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Hl. Rafael Arnaiz Baron (8)

08/11/2010

Am 11. Oktober 2009 wurde der spanische Trappist Rafael Arnaiz Baron (1911-1938) heilig gesprochen. Dieser mit 27 Jahren in der Abtei San Isidro de Duenas verstorbene Mystiker beeindruckt durch seine tiefe Spiritualität und sein einfaches und frohgemutes Wesen, mit dem er vertrauensvoll sein Kreuz auf sich nahm. Dank der freundlichen Genehmigung  der Herausgeberin und des Bernardus-Verlags, bei dem die Gesamtausgabe der Schriften des Heiligen bestellt werden können („Nur Gast auf Erden?“),  veröffentlichen wir hier Auszüge aus denselben.

Hl. Rafael Arnaiz Baron

 

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An Rosa Calvo von Oviedo aus (Teil 2)

Ich schicke Dir zwei Fotos aus der Zeit vor meinem Klostereintritt… Ich schicke sie Dir, nicht weil Dich meine armselige Person interessieren könnte, sondern damit Du sie zwischen Deine Papiere steckst und – wenn Du wieder auf sie stößt – dem Herrn sagst: „Herr, dieser hier – in dieser ‚Aufmachung‘ und mit diesem Schnurrbart – ließ alles zurück, um Dir zum Kalvarienberg hinauf zu folgen. Ich bitte Dich nicht darum, daß Du ihn erhörst, da er es nicht verdient, aber Herr, schau ihn hin und wieder mit Erbarmen an!“ Wenn Du dem Herrn das ab und zu sagst, bin ich vollauf zufrieden, Tante Rosa.

Ich sage Dir nicht, daß Du mir schreiben sollst, weil ich weiß, daß Du sehr schlecht siehst. Fühl Dich mir gegenüber zu nichts verpflichtet! Und wenn ich Dir schreibe, ist es, weil es mich von innen heraus dazu drängt und weiter nichts.

Sag Oma und Tante Maria, daß ich ihnen bald schreibe, um ihnen wieder Nachricht über Merceditas zu geben. Das arme Mädchen! Auch sie liebt der Herr sehr. Aber gut, wen liebt Gott nicht? Es ist nicht zu fassen, daß wir es nicht merken, uns mit so vielen Dingen beschäftigen und abmühen und einen so guten Gott hingegen vergessen!

Ich versichere Dir, daß nach einer Zeit in der ‚Trapa‘, wo sich alles um Jesus und die Jungfrau Maria dreht, wo man in Gemeinschaft lebt mit Menschen, die die Welt und ihre Trübsal vergessen haben, und deren einziges Streben darin besteht, heilig zu werden, und nachdem man sich ihrem Lebensstil angepaßt hat, mit ihnen auf dem rauhen Pfad des hl. Benedikt kämpft – gut, das mit dem ‚rauh‘ sagt man so; mir kommt es nicht so schlimm vor -, nun also, was ich Dir sagen wollte: nachdem man erkannt hat, daß alles, wirklich alles darauf ausgerichtet ist, Gott die größere Ehre zu geben und man dann sieht, daß der Welt die Absichten des Herrn fremd sind… Es schmerzt, Tante Rosa, wenn man bemerkt, wie blind die Menschen sind.

Aber was können wir tun? Ich bin nicht der Ansicht, daß die Menschen schlecht sind. Ich habe alle gern, und es tut mir weh, wenn ich sehe, wie die Menschheit leidet, wo sie doch das Mittel zur Behebung allen Übels in so unmittelbarer Nähe hat. Es würde genügen, ein wenig nach oben zu schauen. Wie viele Tränen würden im Blick auf Jesus getrocknet! Wieviel Trost im Leid erfahren! Aber wohin man auch schaut: es gibt Haß unter den Menschen. Alle oder fast alle sind beschäftigt mit niederträchtigem und elendem Streben nach Gewinn, ohne die Augen zu Gott zu erheben, so als existiere Er für sie nicht und als würde Er sie nicht eines Tages richten. Das ist sehr traurig! Muß man Trappist sein, um das zu begreifen? Nein, man muß es nicht, um über all diese Menschen zu weinen. Der Trappist sieht es vielleicht deutlicher, so wie ich es jetzt sehe. Aber es genügt, nur einen Schimmer des göttlichen Lichtes zu erblicken, um es zu erkennen und die große Finsternis zu sehen, die in der Welt herrscht. Du siehst das auch, nicht wahr, Tante Rosa? Aber gut, ich weiß nicht, warum ich Dir das alles sage; vielleicht, weil es tief in mir sitzt. Und wenn es stimmt, daß wir Gott lieben, muß es uns schmerzen, wenn wir so viele Menschen sehen, die ihn nicht einmal kennen.

Das ist das Apostolat des Trappisten: für die bitten, die nicht beten, und Gott lieben, weil sie Ihn nicht lieben. Und wenn Dir jemand sagt, die Ordensleute seien Egoisten und würden nur an ihre eigene Rettung denken, dann sag ihnen, daß Du einen Trappisten kennst, der für sich selbst um nichts bittet, und daß er sein Leben Gott geweiht hat, um so viele Beleidigungen, die Gott zugefügt werden, wiedergutzumachen.

Gut, Tante Rosa, ich will nicht lästig werden. Möge Gott mich bald in meine ‚Trapa‘ zurückführen, damit ich von neuem meine Hacke ergreifen und dort im Schweigen, und ohne daß die Welt es bemerkt, wieder für alle bitten kann, auch für die Lotterieverkäuferin von Toro, für jene arme Frau, die Du kennst, mit ihrem weißen Haar, mit ihren so schlechten Augen, mit ziemlich vielen Jahren auf dem Rücken und – so glaube ich – mit reichlich viel Liebe zu Gott.

Nimm also alle Liebe entgegen von Deinem Bruder

Rafael

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Hl. Rafael Arnaiz Baron (1)

16/08/2010

Am 11. Oktober 2009 wurde der spanische Trappist Rafael Arnaiz Baron (1911-1938) heilig gesprochen. Dieser bereits mit 27 Jahren in der Abtei San Isidro de Duenas verstorbene Mystiker beeindruckt durch seine tiefe Spiritualität und sein einfaches und frohgemutes Wesen, mit dem er vertrauensvoll sein Kreuz auf sich nahm. Bruder Rafael wird einer der Patrone des Weltjugendtages 2011 in Madrid sein.

Hl. Rafael Arnaiz Baron

Wir danken dem CHRISTIANA-Verlag (CH-8260 Stein am Rhein, www.christiana.ch, info@christiana.ch, Tel. +41- 52 741 41 31) und der Autorin Ingrid Mohr P.I.J. für die Erlaubnis, den nachfolgenden Auszug aus den persönlichen Aufzeichnungen von Bruder Rafael vom 12. Dezember 1936 aus dem Büchlein „Ein Lichtstrahl Gottes“ hier veröffentlichen zu dürfen:

Die Pirouetten der Rüben

Drei Uhr nachmittags an einem regnerischen Tag im Monat Dezember. Es ist Arbeitszeit und da heute Samstag ist und klirrende Kälte herrscht, ziehen wir nicht aufs Feld hinaus. Wir arbeiten in einem Raum, in dem Linsen aussortiert, Kartoffeln geschält, Kohlköpfe kleingeschnitten werden usw. – wir nennen ihn „das Laboratorium“. Darin gibt es einen langen Tisch und einige Bänke, ein Fenster und darüber ein Kreuz. Der Nachmittag, den ich heute erlebe, ist trüb und traurig erscheint mir alles.

Man hat mir ein Messer in die Hand gegeben und vor mich hin einen Korb mit einer Art von sehr grossen weissen Möhren gestellt, die sich als Rüben entpuppen. Die Zeit vergeht schleppend und auch mein Messer fährt nur langsam zwischen Schale und Fleisch der Rüben hindurch, die ich wunderschön geschält beiseite lege.

Warum nur habe ich mein Elternhaus verlassen und bin hergekommen, um in dieser Kälte diese so hässlichen Dinger zu schälen!! Es ist wirklich lächerlich, mit der Ernsthaftigkeit eines Trauerbeamten Rüben zu schälen. Ich erinnere mich an mein Zuhause, an meine Eltern und Geschwister, an meine Freiheit, die ich zurückgelassen habe, um mich hier zwischen Linsen, Kartoffeln, Kohlköpfen und Rüben einzusperren. Es ist ein trüber Tag. Meine Hände sind gerötet und meine Füsse vor Kälte erstarrt… Und die Seele? Herr, vielleicht leidet die Seele ein wenig… Suchen wir Zuflucht in der Stille!

Die Zeit verging mit meinen Gedanken, den Rüben und der Kälte. Plötzlich und schnell wie der Wind dringt ein helles Licht in meine Seele, ein göttliches Licht, Sache eines Augenblicks… Jemand fragt mich, was ich tue. Was ich tue? Heiligste Jungfrau, was für eine Frage! Rüben schälen…, Rüben schälen! Wozu? – Und das Herz macht einen Sprung und antwortet, ohne gross nachgedacht zu haben: Ich schäle Rüben aus Liebe – aus Liebe zu Jesus Christus!

Ich kann nichts sagen, was man wirklich begreifen könnte. Aber dort drinnen, tief drinnen in der Seele löste ein ganz grosser Friede die Verwirrung ab, die ich vorher empfunden hatte. Ich kann nur sagen, dass man die kleinsten Dinge des Lebens in Akte der Liebe zu Gott verwandeln kann…, dass das Schälen einiger Rüben aus echter Liebe zu Gott, Ihm genau so viel Ehre und uns ebenso viele Verdienste erwirken kann wie die Eroberung Amerikas. Der Gedanke daran, dass ich einzig und allein durch seine Barmherzigkeit das grosse Glück habe, etwas für Ihn zu leiden, ist etwas, das die Seele mit einer solchen Freude erfüllt, dass ich – wenn ich mich von meinem inneren Drang hätte leiten lassen – am liebsten angefangen hätte, Rüben nach rechts und links zu werfen, um diesen armen Wurzeln des Erdbodens die Freude meines Herzens zu vermitteln… Ich hätte echte Jongleurkunststücke mit den Rüben, dem Messer und der Schürze zustande gebracht.

Bruder Rafaels Zisterzienserkloster San Isidro de Duenas

Als die Arbeit begann, bedeckten Wolken der Traurigkeit den Himmel. Die Seele litt, als sie sich am Kreuz sah; alles belastete sie sehr: die Regel, die Arbeit, das Schweigen, der Mangel an Licht an einem so trüben Tag, so grau und so kalt; der Wind, der durch die Fenster blies; der Regen und der Schlamm; das Fehlen der Sonne… Und die Welt: so weit weg…, so weit entfernt. Und ich schälte währenddessen Rüben, ohne an Gott zu denken.

Aber alles geht vorüber, sogar die Versuchung… Die Zeit verging, schon trat Ruhe ein, schon wurde es licht. Nun ist es mir einerlei, ob der Tag kalt ist, ob es Wolken gibt, der Wind bläst oder die Sonne scheint. Mir geht es darum, meine Rüben zu schälen, ruhig, glücklich und zufrieden, auf die Jungfrau Maria zu schauen und Gott zu preisen.

Was soll die Betrübnis eines Augenblicks, das Leid einer kurzen Zeit!… Ich kann sagen, dass es keinen Schmerz gibt, der nicht seinen Ausgleich hätte in diesem oder im anderen Leben, und dass in Wirklichkeit sehr wenig von uns verlangt wird, um den Himmel zu verdienen. Hier in einer Trapa ist es vielleicht leichter als in der Welt, aber in der Welt hat man die gleichen Möglichkeiten, Gott etwas anzubieten. Lasst uns die Zeit gut nutzen! Lasst uns dieses gesegnete Kreuz lieben, das der Herr auf unsern Weg stellt, wie immer es auch sei oder sein wird!

Nützen wir die kleinen Dinge des täglichen Lebens, des gewöhnlichen Lebens! Um grosse Heilige zu sein, bedarf es nicht grosser Dinge; es genügt, die kleinen Dinge auf grossartige Weise zu tun.

In der Welt wird vieles versäumt, aber das kommt daher, dass sie den Menschen ablenkt… Es hat ebensoviel Wert, Gott in der Welt im Sprechen zu lieben wie in der Trapa im Schweigen. Wichtig ist, etwas für Ihn zu tun, sich an Ihn zu erinnern. Der Ort, die soziale Stellung und die Tätigkeit sind unwichtig. Gott kann mich  heilig machen, ob ich nun Kartoffeln schäle oder ein Reich regiere.

Als die Arbeit beendet war und ich im Gebet zu Jesus ging, stellte ich dort einen Korb mit fein geschälten, sauberen Rüben nieder… Ich hatte Ihm nichts anderes anzubieten; aber Gott genügt das, was Ihm mit ganzem Herzen geschenkt wird, seien es nun Rüben oder Kaiserreiche.

Wenn ich das nächste Mal Wurzeln schäle, egal welcher Art, auch wenn sie kalt und eisig sein sollten, bitte ich Maria darum, mir Engel vom Himmel zu schicken, die ihr rote Möhren und Jesus weisse Rüben, Kartoffeln und Zwiebeln, Kohl- und Salatköpfe zu Füssen legen…

Kurz und gut: sollte ich viele Jahre in der Trapa leben, mache ich aus dem Himmel eine Art Gemüsemarkt. Und wenn mich der Herr dann ruft und mir sagt: „Jetzt genug mit der Schälerei… Lass das Messer und die Schürze fallen und komm, um dich an dem zu erfreuen, was du getan hast!“… Wenn ich dann im Himmel bin bei Gott und unter all den Heiligen und zwischen so vielem Gemüse…, Herr Jesus, dann werde ich nicht anders können: dann werde ich lachen müssen!

Bücher mit den Schriften des Heiligen oder über ihn sind beim Christiana-Verlag und beim Bernardus-Verlag erhältlich.

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