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Die Himmelfahrt des Herrn

13/05/2010

„… Alle, alle will ich bei diesem Abschied segnen. Und ich erbitte vom Vater die Belohnung für sie, die dem Menschensohn auf seinem schmerzhaften Weg Trost geschenkt haben. Gesegnet sei die Menschheit in ihrem auserwählten Teil, den es bei den Juden wie bei den Heiden gibt und der sich in der Liebe zu mir geoffenbart hat.

Gesegnet sei das Land mit seinen Kräutern und Blumen und seinen Früchten, die mir so oft Labung und Erquickung geschenkt haben. Gesegnet sei das Land mit seinen Wassern und seiner Wärme, seinen Vögeln und seinen Tieren, die oft den Menschen übertroffen und dem Menschensohn Trost gespendet haben. Gesegnet seist du, Sonne, und du, Meer, und ihr, Berge, Hügel und Ebenen. Gesegnet seid ihr, Sterne, die ihr mir beim nächtlichen Gebet und im Leiden Gesellschaft geleistet habt. Und du, Mond, der du mir auf meinen Pilgerwegen bei der Verkündigung des Evangeliums Licht gespendet hast. Alle, alle, sollt ihr gesegnet sein, ihr Geschöpfe und Werke meines Vaters, meine Gefährten in der Todesstunde, Freunde dessen, der den Himmel verlassen hat, um die bedrängte Menschheit von der Not der Sünde, die sie von Gott trennt, zu befreien. Auch ihr, unschuldige Werkzeuge meiner Passion, Dornen, Nägel, Holz und Stricke, sollt gesegnet sein, denn ihr habt mir geholfen, den Willen meines Vaters zu vollbringen.“

Was für eine mächtige Stimme Jesus hat! Sie breitet sich aus in der lauen ruhigen Luft wie der Klang angeschlagener Bronze. Sie breitet sich aus in Wellen über das Meer der Gesichter, die ihn aus allen Richtungen anschauen. Mir scheint, es sind Hunderte von Personen, die Jesus umgeben, der nun mit seinen Bevorzugten zum Gipfel des Ölbergs hinaufsteigt. Aber als er beim Lager der Galiläer angekommen ist, wo nun zwischen dem einen und dem anderen Fest keine Zelte stehen, befiehlt Jesus den Jüngern: „Sagt den Leuten, daß sie bleiben sollen, wo sie sind, und folgt mir dann.“

Er geht noch weiter hinauf, bis zum höchsten Punkt des Berges, der schon näher bei Bethanien als bei Jerusalem liegt. Um ihn herum sind seine Mutter, die Apostel, Lazarus, die Hirten und Margziam. Etwas weiter hinten die anderen Jünger, die einen Halbkreis bilden, um die Schar der Getreuen zurückzuhalten.

Jesus steht auf einem flachen, weißen Stein, der etwas über das Grün einer Lichtung emporragt. Die Sonne scheint auf ihn herab und läßt sein Gewand wie Schnee und sein Haar wie Gold leuchten. Die Augen strahlen in einem göttlichen Licht.

Er öffnet die Arme, wie zu einer Umarmung. Es scheint, als wolle er die ganze Menschheit an seine Brust ziehen, die sein Geist in dieser Volksmenge vertreten sieht.


Seine unvergeßliche, unnachahmliche Stimme gibt die letzte Anweisung: „Geht! Geht in meinem Namen und verkündet den Völkern das Evangelium bis an die äußersten Grenzen der Erde. Gott sei mit euch. Seine Liebe stärke euch, sein Licht leite euch, sein Friede wohne in euch bis zum ewigen Leben.“

