Posts Tagged ‘Apostel Johannes’

„Ich bin die Erlösung“

15/03/2012

zum Evangelium des 4. Fastensonntags 2012: Joh 3,14-21

„… Ich komme, um euch mit mir zu nehmen. Kommt! Wer an den Eingeborenen Sohn glaubt, wird nicht gerichtet. Er ist schon gerettet, denn der Sohn bittet den Vater und sagt: „Dieser liebt mich.“ Doch wer nicht glaubt, dem nützen heilige Werke nicht. Er ist schon gerichtet, denn er hat nicht an den Namen des Einen Sohnes Gottes geglaubt. Kennst du meinen Namen, Nikodemus?“

„Jesus.“

„Nein, Erlöser. Ich bin die Erlösung. Wer nicht an mich glaubt, lehnt sein Heil ab und ist von der Ewigen Gerechtigkeit gerichtet. Und das Urteil wird lauten: „Das Licht war dir gesandt worden, dir und der Welt, um für euch Rettung zu sein. Du und die anderen Menschen, ihr habt dem Licht die Finsternis vorgezogen, denn ihr habt die schlechten Werke, die euch zur Gewohnheit geworden sind, den guten vorgezogen. Er hat euch diese gezeigt, damit ihr heilig werdet. Ihr habt das Licht gehasst, denn die Übeltäter lieben die Finsternis für ihre Verbrechen, und ihr seid dem Lichte entflohen, damit es eure verborgenen Wunden nicht beleuchte.“ Das gilt nicht für dich, Nikodemus. Das ist die Wahrheit. Und die Strafe wird dem Urteil entsprechen, für den Einzelnen wie für die Gemeinschaft.

Was nun sie betrifft, die mich lieben und die die Wahrheiten, die ich lehre, in die Tat umsetzen und so zum zweiten Mal im Geist geboren werden – das ist die echtere Geburt -, sage ich dir, dass sie das Licht nicht scheuen, sondern sich ihm nähern, damit ihr Licht das Licht vermehre, von dem sie erleuchtet worden sind, in einer gegenseitigen Verherrlichung, die Gott in seinen Kindern und die Kinder im Vater beglückt.

Nein, die Kinder des Lichtes fürchten nicht, erleuchtet zu werden. Sie sagen vielmehr in ihrem Herzen und durch ihre Werke: „Nicht ich, sondern Er, der Vater, Er, der Sohn, und Er, der Heilige Geist, haben in mir das Gute vollbracht! Ihnen sei Ehre in Ewigkeit.“

Und vom Himmel antwortet der ewige Hymnus der Drei Personen, die sich in vollkommener Einheit lieben: „Du seist gesegnet in Ewigkeit, wahrer Sohn unseres Willens.“ Johannes, denke an diese Worte, wenn es an der Zeit sein wird, sie niederzuschreiben…

Nikodemus, bist du nun überzeugt?“

„Ja, Meister. Wann kann ich dich wieder sprechen?“

„Lazarus wird wissen, wohin er dich führen kann. Ich werde zu ihm gehen, bevor ich mich von hier entferne.“

„Ich gehe, Meister. Segne deinen Diener!“

„Mein Friede sei mit dir!“

Nikodemus geht mit Johannes hinaus.

Auszug aus “Der Gottmensch“, Bd. II von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch

Jesus befragt seine Mutter über die Apostel

05/04/2011

Nun sehe ich – ungefähr zwei Stunden später – das Haus von Nazareth. Ich erkenne das Zimmer des Abschieds, zum Garten hin geöffnet, wo die Pflanzen in voller Reife stehen.

Jesus und Maria sitzen beisammen. Sie sitzen nebeneinander auf der Steinbank vor dem Hause. Es scheint, dass sie das Abendbrot bereits eingenommen haben und die anderen (ich sehe niemand) sich schon zurückgezogen haben. Mutter und Sohn erfreuen sich gegenseitig an einem innigen Gespräch. Die innere Stimme sagt mir, dass dies wohl das erste Mal ist, dass Jesus nach der Taufe, nach dem Fasten in der Wüste und besonders nach der Bildung des Apostelkollegiums in Nazareth weilt. Er erzählt der Mutter von den ersten Tagen der Verkündigung des Evangeliums, von den ersten Siegen über die Herzen. Maria hängt an den Lippen ihres Jesus.

Sie ist magerer, viel bleicher, als habe sie in der letzten Zeit gelitten. Unter ihren Augen sind tiefe Schatten eingegraben, wie bei jemand, der viel nachgedacht und geweint hat. Doch nun ist sie glücklich und freut sich. Sie lächelt und streichelt die Hand ihres Jesus. Sie ist glücklich, ihn bei sich zu haben: von Herz zu Herz mit ihm im Schweigen des hereinbrechenden Abends.


Es muss Sommer sein, denn Jesus hat die ersten reifen Früchten des Feigenbaums gepflückt; er braucht dazu nur aufzustehen, so tief hängen sie herab. Er gibt die schönsten seiner Mutter , nachdem er sie zuvor sorgfältig geschält hat, so dass sie wie rotgestreifte Knospen aussehen in einer Blütenkrone von weissen Blütenblättern innen und violetten aussen. Er bietet der Mutter die Frucht auf seiner Handfläche an und freut sich darüber, dass sie ihr schmeckt.

Dann fragt er sie plötzlich: „Mama, du hast die Jünger gesehen. Was denkst du über sie?“

Maria, die soeben eine dritte Feige zum Mund führen wollte, schaut auf, hält in der Bewegung inne und blickt Jesus an.

„Was hältst du von ihnen, nun, da ich sie dir alle vorgeführt habe?“ fragt Jesus noch einmal.

„Ich glaube, dass sie dich lieben und dass du viel von ihnen erwarten kannst. Johannes… liebe Johannes, wie nur du lieben kannst. Er ist ein Engel. Ich bin beruhigt, wenn ich weiss, dass er bei dir ist. Auch Petrus ist gut, etwas rauh, denn er ist schon älter, aber aufrichtig und überzeugt. Auch sein Bruder. Sie lieben dich jetzt, so gut sie können. Aber sie werden dich immer mehr lieben. Auch unsere Vettern. Jetzt, da sie sich durchgerungen haben, werden sie dir treu bleiben. Doch der Mann von Kerioth… er gefällt mir nicht. Mein Sohn, sein Auge ist nicht klar und sein Herz noch weniger. Ich habe Angst vor ihm!“

„Dir gegenüber ist er voller Achtung.“

„Zuviel Respekt. Auch dir gegenüber ist er respektvoll. Doch du bist für ihn nicht der Meister, sondern der zukünftige König, von dem er sich Nutzen und Ehre verspricht. Er war ein Nichts, ein klein wenig mehr als die anderen von Kerioth. Nun hofft er, an deiner Seite eine wichtige Rolle spielen zu können; o Jesus, ich will nicht gegen die Liebe fehlen, doch ich denke, auch wenn es mir schwerfällt, dass er im Falle einer Enttäuschung versuchen würde, an deine Stelle zu treten. Er ist ehrgeizig, habsüchtig, voller Sinnlichkeit und eher dazu geneigt, Höfling eines irdischen Herrschers zu sein als dein Apostel, mein Sohn! Ich fürchte ihn.“ Und die Mutter betrachtet ihren Jesus mit angstvollen Augen in ihrem blassen Antlitz.

Jesus seufzt. Er denkt nach. Er betrachtet seine Mutter. Er lächelt ihr zu, um sie zu ermutigen. „Auch er ist notwendig, Mama. Wenn er es nicht wäre, wäre ein anderer an seiner Stelle. Meine Jüngerschaft muss die Welt darstellen, und in der Welt sind nicht alle Engel, und nicht alle sind vom Schlag des Petrus und des Andreas. Wenn ich nur Vollkommenheiten wählte, wie könnten die armen, kranken Seelen hoffen, meine Jünger zu werden? Ich bin gekommen, um das Verlorene zu retten, Mama. Johannes ist von sich aus gerettet. Doch wie viele sind es nicht!“

„Für Levi habe ich keine Angst. Er wurde gerettet, weil er sich erlösen lassen wollte. Er hat seine Sünde mit seiner Zollbank verlassen und hat seine Seele erneuert, um zu dir zu kommen. Doch Judas von Kerioth ist anders. Der Hochmut nimmt seine alte, hässliche Seele immer mehr in Besitz. Doch du weisst diese Dinge, Sohn! Warum fragst du mich? Ich kann für dich nur beten und weinen. Du bist der Meister! Auch deiner armen Mutter.“

Die Vision endet hiermit.

Auszug aus “Der Gottmensch″ Band II von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch

Die Samariterin Fotinai

27/03/2011
(zum Sonntags-Evangelium vom 27. März 2011: Johannes 4,5-42)

„Ich bleibe hier. Geht in die Stadt und kauft, was wir für die Mahlzeit benötigen. Wir werden hier essen.“

„Sollen wir alle gehen?“

„Ja, Johannes. Es ist gut, wenn ihr alle miteinander geht.“

„Du bleibst allein?… Es sind Samariter…“

„Sie werden nicht die Schlimmsten unter den Feinden Christi sein. Geht, geht nur. Während ich hier auf euch warte, will ich für euch und für sie beten.“

Die Jünger gehen schweren Herzens davon; drei- oder viermal drehen sie sich nach Jesus um und betrachten ihn, wie er auf einem kleinen sonnenbeschienenen Mäuerchen sitzt, das sich in der Nähe des breiten, niedrigen Randes eines Brunnens befindet; eines großen Brunnens, fast einer Zisterne gleich, so breit ist er. Im Sommer ist er von den großen, jetzt kahlen Bäumen beschattet. Das Wasser des Brunnens kann man nicht sehen, doch zeigen kleine Pfützen und Abdrücke der abgestellten Krüge auf dem Erdboden rundherum, dass Wasser geschöpft worden ist. Jesus ist in seine Gedanken vertieft. Er hat die gewohnte Haltung angenommen: die Ellbogen auf die Knie gestützt und die nach vorne gerichteten Hände gefaltet, den Oberkörper leicht gebeugt und das Haupt zur Erde geneigt. Er spürt die wärmende Sonne und lässt den Mantel vom Kopf und den Schultern gleiten, hält ihn aber doch zusammengefaltet auf seinem Schoß.


Jesus hebt das Haupt und lächelt einer Schar rauflustiger Spatzen zu, die sich um eine am Brunnen verlorene Brotkrume streiten. Doch die Spatzen werden durch das Erscheinen einer Frau aufgeschreckt und fliegen davon. Die Frau hält mit der linken Hand einen leeren Krug am Henkel, während sie mit der rechten überrascht den Schleier zur Seite schiebt, um zu sehen, wer der Mann ist, der dort sitzt. Jesus lächelt der Frau zu, die um die 35-40 Jahre alt und hochgewachsen ist und markante, doch schöne Gesichtszüge hat. Ein Menschenschlag, den wir als spanisch bezeichnen möchten, wegen ihrer fahlen, olivfarbenen Haut, den gewölbten und leuchtenden Lippen, ihren geradezu übermäßig großen und schwarzen Augen unter den sehr dichten Augenbrauen und den rabenschwarzen Zöpfen, die durch den leichten Schleier hindurchscheinen. Auch die etwas üppigen Körperformen sind typisch orientalisch, wie bei den Araberinnen.

Die Frau trägt ein buntgestreiftes Kleid, welches in der Taille eng zusammengezogen ist und an den molligen Hüften und der vollen Brust eng anliegt und dann in einer Art loser Falten bis zum Boden reicht. Viele Ringe und Armbänder schmücken ihre fleischigen, braunen Hände, und unter den leinenen Unterärmeln kommen ihre mit Armbändern geschmückten Handgelenke hervor. Am Halse trägt sie eine schwere Kette, von der Medaillen, ich möchte fast sagen Amulette, da sie so verschiedenförmig sind, herabhängen, während der reiche Ohrschmuck bis zum Halse reicht und unter dem Schleier glitzert.

„Der Friede sei mit dir, Frau. Willst du mir zu trinken geben? Ich habe einen weiten Weg hinter mir und bin durstig.“

„Aber bist denn nicht ein Jude? Und du bittest mich, eine Samariterin, um Wasser? Was soll denn das bedeuten? Ist unsere Ehre wieder hergestellt, oder seid ihr gar in Verfall geraten? Es muss schon ein großes Ereignis stattgefunden haben, wenn ein Jude höflich zu einer Samariterin spricht. Eigentlich sollte ich dir antworten: ‚Ich gebe dir nichts, um an dir alle Beleidigungen zu rächen, die uns die Juden seit Jahrhunderten zufügen.‘ „

„Du hast recht. Etwas Großes hat sich ereignet, und dadurch haben sich viele Dinge geändert, und mehr noch: werden sich ändern. Gott hat der Welt ein großes Geschenk gemacht, und dadurch hat sich vieles geändert. Wenn du dieses Geschenk kennen würdest und wüsstest, wer zu dir sagt: ‚Gib mir zu trinken‘, dann hättest du ihn vielleicht selbst um Wasser gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.“

„Lebendiges Wasser gibt es in unterirdischen Quellen. In diesem Brunnen ist solches, doch er gehört uns“, entgegnet die Frau spöttisch und rechthaberisch.

„Das Wasser kommt von Gott, so wie auch die Güte, das Leben und alles von einem einzigen Gott kommt, Frau. Alle Menschen sind von Gott erschaffen worden: Samariter wie Juden. Ist dies nicht der Brunnen Jakobs, und ist Jakob nicht der Stammvater unseres Geschlechtes? (*) Wenn später ein Irrtum das Volk geteilt hat, so bleibt der Ursprung doch derselbe.“

„Ein Irrtum unsererseits, nicht wahr?“ fragt die Frau herausfordernd.

„Weder unsererseits noch eurerseits. Es war der Fehler eines Menschen, der Liebe und Gerechtigkeit aus den Augen verloren hatte. Ich beleidige weder dich noch dein Geschlecht, warum verhältst du dich also feindselig mir gegenüber?“

„Du bist der erste Jude, den ich so reden höre. Die anderen… Der Brunnen, ja, es ist der Brunnen Jakobs, und er hat so reichlich klares Wasser, dass wir von Sichar ihn allen anderen Brunnen vorziehen. Doch er ist sehr tief, und du hast weder Krug noch einen Schlauch. Wie könntest du für mich lebendiges Wasser schöpfen? Bist du vielleicht mehr als Jakob, unser heiliger Patriarch, der diese reiche Quelle für sich, seine Kinder und seine Herden gefunden und sie uns als Geschenk und zu seinem Gedächtnis hinterlassen hat?“

„Das stimmt! Doch wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen. Ich hingegen habe ein Wasser, das bei dem, der es trinkt, keinen Durst mehr aufkommen lässt. Doch es gehört mir allein. Und ich werde es denen geben, die mich darum bitten. Wahrlich, ich sage dir, wer dieses Wasser besitzt, das ich ihm geben werde, wird immer von ihm durchströmt werden und nie mehr Durst leiden, weil mein Wasser in ihm zur sicheren ewigen Quelle werden wird.“


„Wie? Ich verstehe dich nicht. Bist du ein Magier? Wie kann ein Mensch zu einem Brunnen werden? Das Kamel trinkt und schafft sich Wasservorräte in seinem geräumigen Bauch. Doch dann verbraucht es das Wasser, und es genügt nicht für das ganze Leben. Du aber sagst, dass dein Wasser für das ganze Leben reicht?“

„Mehr noch: es wird bis zum ewigen Leben fliessen. Es wird in denen, die es getrunken haben, bis zum ewigen Leben fliessen und aus ihm wird ewiges Leben spriessen, weil es eine Quelle des Heils ist.“

„Gib mir von diesem Wasser, wenn du es wirklich besitzest. Es ermüdet mich, bis hierher zu kommen. Ich werde so keinen Durst mehr haben und werde nie krank oder alt werden.“

„Nur das ermüdet dich? Nichts anderes? Hast du nur das Bedürfnis, für deinen armseligen Leib von diesem Wasser zu schöpfen? Überlege, es gibt etwas, das mehr wert ist als der Körper. Es ist die Seele. Jakob gab sich und den Seinen nicht nur das Wasser dieser Erde, sondern er war auch darum besorgt, sich und den anderen die Heiligkeit, nämlich das Wasser Gottes, zu vermitteln.“

„Ihr nennt uns Heiden… Wenn das, was ihr sagt, wahr ist, dann können wir nicht heilig sein…“ Die Frau hat den unverschämten, ironischen Ton in der Stimme verloren und zeigt sich nun unterwürfig und leicht verwirrt.

„Auch ein Heide kann tugendhaft sein, und Gott, der gerecht ist, wird ihn für seine guten Werke belohnen. Es wird keine vollkommene Belohnung sein, doch kann ich dir sagen, dass Gott auf einen Heiden ohne Schuld mit weniger Strenge blickt als auf einen Gläubigen in schwerer Schuld. Warum kommt ihr also nicht zum wahren Gott, wenn ihr doch wisst, dass ihr ohne Schuld seid? Wie heißest du?“

„Fotinai.“

„Gut, Fotinai, antworte mir. Schmerzt es dich, dass du nicht zur Heiligkeit streben kannst, weil du, wie du sagst, Heidin bist, weil du, wie ich behaupte, noch immer von den Nebeln eines alten Irrtums umgeben bist?“

„Ja, es schmerzt mich.“

„Warum lebst du dann nicht wenigstens als tugendhafte Heidin?“

„Herr!…“

„Ja. Kannst du es leugnen? Hole deinen Mann und komme mit ihm hierher zurück.“

„Ich habe keinen Gatten…“ Die Frau wird immer verwirrter.

„Das stimmt, du hast keinen Gatten. Fünf Männer hast du gehabt, und nun hast du einen bei dir, der nicht dein Mann ist. War dies nötig? Auch deine Religion rät nicht zur Unzucht. Auch ihr habt die zehn Gebote. Warum also führst du ein solches Leben, Fotinai? Belastet es dich nicht, allen zu gehören, anstatt die ehrsame Gattin eines einzigen zu sein? Fürchtest du nicht deinen Lebensabend, an dem du allein mit deinen schmerzlichen Erinnerungen sein wirst, mit deinen Ängsten, mit deinem Bedauern? Ja, auch mit diesem: Angst vor Gott und den Schreckensbildern! Wo sind deine Kinder?“

Die Frau senkt ihr Haupt tief und schweigt.

„Du hast sie nicht auf dieser Erde, aber ihre kleinen Seelen, denen du es verwehrt hast, das Licht der Welt zu erblicken, werden dich ohne Unterlass anklagen. Schmuck, schöne Kleider… ein prächtiges Haus… eine reichhaltige Tafel… Ja! Aber daneben Leere, Tränen und innere Trostlosigkeit. Du bist ein unglücklicher Mensch, Fotinai. Nur durch aufrichtige Reue, die Vergebung Gottes und mit ihr auch die Verzeihung deiner Geschöpfe kannst du wieder reich werden.“

„Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist und ich schäme mich…“

„Doch vor dem Vater im Himmel hast du dich nicht geschämt, als du Böses tatest? Weine nicht aus Beschämung vor den Menschen… Komm her, neben mich, Fotinai, ich werde dir von Gott erzählen. Vielleicht wusstest du zu wenig von ihm, und sicherlich hast du deshalb so viele Fehler begangen. Wenn du den wahren Gott gekannt hättest, dann hättest du dich nicht so entwürdigt. Er hätte dir zugesprochen und dir geholfen…“


„Herr, unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet. Ihr sagt, dass man nur in Jerusalem anbeten soll. Doch du sagst, es gibt nur einen Gott. Hilf mir zu verstehen, wo und wie ich es tun soll…“

„Frau, glaube mir. Es naht die Stunde, da man den Vater weder auf dem Berge von Samaria noch in Jerusalem anbeten wird. Ihr betet den an, den ihr nicht kennt. Wir beten den an, den wir kennen, denn das Heil geht aus den Juden hervor. Erinnerst du dich an die Worte des Propheten? Doch es kommt die Stunde, vielmehr, sie hat schon begonnen, da die wahren Verehrer Gottes den Vater im Geiste und in der Wahrheit anbeten werden, und zwar nicht im alten, sondern nach einem neuen Ritus, bei dem es keine Opfertiere mehr geben wird, sondern das ewige Opfer, die sich im Feuer der Liebe verzehrende, unversehrte Opfergabe. Die Verehrung Gottes wird sich in diesem geistigen Reich in geistiger Weise vollziehen und von denen verstanden werden, welche fähig sind, Gott im Geist und in der Wahrheit anzubeten. Gott ist Geist. Wer ihn anbetet, muss ihn in geistiger Weise anbeten.“

„Du sprichst heilige Worte. Ich weiß, denn auch wir wissen einiges, dass die Ankunft des Messias bevorsteht. Er wird auch „Christus“ genannt. Er wird uns alles lehren, wenn er da ist. Hier in der Nähe lebt jener, den sie seinen Vorläufer nennen, und viele gehen zu ihm, um ihn anzuhören. Aber er ist so streng!… Du bist gütig… und die armseligen Menschen fürchten dich nicht. Ich glaube, dass Christus gütig sein wird. Sie nennen ihn den Friedensfürst.  Werden wir noch lange auf ihn warten müssen?“

„Ich habe dir gesagt, dass seine Zeit schon da ist.“

„Wie kannst du das wissen? Bist du vielleicht sein Jünger? Der Vorläufer hat viele Jünger. Auch Christus wird sie haben.“

„Ich, der ich zu dir spreche, bin Christus Jesus.“

„Du!… Oh!…“ Die Frau, die sich neben Jesus niedergelassen hatte, springt auf und will fliehen.

„Warum fliehst du, Frau?“

„Weil ich davor erschauere, bei dir zu verweilen. Du bist heilig…“

„Ich bin der Retter. Ich bin hierhergekommen – aus freiem Willen – da ich wußte, dass deine Seele des Umherirrens müde ist. Deine „Speise“ ekelt dich an… Ich bin gekommen, dir eine neue Speise zu geben, die Ekel und Überdruss von dir nehmen wird… Doch da kommen meine Jünger, die Brot für mich geholt haben. Doch ich bin schon gesättigt, da ich dir die ersten Brosamen deiner Erlösung geben konnte.“

Die Jünger werfen der Frau mehr oder weniger diskrete, verstohlene Blicke zu, doch keiner sagt ein Wort. Sie geht davon, ohne weiter an das Wasser und den Krug zu denken.

„Hier sind wir, Meister“, sagt Petrus. „Sie haben uns gut behandelt. Da sind Käse, frisches Brot, Oliven und Äpfel. Nimm, was du willst. Die Frau hat gut daran getan, den Krug zurückzulassen. Damit wird es schneller gehen als mit unseren kleinen Wasserbeuteln. Zuerst trinken wir, dann füllen wir sie auf. So brauchen wir die Samariter um nichts anderes zu bitten, nicht einmal darum, zu ihren Brunnen gehen zu dürfen. Isst du nicht? Ich wollte Fisch für dich kaufen, habe aber keinen gefunden. Vielleicht hättest du ihn vorgezogen. Du bist müde und bleich.“

„Ich habe eine Speise, die ihr nicht kennt. Sie wird mir als Nahrung dienen und mich sehr erquicken.“

Die Jünger schauen sich fragend an.

Jesus antwortet auf ihr stummes Fragen: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und das Werk zu Ende zu führen, von dem er wünscht, dass ich es vollende. …“

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(*) S. Geschichte Jakobs in Gen 25,19-37,36; 45,16-50,14. Jakob, dem Gott den Namen Israel gab, wurde zum Oberhaupt des israelitischen Stammes. S. Gen 32,23-31. Er erwarb sich ein Grundstück bei Sichem, schlug dort sein Zelt auf und baute einen Altar. In der Genesis deutet nichts darauf hin, dass dort ein Brunnen war, es lässt sich jedoch vermuten, dass es einen gab, da Jakob sich dort während einiger Zeit niederliess. Sichem heißt auf Aramäisch Sichar.

Auszug aus “Der Gottmensch″ Band III von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch


Die Kreuzigung unseres Herrn Jesus Christus

02/04/2010

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Die Räuber werden an die Kreuze gebunden und an ihre Plätze getragen, einer rechts und der andere links von dem für Jesus bestimmten Platz. Sie schreien, verwünschen und fluchen, besonders als man die Kreuze zu den Löchern trägt und die Stricke durch die Erschütterung in die Gelenke einschneiden. Ihre Flüche gegen Gott, gegen das Gesetz, gegen die Römer und gegen die Juden sind höllisch.

Nun ist Jesus an der Reihe. Er legt sich ohne Widerstand zu leisten auf das Holz. Die beiden Räuber waren so rebellisch, dass die vier Henker allein mit ihnen nicht fertigwurden und Soldaten zu Hilfe rufen mussten, um sie festzuhalten, damit sie nicht beim Anbinden der Handgelenke Fußtritte bekämen. Bei Jesus braucht es keine Hilfe. Er legt sich nieder, legt das Haupt an die bezeichnete Stelle. Er öffnet die Arme, wie sie ihm zu tun gebieten, und streckt die Beine aus, wie es befohlen wird. Er sorgt nur dafür, dass das Tuch richtig sitzt.

Nun hebt sich sein schlanker, weißer Körper von dem dunklen Holz und dem gelben Erdboden ab. Zwei Henker setzen sich auf seinen Oberkörper, um ihn festzuhalten. Ich denke darüber nach, welche Beklemmung und welchen Schmerz ihm dieses Gewicht verursachen muss. Ein dritter nimmt den rechten Arm und hält mit einer Hand den Unterarm und mit der anderen die Finger fest. Der vierte, der schon den langen, spitzen viereckigen Nagel mit dem großen, flachen, runden Kopf in der Hand hat, prüft, ob das bereits in das Holz gebohrte Loch sich an der dem Handgelenk entsprechenden Stelle, wo Elle und Speiche zusammen treffen, befindet. Es passt. Der Henker setzt den Nagel an den Puls, hebt den Hammer und führt den ersten Schlag.

Gustave Doré: Die Kreuzigung unsers Herrn Jesus Christus

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Jesus, der die Augen geschlossen hatte, schreit bei diesem Schmerz auf, zuckt zusammen und öffnet weit die in Tränen schwimmenden Augen. Es muss ein schrecklicher Schmerz sein, den er fühlt… Der Nagel dringt ein, zerreißt Muskeln, Adern und Nerven und zerbricht die Knochen…

Maria antwortet auf den Schrei ihres gequälten Sohnes mit einem Stöhnen, das dem Klagen eines geschlachteten Lammes gleicht. Sie krümmt sich vor Schmerz und fasst sich mit den Händen an den Kopf. Jesus gibt nun keinen Laut mehr von sich, um sie nicht zu quälen. Aber die Schläge sind regelmäßig und hart, Eisen auf Eisen… und darunter ist ein lebendiges Glied, das sie empfängt.

Die rechte Hand ist angenagelt. Nun kommt die linke. Das Loch entspricht nicht dem Gelenk. Also nehmen sie einen Strick, binden ihn an das linke Gelenk und ziehen daran, bis die Knochen ausgerenkt und die Sehnen und Muskeln und die schon von den Stricken der Gefangennahme wunde Haut zerrissen sind. auch die andere Hand leidet natürlich darunter, denn durch das Zerren vergrößert sich die Nagelwunde. Nun liegt das Loch gerade zwischen Handfläche und Handgelenk. Sie finden sich damit ab und schlagen den Nagel ein, wo sie können, zwischen dem Daumen und den anderen Fingern, genau in der Mitte der Handfläche. Hier dringt er leichter ein, so dass die Finger nun unbeweglich sind, während die Finger der rechten Hand zittern und zucken als Beweis ihrer Beweglichkeit. Doch Jesus schreit nicht mehr. Er stöhnt nur noch heiser mit aufeinandergepreßten Lippen, und Tränen des Schmerzes rinnen zur Erde, nachdem sie zuerst auf das Holz getropft sind.

Nun sind die Füße an der Reihe. Ungefähr zwei Meter oder mehr vom Ende des Kreuzes entfernt ist ein kleiner Keil, kaum ausreichend für einen Fuss. Auf dieses Holz legen sie die Füße, um zu sehen, ob das Maß stimmt. Da es etwas zu weit unten ist und die Füße nicht ganz bis zu dem Keil reichen, ziehen sie den armen Märtyrer an den Knöcheln. Das rauhe Holz des Kreuzes scheuert an den Wunden, verrückt die Dornenkrone, die noch mehr Haare ausreißt und herunterzufallen droht… Ein Henker drückt sie ihm durch einen Schlag mit der Hand wieder auf das Haupt.

Nun rücken die Männer, die auf der Brust Jesu gesessen sind, auf die Knie hinunter, denn Jesus zieht unwillkürlich die Beine an, als er in der Sonne den langen Nagel glänzen sieht, der doppelt so lang und doppelt so dick wie die Nägel für die Hände ist. Sie setzen sich auf seine zerschundenen Knie und drücken auf die armen zerschlagenen Schienbeine, während die beiden anderen das viel schwierigere Unternehmen, einen Fuß über den anderen anzunageln, beginnen. Dabei sollen auch die Gelenke an der Fußwurzel aufeinanderliegen.

Aber so sehr sie auch achtgeben und die Füße am Knöchel und an den Zehen gegen den Keil drücken, verschiebt sich doch der untere Fuß wegen der Erschütterung durch den Nagel, und sie müssen diesen wieder fast ganz herausziehen. Denn nachdem er durch die weicheren Teile gedrungen ist, muss er nun etwas weiter in der Mitte eingeschlagen werden. Und er ist beim Durchbohren des rechten Fußes schon stumpf geworden. Sie hämmern und hämmern und hämmern… Man hört nichts als den schrecklichen Klang des Hammers auf dem Kopf des Nagels, denn alle auf dem Kalvarienberg sind ganz Auge und Ohr und verfolgen gespannt jede Bewegung und jeden Laut, um sich daran zu ergötzen…

Unsere Liebe Frau der Sieben Schmerzen

Die leise Klage einer Taube begleitet das harte Klingen des Eisens: das heisere Stöhnen Marias, die sich bei jedem Hammerschlag mehr zusammenkrümmt, als ob der Hammer auf sie, die Mutter-Märtyrerin, niedersausen würde. Und sie ist zu recht von dieser Tortur zutiefst erschüttert. Die Kreuzigung ist furchtbar. Wenn auch die großen Schmerzen denen der Geißelung gleichen, so ist sie doch schrecklicher anzusehen, denn man sieht den Nagel in das lebendige Fleisch eindringen. Aber dafür dauert sie nur kurz, während die Geißelung durch ihre Länge erschöpft hat.

Für mich sind die Todesangst am Ölberg, die Geisselung und die Kreuzigung die furchtbarsten Augenblicke. Sie enthüllen mir die ganze Qual des Christus. Der Tod ist für mich eine Erleichterung, denn ich sage mir: „Es ist vollbracht.“ Doch diese Qualen sind nicht das Ende, sondern der Beginn neuer Leiden.

Nun schleifen sie das Kreuz zu dem Loch; es hüpft auf dem unebenen Boden und schüttelt den armen Gekreuzigten. Beim Aufrichten entgleitet es zweimal ihren Händen und fällt einmal auf die Rückseite, das andere Mal auf die rechte Seite, was Jesus neue schreckliche Schmerzen bereitet, denn die plötzlichen Erschütterungen zerren an den verletzten Gliedern. Als sie aber dann das Kreuz in sein Loch fallen lassen, schwankt es, bevor sie es mit Steinen und Erde befestigen, samt dem an drei Nägeln daran hängenden armen Körper in alle Richtungen, und das Leiden muss unaussprechlich sein.

Das ganze Gewicht des Körpers hängt nach vorn und nach unten, und die Löcher der Wunden erweitern sich, besonders an der linken Hand. Auch die Wunden der Füße werden größer und das Blut fließt stärker. Während das Blut der Füße von den Zehen zu Boden tropft und am Balken des Kreuzes entlangrinnt, rinnt das Blut von den Händen, die sich in größerer Höhe befinden als die Schultern, über den Unterarm zu den Achseln und an den Rippen hinunter bis zum Gürtel. Die Dornenkrone verschiebt sich, als das Kreuz schwankt, bevor man es befestigt; denn das Haupt fällt nach hinten, und der Nacken schlägt mit dem dicken dornigen Knoten am Ende der stacheligen Krone auf das Holz. Dann rutscht sie wieder auf die Stirn zurück und kratzt und kratzt erbarmungslos.

Endlich ist das Kreuz befestigt, und es bleibt nur noch der Schmerz, angenagelt zu sein. Man richtet auch die Räuber auf, die, kaum dass sie sich in der Vertikalen befinden, brüllen, als ob sie lebendig gekocht würden, denn die Stricke, die in die Gelenke einschneiden, die Adern dick anschwellen und die Hände schwarz werden lassen, bereiten große Schmerzen. Jesus schweigt. Das Volk aber schweigt nicht mehr, sondern schreit noch teuflischer.

Nun hat der Gipfel des Golgotha sein Siegeszeichen und seine Ehrenwache. An der höchsten Erhebung das Kreuz Jesu. Zu beiden Seiten die Schächer. Die halbe Centurie der Soldaten mit ihren Waffen unten rings um den Gipfel, und in diesem Kreis von Bewaffneten die zehn Fußsoldaten, die mit Würfeln um die Kleider der Verurteilten spielen. Zwischen dem Kreuz Jesu und dem rechten Schächer steht Longinus. Es scheint, als würde er dem Märtyrer-König die Ehrenwache halten. Die andere halbe Centurie ist in Ruhestellung und wartet auf dem Feldweg links und auf dem unteren Platz auf einen Befehl des Adjudanten des Longinus, falls sie zu etwas gebraucht würden. Die Soldaten zeigen fast völlige Teilnahmslosigkeit. Nur ab und zu schaut einer zu den Gekreuzigten empor.

Longinus hingegen betrachtet alles neugierig und interessiert, vergleicht und zieht seine Schlüsse. Er betrachtet die Gekreuzigten, besonders Christus, und die Zuschauer. Seinem forschenden Auge entgeht nicht die geringste Einzelheit. Um besser sehen zu können, beschattet er die Augen mit der Hand, da ihn die Sonne sicher stört.

Es ist wirklich eine eigenartige Sonne, rot und gelb wie das Feuer eines Brandes. Dann scheint es, als ob das Feuer plötzlich erlöschen würde, denn eine pechschwarze Wolke steigt hinter den Bergen Judäas auf, zieht mit großer Geschwindigkeit über den Himmel und verschwindet hinter einem anderen Gebirge. Als die Sonne nun wieder erscheint, ist sie so grell, dass das Auge sie kaum erträgt.

Als er um sich schaut, sieht er direkt unterhalb des höchsten Punktes Maria, die ihr schmerzgequältes Gesicht zu ihrem Sohn erhebt. Er ruft einen der würfelnden Soldaten und sagt: „Wenn die Mutter und ihr Sohn, der sie begleitet, heraufkommen wollen, sollen sie es tun. Begleite sie und hilf ihr.“

Maria steigt mit Johannes, dem vermeintlichen Sohn, die in den Tuffstein gehauenen Stufen empor, geht durch die Absperrung der Soldaten und an den Fuß des Kreuzes. Aber sie bleibt in geringer Entfernung davon stehen, damit sie von Jesus gesehen wird und ihn auch selbst sieht. Das Volk überhäuft sie sofort mit den schmutzigsten Schmähungen und schließt sie in die Lästerungen gegen ihren Sohn mit ein. Aber sie, mit bebenden und blutleeren Lippen, versucht nur, ihn zu trösten durch ein schmerzliches Lächeln, das Tränen überströmen, die kein noch so starker Wille in den Augen zurückhalten kann.

Das Volk, angefangen von den Priestern, den Schriftgelehrten, den Pharisäern, den Sadduzäern, den Herodianern und ähnlichen, hat seinen Spaß daran, wie bei einem Karussell den steilen Weg hinaufzusteigen, entlang der höchsten Erhebung zu gehen und dann auf der anderen Seite wieder hinunter, oder umgekehrt. Jedesmal, wenn sie am Fuß des Gipfels vorüberkommen, versäumen sie es nicht, dem Sterbenden zu Ehren lästerliche Worte hinaufzuschreien. Die ganze Schändlichkeit und Grausamkeit, der ganze Hass und Wahnsinn, deren die Zunge des Menschen fähig ist, wird hier ausgiebig von diesen höllischen Mäulern demonstriert. Die Erbarmungslosesten sind die Angehörigen des Tempels, unterstützt von den Pharisäern.

„Nun? Du Erlöser des Menschengeschlechtes, warum rettest du dich nicht? Hat dein König Beelzebub dich verlassen? Hat er dich verleugnet?“ schreien drei Priester.

Und ein Schwarm der Juden: „Du, der du vor kaum fünf Tagen mit Hilfe Satans den Vater hast sagen lassen… ha, ha, ha, dass er dich verherrlichen würde, warum erinnerst du ihn nicht daran, dass er sein Versprechen hält?“

Drei Pharisäer: „Gotteslästerer! Er sagt, er habe die anderen mit Gottes Hilfe gerettet. Und sich selbst kann er nicht retten! Du willst, dass man dir glaubt? So wirke doch ein Wunder! Du kannst es wohl nicht mehr? Nun haben wir dir die Hände angenagelt und dich entblößt.“

Einige Sadduzäer und Herodianer zu den Soldaten: „Vorsicht mit dem Zauber, ihr, die ihr seine Kleider genommen habt! Ein Zeichen der Hölle ist daran.“

Eine Volksmenge schreit: „Steige vom Kreuz, und wir werden dir glauben. Du, du willst den Tempel zerstören… Verrückter! Sieh in dir an, den herrlichen und heiligen Tempel Israels. Er ist unzerstörbar, du Schänder! Und du stirbst.“

Andere Priester sagen: „Gotteslästerer! Du willst der Sohn Gottes sein? Dann steige doch von dort herab! Zerschmettere uns, wenn du Gott bist. Wir fürchten dich nicht und spucken auf dich.“

Andere gehen vorüber und schütteln die Köpfe: „Er kann nur weinen! Rette dich doch, wenn es wahr ist, dass du der Erwählte bist!“

Die Soldaten: „So rette dich doch. Lass Feuer auf diesen Abschaum des Abschaums fallen! Ja, der Abschaum des Reiches seid ihr, jüdische Kanaillen! Tue es, und Rom wird dich auf das Kapitol erheben und dich wie einen Gott verehren!“

Die Priester mit ihrem Gefolge: „Die Arme der Frauen waren zarter als die des Kreuzes, nicht wahr? Aber schau, sie sind schon zu deinem Empfang bereit, deine… (und sie sagen ein häßliches Wort). Ganz Jerusalem steht dir zur Verfügung als Brautjungfer“, und sie pfeifen wie Fuhrleute.

Andere werfen Steine: „Verwandle sie in Brot, du Brotvermehrer!“

Wieder andere äffen die Hosannarufe des Palmsonntags nach, werfen Zweige und schreien: „Verflucht sei, der da kommt im Namen des Teufels! Verflucht sei sein Reich! Ehre sei Sion, das die Lebenden von ihm befreit!“

Auszug aus “Der Gottmensch”, Bd. XI von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch

Aufnahme Marias in den Himmel

14/08/2009

Wieviele Tage sind wohl vergangen? Es ist schwierig, es mit Sicherheit zu sagen. Nach den Blumen zu schliessen, die den leblosen Körper umkränzen, könnte man glauben, es seien erst einige Stunden verflossen. Aber wenn man die Ölzweige sieht, auf denen die frischen Blumen liegen und deren Blätter schon ganz vertrocknet sind, und auch die anderen verwelkten Blumen, die wie Reliquien auf der Truhe liegen, dann kommt man zu dem Schluss, dass bereits mehrere Tage vergangen sind.

Der Körper Marias jedoch ist noch so wie bei ihrem Heimgang. Der Tod hat keine Spuren auf ihrem Antlitz und den kleinen Händen hinterlassen. Kein unangenehmer Duft im Zimmer. Im Gegenteil! Ein unbestimmter Duft von Weihrauch, Lilien, Rosen, Maiglöckchen und Bergkräutern schwebt im Raum.

Johannes, der seit wer weiss wie vielen Tagen schon wacht, ist, von Müdigkeit überwältigt, auf seinem Hocker eingeschlafen und lehnt mit dem Rücken an der Wand, neben der offenen Tür, die auf die Terrasse führt. Das Licht der am Boden stehenden Lampe beleuchtet ihn von unten, so dass ich sein müdes und sehr bleiches Gesicht sehen kann, das nur rings um die Augen vom Weinen gerötet ist.

Die Morgendämmerung muss eben angebrochen sein, denn ihr schwacher Schein lässt die Terrasse und die das Haus umgebenden Ölbäume erkennen. Dann wird der Schein heller, fällt durch die Tür, und man sieht auch die Dinge im Raum deutlicher, die vorher kaum zu unterscheiden waren, da das Licht des Lämpchens nicht weit genug reicht.

Auf einmal erfüllt ein grosses Licht den Raum, ein silbernes, leicht bläuliches, beinahe phosphoreszierendes Licht, das immer stärker wird und die Morgenhelle und den Schein der Lampe verblassen lässt. Es ist dasselbe Licht, das die Höhle von Bethlehem bei der Geburt Gottes überflutete. Dann erscheinen in diesem paradiesischen Licht Engelsgestalten – ein noch strahlenderes Licht in dem schon vorhandenen gewaltigen Licht. Und so wie damals, als die Engel den Hirten erschienen, entsteht ein Reigen sprühender, farbenprächtiger Funken und ein leiser, harmonischer, süsser Harfenton, wenn sie ihre Flügel sanft bewegen.

Die Engel umringen die Lagerstatt, neigen sich über sie, heben den reglosen Körper auf und entschweben mit kräftigem Flügelschlag, der den Harfenklang noch verstärkt, durch eine Öffnung im Dach, die sich wunderbarerweise aufgetan hat, wie sich das Grab Jesu wunderbarerweise geöffnet hat. Sie nehmen den Leib ihrer Königin mit, der heilig, aber noch nicht verherrlicht und deshalb dem Gesetz der Materie unterworfen ist, dem Jesus nicht mehr unterworfen war, da er bei seiner Auferstehung schon verherrlicht war.

Der von den Flügeln der Engel erzeugte Klang wird stärker und ist nun mächtig wie ein Orgelakkord. Johannes, der sich, immer noch schlafend, schon mehrmals auf seinem Hocker bewegt hat, als würden das helle Licht und der Klang der Engelsflügel ihn stören, wird nun wach durch diesen mächtigen Akkord und einen starken Luftzug, der durch das offene Dach und zur Tür hinaus weht, eine Art Wirbel bildet, in die Decken des nun leeren Bettes und in die Kleider des Johannes fährt, die Lampe löscht und die Tür mit einem lauten Knall zuschlägt.

Der Apostel sieht sich noch ziemlich verschlafen um, um festzustellen, was geschieht. Er bemerkt das leere Bett und das offene Dach, fühlt, dass ein Wunder geschehen ist und läuft auf die Terrasse hinaus. Wie durch eine innere Eingebung oder eine himmlische Aufforderung hebt er den Kopf und beschattet sich die Augen mit der Hand, damit ihn die aufgehende Sonne nicht blendet.

Und er sieht. Er sieht, wie der noch reglose Leib Marias, die ganz einer Schlafenden gleicht, von der Engelschar immer höher hinaufgetragen wird. Wie zum letzten Gruss flattert ein Zipfel des Mantels und des Schleiers im durch den raschen Aufstieg oder die Flügel der Engel entstandenen Wind. Und die Blumen, die Johannes rings um den Leib Marias gelegt und wieder erneuert hat und die gewiss in den Falten des Gewandes hängengeblieben sind, regnen auf die Terrasse und auf die Erde des Gethsemane, während das mächtige Hosanna der Engelschar sich immer weiter entfernt und immer leiser wird.

himmelfahrt

Johannes schaut immer noch dem Leib nach, der zum Himmel auffährt. Und durch ein ihm von Gott gewährtes Wunder – um ihn zu trösten und ihn für seine Liebe zur Adoptivmutter zu belohnen – sieht er sehr genau, dass Maria, nun umhüllt von den Strahlen der aufgegangenen Sonne, aus der Ekstase, die die Seele vom Leib getrennt hatte, ins Leben zurückkehrt, sich aufrichtet und nun auch die Eigenschaften eines schon verherrlichten Leibes besitzt.

Johannes schaut und schaut. Das Wunder, das Gott ihm gewährt, verleiht ihm die Fähigkeit, entgegen allen natürlichen Gesetzen zu sehen, wie Maria jetzt rasch zum Himmel aufsteigt, umgeben, aber nicht mehr getragen von den jublilierenden Engeln. Und Johannes ist verzückt von dieser Vision, die keine menschliche Feder, kein menschliches Wort, kein Kunstwerk jemals beschreiben oder darstellen kann, da sie unbeschreiblich schön ist.

Johannes, immer noch auf das Mäuerchen der Terrasse gestützt, schaut und betrachtet diese immer höher hinaufschwebende, herrliche, leuchtende göttliche Gestalt – denn das darf man Maria wohl nennen, die Gott einzigartig erschaffen hat und unbefleckt wollte, damit sie das fleischgewordene Wort in sich trage. Und ein letztes, grösstes Wunder gewährt der Gott der Liebe diesem seinem vollkommen Liebenden: das Wunder, die Begegnung der heiligsten Mutter mit ihrem heiligsten Sohn zu sehen, der herrlich und strahlend in unbeschreiblicher Schönheit rasch vom Himmel herabkommt, der Mutter entgegen, und sie ans Herz drückt, worauf er mit ihr, beide strahlender als zwei leuchtende Sterne, dorthin zurückkehrt, von wo er gekommen ist. Nun sieht Johannes nichts mehr.


Auszug aus „Der Gottmensch“, Bd. XII von Maria Valtorta, mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören.

Marie kann die Zweitgeborene des Vaters genannt werden

Die heilige Jungfrau Maria ist das vollkommene Werk des Schöpfers

„Das Heil der Welt liegt in Maria“