Archive for the 'VALTORTA: Selbstzeugnis' Category

Wie gut der Herr ist!

29/10/2011

zum Evangelium vom 30. Oktober 2011: Mt 23,1-12

24. Mai [1943]

Wie gut der Herr ist! Wenn ich die grenzenlose Güte Gottes betrachte, fühle ich mein Herz in Dankbarkeit und Liebe zerschmelzen. Auch in Schmerz, weil ich sehe, wie wenige die große Güte des Herrn erkennen.

Viele verlangen von ihm aufsehenerregende Dinge, um ihn „gut“ zu nennen; sie erklären ihn aber sofort als „nicht gut“, wenn ihnen etwas Unangenehmes widerfährt. Er ist hingegen allezeit „gut“; er ist ein wirklicher „Papa“ für seine treuen Kinder und ist auch für die weniger treuen gut, denen er unendliche Schätze der geduldigen Liebe, die auf ihre Reue wartet, zukommen lässt.

Aber für seine treuen Kinder erst! Für die, welche ihre Kinderhand in die Hand des Vaters legen und ihn mit dem heiligen, liebevollen Stolz der in den Vater verliebten Kinder anschauen – o, welches Kunststück, welches vollkommene Werk der Güte vollbringt Gott mit diesen! Für alles sorgt er in rührender Weise im Voraus, für alle Stunden und alle Vorkommnisse. Nicht nur die notwendigen Dinge, sondern sogar die kleinsten Wünsche seiner kleinen treuen Kinder lässt er Wirklichkeit werden und lässt uns diese Realitäten als Geschenke, als Belohnung wie ein guter „Papa“ zukommen, um uns zu erfreuen.

Ich denke an den Satz des Evangeliums: „Wer Vater und Mutter um meinetwillen verlässt, wird das Hundertfache dafür schon jetzt erhalten und in Zukunft das ewige Leben“; und den anderen: „Gebt, und es wird euch gegeben werden; es wird euch in reichem, ja überreichem Maße vergolten werden“.

Ja, so ist es wirklich. Wer Gott allen anderen Dingen vorzieht und Gott zum Mittelpunkt seines Lebens macht, aus der Arbeit für den Herrn sein Ziel, dem gibt Gott nicht nur den angemessenen Lohn, sondern das „Hundertfache“, sogar das Überflüssige in so reichem Maße, denn Gott ist ein so großmütiger Herr, dass er seine treuen Diener mit überreichen Schätzen überhäufen kann, und er ist ein so guter Vater, dem es von seiner göttlichen Natur her Freude macht, auch seine Geschöpfe zu erfreuen… Und niemals ist zu befürchten, dass seine Königs- und Vaterschätze zu Ende gehen, denn wie aus unerschöpflicher Quelle quillt aus dem Schoß der Ewigen Trias ein immerwährender mächtiger Strom von Gnaden für die, welche Ihn lieben.

Auszug aus “Die Hefte 1943“ von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch

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12. Oktober 2011: 50. Todestag von Maria Valtorta

11/10/2011

Am 12. Oktober 1961 um 10.35 Uhr morgens verstarb Maria Valtorta mit 65 Jahren in ihrem Elternhaus in Viareggio. Anlässlich ihres 50. Todestages werden in der Basilica Ss Annunziata in Florenz, wo sich das Grab der Valtorta befindet, hl. Messen zelebriert. Eine weitere Messe und Vorträge über Leben und Werk der Mystikerin finden dort statt am Samstag 15. Oktober. Ausführliches Programm siehe hier.

Maria Valtorta hatte schon früh im Leben Gottes Ruf vernommen, war ihm aber erst nach einigen Irrungen und Umwegen gänzlich gefolgt. In ihrer Autobiographie schildert die Schriftstellerin ergreifend ihren Werdegang zum „Sprachrohr Gottes“:

Als Heranwachsende hatte ich gesagt: „Herr, ich stehe Dir zur Verfügung.“ Und die erste Schneeflocke hatte sich gebildet und sich sachte, sachte vergrößert durch die fortwährenden Akte der Hingabe der Seele.

