Posts Tagged ‘Lasst die Kinder zu mir kommen’

Jesus und die Kinder: in Kapharnaum

15/11/2011

Als sie zum kleinen Gestade von Kapharnaum kommen, werden sie von Kindergeschrei empfangen. Mit den nestbauenden Schwalben wetteifern die Kleinen, so sehr eilen sie vom Strand zu den Häusern und zwitschern dabei mit ihren hellen Stimmen, unbefangen, heiter und froh, wie nur Kinder es sein können, für die es ein wunderbares Erlebnis ist, ein totes Fischlein am Ufer oder ein von der Welle geschliffenes Steinchen zu finden, das in seiner Farbe einem Edelstein gleicht, zwischen Steinen eine Blume zu entdecken oder einen schillernden Käfer im Fluge einzufangen. Alles wundervolle Dinge, die man den Müttern zeigen muss, damit sie an der Freude ihrer Kinder teilnehmen.

Doch nun haben diese menschlichen Schwälbchen Jesus gesehen, der dabei ist, seinen Fuß an Land zu setzen, und alle eilen ihm flugs entgegen. Es ist eine wahrhaftige Lawine von Kindern, eine liebliche Kette zarter Kinderhände, ja, es ist die Liebe kindlicher Herzen, die nun Jesus überströmt, der von ihr umgeben, umfasst und wie durch ein wohltuendes Feuer erwärmt wird.

„Ich! Ich!“

„Ein Kuss!“

„Mir!“

„Auch mir einen Kuss!“

„Auch ich möchte einen haben!“

„Jesus, ich habe dich lieb!“

„Bleib nicht mehr so lange fort!“

„Ich bin jeden Tag hierher gekommen, um zu sehen, ob du wieder kommst.“

„Ich bin zu deinem Haus gegangen.“

„Nimm diese Blume. Sie war für meine Mutter, aber ich schenke sie dir.“

„Noch einen Kuss für mich, einen schönen, festen. Der erste hat mich nicht berührt, denn Jaël hat mich zurückgestoßen…“ Und die Stimmchen fahren fort zu zwitschern, während Jesus, umringt von diesem Netz von Zärtlichkeiten, versucht, vorwärtszukommen.

„So lasst ihn doch einen Augenblick in Ruhe! Weg! Genug!“ rufen Jünger und Apostel und versuchen, Jesus aus der Umklammerung zu befreien. Aber ja! Sie gleichen Lianen mit Saugnäpfen. Hier löst man sie los, dort hängen sie sich wieder an.

„Lasst sie gewähren! Mit etwas Geduld werden wir doch ankommen“, sagt Jesus lächelnd und macht unwahrscheinlich kleine Schritte, um voranzukommen, ohne auf die nackten Füßchen zu treten.

Was ihn schließlich aus der liebevollen Umklammerung befreit, ist das Erscheinen von Manaen mit anderen Jüngern, unter ihnen die Hirten, die in Judäa waren.

„Der Friede sei mit dir, Meister!“ donnert der mächtige Manaen in seinem prächtigen Gewand. Er trägt nun keinen Goldschmuck mehr an Stirn und Fingern, hat jedoch ein prächtiges Schwert an der Seite, das ehrfurchtsvolle Bewunderung bei den Kindern hervorruft, die angesichts dieses strammen Ritters im Purpurgewand und mit einer so erstaunlichen Waffe furchtsam zurückweichen. Das ermöglicht es Jesus, ihn und Elias, Levi, Matthias, Joseph, Johannes, Simon, und ich weiss nicht wie viele andere zu umarmen. (…)

Auszug aus “Der Gottmensch”, Bd. VI von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz:book@parvis.chwww.parvis.ch

Jesus und die Kinder: Alexander von Askalon

Jesus und die Kinder: Alexander von Askalon

14/06/2011

(Jesus und die Apostel haben die Küstenstadt Askalon betreten und Jesus sagt:)

„Wir wollen uns in vier Gruppen teilen. Ich gehe, das heisst, ich lasse euch gehen. Dann wähle ich. Geht! Nach der neunten Stunde treffen wir uns am Tor, durch das wir gekommen sind. Seid klug und geduldig!“

Jesus schaut ihnen nach. Er ist mit Judas Iskariot allein geblieben, der erklärt hat, dass er hier nicht reden wird, da die Leute schlimmer als die Heiden sind.

Als er aber hört, dass Jesus da und dorthin gehen will, ohne zu reden, überlegt er es sich anders und sagt: „Missfällt es dir nicht, allein zu bleiben? Ich möchte mit Matthäus, Jakobus und Andreas gehen; sie sind die Unbeholfensten…“

„Geh nur! Leb wohl!“

Und Jesus wandelt allein durch die Stadt. Er durchschreitet sie der Länge und der Breite nach, ohne dass die geschäftigen Menschen auf ihn aufmerksam werden. Nur zwei oder drei Kinder heben neugierig den Kopf, und eine nachlässig gekleidete Frau kommt ihm entschlossen und mit einem zweideutigen Lächeln entgegen. Doch Jesus blickt sie so streng an, dass sie purpurrot wird und, weitergehend, die Augen niederschlägt. An der Ecke wendet sie sich noch einmal um, und da ein Mann, der die Szene beobachtet hat, ihr beissende Worte des Spottes für ihre Niederlage zuwirft, hüllt sie sich in ihren Mantel und eilt davon.

