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Hl. Rafael Arnaiz Baron (7)

05/11/2010

Am 11. Oktober 2009 wurde der spanische Trappist Rafael Arnaiz Baron (1911-1938) heilig gesprochen. Dieser mit 27 Jahren in der Abtei San Isidro de Duenas verstorbene Mystiker beeindruckt durch seine tiefe Spiritualität und sein einfaches und frohgemutes Wesen, mit dem er vertrauensvoll sein Kreuz auf sich nahm. Dank der freundlichen Genehmigung  der Herausgeberin und des Bernardus-Verlags, bei dem die Gesamtausgabe der Schriften des Heiligen bestellt werden können („Nur Gast auf Erden?“),  veröffentlichen wir hier Auszüge aus denselben.

Hl. Rafael Arnaiz Baron

(Den folgenden Brief schrieb er von seinem Elternhaus aus, nachdem er sein Noviziat wegen der plötzlich auftretenden Diabetes unterbrechen musste.)

An Rosa Calvo von Oviedo aus

15. September 1943 – Samstag – im Alter von 23 Jahren

Liebe Tante Rosa! Schon vor längerem wollte ich dir schreiben. Jetzt, da ich Gelegenheit dazu habe, weil ich außerhalb meiner geliebten Abtei lebe, greife ich zur Feder, um Dir kurz zu schreiben und Dir damit zu sagen, daß ich meine gute Rosica nicht vergesse, von der ich immer wieder annehme, daß sie Gott lobt mit jedem Stempel, den sie auf ihre Lotteriescheine setzt. Zuerst berichte ich dir von Merceditas [seine Schwester], der es – Gott sei Dank! – weiterhin besser geht, wenn auch sehr langsam. Sie ißt sehr gut, obwohl sie keinen Appetit hat. Der Arzt sagt, daß es leicht zu einer Lösung kommen wird.

In bezug auf den anderen, den Novizen, kann ich Dir sagen, daß er schon fast wiederhergestellt ist. Er ißt von allem und bekommt keine Medikamente mehr. Ich glaube, daß ich ihn bald sehen werde, wie er in seinem weißen Habit sein Leben in der ‚Trapa‘ wieder aufnimmt.

Liebe Tante Rosa, wenn Du wüßtest, wie sehr ich mich danach sehne! Manchmal denke ich, daß es nicht sehr vollkommen ist, wenn man einen solch heftigen Wunsch hegt. Aber wenn man einmal die Milde und Güte des Herrn erfahren hat, möchte man nichts anderes mehr. Was meinst Du? Wenn Du wüßtest, wie sehr Er mich liebt! Diese Krankheit, die Er mir geschickt hat, ist ein Beweis dafür. Das war auch so, als es mir so schlecht ging, daß ich dem Tode nahe war. Jetzt, wo ich neues Leben in mir spüre, höre ich nicht auf, Ihm für alles zu danken.

Was würde ich Dir nicht alles von der ‚Trapa‘ erzählen, wenn ich in Toro wäre! In jenem Toro, wo mein größtes Vergnügen darin bestand, in einer Lotterieverwaltung von frommen Dingen zu reden. Erinnerst Du Dich? In der ‚Trapa‘ habe ich manchmal vor dem Allerheiligsten an die Verwalterin des gelb angestrichenen Lotteriekiosks gedacht, wo es wenig Geld, aber viel Liebe zu Gott gab.

Du merkst schon, daß alles eintrifft, sogar das scheinbar Unmögliche, aber für Gott gibt es nichts, was unmöglich wäre [vgl. Mt 19,26]. Erinnerst Du Dich an jenen ‚kleinen dummen Jungen‘, der eines Tages mit seinem Onkel Polin ankam? Nun, auch wenn Du mich in Deinen Gedanken im weißen Habit und mit geschorenem Kopf vor Dir siehst, bin ich doch immer noch derselbe, und ich nehme an, daß ich mich in Deinen Augen nicht verändert habe.

