„Es genügt nicht, das Böse nicht zu tun; man darf auch nicht begehren, es zu tun“ (1)

27/07/2010

Der Traum der Valtorta

Es war im fortgeschrittenen Frühling des Jahres 1916 – auch nach so vielen Jahren erinnere ich mich noch genau an das Datum –, es war in der Nacht vom 17. zum 18. Juni (Maria Valtorta war damals 19 Jahre alt, Anm. d. Red.). Ich machte eine furchtbare Zeit der Verzweiflung und Begierde durch… Von allen Frömmigkeitsübungen hatte ich, glaube ich, einzig die Kommunion am ersten Freitag des Monats beibehalten. Meine Seele war vergiftet und rebellisch. Stellen Sie sich vor, ob ich da noch Gott im Sinn haben konnte. Nein, was mich betrifft, war keinerlei Vorbereitung auf diesen Traum da. Ich war vielmehr am anderen Ufer, weit entfernt von Gott.

Maria Valtorta mit 15 Jahren

Maria Valtorta fünfzehnjährig (mit Genehmigung des Centro Editoriale Valtortiano)

Im Traum sah ich eine schöne Landschaft. Über die grünen Wiesen strich ein milder leichter Wind, so daß die winzigen Grashalme wogten und die vielfarbigen Blumen einander küßten. Da und dort standen einige Bäume, die wie Riesen wirkten, die miteinander redeten. Ein bläulicher Fluß mit niederen Ufern und ruhigen Wassern teilte die schöne Landschaft in zwei Teile. In der Ferne verloren sich die Hügel… Ich bin mir heute wie damals sicher, daß ich während meiner vielen Reisen durch ganz Italien nie einen solchen Ort gesehen habe. Ich lief über das smaragdgrüne Gras und bückte mich, um Blumen zu pflücken.

Plötzlich sah ich an meiner Seite einen jungen Mann. Er war wunderschön, groß, von dunklem Teint, mit gekräuseltem Haar, sehr dunklen Augen, die wie Sterne strahlten, und einem vollen, lächelnden Mund. Er war mit einer Tunika bekleidet, die bis zum Boden reichte, und schien mir ein Orientale zu sein, so zwischen Beduine und antikem Römer. Er kam immer näher zu mir heran und erkundigte sich höflich, was ich täte. Schließlich begann auch er, Blumen für mich zu pflücken. So schöne hatte ich noch nie gesehen, denn kaum berührte er etwas, so wurde es wunderschön. Es machte mir Freude, mit ihm zu sprechen und ihn in meiner Nähe zu haben. Er war so schön und freundlich!… Er war geradezu verführerisch, und ich war glücklich, ihm begegnet zu sein.

Doch – doch da tauchten im Hintergrund, fast am Horizont, auf der anderen Seite des Flusses, drei Personen auf. Auch sie trugen ein locker herabfallendes Gewand und einen Mantel. Sie schritten rasch und doch mit großer Würde auf uns zu. Ich betrachtete sie wie bezaubert, denn es ging etwas Geheimnisvolles von ihnen aus, das zunahm, je mehr sie sich uns näherten.


Der schöne junge Mann an meiner Seite sagte mir: „Nicht hinschauen, komm weg!“ und legte mir eine Hand auf die Schulter, um seinen Willen durchzusetzen. Ich erhob den Kopf, um ihn anzuschauen, denn er war viel größer als ich, und ich war verblüfft über die Veränderung seiner Gesichtszüge. Ein aus Angst und Zorn gemischter Ausdruck hatte sich auf seinem Gesicht ausgebreitet und es entstellt. Ich erschrak fast und antwortete, indem ich versuchte, mich aus seinem Griff zu befreien: „Laß mich sehen, dann komme ich mit.“ Aber der Jüngling, der immer unruhiger wurde, wiederholte: „Komm weg, komm weg. Diese drei sind dir feindlich gesinnt und wollen dir Böses tun.“ Ich erwiderte: „Das ist nicht möglich! Sie haben zu gute Gesichter.“

Nun konnte man bereits die Gesichtszüge der drei unterscheiden. Einer war ein älterer Mann mit einem strengen Gesicht, eher aus dem Volk. Er trug einen mehr grau als schwarzen Bart, der ihm Wangen und Kinn bedeckte und nur die kräftigen Backenknochen freiließ, die von einigen leichten Falten gefurcht waren.

Die Haare waren ziemlich kurz geschnitten, aber nicht so, wie sie die Männer jetzt tragen, ein Mittelding zwischen längerem und zeitgenössischem Schnitt. Seine sehr lebhaften und strengen Augen wanderten immer von mir zu seinem Gefährten in der Mitte, mit dem er sich angeregt unterhielt. Der andere war ein Jüngling im Alter von ungefähr zwanzig, höchstens fünfundzwanzig Jahren. Während der erste ein graues Gewand und einen tabakbraunen Mantel anhatte, trug der zweite ein rotes Gewand mit einem etwas dunkleren Mantel derselben Farbe. Letzterer war ziemlich groß und schlank, hatte ein sehr schönes, bartloses Gesicht mit einem frischen, rosigen Teint, sehr sanfte, gütige, hellblaue Augen und fahlblondes Haar, das bis zum Hals reichte und leicht gewellt war. Auch er sprach mit dem in der Mitte, aber mit großer Gelassenheit, und betrachtete mich voller Mitleid.

(weiter zu Teil 2)

Auszug aus der Autobiographie von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz:book@parvis.ch, www.parvis.ch

 

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