Die Kinder jedoch umringen Jesus, sehen zu ihm auf und erwidern sein Lächeln. Das mutigste unter ihnen fragt: „Wer bist du?“

„Jesus“, antwortet er, indem er es liebkost.

„Was machst du?“

„Ich warte auf Freunde.“

„Von Askalon?“

„Nein, aus meinem Dorf und aus Judäa.“

„Bist du reich? Ich bin es. Mein Vater hat ein schönes Haus, in dem er Teppiche anfertigt. Komm, ich will es dir zeigen; es ist in der Nähe.“

Jesus folgt dem Kind in einen langen Hausflur, der wie eine überdachte Gasse ist. Im Hintergrund des halbdunklen Hausflurs glänzt ein Stückchen Meer in der Sonne. Sie begegnen einem schmächtigen Mädchen, das weint.

„Das ist Dina. Sie lebt arm, weisst du? Meine Mutter gibt ihr zu essen. Ihre Mutter kann nichts mehr verdienen. Der Vater ist schon gestorben, auf dem Meer. Bei einem Gewitter, als er von Gaza zum Hafen des grossen Flusses fuhr, um Waren abzuliefern und andere zu holen. Da die Waren meinem Vater gehörten und der Vater der Dina einer unserer Seeleute war, sorgt meine Mama nun für sie. Doch viele sind auf diese Weise ohne Vater geblieben… Was sagst du dazu? Es muss schlimm sein, ein Waisenkind und arm zu sein. 

Hier ist mein Haus. Sage nicht, dass ich auf der Strasse war. Ich hätte in der Schule sein müssen; aber man hat mich weggeschickt, weil ich die Kameraden mit dem da zum Lachen brachte…“ Er zieht ein wirklich lustiges, geschnitztes Püppchen aus dem Gewand, mit einem wahrhaft karikaturistischen, vorstehenden Kinn und einer langen Nase.

Jesus hat ein Lächeln auf den Lippen, aber er beherrscht sich und sagt: „Das ist doch nicht der Lehrer, nicht wahr? Und auch kein Verwandter! Das wäre nicht recht.“

„Nein, es ist der Synagogenvorsteher der Juden. Er ist alt und hässlich; wir ärgern ihn immer.“

„Auch das ist nicht recht. Er ist bestimmt viel älter als du und…“

„Oh, er ist ein sehr alter Mann, bucklig und blind; aber er ist so hässlich… Ich kann doch nichts dafür, dass er so hässlich ist!“

„Nein. Aber es ist schlecht, über einen Alten zu spotten. Auch du wirst als alter Mann hässlich sein; denn du wirst gebückt gehen, wenig Haare auf dem Kopf haben, halb blind sein; du wirst an Stöcken gehen und genauso ein Gesicht haben… Und dann? Würde es dir gefallen, von einem respektlosen Jungen verspottet zu werden?

Warum ärgerst du den Lehrer und störst die Kameraden? Das ist nicht recht! Wenn dein Vater es wüsste, würde er dich strafen und deine Mutter würde es schmerzen. Ich sage ihnen nichts. Aber du musst mir sofort zwei Dinge geben: das Versprechen, nicht mehr solche Spässe zu machen und diesen Hampelmann. Wer hat ihn gemacht?“

„Ich, Herr…“ sagt der Junge beschämt, nunmehr der Schwere seiner Fehler bewusst. Er fügt hinzu: „Ich mache sehr gerne Holzschnitzereien! Manchmal verfertige ich Blumen, wie sie auf Teppichen dargestellt sind, oder Drachen, Sphinxe und andere Tiere…“

„Das sollst du tun. Es ist so viel Schönes auf der Erde. Also gib mir dein Versprechen und den Hampelmann. Sonst sind wir keine Freunde mehr. Ich behalte ihn als Andenken an dich und werde für dich beten. Wie heisst du?“

„Alexander. Und du, was gibst du mir?“

Jesus hat immer so wenig! Aber er erinnert sich, dass er am Gewand eine sehr schöne Schnalle hat. Er sucht in seiner Tasche, findet sie, trennt sie vom Gewand ab und gibt sie dem Knaben. „Und nun gehen wir. Aber pass auf, auch wenn ich fortgehe, weiss ich doch alles. Wenn ich merke, dass du böse bist, dann komme ich zurück und erzähle alles deiner Mutter.“ Das Bündnis ist geschlossen.

Sie treten in das Haus. (…)

Auszug aus “Der Gottmensch”, Bd. IV von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz:book@parvis.chwww.parvis.ch