Jesus befragt seine Mutter über die Apostel

05/04/2011

Nun sehe ich – ungefähr zwei Stunden später – das Haus von Nazareth. Ich erkenne das Zimmer des Abschieds, zum Garten hin geöffnet, wo die Pflanzen in voller Reife stehen.

Jesus und Maria sitzen beisammen. Sie sitzen nebeneinander auf der Steinbank vor dem Hause. Es scheint, dass sie das Abendbrot bereits eingenommen haben und die anderen (ich sehe niemand) sich schon zurückgezogen haben. Mutter und Sohn erfreuen sich gegenseitig an einem innigen Gespräch. Die innere Stimme sagt mir, dass dies wohl das erste Mal ist, dass Jesus nach der Taufe, nach dem Fasten in der Wüste und besonders nach der Bildung des Apostelkollegiums in Nazareth weilt. Er erzählt der Mutter von den ersten Tagen der Verkündigung des Evangeliums, von den ersten Siegen über die Herzen. Maria hängt an den Lippen ihres Jesus.

Sie ist magerer, viel bleicher, als habe sie in der letzten Zeit gelitten. Unter ihren Augen sind tiefe Schatten eingegraben, wie bei jemand, der viel nachgedacht und geweint hat. Doch nun ist sie glücklich und freut sich. Sie lächelt und streichelt die Hand ihres Jesus. Sie ist glücklich, ihn bei sich zu haben: von Herz zu Herz mit ihm im Schweigen des hereinbrechenden Abends.


Es muss Sommer sein, denn Jesus hat die ersten reifen Früchten des Feigenbaums gepflückt; er braucht dazu nur aufzustehen, so tief hängen sie herab. Er gibt die schönsten seiner Mutter , nachdem er sie zuvor sorgfältig geschält hat, so dass sie wie rotgestreifte Knospen aussehen in einer Blütenkrone von weissen Blütenblättern innen und violetten aussen. Er bietet der Mutter die Frucht auf seiner Handfläche an und freut sich darüber, dass sie ihr schmeckt.

Dann fragt er sie plötzlich: „Mama, du hast die Jünger gesehen. Was denkst du über sie?“

Maria, die soeben eine dritte Feige zum Mund führen wollte, schaut auf, hält in der Bewegung inne und blickt Jesus an.

„Was hältst du von ihnen, nun, da ich sie dir alle vorgeführt habe?“ fragt Jesus noch einmal.

„Ich glaube, dass sie dich lieben und dass du viel von ihnen erwarten kannst. Johannes… liebe Johannes, wie nur du lieben kannst. Er ist ein Engel. Ich bin beruhigt, wenn ich weiss, dass er bei dir ist. Auch Petrus ist gut, etwas rauh, denn er ist schon älter, aber aufrichtig und überzeugt. Auch sein Bruder. Sie lieben dich jetzt, so gut sie können. Aber sie werden dich immer mehr lieben. Auch unsere Vettern. Jetzt, da sie sich durchgerungen haben, werden sie dir treu bleiben. Doch der Mann von Kerioth… er gefällt mir nicht. Mein Sohn, sein Auge ist nicht klar und sein Herz noch weniger. Ich habe Angst vor ihm!“

„Dir gegenüber ist er voller Achtung.“

„Zuviel Respekt. Auch dir gegenüber ist er respektvoll. Doch du bist für ihn nicht der Meister, sondern der zukünftige König, von dem er sich Nutzen und Ehre verspricht. Er war ein Nichts, ein klein wenig mehr als die anderen von Kerioth. Nun hofft er, an deiner Seite eine wichtige Rolle spielen zu können; o Jesus, ich will nicht gegen die Liebe fehlen, doch ich denke, auch wenn es mir schwerfällt, dass er im Falle einer Enttäuschung versuchen würde, an deine Stelle zu treten. Er ist ehrgeizig, habsüchtig, voller Sinnlichkeit und eher dazu geneigt, Höfling eines irdischen Herrschers zu sein als dein Apostel, mein Sohn! Ich fürchte ihn.“ Und die Mutter betrachtet ihren Jesus mit angstvollen Augen in ihrem blassen Antlitz.

Jesus seufzt. Er denkt nach. Er betrachtet seine Mutter. Er lächelt ihr zu, um sie zu ermutigen. „Auch er ist notwendig, Mama. Wenn er es nicht wäre, wäre ein anderer an seiner Stelle. Meine Jüngerschaft muss die Welt darstellen, und in der Welt sind nicht alle Engel, und nicht alle sind vom Schlag des Petrus und des Andreas. Wenn ich nur Vollkommenheiten wählte, wie könnten die armen, kranken Seelen hoffen, meine Jünger zu werden? Ich bin gekommen, um das Verlorene zu retten, Mama. Johannes ist von sich aus gerettet. Doch wie viele sind es nicht!“

„Für Levi habe ich keine Angst. Er wurde gerettet, weil er sich erlösen lassen wollte. Er hat seine Sünde mit seiner Zollbank verlassen und hat seine Seele erneuert, um zu dir zu kommen. Doch Judas von Kerioth ist anders. Der Hochmut nimmt seine alte, hässliche Seele immer mehr in Besitz. Doch du weisst diese Dinge, Sohn! Warum fragst du mich? Ich kann für dich nur beten und weinen. Du bist der Meister! Auch deiner armen Mutter.“

Die Vision endet hiermit.

Auszug aus “Der Gottmensch″ Band II von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch

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