Avignon: Rabbi kennt Christen nicht

22/04/2011

„Ich kenne Sie nicht,“ blieb die einzige Aussage des Rabbiners von Avignon und Carpentras, Jonathan Sfadj, zur blasphemischen Jesus-Fotografie in einer aktuellen Kunstausstellung in Avignon. Auch der Präsident der jüdischen Gemeinde der Stadt, Claude Nahoum, hatte dazu nicht viel mehr zu sagen. Katholiken könnten von der Fotografie wohl schockiert sein, er aber habe keinen weiteren Kommentar hinzuzufügen, so berichtet das Online-Magazin „Nouvelles de France“, das die beiden kontaktiert hatte.

Kein Zufall, dass sich diese Episode so kurz vor der Osterwoche abspielt? Sie erinnert jedenfalls etwas an die ablehnende und feindselige Haltung etlicher Juden, insbesondere oberer geistlicher Würdenträger, gegenüber Jesus, damals im Heiligen Land. Die Lesungen der vergangenen Tage aus dem Johannesevangelium schildern einen Vorfall nach dem anderen und verdeutlichen, wie sich die Lage zugespitzt hat bis hin zum Beschluss, Jesus hinzurichten:

Donnerstag, 14. April: Johannes 8,51-59

Freitag, 15. April: Johannes 10,31-42

Samstag, 16. April: Johannes 11,45-56

Und weiter springt folgende Aussage Jesu ins Auge:

„Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.“ 

Matthäus 10,32

Vor diesem Hintergrund versteht sich die umstrittene traditionelle Karfreitagsfürbitte der katholischen Kirche für die Bekehrung der Juden als völlig angemessen. Hier wird um die Einsicht gebetet, den gravierenden Irrtum (Verleugnen des Messias) mit schwerwiegenden Folgen (Ausschluss aus dem Himmelreich) als solchen zu erkennen. Das hat mit Antisemitismus rein gar nichts zu tun. 

Die Karfreitagsfürbitte wird seit 1970 im ordentlichen Post-Vatikan-II-Ritus in einer bis zur Unkenntlichkeit veränderten Version verwendet, als Reaktion auf Empörung seitens der Juden, man bezichtige ihre christusferne Haltung eines Irrtums. 2008 wurde die Debatte um die Fürbitte im Zuge des päpstlichen Motu Proprio zugunsten des lateinischen Messritus neu entfacht. Trotz entschärfter Formulierung Benedikts XVI. blieb die lateinische Fassung viel näher am Original als die 1970er-Light-Version. Folglich rief und ruft die „neue alte“ Fürbitte heftige Kontroversen hervor, vor allem auf jüdischer Seite, aber auch innerhalb der Kirche.

Eines ist klar, und damit sieht sich allen voran der Papst konfrontiert: wer Christus bekennen will, kommt um eine Stellungnahme bezüglich der Juden und ihrem Bezug zum Christentum nicht herum. Auch wenn es bedeutet:  

Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen; wenn sie an meinem Wort festgehalten haben, werden sie auch an eurem Wort festhalten. Das alles werden sie euch um meines Namens willen antun; denn sie kennen den nicht, der mich gesandt hat.

Wenn ich nicht gekommen wäre und nicht zu ihnen gesprochen hätte, wären sie ohne Sünde; jetzt aber haben sie keine Entschuldigung für ihre Sünde. Wer mich hasst, hasst auch meinen Vater. Wenn ich bei ihnen nicht die Werke vollbracht hätte, die kein anderer vollbracht hat, wären sie ohne Sünde. Jetzt aber haben sie (die Werke) gesehen und doch hassen sie mich und meinen Vater.

Aber das Wort sollte sich erfüllen, das in ihrem Gesetz steht: Ohne Grund haben sie mich gehasst.“

Johannes 15,20-25

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