Er verklärt sich in Schönheit. Schön! Schöner noch als auf dem Tabor. Alle fallen anbetend auf die Knie. Er sucht noch einmal das Gesicht seiner Mutter, während er sich schon von dem Stein, auf dem er steht, erhebt; und sein Lächeln strahlt eine Macht aus, die niemand je wiedergeben können wird… Es ist sein letzter Gruß an die Mutter. Er steigt und steigt… Die Sonne, die ihn nun noch ungehinderter küssen kann, da keinerlei Laubwerk ihren Strahlen mehr im Weg ist, trifft mit ihrem ganzen Glanz den Gottmenschen, der mit seinem allerheiligsten Körper zum Himmel auffährt, und läßt die glorreichen Wunden wie lebendige Rubine aufleuchten. Alles andere ist ein perlenschimmerndes Lächeln des Lichts. Es ist wahrhaft das Licht, das sich in diesen letzten Augenblicken offenbart als das, was es ist, wie in der Nacht der Geburt. Die Schöpfung erstrahlt im Licht des auffahrenden Christus, einem Licht, das die Sonne übertrifft, ein übernatürliches, beseligendes Licht, ein Licht, das vom Himmel dem aufsteigenden Licht entgegenkommt.

Und Jesus Christus, das Wort Gottes, entschwindet dem Blick der Menschen in diesem Ozean von Licht…

Auf der Erde nur zwei Laute im tiefen Schweigen der ekstatischen Menschenmenge: der Schrei Marias, als Jesus entschwindet: „Jesus!“, und das Weinen des Isaak.

Die anderen sind in andächtigem Staunen verstummt und stehen da wie in Erwartung, bis zwei lichtstrahlende Engel in menschlicher Gestalt erscheinen und die Worte sagen, die im ersten Kapitel der Apostelgeschichte berichtet werden.

Auszug aus “Der Gottmensch”, Bd. XII von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch

Jesus erscheint den Aposteln mit Thomas

10/04/2010

(zum Sonntags-Evangelium vom 11. April 2010: Joh 20,19-31)

Die Apostel sind im Abendmahlsaal versammelt. Sie sitzen um den Tisch, an dem das Abendmahl eingenommen wurde. Doch aus Ehrfurcht haben sie den Platz Jesu in der Mitte freigelassen.

Auch ist die Sitzordnung nicht mehr dieselbe, nun, da niemand mehr den Mittelpunkt bildet und die Plätze nach eigenem Ermessen oder aus Liebe verteilt. Petrus ist noch an seinem Platz. Aber auf dem Platz des Johannes sitzt jetzt Judas Thaddäus. Dann kommt der älteste der Apostel, Bartholomäus, dann Jakobus, der Bruder des Johannes, fast an der rechten Ecke der Tafel, von mir aus gesehen. Neben Jakobus, aber an der Schmalseite des Tisches, sitzt Johannes. Nach Petrus kommt Matthäus, und nach diesem Thomas. Dann Philippus, Andreas, Jakobus, der Bruder des Judas Thaddäus, und Simon der Zelote. Die Längsseite Petrus gegenüber ist leer, da die Apostel enger beisammensitzen als beim Ostermahl.

Die Fenster und Türen sind fest verriegelt. Die Lampe, an der nur zwei Flammen brennen, wirft ein mattes Licht auf den Tisch. Der Rest des großen Saales liegt im Halbschatten.

Johannes, hinter dem eine Anrichte steht, hat den Auftrag, den Gefährten herüberzureichen, was sie von der kargen Mahlzeit essen wollen: Fisch, der schon auf dem Tisch steht, Brot, Honig und kleine frische Käse. Als er sich wieder zum Tisch wendet, um dem Bruder den gewünschten Käse zu geben, sieht Johannes den Herrn.

Jesus ist auf ganz eigenartige Weise erschienen. Die Wand hinter den Tischgenossen, in der es außer der kleinen Tür in der Ecke keine Öffnung gibt, hat in der Mitte, etwa einen Meter über dem Boden, sanft und phosphoreszierend zu leuchten begonnen, wie es manche Bilder im Dunkeln tun. Der fast zwei Meter hohe, ovale Lichtschein erinnert an eine Nische. Aus diesem Leuchten, wie aus schimmernden Nebelschleiern, tritt Jesus immer deutlicher hervor.

