Hl. Rafael Arnaiz Baron (2)

09/09/2010

Hl. Rafael Arnaiz BaronAm 11. Oktober 2009 wurde der spanische Trappist Rafael Arnaiz Baron (1911-1938) heilig gesprochen. Dieser mit 27 Jahren in der Abtei San Isidro de Duenas verstorbene Mystiker beeindruckt durch seine tiefe Spiritualität und sein einfaches und frohgemutes Wesen, mit dem er vertrauensvoll sein Kreuz auf sich nahm. Dank der freundlichen Genehmigung  der Herausgeberin und des Bernardus-Verlags, bei dem die Gesamtausgabe der Schriften des Heiligen bestellt werden können („Nur Gast auf Erden?“),  veröffentlichen wir hier Auszüge aus denselben.

Den folgenden Brief schrieb er, während er sich bei seinem Onkel und seiner Tante in Avila aufhielt. Er wusste bereits, dass er sein Architekturstudium nicht fortsetzen, sondern nach Weihnachten in die Zisterzienserabtei (‚Trapa‘) San Isidro de Dueñas eintreten wird:


An seine Großmutter Fernanda von Avila aus

10. Dezember 1933 – 2. Adventssonntag – im Alter von 22 Jahren.

Liebste Oma! Heute hat mir Onkel Polìn Deinen Brief zum Lesen gegeben, und daraus ersehe ich, dass Du tatsächlich richtig gedeutet hast. Ich hatte nicht die Absicht, es Dir mitzuteilen, und das aus einem ganz einfachen Grund: meine Eltern wissen noch nichts. Ich habe seit vierzehn Tagen die Aufnahme in die ‚Trapa‘. Du verstehst sicher, dass ich an nichts anderes denke als an die große Gnade, die Gott mir gewährt hat, und ich höre nicht auf, dafür zu danken. Als ich das erste Mal nach Avila fuhr, kam ich nach dort, um es Onkel Polìn zu sagen. Ich war in Venta de Baños [am 24.11], stehe in Briefkontakt mit dem P. Magister, und morgen, Montag, fahre ich zu einer Besprechung in die Abtei und anschließend nach Oviedo, um es meinen Eltern zu sagen, die die Ersten sein sollen, die es erfahren. Ich möchte ihnen die Nachricht persönlich geben. Das ist meine Pflicht und eine Aufmerksamkeit, die sie verdient haben. So seid Ihr die einzigen Verwandten, die es wissen: Tante Marìa [Marìa Josefa] und Du, sowie mein geliebter Onkel Polìn und meine liebe Tante Marìa. Ich bitte Dich also um absolute Verschwiegenheit, die nicht lange dauern wird, denn möglicherweise erfahren es meine Eltern nächste Woche, weil ich wahrscheinlich Mittwoch in Oviedo bin.

Ich weiß schon, dass Du nicht überrascht bist über die Nachricht, und hoffe, dass es meine Eltern auch nicht sein werden. Seit Jahren trage ich mich mit dem Gedanken, und seit Jahren ruft mich Gott auf zarte und ruhige Weise. Daher brauche ich nur eines zu tun: dem Ruf folgen. Die Sache ist recht einfach: hineilen… Dazu muss ich selbstverständlich viele Dinge überwinden und zerstören, aber dieses Zerstören dauert nur einen Augenblick. Später, wenn sich die Wunden schließen und Gott von uns Besitz ergreift, wird diese Zuneigung, auf die wir im ersten Moment zu verzichten meinen, größer und reiner, und sie wird in Gott geläutert. Dann ähneln sich die Menschen mehr – die einen in der Welt und die andern im Chor einer Abtei -, und sie lieben sich mehr, weil die wahre Liebe die in Christus begründete ist, und sie stützt sich auf die christliche Nächstenliebe.

Glaubt nur nicht, dass ich mich entferne; im Gegenteil: ich komme Gott näher, und wenn ich mit meinen Gebeten und Opfern erreiche, dass sich Ihm andere Menschen nähern, was mehr könnte ich erbitten und was mehr könnte ich mir wünschen? Ich verzichte also nicht auf die Zuneigung meiner Lieben, die sehr schön und sehr menschlich ist; ich möchte sie vielmehr umwandeln in etwas Erhabenes und Göttliches.

Liebe Oma, ich bitte Dich inständig darum, dass Du Gott um Kraft für meine Eltern bittest und mehr noch als um Kraft, um Verständnis. Und was mich betrifft, dass Gott mich erleuchte und mir seine Gaben schenke für das Unterfangen, das in den Augen der Menschen heroisch aussieht und das in Wirklichkeit nichts weiter ist, als dass ich versuche, auf eine bestimmte Art auf die zahlreichen Wohltaten des Herrn zu antworten, die Er mir erwiesen hat.

Und sag bitte nie, dass ich es Dir gesagt habe, bevor es meine Eltern erfuhren. Die Sache ist nun einmal so gelaufen – gelobt sei Gott! -, aber es war nicht meine Absicht.

Lobe Gott, liebe Oma, lob Ihn in jedem Augenblick, auch wenn Dich der Schmerz gefangenhält, wenn das Herz zerbricht und sogar die Trostlosigkeit Besitz von Dir ergreifen möchte! Lob Gott immerzu! Es gibt kein Gebet, dass Gott wohlgefälliger wäre, und auch kein Gebet, dass uns Ihm näherbringen könnte. Das wird – sehr bald – mein Leben ausmachen: ein Leben, das sich im Chor, bei der Arbeit und im Schweigen abspielen und sich auf eine einzige Sache beschränken wird: Gott in jedem Augenblick zu loben.

Vieles kommt mir in den Sinn, vieles könnte ich Dir sagen, aber wenn die Liebe echt und tief ist, kann man es schlecht in Worten ausdrücken. Sei also zufrieden mit meinem Schweigen, das Du vielleicht besser verstehst! Letztendlich ist es ein Vorgeschmack meines monastischen Schweigens.

Mein Brief ist auch kein Abschiedsbrief. Christen verabschieden sich nicht. Gott ist ihr Ziel, und bei Ihm werden wir uns alle wiedersehen für eine ganze Ewigkeit. Was bedeuten dem gegenüber ein paar Jahre? Nichts, absolut nichts! Sie kommen uns lang vor, weil wir ungeduldig sind im Hinblick auf die Ankunft an unserm Ziel, und sie sind kurz, weil Gott uns hilft, so dass sie rasch vorübergehen. Wir müssen sie nur gut nützen, denn sie sind kurz, um Gutes und lang, um Böses zu tun.

Umarme Tante Marìa ganz fest und lieb von mir. sie weiß schon, dass die Liebe echt ist, die ich zu ihr habe. Und Dir, liebe Oma, was soll ich Dir sagen? Was ich Dir schicke, weißt Du schon. Ich erhoffe von Dir nur den Segen für Deinen ältesten Enkel

Rafael

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