Ich weiß nicht, ob wir uns eines Tages wiedersehen. Gott weiß es. Aber irgendwann werden wir dort im Himmel und zusammen mit der Jungfrau Maria unsere Gespräche über Gott wieder aufnehmen. Was kümmern uns die Dinge von hier unten? Meinst Du nicht auch? Wenn wir auch durch die Entfernung voneinander getrennt sind, sind wir vor dem Tabernakel sehr verbunden miteinander. Jesus im Altarsakrament ist ja derselbe in der Stiftskirche von Toro wie in der ‚Trapa‘ zu Venta de Banos. Vergiß nicht, hin und wieder vor Ihm für mich zu beten! Ich tue es auch für Dich. Er möge Dir Leid, Trübsal, Enttäuschungen, in einem Wort, Dein Kreuz schicken! Du siehst schon, daß ich Dich auf Trappistenart liebe; denn wenn die Liebe zu Gott uns Geschöpfe eint, so vereinigt uns das Kreuz, das der Herr trug, mit Ihm, und das soll uns wichtig sein. Und wenn man alles mit Liebe, Hingabe und Freude erduldet, was können wir dann noch weiter wünschen und erbitten? Nichts, Tante Rosa, nichts! Und wären wir so, wie wir sein sollten, würden wir nicht einmal darum bitten. Alles würde sich darauf beschränken, Seinen göttlichen Willen zu erfüllen.

Gut, entschuldige meine Predigt, aber – obwohl ich außerhalb meines Klosters lebe – der Trappist, der in mir steckt, kommt fast immer durch, ohne daß ich es beabsichtige.


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„Wer den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“

20/07/2010

(zum Evangelium vom 20. Juli 2010: Mt 12,46-50)

Ein Gemurmel, das weder Billigung noch Protest ausdrückt, geht durch die Menschenmenge, die nun schon so zahlreich ist, daß sie sogar auf der Straße außerhalb des Gartens steht. Viele Menschen sitzen auf der Mauer, auf dem Feigenbaum des Gartens und auf den Bäumen der Nachbargärten; denn alle wollen den Disput zwischen Jesus und seinen Feinden hören. Das Gemurmel geht, wie eine Welle, die sich zum Strand wälzt, vo Mund zu Mund bis zu den Aposteln, die Jesus am nächsten stehen. Es sind Petrus, Johannes, der Zelote und die Söhne des Alphäus; denn die anderen befinden sich teils auf der Terrasse, teils in der Küche. Nur Judas Iskariot hat sich unter die Menschen auf der Straße gemischt.

Und Petrus, Johannes, der Zelote und die Söhne des Alphäus greifen dieses Gemurmel auf und sagen zu Jesus: „Meister, deine Mutter und deine Brüder sind da. Sie sind auf der Straße und suchen dich, denn sie möchten mit dir reden. Gebiete den Leuten, Platz zu machen, damit sie zu dir gelangen können; denn sicher hat sie ein triftiger Grund veranlaßt, dich hier aufzusuchen.“

Jesus hebt das Haupt und sieht hinter der Menschenmenge das angsterfüllte Antlitz seiner Mutter, die gegen die Tränen ankämpft, während Joseph des Alphäus aufgeregt mit ihr spricht; er sieht, wie sie trotz des Drängens von Joseph immer wieder energisch Zeichen der Verneinung macht. Er sieht auch das verlegene Gesicht Simons, der sichtlich betrübt und angeekelt ist… Aber Jesus lächelt nicht und gebietet nichts. Er läßt die Betrübte in ihrem Schmerz und die Vettern dort, wo sie sind.

Er richtet die Augen auf die Volksmenge, und indem er den Aposteln in seiner Nähe antwortet, antwortet er auch den weiter entfernt Stehenden, die versuchen, der Blutsverwandschaft Vorrang gegenüber der Pflicht zu verschaffen.

„Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder?“

Er läßt seinen Blick über die Menge schweifen, mit ernstem, bleichem Gesicht wegen der Gewalt, die er sich antun muß, um die Pflicht über die Gefühle und das Blut zu stellen, um seine Bindung an die Mutter zu verleugnen, um dem Vater zu dienen, und sagt, indem er mit einer ausladenden Geste auf die Menge weist, die sich im roten Schein der Fackeln und im silbernen Mondlicht um ihn drängt: „Hier ist meine Mutter, hier sind meine Brüder. Jene, die den Willen Gottes tun, sind meine Brüder, meine Schwestern und meine Mutter. Andere habe ich nicht. Auch die Meinen werden es sein, wenn sie als erste und mit größerer Vollkommenheit als die anderen den Willen Gottes erfüllen bis zur gänzlichen Aufopferung jedes anderen Willens oder der Stimme des Blutes und der Zuneigung.“


Das Stimmengewirr in der Menge wird lauter, wie ein von einem plötzlichen Wind gepeitschtes Meer.

Die Schriftgelehrten beginnen zu fliehen und sagen: „Er ist ein Dämon! Er verleugnet sogar sein eigenes Blut!“

Die Verwandten drängen sich vor und rufen: „Er ist wahnsinnig! Er quält sogar seine Mutter!“

Die Apostel sagen: „Wahrlich, in diesen Worten liegt sein ganzer Heroismus.“

Die Menge sagt: „Wie sehr er uns liebt!“

Mit Mühe bahnen sich Maria, Simon und Joseph einen Weg durch die Menge. Maria ist ganz Sanftmut, Joseph ganz Wut, Simon ganz verlegen. Sie gelangen zu Jesus.

Und Joseph stellt ihn sofort zur Rede: „Bist du wahnsinnig? Du beleidigst alle. Du hast nicht einmal Respekt vor deiner Mutter. Aber nun bin ich hier und will es dir verwehren. Ist es wahr, daß du als Arbeiter da- und dorthin ziehst? Wenn dies wahr ist, warum arbeitest du nicht in deiner Werkstatt, um deine Mutter zu ernähren? Warum lügst du und sagst, daß deine Arbeit die Verkündigung ist, du Müßiggänger und undankbarer Mensch, wenn du doch zur Lohnarbeit in ein fremdes Haus gehst? Wahrlich, du scheinst von einem Dämon besessen zu sein, der dich verführt. Antworte!“

Jesus wendet sich um und nimmt den Knaben Joseph bei der Hand, zieht ihn zu sich, greift ihm unter die Achseln, hebt ihn hoch und sagt: „Meine Arbeit war, dieses hungrige Kind und seine Angehörigen zu ernähren und sie davon zu überzeugen, daß Gott gut ist. In Chorazim habe ich auf diese Weise Liebe und Demut gepredigt. Und nicht nur in Chorazim. Das gilt auch für dich, Joseph, ungerechter Bruder. Aber ich verzeihe dir, denn ich weiß dich von den Zähnen der Schlange gebissen. Und ich verzeihe auch dir, Simon, der du wankelmütig bist. Meiner Mutter habe ich nichts zu verzeihen, denn sie richtet mit Gerechtigkeit. Die Welt kann tun, was sie will. Ich tue, was Gott will! Und mit dem Segen meines Vaters und meiner Mutter bin ich glücklicher, als wenn mich die ganze Welt auf weltliche Art als ihren König ausrufen würde. Komm, Mutter. Weine nicht! Sie wissen nicht, was sie tun. Verzeihe ihnen.“

„Oh, mein Sohn! Ich weiß. Du weißt. Es gibt nichts weiter hinzuzufügen…“

„Es gibt nichts weiter zu tun, als den Menschen zu sagen: Geht hin in Frieden!“

Und Jesus segnet die Menge und begibt sich dann, an der rechten Hand Maria und an der linken Hand das Kind führend, zur Treppe und steigt als erster hinauf.

Auszug aus “Der Gottmensch“, Bd. V von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch