Die Heilung der zehn Aussätzigen

10/10/2010
zum Sonntagsevangelium vom 10. Oktober 2010: Lukas 17,11-19

Judas Iskariot schaut ihn an und würde vielleicht etwas sagen; aber er wird abgelenkt durch einen Schrei, der von einem Hügel herkommt, der die Ortschaft beherrscht, an der sie entlanggehen und einen Weg hinein suchen.

„Jesus! Rabbi! Jesus, Sohn Davids und unser Herr, habe Erbarmen mit uns!“

„Aussätzige! Gehen wir Meister, sonst wird das ganze Dorf herbeilaufen und uns in den Häusern aufhalten“, sagen die Apostel.

Aber die Aussätzigen haben den Vorteil, daß sie ihnen voraus sind, hoch über der Straße, wenn auch wenigstens fünfhundert Meter vom Dorf entfernt; und sie kommen hinkend herunter und laufen auf Jesus zu, wobei sie ihre Rufe wiederholen.

„Gehen wir ins Dorf, Meister, dorthin dürfen sie nicht kommen“, sagen einige Apostel; aber andere entgegnen: „Einige Frauen schauen schon aus den Häusern. Wenn wir ins Dorf gehen, entkommen wir den Aussätzigen, aber wir werden auch erkannt und aufgehalten.“

Während sie im Ungewissen sind, was sie tun sollen, nähern sich die Aussätzigen Jesus immer mehr, der allem Wenn und Aber zum Trotz seinen Weg fortgesetzt hat. Die Apostel müssen sich fügen und ihm folgen, während Frauen mit Kindern an ihrer Brust und einige alte Männer, die im Dorf zurückgeblieben sind, herbeieilen, um zu sehen, aber in entsprechender Entfernung von den Aussätzigen. Diese bleiben einige Meter vor Jesus stehen und flehen wieder: „Jesus, hab Erbarmen mit uns!“

James Tissot: Die Heilung der zehn Aussätzigen

Jesus betrachtet sie einen Augenblick. Dann fragt er, ohne auf die Leidensgruppe zuzugehen: „Seid ihr aus diesem Dorf?“

„Nein, Meister, wir kommen aus verschiedenen Orten. Aber von der anderen Seite dieses Berges, auf dem wir leben, kann man die Straße nach Jericho überblicken, und der Ort ist gut für uns…“

„Dann geht in das Dorf, das eurem Berg am nächsten liegt, und zeigt euch den Priestern.“

Jesus setzt seinen Weg fort, geht dabei aber am Rand der Straße, um nicht mit den Aussätzigen in Berührung zu kommen, die ihn näherkommen sehen und deren ganze und einzige Hoffnung im Blick ihrer armen Augen liegt. Als Jesus auf gleicher Höhe mit ihnen ist, erhebt er die Hand zum Segen.

Die Dorfbewohner kehren enttäuscht in ihre Häuser zurück… Die Aussätzigen steigen wieder auf ihren Berg, um in ihre Höhlen oder an die Straße nach Jericho zu gehen.

„Es war gut, daß du sie nicht geheilt hast. Die Leute dieses Dorfes hätten uns nicht mehr losgelassen…“

„Ja, und wir müssen noch vor Einbruch der Nacht Ephraim erreichen.“

Jesus geht weiter und schweigt. Das Dorf ist nun vor ihren Blicken verborgen, da die Straße in Kurven und starken Windungen der Form des Berges folgt, an dessen Fuß sie verläuft.

Da erreicht sie eine Stimme: „Lob sei Gott, dem Allerhöchsten, und seinem wahren Messias! In ihm ist alle Macht, Weisheit und Barmherzigkeit! Lob sei Gott, dem Allerhöchsten, der uns in ihm den Frieden geschenkt hat. Lobt ihn alle, ihr Menschen von Judäa und Samaria, von Galiläa und Transjordanien. Bis zu den Firnen des höchsten Hermon, bis zu den verbrannten Steinwüsten Idumäas, bis zu den Wellen des großen Ozean bespülten Gestaden erklinge das Lob des Allerhöchsten und seines Christus. Seht, nun ist die Prophezeiung des Bileam in Erfüllung gegangen. Der Stern Jakobs erstrahlt am neuen Himmel des vom wahren Hirten geeinten Vaterlandes. Nun haben sich die den Patriarchen gegebenen Versprechen erfüllt. Dies, dies ist das Wort des Elias, der uns liebte. Hört es, o ihr Völker von Palästina, und versteht es!

Jetzt darf man kein schwankendes Rohr mehr sein, jetzt muß man im Licht des Geistes wählen, und wenn der Geist redlich ist, wird er richtig wählen. Dies ist der Herr! Folgt ihm. Ach, denn wir sind bisher bestraft worden, da wir uns nicht bemühten zu verstehen. Der Mann Gottes verfluchte den falschen Altar und prophezeite: „Siehe, dem Hause Davids wird ein Sohn geboren, Josia ist sein Name. Er wird auf dem Altar opfern und Menschengebeine verbrennen. Und der Altar wird bersten bis in die Eingeweide der Erde, und die Asche des Brandopfers wird zerstreut nach Mitternacht und nach Mittag, nach Osten und nach Westen, wo die Sonne untergeht.“ Handelt nicht wie der törichte Ahasja, der den Gott von Ekron befragen ließ, während doch der Allerhöchste in Israel weilte. Seid nicht geringer als die Eselin von Bileam, die in ihrem Gehorsam gegen den Geist des Lichtes das Leben verdiente, während der Prophet geschlagen wurde, da er nichts sah.Seht das Licht, das unter uns wandelt. Öffnet die Augen, o ihr Geistesblinden, und seht!“ Einer der Aussätzigen folgt ihnen in immer geringerer Entfernung auch auf der Hauptstraße, die sie nun erreicht haben, und weist die Pilger auf Jesus hin.

