Gleichnis vom Richter und der Witwe

16/10/2010
zum Sonntagsevangelium vom 17. Oktober 2010: Lukas 18,1-8

Er schaut auf das Volk, das sich versammelt hat, an die hundert Menschen, und spricht: „Hört dieses Gleichnis, das euch den Wert des ausdauernden Gebetes erklären wird!

Ihr wißt, was das Deuteronomium über die Richter und Beamten sagt. Sie müssen gerecht und barmherzig sein und ohne Voreingenommenheit alle anhören, welche sich an sie wenden. Sie sollen deren Angelegenheiten so behandeln, als wären es ihre eigenen, keine Geschenke annehmen, nicht auf Drohungen achten, schuldig gewordene Freunde nicht begünstigen und solche, die mit den Freunden des Richters verfeindet sind, nicht benachteiligen. Und wenn auch die Worte des Gesetzes gerecht sind, so sind es doch die Menschen, die dem Gesetz nicht zu gehorchen wissen, nicht immer. Man sieht also, daß die menschliche Gerechtigkeit oft unvollkommen ist; denn selten sind die Richter, die sich nicht durch Bestechlichkeit beflecken, die barmherzig und geduldig sind sowohl mit den Reichen als auch mit den Armen, mit den Witwen und Waisen, wie auch mit denen, die dies nicht sind.

In einer Stadt lebte ein seines Amtes, das er nur durch mächtige Verwandte erlangt hatte, sehr unwürdiger Richter. Er war äußerst ungerecht in seinen Urteilen und immer geneigt, den Reichen und Mächtigen, den von Reichen und Mächtigen Empfohlenen, und auch denen, die ihn mit reichen Geschenken bestachen, recht zu geben. Er fürchtete Gott nicht und lachte über die Klagen der Armen und Schwachen, die keinen mächtigen Verteidiger hatten. Wenn er jemanden nicht anhören wollte, der so überzeugende Beweise gegen einen Reichen vorbrachte, daß er ihm in keiner Weise Unrecht geben konnte, ließ er ihn von sich jagen und drohte ihm mit Kerker. Die meisten ertrugen seine Gewaltakte stillschweigend, zogen sich geschlagen zurück und akzeptierten ihre Niederlage, noch bevor ihr Fall vor Gericht erörtert worden war.

In dieser Stadt lebte auch eine Witwe mit vielen Kindern, der ein reicher, einflußreicher Herr eine große Summe für Arbeiten, die ihr verstorbener Gatte für diesen Mächtigen ausgeführt hatte, schuldig geblieben war. Getrieben von Not und mütterlicher Liebe hatte sie sich bemüht, die Summe zu erhalten, die es ihr ermöglicht hätte, ihre Kinder zu ernähren und sie für den kommenden Winter mit Kleidung zu versehen. Aber all ihr Drängen und Flehen war erfolglos geblieben, und so wandte sie sich an den Richter.

Harold Copping: Die hartnäckige Witwe

Der Richter war ein Freund dieses Reichen, und letzterer hatte zu ihm gesagt: „Wenn du mir recht gibst, gehört ein Drittel der Summe dir.“ Daher war der Richter taub gegenüber den Worten der Witwe, die ihn bat: „Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher. Du siehst, wie sehr ich dieses Geldes bedarf. Alle können dir bestätigen, daß ich ein Anrecht auf diese Summe habe.“ Der Richter aber blieb taub und ließ sie von seinen Dienern fortjagen. Doch die Frau kehrte ein-, zwei-, zehnmal zurück, am Morgen, zur sechsten und neunten Stunde, am Abend, unermüdlich. Sie lief ihm nach auf der Straße und rief ihm zu: „Schaffe mir Recht. Meine Kinder haben Hunger und frieren, und ich habe kein Geld, um Mehl und Kleider zu kaufen.“

Sie war an der Schwelle seines Hauses, wenn er heimkehrte, um sich mit seinen Kindern zu Tisch zu setzen. Und der Schrei der Witwe: „Schaffe mir Recht, denn ich leide zusammen mit meinen Kindern Hunger und Kälte“, drang bis ins Haus, bis in den Speisesaal und in das Schlafgemach während der Nacht, durchdringend wie das Geschrei eines Wiedehopfs: „Erweise mir Gerechtigkeit, wenn du nicht willst, daß Gott dich bestrafe! Erweise mir Gerechtigkeit! Bedenke, daß die Witwen und Waisen Gott heilig sind, und wehe dem, der sie bedrückt. Erweise mir Gerechtigkeit, wenn du nicht eines Tages erleiden willst, was wir jetzt leiden. Hunger leiden und frieren, wie wir jetzt, wirst du im anderen Leben, wenn du nicht Gerechtigkeit walten läßt, du Elender!“

Der Richter fürchtete weder Gott noch den Nächsten. Doch er hatte es satt, von der Hartnäckigkeit der Witwe beständig verfolgt und zum Gegenstand des Spottes und auch des Tadels der ganzen Stadt zu werden. Daher sagte er eines Tages zu sich selbst: „Wenn ich auch weder Gott noch die Drohungen der Frau oder das Urteil der Mitbürger fürchte, so will ich doch all diesen Belästigungen ein Ende setzen und der Witwe Gehör schenken. Ich werde Gerechtigkeit walten lassen und den Reichen verpflichten zu zahlen, damit sie mich nicht mehr verfolgt und mich in Ruhe läßt.“ So rief er denn den reichen Freund zu sich und sagte ihm: „Mein Freund, es ist mir nicht länger möglich, dich zufriedenzustellen. Tue deine Pflicht und zahle, denn ich ertrage es nicht länger, deinetwegen belästigt zu werden.“ So mußte der Reiche die Summe zahlen, wie es die Gerechtigkeit wollte.

Das ist das Gleichnis. Nun ist es an euch, es anzuwenden.

Ihr habt die Worte eines Ungerechten gehört: „Um den vielen Belästigungen ein Ende zu setzen, will ich der Frau Gehör schenken.“ Er war ein Ungerechter! Sollte etwa Gott, der gütigste Vater, weniger gut sein als der schlechte Richter? Wird er nicht diesen seinen Kindern Gerechtigkeit erweisen, die ihn Tag und Nacht anrufen? Wird er sie so lange auf die Gnade warten lassen, bis ihr niedergeschlagenes Herz aufhört zu beten? Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich Gerechtigkeit widerfahren lassen, damit ihre Seele den Glauben nicht verliere. Man muß aber auch zu beten wissen und nicht gleich nach den ersten Gebeten ermüden, und man muß um Gutes zu bitten wissen. Auch muß man sich Gott anvertrauen und sagen: „Es möge jedoch geschehen, was deine Weisheit für uns als das Beste erachtet.“

Habt Vertrauen! Wißt zu beten im Vertrauen auf das Gebet und auf Gott, euren Vater, und er wird euch Gerechtigkeit erweisen gegenüber euren Bedrückern, mögen sie nun Menschen oder Dämonen, Krankheiten oder andere Unglücksfälle sein. Das beharrliche Gebet öffnet den Himmel, und das Vertrauen rettet die Seele, in welcher Weise auch immer das Gebet gehört und erhört wird. Laßt uns gehen!“

Er geht auf den Ausgang zu. Und als er beim Hinausgehen sein Haupt erhebt und sieht, wie wenige ihm folgen und wie viele ihm gleichgültig und feindselig von weitem nachschauen, ruft er traurig aus: „Wenn der Menschensohn wiederkehrt, wird er dann noch Glauben finden auf Erden?“ Und seufzend hüllt er sich enger in seinen Mantel und begibt sich mit langen Schritten zur Vorstadt Ophel.

Auszug aus “Der Gottmensch“, Band IX von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch


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