Ich weiß nicht, ob ich es richtig erkläre. Es sieht aus, als würde sein Körper durch die Wand fließen. Denn sie öffnet sich nicht, sie bleibt kompakt. Doch der Körper kommt trotzdem durch die Wand. Das Licht scheint dem Körper vorauszugehen, um seine Nähe anzukündigen. Der Körper besteht zuerst nur aus leuchtenden Umrissen, so wie ich den Vater im Himmel und die heiligen Engel sehe: unkörperlich. Dann materialisiert er sich immer stärker und hat schließlich das Aussehen eines wirklichen Körpers. Seines verherrlichten Körpers.

Ich habe lange gebraucht, um es zu beschreiben, aber das Ganze hat sich in wenigen Augenblicken abgespielt. 

Jesus ist weiß gekleidet, so wie er bei der Auferstehung war und seiner Mutter erschienen ist. Er ist wunderschön, liebevoll und lächelt. Die Arme hält er gerade an den Seiten, in geringem Abstand vom Körper, die Fingerspitzen zeigen auf den Boden und die Handflächen sind den Aposteln zugekehrt. Die beiden Wunden der Hände gleichen diamantenen Sternen, von denen zwei außerordentlich helle Strahlen ausgehen. Die Wunden der Füße und der Seite sehe ich nicht, da sie unter dem Gewand verborgen sind. Aber durch den Stoff seines unirdischen Kleides schimmert Licht an den Stellen, wo es die göttlichen Wunden verbirgt. Zuerst scheint es, als sei Jesus ein Körper aus leuchtendem Mondlicht, dann, als er sich verdichtet und aus dem Schein heraustritt, nehmen Haar, Augen und Haut ihre natürliche Farbe an. Und er ist Jesus, der Gottmensch, aber um vieles feierlicher, nun, nach seiner Auferstehung.

Johannes bemerkt ihn, als er schon so aussieht. Kein anderer hat die Erscheinung wahrgenommen. Johannes springt auf, läßt den Teller mit dem runden Käse auf den Tisch fallen, stützt die Hände auf den Rand des Tisches, neigt sich leicht schräg, wie von einem Magnet angezogen, etwas über den Tisch und stößt ein leises, aber inbrünstiges „Oh!“ aus.

Die anderen, die beim Klirren des Käsetellers und Aufspringen des Johannes die Köpfe von ihren Tellern erhoben haben, sehen ihn überrascht an, als sie seine ekstatische Haltung bemerken und folgen seiner Blickrichtung. Sie drehen die Köpfe oder wenden sich ganz um, je nachdem, wo sie sitzen, und erblicken Jesus. Sie stehen gerührt und selig auf und eilen zu ihm, der noch mehr lächelt und auf sie zukommt. Dabei geht er nun wie ein gewöhnlicher Mensch auf dem Boden.

Jesus, der zuerst nur Johannes angesehen hat – und ich glaube, dass die Liebkosung dieses Blickes Johannes veranlaßt hat, sich umzudrehen – schaut nun alle an und sagt: „Der Friede sei mit euch.“

Nun umringen ihn alle, die einen auf den Knien zu seinen Füßen, und unter diesen sind Petrus und Johannes – Johannes küßt den Saum seines Gewandes und drückt ihn an seine Wange, wie um von ihm liebkost zu werden – die anderen stehen etwas weiter hinten, doch ehrfurchtsvoll und tief verneigt.

Petrus ist, um schneller beim Meister zu sein, mit einem Satz über den Tisch gesprungen, ohne abzuwarten, daß Matthäus ihn als erster verläßt und Platz macht. Ich muß zur Erklärung hinzufügen, daß es Sitze für zwei Personen sind.

Der einzige, der verlegen etwas abseits bleibt, ist Thomas. Er ist am Tisch niedergekniet, wagt nicht, näherzukommen, und es sieht vielmehr so aus, als wolle er sich hinter dem Tisch verbergen.

