Maria von Nazareth spricht sich mit Joseph aus

18/12/2010
(zum Sonntags-Evangelium vom 19. Dezember 2010: Matthäus 1,18-24)

Nach 53 Tagen zeigt die Mutter sich wieder mit der folgenden Vision, die ich nach ihrer Anweisung in dieses Buch einfügen soll. Die Freude erneuert sich in mir. Denn Maria sehen heißt Freude besitzen.

Ich sehe also das Gärtlein von Nazareth. Maria spinnt im Schatten eines dicht belaubten Apfelbaums, der voll beladen ist mit Früchten, die sich zu röten beginnen und rosig und rund wie Kinderbäcklein sind.


Aber Maria ist es durchaus nicht rosig zumute. Die schöne Farbe, die ihre Wangen in Hebron belebte, ist verschwunden. Ihr Antlitz ist bleich wie Elfenbein. Nur die Lippen zeichnen einen Bogen von bleichem Korall. Unter den gesenkten Wimpern liegen zwei dunkle Schatten, und die Augenränder sind geschwollen wie bei jemandem, der geweint hat. Ich sehe ihre Augen nicht, denn ihr Haupt ist nach vorne geneigt. Ihre Aufmerksamkeit ist auf ihre Arbeit gerichtet und mehr noch auf betrübliche Gedanken, denn ich höre sie seufzen wie jemanden, der im Herzen schmerzlich leidet. Sie ist weiß gekleidet, in weißes Linnen; es ist sehr warm, obwohl die noch volle Frische der Blumen mir sagt, dass es Morgen sein muss. Ihr Haupt ist unbedeckt, die mit dem von einem leichten Wind bewegten Blätterwerk des Apfelbaumes spielt und wie mit Lichtbündeln bis zur braunen Erde der Blumenbeete vordringt, zeichnet Lichtkreise auf ihr blondes Haupt, und die Haare leuchten dort wie Dukatengold.

Vom Haus her dringt kein Geräusch, ebensowenig von den benachbarten Gärten. Man hört nur das Murmeln eines kleinen Wasserrinnsals, das hinten im Garten in ein Becken plätschert.

Ein kräftiges Klopfen an der Außentür des Hauses lässt Maria auffahren. Sie legt Spinnrocken und Spindel nieder und geht, um zu öffnen. Wenn auch ihr Gewand noch so locker und weit ist, es gelingt ihm nicht vollständig, die Rundung des Leibes zu verbergen.

Vor ihr steht Joseph. Maria erbleicht bis zu den Lippen. Jetzt gleicht ihr Antlitz einer Hostie, so blutleer ist es. Maria schaut ihn an mit einem traurigen, fragenden Blick. Joseph sieht sie an mit fast flehenden Augen. Schweigend schauen sie sich an. Maria öffnet den Mund: „Zu dieser Stunde, Joseph? Brauchst du etwas? Was willst du mir sagen? Komm!“

Joseph tritt ein und schließt die Tür. Er spricht noch nicht.

„Sprich, Joseph! Was willst du von mir?“

„Dein Verzeihen.“ Joseph beugt sich nieder, als wollte er niederknien. Aber Maria, sonst immer so zurückhaltend, ihn zu berühren, fasst ihn entschlossen bei den Schultern und hindert ihn daran. Die Farbe im Antlitz Marias wechselt ständig. Bald ist sie ganz rot, bald schneeweiß wie vorher.

„Nicht Verzeihen! Ich habe dir nichts zu verzeihen, Joseph. Ich kann dir immer nur danken für alles, was du hier drinnen während meiner Abwesenheit getan hast, und für die Liebe, die du mir entgegenbringst.“

Joseph schaut sie an, und ich sehe, wie sich zwei große Tränen in der Höhlung seiner tiefen Augen bilden; sie stehen wie auf dem Rand eines Gefäßes und rollen dann über Wangen und Bart. „Verzeih, Maria! Ich habe dir misstraut. Jetzt weiß ich (Matth 1, 19-24). Ich bin nicht würdig, einen solchen Schatz zu besitzen. Ich habe gegen die Liebe gefehlt, ich habe dich in meinem Herzen angeklagt. Ich habe dich ungerechterweise angeklagt, denn ich habe dich nicht nach der Wahrheit gefragt. Ich habe gegen das Gesetz Gottes gefehlt, weil ich dich nicht geliebt habe, wie ich mich selbst geliebt hätte…“ (Lev 19,18).

„Oh! Nein! Du hast nicht gefehlt!“

„Doch, Maria! Wenn ich eines solchen Fehlers angeklagt worden wäre, hätte ich mich verteidigt. Du jedoch… Ich habe dir nicht ermöglicht, dich zu verteidigen, denn ich war daran, Entscheidungen zu treffen, ohne dich zu fragen. Ich habe gegen dich gefehlt, weil ich dich mit meinem Verdacht beleidigt habe. Schon ein Verdacht ist eine Beleidigung, Maria. Wer Verdacht schöpft, versteht nicht. Ich habe dich nicht verstanden, wie ich hätte sollen. Aber um des Schmerzes willen, den ich gelitten habe… drei Tage der Qual, verzeih mir, Maria!“


„Ich habe dir nichts zu verzeihen. Im Gegenteil: Ich bitte dich um Verzeihung für den Schmerz, den ich dir bereitet habe.“

„O ja, das war ein Schmerz! Welch ein Schmerz! Schau: Heute morgen hat man mir gesagt, dass ich um die Schläfen weiß geworden bin, dass ich im Gesicht Falten habe. Um mehr als zehn Lebensjahre bin ich in diesen Tagen älter geworden! Aber warum, Maria, bist du so demütig gewesen, vor mir, deinem Bräutigam, deinen Ruhm zu verbergen, und hast gestattet, dass ich dich verdächtige?“

Joseph kniet nicht mehr, aber er steht so gebeugt da, dass es fast so scheint. Maria legt ihre kleine Hand auf sein Haupt und lächelt. Sie scheint ihm zu verzeihen und sagt: „Wenn meine Demut nicht vollkommen gewesen wäre, hätte ich nicht verdient, den zu empfangen, der kommt, die Schuld jenes Hochmuts zu tilgen, der den Menschen zugrunde gerichtet hat. Und dann  habe ich gehorcht… Gott hat diesen Gehorsam von mir verlangt. Er hat mich sehr viel gekostet… um deinetwillen, um des Schmerzes willen, den du erlitten hast. Aber ich konnte nur gehorchen. Ich bin die Magd Gottes, und die Diener widersprechen den Anordnungen nicht, die sie erhalten. Sie führen sie aus, Joseph, auch wenn es sie blutige Tränen kostet.“ Maria weint leise, während sie spricht. So still, dass Joseph, gebeugt wie er ist, es erst bemerkt, als eine Träne zu Boden fällt.

Da erhebt er das Haupt, und – es ist das erste Mal, dass ich ihn dies tun sehe – er nimmt die zarten Hände Marias in seine braunen, starken Hände und küsst die Spitzen der zarten Finger, die wie Pfirsichknospen aus den umschließenden Händen Josephs hervorragen.

„Aber jetzt muss vorgesorgt werden, weil… „Joseph spricht nicht weiter, sondern blickt auf den Leib Marias. Sie wird purpurrot und setzt sich sogleich, um ihre Körperformen nicht so seinem Blick auszusetzen. „Es muss schnell etwas geschehen. Ich werde hierherkommen. Wir werden die Ehe schliessen… (Matth 1,24) in der kommenden Woche… passt es dir?“

„Alles, was du tust, ist gut, Joseph. Du bist der Hausherr, ich deine Dienerin.“

„Nein. Ich bin dein Diener. Ich bin der glückliche Knecht meines Herrn, der in deinem Schoß heranwächst. Du bist gebenedeit unter allen Frauen Israels. Heute abend werde ich die Verwandten benachrichtigen und dann…, wenn ich hier sein werde, werden wir alles vorbereiten für sein Kommen… Oh! Wie werde ich Gott in meinem Haus empfangen können? Gott in meinen Armen? Ich werde sterben vor Freude! … Ich werde nie wagen, ihn zu berühren! …“

„Du wirst es können, wie ich es können werde, durch die Gnade Gottes.“

„Aber du bist du! Ich bin ein armer Mensch, der ärmste der Söhne Gottes… !“


„Jesus kommt für uns Arme, um uns reich zu machen in Gott; er kommt zu uns beiden, denn wir sind die Ärmsten und erkennen an, es zu sein! Freue dich, Joseph! Der Stamm Davids hat den erwarteten König, und unser Haus wird prächtiger sein als der Königspalast Salomons; denn hier wird der Himmel sein. Wir werden mit Gott das Geheimnis des Friedens teilen, das die Menschen später kennen werden. Er wird unter uns aufwachsen, und unsere Arme werden die Wiege des heranwachsenden Erlösers sein, und unsere Mühen werden ihm das Brot sichern… Oh, Joseph, wir werden die Stimme Gottes vernehmen, die „Vater und Mutter“ zu uns sagen wird! Oh!“ Maria weint vor Freude: ein glückliches Weinen!

Und Joseph kniet jetzt zu ihren Füssen und weint, das Haupt fast in ihrem weiten Gewand verborgen, das in Falten auf den armen Ziegelboden des Zimmers fällt.

Hier endet die Vision.

Auszug aus “Der Gottmensch“, Band I von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch

Die Passionszeit des heiligen Joseph

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