Jesus und die Kinder: Alexander von Askalon

14/06/2011

(Jesus und die Apostel haben die Küstenstadt Askalon betreten und Jesus sagt:)

„Wir wollen uns in vier Gruppen teilen. Ich gehe, das heisst, ich lasse euch gehen. Dann wähle ich. Geht! Nach der neunten Stunde treffen wir uns am Tor, durch das wir gekommen sind. Seid klug und geduldig!“

Jesus schaut ihnen nach. Er ist mit Judas Iskariot allein geblieben, der erklärt hat, dass er hier nicht reden wird, da die Leute schlimmer als die Heiden sind.

Als er aber hört, dass Jesus da und dorthin gehen will, ohne zu reden, überlegt er es sich anders und sagt: „Missfällt es dir nicht, allein zu bleiben? Ich möchte mit Matthäus, Jakobus und Andreas gehen; sie sind die Unbeholfensten…“

„Geh nur! Leb wohl!“

Und Jesus wandelt allein durch die Stadt. Er durchschreitet sie der Länge und der Breite nach, ohne dass die geschäftigen Menschen auf ihn aufmerksam werden. Nur zwei oder drei Kinder heben neugierig den Kopf, und eine nachlässig gekleidete Frau kommt ihm entschlossen und mit einem zweideutigen Lächeln entgegen. Doch Jesus blickt sie so streng an, dass sie purpurrot wird und, weitergehend, die Augen niederschlägt. An der Ecke wendet sie sich noch einmal um, und da ein Mann, der die Szene beobachtet hat, ihr beissende Worte des Spottes für ihre Niederlage zuwirft, hüllt sie sich in ihren Mantel und eilt davon.

Die Kinder jedoch umringen Jesus, sehen zu ihm auf und erwidern sein Lächeln. Das mutigste unter ihnen fragt: „Wer bist du?“

„Jesus“, antwortet er, indem er es liebkost.

„Was machst du?“

„Ich warte auf Freunde.“

„Von Askalon?“

„Nein, aus meinem Dorf und aus Judäa.“

„Bist du reich? Ich bin es. Mein Vater hat ein schönes Haus, in dem er Teppiche anfertigt. Komm, ich will es dir zeigen; es ist in der Nähe.“

Jesus folgt dem Kind in einen langen Hausflur, der wie eine überdachte Gasse ist. Im Hintergrund des halbdunklen Hausflurs glänzt ein Stückchen Meer in der Sonne. Sie begegnen einem schmächtigen Mädchen, das weint.

„Das ist Dina. Sie lebt arm, weisst du? Meine Mutter gibt ihr zu essen. Ihre Mutter kann nichts mehr verdienen. Der Vater ist schon gestorben, auf dem Meer. Bei einem Gewitter, als er von Gaza zum Hafen des grossen Flusses fuhr, um Waren abzuliefern und andere zu holen. Da die Waren meinem Vater gehörten und der Vater der Dina einer unserer Seeleute war, sorgt meine Mama nun für sie. Doch viele sind auf diese Weise ohne Vater geblieben… Was sagst du dazu? Es muss schlimm sein, ein Waisenkind und arm zu sein. 

Hier ist mein Haus. Sage nicht, dass ich auf der Strasse war. Ich hätte in der Schule sein müssen; aber man hat mich weggeschickt, weil ich die Kameraden mit dem da zum Lachen brachte…“ Er zieht ein wirklich lustiges, geschnitztes Püppchen aus dem Gewand, mit einem wahrhaft karikaturistischen, vorstehenden Kinn und einer langen Nase.

Jesus hat ein Lächeln auf den Lippen, aber er beherrscht sich und sagt: „Das ist doch nicht der Lehrer, nicht wahr? Und auch kein Verwandter! Das wäre nicht recht.“

„Nein, es ist der Synagogenvorsteher der Juden. Er ist alt und hässlich; wir ärgern ihn immer.“

„Auch das ist nicht recht. Er ist bestimmt viel älter als du und…“

„Oh, er ist ein sehr alter Mann, bucklig und blind; aber er ist so hässlich… Ich kann doch nichts dafür, dass er so hässlich ist!“

„Nein. Aber es ist schlecht, über einen Alten zu spotten. Auch du wirst als alter Mann hässlich sein; denn du wirst gebückt gehen, wenig Haare auf dem Kopf haben, halb blind sein; du wirst an Stöcken gehen und genauso ein Gesicht haben… Und dann? Würde es dir gefallen, von einem respektlosen Jungen verspottet zu werden?

Warum ärgerst du den Lehrer und störst die Kameraden? Das ist nicht recht! Wenn dein Vater es wüsste, würde er dich strafen und deine Mutter würde es schmerzen. Ich sage ihnen nichts. Aber du musst mir sofort zwei Dinge geben: das Versprechen, nicht mehr solche Spässe zu machen und diesen Hampelmann. Wer hat ihn gemacht?“

„Ich, Herr…“ sagt der Junge beschämt, nunmehr der Schwere seiner Fehler bewusst. Er fügt hinzu: „Ich mache sehr gerne Holzschnitzereien! Manchmal verfertige ich Blumen, wie sie auf Teppichen dargestellt sind, oder Drachen, Sphinxe und andere Tiere…“

„Das sollst du tun. Es ist so viel Schönes auf der Erde. Also gib mir dein Versprechen und den Hampelmann. Sonst sind wir keine Freunde mehr. Ich behalte ihn als Andenken an dich und werde für dich beten. Wie heisst du?“

„Alexander. Und du, was gibst du mir?“

Jesus hat immer so wenig! Aber er erinnert sich, dass er am Gewand eine sehr schöne Schnalle hat. Er sucht in seiner Tasche, findet sie, trennt sie vom Gewand ab und gibt sie dem Knaben. „Und nun gehen wir. Aber pass auf, auch wenn ich fortgehe, weiss ich doch alles. Wenn ich merke, dass du böse bist, dann komme ich zurück und erzähle alles deiner Mutter.“ Das Bündnis ist geschlossen.

Sie treten in das Haus. (…)

Auszug aus “Der Gottmensch”, Bd. IV von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz:book@parvis.chwww.parvis.ch

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: