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Augustinus – Kindheit und Jugend

08/11/2011

„Vor dir ist niemand sündenrein“

Erhöre mich, o Gott! Wehe über uns sündige Menschen! So spricht der Mensch, und du erbarmst dich seiner, weil du ihn, aber nicht die Sünde in ihm geschaffen hast. Wer erinnert mich wieder an die Sünden meiner Kindheit? Denn vor dir ist niemand sündenrein, auch das Kind nicht, das nur einen Tag auf der Welt gelebt hat. Wer erinnert mich (an meine Sünden, die ich damals begangen)? Jedes beliebige Kindlein, an dem ich das sehe, was meinem Gedächtnis entflohen? Wie sündigte ich also damals? Etwa, weil ich schreiend nach der Mutterbrust verlangte? Denn täte ich jetzt dasselbe, wenn auch nicht nach der Mutterbrust, so doch nach einer meinem Alter entsprechenden Speise gierig verlangend, würde mich da nicht mit vollem Rechte spottender Tadel treffen? Damals tat ich also Tadelnswertes; aber da ich den Tadel nicht verstehen konnte, war es gegen Herkommen und Vernunft, mich zu tadeln.

Zwar legen wir derartiges, wenn wir älter werden, ab und entfernen es. Denn nie sah ich einen Verständigen, der beim Sondern des Guten vom Schlechten auch das Gute mit preisgibt. Oder galt es seinerzeit auch für gut, mit Tränen das zu begehren, was mir, wäre es mir gewährt worden, zum Schaden gereicht hätte? Oder denen zu zürnen, die mir nicht untergeben waren, freien und älteren Leuten, oder den Eltern und vielen, die bei größerer Einsicht unserem Eigenwillen nicht willig Folge leisteten, ihnen mit Schlagen und Stoßen möglichst zu schaden, weil sie dem kindlichen Eigensinn ohne Schaden für uns nicht gehorchen konnten? So ist nur die Schwäche der kindlichen Gliedmaßen unschuldig, nicht die Kindesseele.

Foto: © Jessica Lucia, Flickr Creative Commons

Mit eigenen Augen beobachtete ich ein zorniges Kind; noch konnte es nicht sprechen und doch sah es bleich mit feindseligbitterem Blick auf seinen Milchbruder. Doch das weiß jeder. Mutter und Ammen sagen, daß sich das gäbe und durch irgendwelche Mittel verlöre. Ist es aber etwa auch Unschuld an der Quelle, die reichlich, ja überreichlich eine Fülle von Milch hervorströmen läßt, den der Hilfe so bedürftigen Bruder nicht zu dulden, der doch nur durch dies eine Nahrungsmittel sein Leben fristen kann? Doch man erträgt es in blinder Zärtlichkeit, nicht als ob es geringfügig oder von gar keiner Bedeutung wäre, sondern weil es sich mit den Jahren verlieren wird. Fände man dasselbe freilich bei einem älteren Menschen, so würde man es nicht mit dem Gleichmute ertragen wie in diesem Falle.

Du, mein Gott und Herr, der du dem Kinde Leben und Leib gabst, den du, wie wir sehen, ausstattetest mit den Sinnen, den du aus Gliedern zusammenfügtest und mit Schönheit schmücktest und dem du alle Triebe eines lebenden Wesens zur Erhaltung seines unversehrten Daseins eingepflanzt hast, dein Wille gebeut mir, dich dafür zu preisen und dir zu danken und deinem Namen, du Höchster, zu lobsingen, weil du bist der allmächtige und gütige Gott, auch wenn du nur das geschaffen, was niemand anders schaffen kann denn du allein, dem alles Dasein sein Sein verdankt, du Schönster, der du alles schön geschaffen rund alles ordnest nach deinem Gesetz.

Dieses Alter also, o Herr, von dessen Durchleben ich keine Ahnung habe, das ich nur nach anderer Glaubwürdigkeit und andern Kindern gefolgert habe, mag ich, obgleich diese Schlüsse vollen Glauben verdienen, kaum zu dem Leben rechnen, das ich in dieser Zeitlichkeit lebe. Denn der dunkle Schleier der Vergessenheit ruht darüber, gerade wie über jenem Leben, das ich verbracht in meiner Mutter Leibe. Doch wenn ich aus sündlichem Samen gezeuget und meine Mutter mich in Sünden empfangen hat, wo, mein Herr und Gott, o sage es mir, ich flehe dich an, wo oder wann war dein Knecht sündlos? Doch lassen wir jene Zeit, ist mir ja von ihr in meiner Erinnerung keine Spur zurückgeblieben.

Quelle: Hl. Augustinus (354-430 n. Chr.): „Bekenntnisse“, Buch 1

Die Bekehrung des Augustinus

„Im Vaterunser ist die ganze Vollkommenheit eines Gebetes vorhanden“ (2)

11/08/2010

Jesus sagt (Fortsetzung):

„Geheiligt werde dein Name.“

Wiederholt mit der gleichen Regung der Seraphim und aller Engelchöre, mit denen ihr euch in dem Lobpreis des Heiligen aller Heiligen vereint, diesen jubelnden, dankenden, gerechten Preisgesang. Wiederholt ihn, indem ihr daran denkt, dass Ich, Gott, der Sohn Gottes, ihn vor euch mit höchster Ehrerbietung und höchster Liebe dargebracht habe. Wiederholt ihn in Freude und Schmerz, in Licht und Finsternis, im Frieden und im Krieg. Selig die Kinder, die niemals an dem göttlichen Vater gezweifelt haben und in jeglicher Stunde, bei allem, was geschah, Ihm zu sagen wußten: „Gebenedeit sei Dein Name!“

„Dein Reich komme.“

Diese Vaterunser-Bitte sollte der Pendelschlag eures ganzen Lebens sein, und alles sollte sich um diese Bitte drehen. Das Reich Gottes in den Herzen, und von den Herzen in die Welt ausstrahlen, bedeutet nämlich: Wohlbefinden, Frieden und jede andere Tugend. Euer Leben soll ein immerwährendes Skandieren der Anrufung sein, dass dieses Reich komme. Es sollen freilich lebendige Anrufungen sein, das heißt, ihr sollt euer Leben lang so handeln, dass ihr euer stündliches Opfer auf dieses Ziel hin ausrichtet: Gut handeln bedeutet ja, die eigene Natur zu diesem Zweck aufzuopfern.


„Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.“

Das Himmelreich wird dem gehören, der den Willen des Vaters getan, nicht dem, der Worte über Worte gehäuft und sich schließlich gegen den Willen des himmlischen Vaters aufgelehnt und so die vorher gesagten Worte Lügen gestraft hat. Auch hiermit vereint ihr euch mit dem ganzen Paradies, welches den göttlichen Willen des Vaters ausführt. Und wenn die Bewohner des Himmelreiches diesen Willen erfüllen, wie könnt ihr euch dann eurerseits verweigern, die ihr doch einmal Bewohner dieses Reiches werden sollt?

Wer den Willen des Vaters tut, lebt in Gott. Wenn er in Gott lebt, kann er nicht irregehen, kann er nicht sündigen, kann er seine Wohnung im Himmel nicht verlieren, denn der Vater läßt euch nichts anderes als das Gute tun, und da es gut ist, euch vom Sündigen abhält und euch zum Himmel führt. Wer sich den Willen Gottes zu eigen macht und den eigenen aufgibt, erfährt schon auf Erden den göttlichen Frieden, die Mitgift der Seligen. Wer den Willen des Vaters tut und den eigenen perversen und verderbten Willen abtötet, ist kein bloßer Mensch mehr: er ist bereits ein von der Liebe und dem Leben in der Liebe bewegter Geist.

Ihr sollt mit gutem Willen euren Eigenwillen aus eurem Herzen reißen und an seine Stelle den Willen des göttlichen Vaters setzen.

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Auszug aus “Die Hefte 1943“ von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch

Das Gebet ist ein Akt der Liebe