Verärgert drehen sich die Apostel zwei- oder dreimal zu dem Aussätzigen um, der nun vollständig geheilt ist, und gebieten ihm, zu schweigen. Schließlich drohen sie ihm beinahe.

Aber er, der so seine Stimme erhebt, damit alle sie hören, hält nur einen Augenblick inne und entgegnet: „Wollt ihr, daß ich die Großtaten nicht verherrliche, die Gott an mir vollbracht hat? Wollt ihr, daß ich ihn dafür nicht lobpreise?“

„Preise ihn in deinem Herzen und schweige“, antworten sie unruhig.

„Nein, ich kann nicht schweigen. Gott legt die Worte in meinen Mund.“

Dann beginnt er wieder laut zu rufen: „Volk der beiden Grenzdörfer, du Volk, das du zufällig vorübergehst, halte an und bete an den, der da herrschen wird im Namen des Herrn. Ich spottete einst über viele dieser Worte. Jetzt aber wiederhole ich sie, denn ich sehe ihre Erfüllung. Seht, alle Völker setzen sich in Bewegung und kommen frohlockend zum Herrn auf den Wegen des Meeres und der Wüste, über Hügel und Berge. Auch wir, das Volk, das in Finsternis wandelte, werden hingehen zum Licht, das aufgegangen, zum Leben, das entsprossen ist, aus dem Land des Todes. Wölfe, Leoparden und Löwen, die wir waren, werden wir im Geiste des Herrn wiedergeboren werden und uns lieben in ihm, im Schatten des aus Jesse entsprungenen Sprosses, der zur Zeder geworden ist, unter der er die Nationen versammelt von den vier Enden der Erde. Seht, es kommt der Tag, da die Eifersucht Ephraims ein Ende haben wird, denn es gibt nicht mehr Israel und Juda, sondern nur ein einziges Reich: das Reich des Gesalbten des Herrn. Seht, ich singe das Lob des Herrn, der mich gerettet und getröstet hat. Seht, ich sage: Lobt ihn und kommt, das Wasser aus den Quellen des Heils zu schöpfen. Hosanna! Hosanna den Großtaten Gottes! Hosanna dem Allerhöchsten, der seinen Geist im Gewand des Fleisches unter die Menschen gesandt hat, auf daß er ihr Erlöser werde!“

William Hole: Der dankbare Aussätzige

Er ist nicht zu erschöpfen. Das Volk mehr sich, drängelt und versperrt den Weg. Wer hinten war, eilt herbei; wer vorne war, kehrt nach hinten zurück. Die Bewohner einer kleinen Ortschaft, in deren Nähe sie nun sind, schließen sich den Vorübergehenden an.

„Aber bringe ihn doch zum Schweigen, Herr. Er ist ein Samariter, wie das Volk uns sagt. Er darf nicht von dir sprechen, wenn du nicht einmal erlaubst, daß wir vor dir hergehen und dich verkünden!“ sagen die Apostel voller Unruhe.

„Meine Freunde, ich wiederhole die Worte Moses an Josua, den Sohn Nuns, der sich beklagt hatte, weil Eldad und Medad im Feldlager prophezeiten; „Eiferst du für mich? Möchte doch Jahwe das ganze Volk zu Propheten machen! Daß doch der Herr allen seinen Geist mitteile!“ Doch ich werde auf ihn warten und ihn entlassen, um euch zufriedenzustellen.“

Jesus bleibt stehen, dreht sich um und ruft den geheilten Aussätzigen zu sich, der herbeieilt, sich vor Jesus niederwirft und den Staub küßt.

„Erhebe dich! Wo sind die anderen? Wart ihr nicht zehn? Haben die anderen neun nicht das Bedürfnis verspürt, dem Herrn zu danken? Was ist das? Unter zehn Aussätzigen, von denen nur einer Samariter ist, hat sich keiner gefunden als dieser Fremdling, der sich verpflichtet gefühlt hätte, zurückzukehren und Gott die Ehre zu erweisen, bevor er dem Leben und seiner Familie wiedergegeben wird? Und er wird „Samariter“ genannt. Sie sind also nicht mehr trunken, die Samariter, da sie sehen, ohne sich zu täuschen, und den Weg des Heiles einschlagen, ohne zu wanken? Spricht das Wort etwa eine fremde Sprache, da die Fremden sie verstehen, nicht aber das eigene Volk?“

Er läßt seine herrlichen Augen über die Menschen aus allen Orten Palästinas schweifen, die hier zugegen sind. Man kann das Strahlen dieser Augen nicht ertragen… Viele  neigen das Haupt, geben ihren Reittieren die Sporen oder entfernen sich zu Fuß.

Jesus aber richtet seine Augen auf den Samariter zu seinen Füßen, und sein Blick nimmt den Ausdruck wunderbarer Sanftmut an. Er erhebt die Hand, die locker an seiner Seite gehangen hat, macht eine Segensgeste und sagt: „Erhebe dich und geh. Dein Glaube hat in dir mehr gerettet als nur das Fleisch. Wandle fortan im Lichte Gottes. Geh!“

Der Mann küßt noch einmal den Staub und bittet, bevor er sich erhebt: „Einen Namen, o Herr! Gib mir einen neuen Namen, denn alles ist neu in mir, und für immer.“

„In welchem Land befinden wir uns?“

„Im Land Ephraim.“

„Ephraim sollst du von nun an heißen; denn zweimal hat das Leben dir das Leben gegeben. Nun geh.“

Der Mann erhebt sich und geht.

Auszug aus “Der Gottmensch“, Band VIII von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR),www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch


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