Dann hatte es eine Unterbrechung gegeben. Etwas hatte die Heranbildung und die schnellere Vorwärtsbewegung der Lawine aufgehalten. Das war mein menschlicher Lebensabschnitt, die Periode der Zerstreuungen, besser gesagt, der Ablenkungen. Und Jesus hatte gewartet. Nur im schlimmsten Augenblick hatte Er mir einen Wink gegeben, um mich vor dem Untergang zu retten, um mich zurückzurufen. Er war mir im Traum erschienen, um mir seine sanfte Zurechtweisung zu erteilen, um mich zum Nachdenken zu bringen und mich in meinem Lauf, der mich ins Unglück geführt hätte, aufzuhalten.

Und dann hatte er von neuem gewartet. In seiner Geduld und Güte hatte er mir die notwendige Zeit gegeben, um seelisch zu heilen, während er unmerklich daran arbeitete, mich abzusondern. Oh, darin war Er sehr aktiv! Er wollte mich – und nahm mir alles weg, auf dass nur Er mir bliebe.

Als ich dann schrie: „Ich will dein sein“, hat Er ganz von mir Besitz ergriffen. Und ich hatte keinen Herzschlag, keinen Atemzug, keinen Blick, kein Wort und keinen Gedanken mehr, die nicht durch den göttlichen Filter seiner Liebe gingen, so wie auch nichts von außen in mich eindringen konnte, das nicht denselben göttlichen Filter passierte.

Das währt nun schon seit zwanzig Jahren, und mein Einfühlungsvermögen ist immer größer und der Filter immer vollkommener geworden. Das Böse, das mir durch andere zuteil werden kann, wird durch diese göttliche Vorkehrung gemildert, und das Gute, das ich tun kann, breitet sich auf Mitmenschen immer reiner aus, da die Liebe es von allen menschlichen Unvollkommenheiten reinigt. Ich leide noch viel, denn es ist meine Bestimmung, dass ich leide. Aber das Leid, das mir durch andere zugefügt wird, wird gemildert durch die Freude, die ich von Christus empfange. Daher sage ich mir, und ich bin überzeugt von dem, was ich sage, dass ich inzwischen begriffen habe, dass die einzigen wirklichen Schmerzen eines Herzens die sind, die von Gott kommen, um uns zu prüfen oder zu bestrafen.

Schmerzen, die uns von Menschen zugefügt werden, verursachen uns Tränen. Das ist natürlich. Auch Jesus hat geweint. Aber auch wir erfahren Trost im Weinen, wenn wir nur daran denken, dass dieser Schmerz, der uns von unserem Nächsten zugefügt wird, seiner Erlösung dient, eine Sühne für unseren Nächsten ist. Wenn aber Gott uns heimsucht, indem Er uns seine unsichtbare Gegenwart entzieht und uns scheinbar alleine lässt, dann leiden wir unsagbar. Ich glaube, das ist eine abgeschwächte Form jener Qual, die die armen Seelen im Fegefeuer erleiden müssen. An die Verdammten in der Hölle will ich erst gar nicht denken.

O mein Schmerz, der du von Gott kommst und tausend Gesichter hast, sei gelobt! Gelobt seist du in deiner gegenwärtigen Form: verursacht durch die Krankheit, die fortschreitende Armut, die Verständnislosigkeit meiner Mitmenschen um mein Krankenbett herum und zahllose alltägliche Dinge! Und gelobt seist du, Schmerz der vergangenen Jahre: als ich als eingebildete Kranke ausgelacht wurde, meinem Vater in seiner Todesstunde nicht beistehen konnte, in meinem Eifer für das Apostolat nicht verstanden wurde und immer die gleiche mütterliche Lieblosigkeit ertragen musste! Gelobt seist du, Schmerz, den ich, da ich dich in deinem königlichen Gewand nicht erkannte, nicht liebte: Schmerz meiner zwanzig Jahre und meiner zerbrochenen Liebe! Gelobt, gelobt seist du, o Schmerz, der du mich der Welt entzogen und Gott geschenkt hast! Gelobt seist du für die Weisheit, die mir durch dich zuteil wurde! Gelobt seist du für die Liebe, die du mir eingeflößt hast! Gelobt seist du für die Flügel, die du meinem Ich geschenkt hast, damit ich mit all meinen heiligsten Bestrebungen zum Himmel aufsteigen könne! Gelobt seist du, o Schmerz, der mich mit Jesus auf dasselbe Kreuz genagelt hat und mich an seinem Werk teilhaben lässt, das seit zwanzig Jahrhunderten fortdauert, um die Seelen in das Reich Gottes zu bringen und das Reich Gottes in die Seelen! Nie werde ich aufhören, dich zu benedeien, o Schmerz, o meine Freude, denn in dir habe ich den Frieden gefunden!

 

Auszug aus der Autobiographie von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.chwww.parvis.ch

„Ich glaube, dass auch Jesus kein guter Rechner ist“

21/09/2011

In ihrer Autobiographie spricht Maria Valtorta u.a. von ihrer Schulzeit; der Auszug passt in gewisser Weise auch zum heutigen Gedenktag des Apostels Matthäus, der ein Zöllner, ein Rechner, war:

 


Ohne große Mühe und mit wenig Verdienst, denn die Arbeit war mir sehr leicht vorgekommen, wurde ich in Italienisch, Französisch und den mündlichen Fächern zur Klassenbesten erklärt.

In Mathematik blieb ich weiterhin meiner Dummheit treu. Als ich geschaffen wurde, hat man wahrscheinlich vergessen, mir die Mathematik-Zellen in den Kopf zu setzen. Da herrscht eine absolute Leere, die weder durch meine Anstrengungen noch durch die Bemühungen anderer je ausgefüllt worden ist. Was das Rechnen betrifft, bin ich völlig unbrauchbar.

Aber ich bedauere es nicht besonders. Ich glaube, dass auch Jesus kein guter Rechner ist. Wenn er einer wäre, dann wäre er nicht das, was er ist. Dafür ist er ein Dichter, das zeigt sein Evangelium; er ist ein geschickter Diplomat, auch das geht aus dem Evangelium hervor; er ist Arzt, Lehrer, Freund und Heiland, alles, nur kein Rechner. Und wie alle Nicht-Rechner ist er über alle Maßen großzügig, geduldig und gütig. Und daraus schöpfe ich die große Hoffnung… Bei einem Idealisten kann man immer hoffen. Bei einem Rechner nie. Wenn Gott ein Mathematiker wäre, immer auf genaue Rechnungen bedacht, wer könnte dann auf Rettung hoffen? Aber Jesus ist kein Mathematiker. Er läßt nicht die Wissenschaft, sondern das Herz sprechen. Er überlegt nicht mit der Vernunft, sondern mit dem Herzen, oder besser gesagt, er überlegt einzig und allein mit der Vernunft des Herzens, und wer ihn von dieser Seite zu nehmen versteht, erhält von ihm alles. 

Auch ich gebrauche im praktischen wie im geistigen Leben die Vernunft des Herzens. Ich bin eine Idealistin, eine Großzügige, die nie die Summen von Soll und Haben berechnet. 

Auszug aus „Maria Valtorta – Autobiographie“. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch

14. September: Fest der Kreuzerhöhung

14/09/2011

14. September 1945

Nach dem schrecklichen Leiden, das mich an den Rand des Grabes brachte, nach drei Tagen Todesnot, nach der Beichte und Kommunion von heute Vormittag, wobei ich mich noch immer so krank fühle – der Leib möchte nur Hunger und Stille, während die Seele nach dem göttlichen Wort hungert – mit schrecklichem Kopfweh, in der Schwere einer Schlaftrunkenheit des erschöpften Körpers, sehe ich die Stunden dieses Gedenktages der hl. Kreuzerhöhung verstreichen.


Ich denke daran, wie ich mich in der furchtbaren Periode in Compito (1) wirklich wie an den letzten Halt an das Kreuz geklammert hatte, um nicht unterzugehen. Ich denke daran, dass ich auf der Rückreise so gerne in die Kirche S. Martino eingetreten wäre, um meinem Erlöser „Danke“ zu sagen. Ich denke daran, wie sich mir am Vormittag des 10. während meiner Todesnot wiederum der Gipfel des Kalvarienberges mit den drei Kreuzen gezeigt hatte, wovon eines seinen Märtyrer nicht mehr trug, ein anderes sein Martergewicht zur Erde neigte, wie, um seine gequälte Frucht niederzulegen, das dritte noch aufrecht stand. Genau so, wie ich sie gesehen hatte, als Antonietta Dal Bo (2) gestorben war. 

Ich denke an so viele Dinge. Auch daran, dass Jesus mir gestern früh als ein besserer Krankenpfleger als alle anderen geholfen hat, ohne mir freilich den Schmerz anzunehmen – und nur Er allein weiß, wie groß, wie unvorstellbar groß dieser ist – aber mir dennoch Frieden spendete. Ich denke, dass es Ihm sicherlich weh tat, mich leiden zu lassen, Er es aber tun musste, weil eine andere Seele freigekauft oder ihr durch diesen großen Schmerz geholfen werden sollte. Und während Jesus mir half, versuchte Satan, mich zu verwirren… und versucht mich noch immer. Ich denke und denke über all das nach…

Er (Satan) würde mich sofort in Frieden lassen und mir vielleicht auch materiell helfen, wenn ich zustimmte, nicht mehr das, was Jesus wünscht, zu schreiben. Aber das kann ich nicht tun. Wenn die, die da kritisieren oder bestreiten und höhnen, darüber nachdächten, dass ich weder finanziellen noch anderen Nutzen von der Arbeit des „Sprachrohrs“ habe, sondern nur Mühsal und Leiden aller Art, und wenn sie vor allem all das selbst durchlitten, was ich leide und ertrage, würden sie sofort begreifen, dass ich das, was ich tue, tun muss, weil Gott es will, und zwar ohne jeden materiellen oder seelischen Profit für mich.

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(1) Sant’Andrea di Compito, der Ort an dem die Schriftstellerin die acht Monate der Evakuierung verbracht hatte.

(2) Am 4. Januar 1944, als Antonietta Dal Bo gestorben war.

Auszug aus “Die Hefte 1945 – 1950″  von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch

Rundschreiben an die Freunde des Kreuzes

Die Wissenschaft des Kreuzes

„Vor Liebe sterben im Anblick meines leidenden Jesus“

12/10/2010

Der 12. Oktober 2010 ist der 49. Todestag von Maria Valtorta, nachfolgend ihre Aufzeichungen vom 7. März 1944:

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(Maria Valtorta - mit Genehmigung des Centro Editoriale Valtortiano)

Am Abend des 7. März

Wem darf ich sagen, was ich leide? Niemand auf dieser Erde, denn es ist kein irdisches Leid und würde nicht verstanden.

Es ist ein Leiden, das Süßigkeit und eine Süßigkeit, die Leiden ist. Ich würde gern zehn-, hundertmal so viel leiden. Um nichts auf der Welt würde ich auf dieses Leiden verzichten wollen. Aber das schließt nicht aus, dass ich leide, als ob ich an der Kehle gewürgt, in einen Schraubstock gepreßt, in einem Glutofen brennen, bis ins Herz durchbohrt werden würde.

Wenn mir gewährt wäre, mich zu bewegen, mich von allem zu isolieren und singend und in Gesten meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen – denn es ist ja ein Leiden des Gefühls – hätte ich eine Linderung. Aber ich bin so wie Jesus an Seinem Kreuz. Bewegung oder Isolation sind mir nicht mehr gewährt, und ich muss die Lippen zusammenpressen, um nicht der Neugier den Anblick meiner seligen Todesnot preiszugeben.

Es ist keine bloße Redensart: die Lippen zusammenpressen! Ich muss eine ungeheure Anstrengung machen, um den Impuls zu unterdrücken, einen zugleich freudigen und übernatürlich peinvollen Schrei, der in mir gärt, auszustoßen, der wie eine Stichflamme oder wie ein Strahl herausbrechen möchte.

Die schmerzumflorten Augen Jesu: Ecce Homo (1) ziehen mich wie ein Magnet an. Ich habe Ihn vor mir, aufrecht auf den Stufen des Prätoriums, und Er schaut mich mit Seinem dornengekrönten Haupt, den gebundenen Händen über seinem weißen Narrenkleid, mit dem sie Ihn haben verhöhnen wollen, und doch haben sie Ihn damit in die Weiße gekleidet, die des Unschuldigen würdig ist.


Er spricht nicht. Aber alles an Ihm spricht, ruft mich an und verlangt. Was verlangt er denn? Dass ich Ihn liebe! Das weiß ich und das schenke ich Ihm, bis hin zu dem Mich-selbst-sterben-Fühlen, als hätte ich eine Klinge in meiner  Brust. Aber er verlangt noch etwas anderes von mir, das ich nicht verstehe. Das ich jedoch verstehen möchte. Und das ist meine Qual. Ich möchte Ihm alles, was Er nur wünschen kann, hingeben, auch bis zu einem qualvollen Tode. Aber das gelingt mir nicht.

Sein Schmerzensantlitz zieht mich an und fesselt mich. Schön ist es als das Antlitz des Meisters oder das des auferstandenen Christus. Aber Ihn als solchen zu schauen, erfüllt mich lediglich mit Freude. Dieses hier flößt mir eine tiefe Liebe ein, wie die einer Mutter für ihr leidendes Kind nicht tiefer sein könnte.

Ja, ich verstehe Ihn jetzt. Die Liebe der compassio (2) ist die Kreuzigung des Geschöpfes, das dem göttlichen Meister bis in die allerletzte Qual hinein folgt. Es ist eine geradezu despotische Liebe, die jeden anderen Gedanken in uns unterdrückt, der nicht Seinen Schmerz betrifft. Wir gehören nicht mehr uns selbst. Wir leben, um Seinen Qualen Trost zu spenden, und Seine Qualen sind unser Leid, das uns, nicht nur metaphorisch ausgedrückt, umbringt. Und doch ist uns jede Träne, die der Schmerz uns auspreßt, kostbarer als eine Perle, und jeder Schmerz, den wir als dem Seinen ähnlich erkennen, willkommen und wie ein kostbarer Schatz geliebt.

Pater, ich habe mich angestrengt, das, was ich empfinde, auszudrücken. Aber es ist unnütz. Von allen Ekstasen, deren Gott mich würdigen kann, wird es immer die Seines Leidens sein, die meine Seele in ihren siebten Himmel bringt. Vor Liebe sterben im Anblick meines leidenden Jesus, das, finde ich, ist der schönste Tod.

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(1) vgl. Joh 19,5

(2) Die mit-leidende (compassione) oder teil-habende (compartecipazione) Liebe, von der im Diktat vom 13. Februar die Rede ist.

Auszug aus “Die Hefte 1944″ von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch


„Es genügt nicht, das Böse nicht zu tun; man darf auch nicht begehren, es zu tun“ (2)

29/07/2010

Der Traum der Valtorta (Fortsetzung; zurück zu Teil 1 HIER)

Der Mittlere, der mich mehr als alle anderen anzog, überragte seine beiden Gefährten um eine Hals- und eine Kopflänge. Er trug einen weißen Mantel, während das Gewand darunter zartrot, fast rosarot war. Eine große Majestät ging von ihm aus, von seinen Bewegungen, seinem Gang, der Art, wie er sich seinen Gefährten zuwandte, und seinen Blicken, die eine übermenschliche Liebe ausdrückten. Sein Gesicht war sehr blaß, aber nicht erdfahl. Er hatte dunkelblaue Augen, eine sehr schöne, hohe, glatte Stirn, ein langes, feines, ovales Gesicht, das der rotblonde Kinnbart noch verlängerte. Das schulterlange Haar, das, von einem Scheitel geteilt, links und rechts in weichen Strähnen herunterfiel, war mehr rot als blond. Die Maler nennen diese Farbe Tizian-Blond. Er hatte sehr schöne, lange, weiße Hände. Sein Körper war schlank, eher mager, sein Blick ein Gedicht von Güte: ein bißchen traurig, wenn auch von einem Lächeln durchzogen. Ein Blick, der die Bitte ausdrückte: „Liebe mich.“

Ich betrachtete ihn immer faszinierter und fühlte mich zu ihm hingezogen.

Mein Gefährte packte mich mit beiden Händen, um mich wegzuziehen. Er war nunmehr wütend und häßlich, mit einem wilden, tückischen, verzerrten Gesichtsausdruck. Von Minute zu Minute nahm seine Häßlichkeit zu. Er zitterte und fletschte die Zähne. Aber ich widerstand ihm. Ich kämpfte nun mit ihm, kratzte und biß ihn.

Während ich so kämpfte, bemerkte ich, daß die drei den Fluß überquert hatten; ich weiß nicht wie, denn weit und breit war keine Brücke zu sehen. Sie waren jetzt bereits ganz nahe bei uns. Da begriff ich, wer sie waren: Jesus, Petrus und Johannes, der Apostel. Mit einer letzten Anstrengung befreite ich mich  von meinem Gefährten, der mir nun wie ein Feind erschien, lief zu Jesus und warf mich ihm zu Füßen. „Herr, rette mich!“, schrie ich, indem ich den Saum seines Gewandes ergriff.

Der Feind – ich könnte eigentlich FEIND schreiben, denn nun hatte ich ganz klar begriffen, wer er war, da sein Gesicht teuflische Züge angenommen hatte – lief noch einmal auf mich zu. Er war derart außer sich, daß er sogar den Ekel überwandt, den ihm der Anblick Jesu verursachte, und faßte nach meiner Schulter. Ich spürte seine Hand, die zur Kralle geworden war,  in mein Fleisch dringen.

Weinend wiederholte ich: „Herr, rette mich!“

Jesus schwieg. Er schaute mich an und schwieg. Ein großes Erbarmen lag in seinem Blick, aber seine Lippen blieben verschlossen und seine Hände hingen reglos an dem weißen Gewand herab.

Der heilige Petrus… Ja, der heilige Petrus war alles andere als gütig und sagte zu Jesus, daß ich kein Erbarmen verdiene. Der heilige Johannes hingegen trat für mich ein. Mit tief betrübter Stimme und traurigem Blick sagte er: „Meister, hab Erbarmen mit diesem armen Geschöpf. Befreie es, Du, der du es vermagst! Im Grunde hat sie dich immer geachtet. Einst liebte sie Dich, dann hat sie sich einer Täuschung hingegeben… Hilf ihr, Meister!“

Der Feind heulte: „Nein, sie gehört mir. Ich lasse sie nicht los. Ich habe sie mir genommen und behalte sie!“

Jesus schwieg.

Da hob ich den Kopf und die Arme, umfaßte Jesu Hände, bedeckte sie mit Küssen und sagte: „O Herr, Herr! Wie kannst du mir nicht helfen? Schließlich habe ich dich immer geliebt! Erinnerst du Dich nicht mehr daran? Ausgesprochen Böses habe ich nie getan. Warum befreist du mich nicht von dem, der mich mit sich fortschleppen will?“

Nun sprach Jesus… Diese Stimme werde ich nie vergessen! Wer könnte auch diesen Tonfall nachahmen, der noch heute in mir nachklingt und wohl weiter nachklingen wird bis zu dem seligen Augenblick, da ich ihn im Himmel wieder vernehmen werde? Jesus sagte: „Maria, du mußt wissen, daß es nicht genügt, das Böse nicht zu tun; man darf auch nicht begehren, es zu tun.“

Während Petrus mich von Jesus loslöste und zurückdrängte, und Johannes für mich flehte, während der Feind sich unter Flüchen und entsetzlich höhnischem Gelächter mit seiner Krallenhand noch stärker an meine rechte Schulter klammerte, hörte ich Jesus noch zweimal jene Worte wiederholen. Dann legte er seine Hand auf meinen Kopf zum Zeichen der Vergebung und des Segens. Noch heute spüre ich die zarte Berührung jener langen Finger auf meinem Haar…

Ich begriff, daß mir verziehen war, daß ich gerettet war. In einer Aufwallung des Dankes warf ich mich schluchzend an seine Brust und vergoß Tränen der Dankbarkeit, der Reue und der Freude. Es war wie eine Waschung, die mich vollkommen läuterte. Der Feind floh mit einem verzweifelten Schrei, und ich wurde von Jesus umarmt.

Ich erwachte, die Seele durch etwas Unirdisches erhellt.

Seit dieser Nacht sind sechsundzwanzig Jahre und neun Monate vergangen, aber der Traum steht noch lebendig vor mir, wie in dem Augenblick, als ich erwachte. Ich sehe ihn in allen kleinsten Einzelheiten vor mir. Wenn ich Malerin wäre, könnte ich jene Gesichter und alle Phasen des Traumes malen. Ich habe kein Wort verändert, nichts mit der Phantasie hinzugedichtet. Ich habe Ihnen getreu erzählt, was ich geträumt habe.

Antlitz des Turiner Grabtuchs

Antlitz des Turiner Grabtuchs

Später habe ich in allen möglichen Kunstläden ein Antlitz Jesu gesucht wie jenes, das ich im Traum geschaut hatte, ohne es je finden zu können. Auf einem Bild stimmte das Oval des Gesichtes, aber nicht der Blick, auf einem anderen der Blick, aber nicht der Mund, auf einem dritten der Mund, aber nicht die Wangen. Ich bin zur Überzeugung gelangt, daß Menschenhand dieses Antlitz nicht darstellen kann… Jesus ist mir dann noch viele Male im Traum erschienen, und immer hatte er dieses Antlitz, diese Gestalt und diese Hände. Seit einiger Zeit wird mir etwas mehr als ein Traum zuteil; aber ich sehe Jesus immer mit demselben Antlitz, derselben Gestalt und denselben Händen. Als Sie, Pater, mir jenes Buch über das Leichentuch Christi gegeben haben, hat es mir einen Schlag versetzt; denn ich erkannte, trotz der Veränderung durch das erlittene Leid, jenes Antlitz, jene Gestalt und jene Hände wieder…

Die Zeit der schlimmsten Versuchungen war vorbei. Ich kann nicht behaupten, daß ich keine finsteren Stunden der Auflehnung mehr erlebte. Nein, ich erlebte deren noch viele. Aber wenn der Dämon der Auflehnung, der Sinnlichkeit und der Verzweiflung mich bestürmte und mir unheilvolle Gedanken eingab, gelang es mir dank der Worte Jesu, das Verlangen, Böses zu tun, zu überwinden.

Auszug aus der Autobiographie von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz:book@parvis.ch, www.parvis.ch

„Es genügt nicht, das Böse nicht zu tun; man darf auch nicht begehren, es zu tun“ (1)

27/07/2010

Der Traum der Valtorta

Es war im fortgeschrittenen Frühling des Jahres 1916 – auch nach so vielen Jahren erinnere ich mich noch genau an das Datum –, es war in der Nacht vom 17. zum 18. Juni (Maria Valtorta war damals 19 Jahre alt, Anm. d. Red.). Ich machte eine furchtbare Zeit der Verzweiflung und Begierde durch… Von allen Frömmigkeitsübungen hatte ich, glaube ich, einzig die Kommunion am ersten Freitag des Monats beibehalten. Meine Seele war vergiftet und rebellisch. Stellen Sie sich vor, ob ich da noch Gott im Sinn haben konnte. Nein, was mich betrifft, war keinerlei Vorbereitung auf diesen Traum da. Ich war vielmehr am anderen Ufer, weit entfernt von Gott.

Maria Valtorta mit 15 Jahren

Maria Valtorta fünfzehnjährig (mit Genehmigung des Centro Editoriale Valtortiano)

Im Traum sah ich eine schöne Landschaft. Über die grünen Wiesen strich ein milder leichter Wind, so daß die winzigen Grashalme wogten und die vielfarbigen Blumen einander küßten. Da und dort standen einige Bäume, die wie Riesen wirkten, die miteinander redeten. Ein bläulicher Fluß mit niederen Ufern und ruhigen Wassern teilte die schöne Landschaft in zwei Teile. In der Ferne verloren sich die Hügel… Ich bin mir heute wie damals sicher, daß ich während meiner vielen Reisen durch ganz Italien nie einen solchen Ort gesehen habe. Ich lief über das smaragdgrüne Gras und bückte mich, um Blumen zu pflücken.

Plötzlich sah ich an meiner Seite einen jungen Mann. Er war wunderschön, groß, von dunklem Teint, mit gekräuseltem Haar, sehr dunklen Augen, die wie Sterne strahlten, und einem vollen, lächelnden Mund. Er war mit einer Tunika bekleidet, die bis zum Boden reichte, und schien mir ein Orientale zu sein, so zwischen Beduine und antikem Römer. Er kam immer näher zu mir heran und erkundigte sich höflich, was ich täte. Schließlich begann auch er, Blumen für mich zu pflücken. So schöne hatte ich noch nie gesehen, denn kaum berührte er etwas, so wurde es wunderschön. Es machte mir Freude, mit ihm zu sprechen und ihn in meiner Nähe zu haben. Er war so schön und freundlich!… Er war geradezu verführerisch, und ich war glücklich, ihm begegnet zu sein.

Doch – doch da tauchten im Hintergrund, fast am Horizont, auf der anderen Seite des Flusses, drei Personen auf. Auch sie trugen ein locker herabfallendes Gewand und einen Mantel. Sie schritten rasch und doch mit großer Würde auf uns zu. Ich betrachtete sie wie bezaubert, denn es ging etwas Geheimnisvolles von ihnen aus, das zunahm, je mehr sie sich uns näherten.


Der schöne junge Mann an meiner Seite sagte mir: „Nicht hinschauen, komm weg!“ und legte mir eine Hand auf die Schulter, um seinen Willen durchzusetzen. Ich erhob den Kopf, um ihn anzuschauen, denn er war viel größer als ich, und ich war verblüfft über die Veränderung seiner Gesichtszüge. Ein aus Angst und Zorn gemischter Ausdruck hatte sich auf seinem Gesicht ausgebreitet und es entstellt. Ich erschrak fast und antwortete, indem ich versuchte, mich aus seinem Griff zu befreien: „Laß mich sehen, dann komme ich mit.“ Aber der Jüngling, der immer unruhiger wurde, wiederholte: „Komm weg, komm weg. Diese drei sind dir feindlich gesinnt und wollen dir Böses tun.“ Ich erwiderte: „Das ist nicht möglich! Sie haben zu gute Gesichter.“

Nun konnte man bereits die Gesichtszüge der drei unterscheiden. Einer war ein älterer Mann mit einem strengen Gesicht, eher aus dem Volk. Er trug einen mehr grau als schwarzen Bart, der ihm Wangen und Kinn bedeckte und nur die kräftigen Backenknochen freiließ, die von einigen leichten Falten gefurcht waren.

Die Haare waren ziemlich kurz geschnitten, aber nicht so, wie sie die Männer jetzt tragen, ein Mittelding zwischen längerem und zeitgenössischem Schnitt. Seine sehr lebhaften und strengen Augen wanderten immer von mir zu seinem Gefährten in der Mitte, mit dem er sich angeregt unterhielt. Der andere war ein Jüngling im Alter von ungefähr zwanzig, höchstens fünfundzwanzig Jahren. Während der erste ein graues Gewand und einen tabakbraunen Mantel anhatte, trug der zweite ein rotes Gewand mit einem etwas dunkleren Mantel derselben Farbe. Letzterer war ziemlich groß und schlank, hatte ein sehr schönes, bartloses Gesicht mit einem frischen, rosigen Teint, sehr sanfte, gütige, hellblaue Augen und fahlblondes Haar, das bis zum Hals reichte und leicht gewellt war. Auch er sprach mit dem in der Mitte, aber mit großer Gelassenheit, und betrachtete mich voller Mitleid.

(weiter zu Teil 2)

Auszug aus der Autobiographie von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz:book@parvis.ch, www.parvis.ch