige Reue ist ein Filter, der reinigt; die Liebe ist dann das Mittel, das vor jeglicher neuen Befleckung bewahrt. Dadurch können jene, die das Leben zu Erwachsenen und Sündern gemacht hat, wieder unschuldige Kinder werden und wie sie in mein Reich eintreten. Wir wollen jetzt zum Haus gehen, damit Martha nicht zu lange in ihrem Schmerz verweilt. Bringen wir ihr unser Lächeln eines Freundes und einer Schwester.“

Auszug aus “Der Gottmensch“, Bd. VII von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch

Maria Magdalena bittet Jesus um die unendliche Liebe

Novene zur heiligen Martha


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3 Antworten to “„Martha, Martha, du machst dir Sorge und Unruhe um vieles“”

  1. Felix Says:

    Danke für den schönen Eintrag.
    Ich würde gerne wissen, aus welchem Gemälde der Ausschnitt von Maria Magdalenas Gesicht stammt.
    Vielen Dank im Voraus,


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