Da Caravaggio: Der ungläubige Thomas berührt die Wunden Jesu

Jesus, der den Aposteln seine Hände zum Kuß reicht – denn sie verlangen in heiligem, liebendem Eifer danach – läßt seinen Blick über die gebeugten Häupter schweifen, als suche er den elften. Aber er hat ihn vom ersten Augenblick gesehen und will Thomas nur ein wenig Zeit lassen, Mut zu fassen und heranzukommen. Da er sieht, daß der Ungläubige sich seines Zweifels schämt und nicht wagt, näherzutreten, ruft er ihn: „Thomas, komm her.“

Thomas hebt den Kopf, verwirrt und beinahe weinend, aber er hat nicht den Mut zu kommen. Er senkt den Kopf wieder. Jesus geht ein Stück auf ihn zu und sagt wiederum: „Komm her, Thomas.“

Die Stimme Jesu ist gebieterischer als beim ersten Mal. Thomas steht widerstrebend und verwirrt auf und nähert sich Jesus.

„Hier ist also der, der nicht glaubt, wenn er nicht sieht!“ ruft Jesus aus.

Doch in seiner Stimme liegt ein Lächeln der Vergebung. Thomas fühlt es, wagt es Jesus anzuschauen, und sieht, daß dieser wirklich lächelt. Da faßt er Mut und eilt zu ihm.

„Komm her, ganz nahe. Sieh! Lege einen Finger in die Wunden deines Meisters, wenn das Sehen dir nicht genügt.“ Jesus streckt ihm die Hände entgegen und öffnet das Gewand über der Brust, um die Seitenwunde zu entblößen.

Nun strahlen die Wunden kein Licht mehr aus. Sie strahlen nicht mehr, seit Jesus aus dem Halo aus Mondlicht herausgetreten ist und wie ein sterblicher Mensch zu gehen begonnen hat. Die Wunden erscheinen nun in ihrer grausamen Wirklichkeit: zwei unregelmäßige Löcher, von denen das linke bis zum Daumen reicht, das eine am Handgelenk und das andere auf der Handfläche, und ein langer, am oberen Ende nicht ganz gerader Schnitt in der Brust.

Thomas zittert, schaut und berührt die Wunden nicht. Er bewegt die Lippen, bringt jedoch kein Wort hervor.

„Gib mir deine Hand, Thomas“, sagt Jesus sehr sanft. Er ergreift die rechte Hand des Apostels mit seiner Rechten, nimmt den Zeigefinger und legt diesen tief in den Schnitt seiner linken Hand, um ihm zu zeigen, daß die Handfläche durchbohrt ist. Dann führt er die Hand zur Seitenwunde. Er nimmt nun die vier Finger an ihrem Anfang, an der Mittelhand, und legt diese vier großen Finger in die Seitenwunde, nicht nur an den Rand, sondern tief in die Wunde hinein. Dabei schaut er Thomas fest an.

Ein strenger und doch gütiger Blick, während er weiterspricht: „Lege deine Finger, die Finger und, wenn du willst, auch die Hand hier in meine Seitenwunde und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ So spricht Jesus, als er tut, was ich gerade beschrieben habe.

Carl Heinrich Bloch: Jesus erscheint dem zweifelnden Thomas

Thomas – es scheint, daß die Nähe des göttlichen Herzens, das er beinahe berührt, ihm Mut eingeflößt hat – gelingt es nun endlich zu reden und einige Worte hervorzubringen; er fällt mit erhobenen Armen auf die Knie und sagt mit von Reuetränen erstickter Stimme: „Mein Herr und mein Gott!“ Er weiß nichts anderes zu sagen.

Jesus verzeiht ihm. Er legt ihm die Rechte aufs Haupt und antwortet: „Thomas! Thomas! Nun glaubst du, da du gesehen hast… Selig, die an mich glauben und nicht sehen. Welcher Lohn wird diese erst erwarten, wenn ich euch belohnen muss, euch, deren Glaube das Sehen bestätigt?…“

Dann legt Jesus Johannes einen Arm um die Schultern und nimmt Petrus bei der Hand, um sich mit ihnen zum Tisch zu begeben. Er setzt sich an seinen Platz. Nun sitzen sie wie am Abend des Ostermahles. Aber Jesus will, daß Thomas sich neben Johannes setzt.

„Eßt, Freunde“, sagt Jesus.

Auszug aus “Der Gottmensch”, Bd. XII von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch