Posts Tagged ‘Pharisäer’

Die Rede über das Himmelsbrot: „Ich bin das Brot des ewigen Lebens“ (2)

18/08/2012

zum Evangelium vom 19. August 2012: Joh 6,51-58

„Aber wie kannst du uns dein Fleisch zu essen geben? Für wen hälst du uns? Für blutdürstige Bestien? Für Wilde? Für Mörder? Uns widerstreben Blut und Verbrechen.“

„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Viele Male ist der Mensch schlimmer als das wilde Tier, und die Sünde lässt ihn mehr als nur wild und tierisch werden. Der Hochmut lässt in ihm ein mörderisches Verlangen aufkommen, und nicht allen hier Anwesenden widerstrebt das Blut und das Verbrechen. Auch in Zukunft wird der Mensch so sein, weil Satan, die Sinnlichkeit und der Hochmut ihn wild und tierisch werden lassen. Daher muss der Mensch jetzt und in Zukunft mehr denn je sich selbst von schrecklichen Keimen heilen, durch die Eingebung des Heiligen.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht essen und sein Blut nicht trinken werdet, werdet ihr das ewige Leben nicht in euch haben. Wer aber würdig mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag. Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise, und mein Blut ist wahrhaft ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm. Wie der lebendige Vater mich gesandt hat, und ich durch den Vater lebe, so wird der, der mich isst, durch mich leben und hingehen, wohin ich ihn sende; und er wird tun, was ich von ihm verlange, und als Mensch ein sittenstrenges Leben führen; glühend wie ein Seraphim und heilig wird er sein, denn um mein Fleisch essen und mein Blut trinken zu können, wird er die Sünde meiden und sich immer mehr erheben, um seinen Aufstieg schließlich zu Füßen des Ewigen zu beenden.“

Auszug aus “Der Gottmensch″, Bd. VI von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.chwww.parvis.ch

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Jesu Unterredung mit einem Schriftgelehrten

21/07/2012

zum Evangelium vom 22. Juli 2012: Markus 6,30-34

(…) und Jesus geht zu der Menge der Kranken, die ihn mit sehnsuchtsvollen Gesichtern erwarten; er heilt einen nach dem anderen, gütig und geduldig auch einem Schriftgelehrten gegenüber, der ihm sein krankes Kind vorstellt.

Dieser Schriftgelehrte sagt ihm: „Siehst du? Du fliehst. Aber es ist unnütz. Hass und Liebe sind klug im finden. Hier hat dich die Liebe gefunden, wie es im Hohenlied geschrieben steht. Du bist ja schon für viele wie der Bräutigam des Hohenliedes. Und man kommt zu dir, wie Sulamith dem Bräutigam trotz der Runden der Wächter und der Viergespanne des Amminadab entgegengeht.“

„Warum sagst du das? Warum?“

„Weil es wahr ist! Es ist gefahrvoll, zu dir zu kommen, denn du bist verhasst. Weisst du denn nicht, dass du in der Gunst Roms stehst, und der Tempel dich hasst?“

„Warum versuchst du mich, Mann! Du legst Arglist in deine Worte, um dem Tempel und Rom meine Antworten zu bringen. Ich habe deinen Sohn nicht aus Arglist geheilt…“

Der Schriftgelehrte neigt, durch den sanften Vorwurf verwirrt, das Haupt und bekennt: „Ich sehe, dass du wirklich die Herzen der Menschen kennst. Verzeih… Ich sehe, dass du wirklich heilig bist. Verzeih! Ich bin hierher gekommen, um in mir die Hefe gären zu lassen, die andere in mich gestreut haben…“

„Und die in dir die geeignete Wärme gefunden hat, um aufzugehen.“

„Ja, das ist wahr… Aber jetzt gehe ich ohne Hefe im Herzen weg. Oder besser gesagt, mit einer neuen Hefe.“

„Ich weiss es. Ich trage dir nichts nach. Viele sind durch eigenen Willen schuldig, viele durch den Willen anderer. Und der gerechte Richter wird verschiedene Maßstäbe anlegen, wenn er über sie urteilen wird. Du, Schriftgelehrter, sei gerecht und verführe in Zukunft nicht, wie du verführt worden bist. Wenn die Welt Druck auf mich ausübt, dann betrachte die lebendige Gnade, die dein Sohn ist, der vom Tod errettet wurde, und sei Gott dankbar!“

„Dir!“

„Gott! Ihm gebührt alle Ehre und Preis. Ich bin sein Messias und preise ihn als erster. Ich gehorche ihm als erster. Denn der Mensch erniedrigt sich nicht, wenn er Gott in Wahrheit verehrt, aber er entwürdigt sich, wenn er der Sünde dient.“

„Du sagst es gut. Sprichst du immer so? Für alle?“

„Für alle! Ob ich zu Annas, zu Gamaliel oder zu einem bettelnden Aussätzigen auf einer Bahre rede, die Worte sind immer dieselben, weil es nur eine Wahrheit gibt.“

„Rede also, da wir alle hier sind, um ein Wort oder eine Gunst von dir zu erbitten.“

„Ich werde reden. Damit man nicht sagen kann, dass ich voreingenommen bin gegen den, der ehrlich in seinen Überzeugungen ist.“

„Die ich gehabt habe, sind schon dahin. Aber es ist wahr, ich war ehrlich in ihnen. Ich glaubte Gott einen Dienst zu erweisen, als ich dich bekämpfte.“

„Du bist aufrichtig. Und deshalb verdienst du, Gott zu verstehen, der niemals Lüge ist. Doch deine Überzeugungen sind noch nicht gestorben, ich sage es dir. Nur oberflächlich gesehen scheinen sie abgestorben zu sein; denn sie sind wie verbranntes Unkraut, dessen Wurzeln noch leben und vom Erdreich genährt werden. Der Tau lädt sie ein, neue Triebe zu bilden und diese wiederum, neue Blätter. Du musst darüber wachen, dass dies nicht geschieht, sonst wirst du aufs neue vom Unkraut überwuchert. Israel stirbt sehr schwer.“

„Muss Israel also sterben? Ist es eine schlechte Pflanze?“

„Es muss sterben, um auferstehen zu können.“

„Eine geistige Reinkarnation?“

„Eine geistige Entfaltung! Es gibt keine Reinkarnationen, bei keiner Art.“

„Manche glauben aber daran.“

„Sie sind im Irrtum!“

„Der Hellenismus hat auch in uns einen solchen Glauben aufkommen lassen. Die Gelehrten weiden sich daran und rühmen sich seiner wie einer vornehmen Speise.“

„Es handelt sich um den absurden Widerspruch derer, die den Fluch über jeden aussprechen, der eine der sechshundertdreizehn kleinen Vorschriften übertreten hat.“

„Das ist wahr. Aber… so ist es. Man macht gerne nach, was man doch im Grunde hasst.“

„Dann ahmt mich nach, da ihr mich hasst. Es wird besser für euch sein.“

Der Schriftgelehrte muss notgedrungen über diese Folgerung Jesu lachen. Das Volk steht mit offenem Mund da und hört zu, und die entfernter Stehenden lassen sich von ihren Nachbarn die Worte der beiden wiederholen. (…)

Auszug aus “Der Gottmensch″, Bd. V von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.chwww.parvis.ch

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„Ich allein bin das Tor“

15/05/2011
(zum Sonntags-Evangelium vom 15. Mai 2011: Johannes 10,1-10)

(…) Wie immer werden die Pharisäer durch die Zustimmung des Volkes nur noch giftiger und beissender im Ton, in dem sie sich an Christus wenden: „Antworte, ohne so viel Worte zu verlieren, und beweise uns, dass du der Messias bist.“

„Wahrlich, wahrlich ich sage euch, ich bin es. Ich, ich allein bin das Tor zum Schafstall der Himmel. Wer nicht durch mich hindurchgeht, kann nicht in das Himmelreich eingehen. Es ist wahr, dass falsche Messiasse gekommen sind, und andere werden noch kommen. Aber der einzige und wahre Messias bin ich. Alle, die bisher gekommen sind und sich so genannt haben, waren es nicht. Sie waren lediglich Diebe und Räuber. Und das gilt nicht nur für jene, die sich von wenigen Gleichgesinnten Messias nennen liessen, sondern auch für die, die ohne diesen Namen anzunehmen eine Anbetung verlangen, die nicht einmal dem wahren Messias zuteil wird. Wer Ohren hat zu hören, der höre.

Aber nun gebt acht. Weder den falschen Messiassen noch den falschen Hirten und Meistern haben die Schafe Gehör geschenkt, denn die Seelen fühlten die Falschheit ihrer Stimmen, die sanft erscheinen wollten, in Wirklichkeit aber grausam waren. Nur die Böcke sind ihnen gefolgt, um bei ihren Schurkereien mitzuwirken. Wilde, ungezähmte Böcke, die nicht in den Schafstall Gottes, unter das Szepter des wahren Königs und Hirten kommen wollen. Denn dieser ist nunmehr in Israel. Und er, der König der Könige, wird zum Hirten der Herde, während früher einmal einer, der der Hirte der Herden war, König wurde; und der eine wie der andere entspringen einer einzigen Wurzel, der Wurzel Jesse, wie es geschrieben steht in den Verheissungen und Prophezeiungen. Die falschen Hirten sprachen weder aufrichtige Worte noch vollbrachten sie Worte des Trostes. Sie haben die Herde zerstreut und gequält, sie den Wölfen überlassen oder sie sogar getötet, sie ausgenützt und verkauft, um ihres eigenen Lebens sicher zu sein. Oder sie haben ihr die Weide entzogen, um daraus Stätten des Vergnügens und Götzenhaine zu machen.

Wisst ihr, wer die Wölfe sind? Es sind die bösen Leidenschaften, die Laster, die die falschen Hirten die Herde gelehrt haben und denen sie als Erste frönten. Und wisst ihr, was ich mit den Götzenhainen meine? Es ist die Eigensucht, die allzu viele mit Weihrauch beräuchern. Die anderen beiden Dinge bedürfen der Erklärung nicht, denn sie ergibt sich klar genug aus dem schon Gesagten. 

Aber dass die falschen Hirten so handeln ist logisch. Sie sind nichts als Räuber, die kommen um zu rauben, zu töten und zu zerstören, um die Schafe aus dem Stall auf trügerische Weiden oder in falsche Schafställe zu führen, die nichts anderes sind als Schlachthäuser. Die dagegen, die zu mir kommen, sind in Sicherheit. Sie können hinausgehen auf meine Weide oder wieder hereinkommen zu meinen Ruhestätten, um sich dort durch heilige und gesunde Nahrung zu stärken. Denn dazu bin ich gekommen. Meine Schafe, die bisher mager und betrübt waren, sollen nun das Leben haben, überreiches Leben, Leben des Friedens und der Freude. Und so sehr wünsche ich dies, dass ich gekommen bin, um mein eigenes Leben hinzugeben, auf dass meine Schafe das vollkommene, überreiche Leben der Kinder Gottes haben. (…)“

Auszug aus “Der Gottmensch″ Band IX von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.chwww.parvis.ch

„Wehe den Hirten, die sich selbst weiden


Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner

23/10/2010
zum Sonntagsevangelium vom 24. Oktober 2010: Lukas 18,9-14

„… Nachdem sie ihre Angelegenheiten erledigt hatten, stiegen die beiden zum Tempel hinauf, und als sie am Opferkasten vorüberkamen, zog der Pharisäer ostentativ einen großen Geldbeutel aus seiner Brusttasche und schüttete den Inhalt bis zum letzten Heller in den Tempelschatz. In dieser Geldbörse waren vor allem die Geldstücke, die er den Kaufleuten abverlangt hatte, und der Erlös für das Öl, das er dem Verwalter abgenommen und sofort an einen Händler verkauft hatte. Der Zöllner hingegen warf eine Handvoll kleiner Münzen hinein und behielt soviel zurück, als er für die Rückreise in die Heimat benötigte. Der eine wie der andere gaben alles, was sie hatten. Scheinbar war sogar der Pharisäer der Großzügigere, da er alles bis zum letzten Heller hergab. Aber man muß bedenken, daß er in seinem Palast noch viel Geld hatte und außerdem Kredit bei reichen Geldwechslern.

Dann begaben sich beide vor den Herrn. Der Pharisäer ging nach vorn, bis zur Grenze des Atriums der Hebräer vor dem Heiligtum. Der Zöllner blieb hinten stehen, fast unter dem Gewölbe, das zum Vorhof der Frauen führt. Er stand da, gebeugt und niedergeschmettert bei dem Gedanken an sein Elend im Vergleich zur göttlichen Vollkommenheit. Beide beteten.


Der Pharisäer stand aufrecht, fast anmaßend da, als ob er der Hausherr wäre, der sich herabläßt, einen Besucher zu empfangen, und sprach: „Sieh, ich bin gekommen, um dich in dem Haus zu verehren, das unser Ruhm ist. Ich bin gekommen, obwohl ich fühle, daß du in mir bist, da ich ein Gerechter bin. Ich bin kein Räuber. Ich bin nicht ungerecht, kein Ehebrecher und kein Sünder, wie jener Zöllner dort, der fast gleichzeitig mit mir eine Handvoll Kupermünzen in den Schatz geworfen hat. Ich, du hast es gesehen, habe dir alles gegeben, was ich bei mir hatte. Dieser Geizhals dagegen hat zwei Teile gemacht und dir den kleineren gegeben. Den anderen Teil wird er wohl für Schwelgereien und für Frauen behalten haben. Ich bin rein. Ich beflecke mich nicht. Ich bin rein und gerecht, faste zweimal in der Woche und bezahle den Zehnten von allem, was ich besitze. Ja, ich bin rein, gerecht und gesegnet, weil ich heilig bin. Erinnere dich daran, Herr.“

Der Zöllner in seinem entfernten Winkel wagte kaum, die Augen zu den kostbaren Pforten des Heiligtums zu erheben. Er schlug an seine Brust und betete so: „Herr, ich bin nicht würdig, an diesem Ort zu stehen. Aber du bist gerecht une heilig, und du gestattest es mir, weil du weißt, daß der Mensch ein Sünder und ein Teufel wird, wenn er nicht zu dir kommt. Oh, mein Herr, ich möchte dich ehren Tag und Nacht, aber ich bin so viele Stunden der Sklave meiner Arbeit. Es ist eine harte Arbeit, die mich demütigt, denn ich füge meinem unglücklichen Nächsten Schmerz zu. Aber ich muß meinen Vorgesetzten gehorchen, um mein tägliches Brot zu verdienen. Hilf mir, o mein Gott, daß ich das Pflichtgefühl gegenüber meinen Vorgesetzten immer mäßige durch die Liebe zu meinen armen Brüdern, damit meine Arbeit nicht zu meiner Verdammung führe. Jede Arbeit ist heilig, wenn sie mit Liebe getan wird. Laß deine Liebe stets in meinem Herzen gegenwärtig sein, damit ich, armselig wie ich bin, mit meinen Untergebenen Mitleid habe, wie du mit mir, dem großen Sünder, Mitleid hast. Ich hätte dich gern mehr geehrt, o Herr, du weißt es. Aber ich hielt es für besser, mit dem für den Tempel bestimmten Geld acht unglückliche Herzen zu trösten als es in den Opferkasten zu werfen und dann acht unschuldige und unglückliche Menschen verzweifelt weinen zu lassen. Wenn ich jedoch gefehlt habe, laß es mich wissen, o Herr, denn ich bin ein großer Sünder.“

Das ist das Gleichnis. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, während der Pharisäer den Tempel verließ, nachdem er noch eine Sünde zu den schon bevor der den Moriah erstieg begangenen hinzugefügt hatte, ging der Zöllner gerechtfertigt hinaus, und der Segen Gottes begleitete ihn bis zu seinem Haus und ruhte darauf. Denn er war demütig und barmherzig, und seine Werke waren noch heiliger als seine Worte; der Pharisäer dagegen war nur mit Worten und nach außen hin gut, in seinem Inneren aber und mit seinem Hochmut und seiner Hartherzigkeit vollbrachte er Werke des Teufels, weshalb er Gott verhaßt war.

Wer sich selbst erhöht, wird immer, früher oder später, erniedrigt werden; wenn nicht in diesem, dann im anderen Leben. Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden, besonders droben im Himmel, wo die Handlungen der Menschen in ihrem wahren Wert erscheinen.

Komm, Zachäus. Kommt ihr, die ihr mit ihm seid, und ihr, meine Apostel und Jünger. Ich werde noch allein mit euch sprechen.“

Er hüllt sich in seinen Mantel und kehrt in das Haus des Zachäus zurück.

Auszug aus “Der Gottmensch“, Band IX von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch


„… wählt immer den letzten Platz.“

28/08/2010
zum Sonntagsevangelium v. 29. August 2010: Lukas 14,1.7-14.

„… Warum glaubt ihr immer, vollkommen zu sein, nur weil das Schicksal euch einen hohen gesellschaftlichen Rang zugteilt hat? Selbst wenn ihr in einigen Dingen höher gestellt wäret, warum sucht ihr dann nicht, es in allem zu sein? Warum hasst ihr mich, weil ich eure Fehler aufdecke? Ich bin der Arzt eurer Seelen, und wie kann denn ein Arzt heilen, wenn er nicht die Wunden aufdeckt und sie reinigt? Wisst ihr nicht, dass viele, und auch jene Frau, die soeben fortgegangen ist, die ersten Plätze beim Gastmahl Gottes verdienen, obwohl sie ihrem Äusseren nach gering erscheinen? Nicht auf das Äussere kommt es an, sondern im Herzen und in der Seele ist der Wert eines Menschen. Gott sieht euch und richtet euch von der Höhe seines Thrones. Wie viele sieht er, die besser sind als ihr! Daher hört mir zu!


Dies soll eure Verhaltensregel sein: Wenn man euch zu einem Hochzeitsmahl einlädt, wählt immer den letzten Platz. Doppelte Ehre wird euch zuteil, wenn der Hausherr euch auffordert: „Freund, komm nach vorn.“ Ehre des Verdienstes und Ehre der Demut. Welch traurige Stunde ist es jedoch für den Hochmütigen, wenn er beschämt wird und hören muss, wie man ihn zurechtweist: „Geh dort nach hinten, denn hier ist einer, der höher steht als du.“ Handelt ebenso beim geheimnisvollen Gastmahl eures Geistes, beim Hochzeitsmahl mit Gott. Wer sich erniedrigt, wird erhöht werden, und wer sich erhöht, wird erniedrigt werden.

Ismael, hasse mich nicht, weil ich dich heilen will. Ich hasse dich nicht und bin gekommen, um dich zu heilen. Du bist kränker als jener Mann, denn du hast mich eingeladen um deines eigenen Ruhmes willen und um deine Freunde zufriedenzustellen. Oft gibst du Einladungen, aber aus Hochmut und zum Vergnügen. Tue das nicht! Lade nicht Reiche, Verwandte und Freunde ein, sondern öffne dein Haus, öffne dein Herz den Armen, den Bettlern, den Krüppeln, den Lahmen, den Waisen und Witwen. Sie werden dir nur Segen bringen als Entgelt, doch Gott wird ihn in Gnaden für dich umwandeln. Dann, am Ende… Oh, welch glückliches Los erwartet alle Barmherzigen, die einst bei der Auferstehung der Toten von Gott belohnt werden!

Wehe denen, die nur der Hoffnung auf Nutzen schmeicheln und ihr Herz dem Bruder verschliessen, der ihnen nicht mehr dienen kann. Wehe ihnen! Ich werde mich anstelle der Verlassenen rächen.“

Auszug aus “Der Gottmensch“, Band VI von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch

Die Kreuzigung unseres Herrn Jesus Christus

02/04/2010

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Die Räuber werden an die Kreuze gebunden und an ihre Plätze getragen, einer rechts und der andere links von dem für Jesus bestimmten Platz. Sie schreien, verwünschen und fluchen, besonders als man die Kreuze zu den Löchern trägt und die Stricke durch die Erschütterung in die Gelenke einschneiden. Ihre Flüche gegen Gott, gegen das Gesetz, gegen die Römer und gegen die Juden sind höllisch.

Nun ist Jesus an der Reihe. Er legt sich ohne Widerstand zu leisten auf das Holz. Die beiden Räuber waren so rebellisch, dass die vier Henker allein mit ihnen nicht fertigwurden und Soldaten zu Hilfe rufen mussten, um sie festzuhalten, damit sie nicht beim Anbinden der Handgelenke Fußtritte bekämen. Bei Jesus braucht es keine Hilfe. Er legt sich nieder, legt das Haupt an die bezeichnete Stelle. Er öffnet die Arme, wie sie ihm zu tun gebieten, und streckt die Beine aus, wie es befohlen wird. Er sorgt nur dafür, dass das Tuch richtig sitzt.

Nun hebt sich sein schlanker, weißer Körper von dem dunklen Holz und dem gelben Erdboden ab. Zwei Henker setzen sich auf seinen Oberkörper, um ihn festzuhalten. Ich denke darüber nach, welche Beklemmung und welchen Schmerz ihm dieses Gewicht verursachen muss. Ein dritter nimmt den rechten Arm und hält mit einer Hand den Unterarm und mit der anderen die Finger fest. Der vierte, der schon den langen, spitzen viereckigen Nagel mit dem großen, flachen, runden Kopf in der Hand hat, prüft, ob das bereits in das Holz gebohrte Loch sich an der dem Handgelenk entsprechenden Stelle, wo Elle und Speiche zusammen treffen, befindet. Es passt. Der Henker setzt den Nagel an den Puls, hebt den Hammer und führt den ersten Schlag.

Gustave Doré: Die Kreuzigung unsers Herrn Jesus Christus

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Jesus, der die Augen geschlossen hatte, schreit bei diesem Schmerz auf, zuckt zusammen und öffnet weit die in Tränen schwimmenden Augen. Es muss ein schrecklicher Schmerz sein, den er fühlt… Der Nagel dringt ein, zerreißt Muskeln, Adern und Nerven und zerbricht die Knochen…

Maria antwortet auf den Schrei ihres gequälten Sohnes mit einem Stöhnen, das dem Klagen eines geschlachteten Lammes gleicht. Sie krümmt sich vor Schmerz und fasst sich mit den Händen an den Kopf. Jesus gibt nun keinen Laut mehr von sich, um sie nicht zu quälen. Aber die Schläge sind regelmäßig und hart, Eisen auf Eisen… und darunter ist ein lebendiges Glied, das sie empfängt.

Die rechte Hand ist angenagelt. Nun kommt die linke. Das Loch entspricht nicht dem Gelenk. Also nehmen sie einen Strick, binden ihn an das linke Gelenk und ziehen daran, bis die Knochen ausgerenkt und die Sehnen und Muskeln und die schon von den Stricken der Gefangennahme wunde Haut zerrissen sind. auch die andere Hand leidet natürlich darunter, denn durch das Zerren vergrößert sich die Nagelwunde. Nun liegt das Loch gerade zwischen Handfläche und Handgelenk. Sie finden sich damit ab und schlagen den Nagel ein, wo sie können, zwischen dem Daumen und den anderen Fingern, genau in der Mitte der Handfläche. Hier dringt er leichter ein, so dass die Finger nun unbeweglich sind, während die Finger der rechten Hand zittern und zucken als Beweis ihrer Beweglichkeit. Doch Jesus schreit nicht mehr. Er stöhnt nur noch heiser mit aufeinandergepreßten Lippen, und Tränen des Schmerzes rinnen zur Erde, nachdem sie zuerst auf das Holz getropft sind.

Nun sind die Füße an der Reihe. Ungefähr zwei Meter oder mehr vom Ende des Kreuzes entfernt ist ein kleiner Keil, kaum ausreichend für einen Fuss. Auf dieses Holz legen sie die Füße, um zu sehen, ob das Maß stimmt. Da es etwas zu weit unten ist und die Füße nicht ganz bis zu dem Keil reichen, ziehen sie den armen Märtyrer an den Knöcheln. Das rauhe Holz des Kreuzes scheuert an den Wunden, verrückt die Dornenkrone, die noch mehr Haare ausreißt und herunterzufallen droht… Ein Henker drückt sie ihm durch einen Schlag mit der Hand wieder auf das Haupt.

Nun rücken die Männer, die auf der Brust Jesu gesessen sind, auf die Knie hinunter, denn Jesus zieht unwillkürlich die Beine an, als er in der Sonne den langen Nagel glänzen sieht, der doppelt so lang und doppelt so dick wie die Nägel für die Hände ist. Sie setzen sich auf seine zerschundenen Knie und drücken auf die armen zerschlagenen Schienbeine, während die beiden anderen das viel schwierigere Unternehmen, einen Fuß über den anderen anzunageln, beginnen. Dabei sollen auch die Gelenke an der Fußwurzel aufeinanderliegen.

Aber so sehr sie auch achtgeben und die Füße am Knöchel und an den Zehen gegen den Keil drücken, verschiebt sich doch der untere Fuß wegen der Erschütterung durch den Nagel, und sie müssen diesen wieder fast ganz herausziehen. Denn nachdem er durch die weicheren Teile gedrungen ist, muss er nun etwas weiter in der Mitte eingeschlagen werden. Und er ist beim Durchbohren des rechten Fußes schon stumpf geworden. Sie hämmern und hämmern und hämmern… Man hört nichts als den schrecklichen Klang des Hammers auf dem Kopf des Nagels, denn alle auf dem Kalvarienberg sind ganz Auge und Ohr und verfolgen gespannt jede Bewegung und jeden Laut, um sich daran zu ergötzen…

Unsere Liebe Frau der Sieben Schmerzen

Die leise Klage einer Taube begleitet das harte Klingen des Eisens: das heisere Stöhnen Marias, die sich bei jedem Hammerschlag mehr zusammenkrümmt, als ob der Hammer auf sie, die Mutter-Märtyrerin, niedersausen würde. Und sie ist zu recht von dieser Tortur zutiefst erschüttert. Die Kreuzigung ist furchtbar. Wenn auch die großen Schmerzen denen der Geißelung gleichen, so ist sie doch schrecklicher anzusehen, denn man sieht den Nagel in das lebendige Fleisch eindringen. Aber dafür dauert sie nur kurz, während die Geißelung durch ihre Länge erschöpft hat.

Für mich sind die Todesangst am Ölberg, die Geisselung und die Kreuzigung die furchtbarsten Augenblicke. Sie enthüllen mir die ganze Qual des Christus. Der Tod ist für mich eine Erleichterung, denn ich sage mir: „Es ist vollbracht.“ Doch diese Qualen sind nicht das Ende, sondern der Beginn neuer Leiden.

Nun schleifen sie das Kreuz zu dem Loch; es hüpft auf dem unebenen Boden und schüttelt den armen Gekreuzigten. Beim Aufrichten entgleitet es zweimal ihren Händen und fällt einmal auf die Rückseite, das andere Mal auf die rechte Seite, was Jesus neue schreckliche Schmerzen bereitet, denn die plötzlichen Erschütterungen zerren an den verletzten Gliedern. Als sie aber dann das Kreuz in sein Loch fallen lassen, schwankt es, bevor sie es mit Steinen und Erde befestigen, samt dem an drei Nägeln daran hängenden armen Körper in alle Richtungen, und das Leiden muss unaussprechlich sein.

Das ganze Gewicht des Körpers hängt nach vorn und nach unten, und die Löcher der Wunden erweitern sich, besonders an der linken Hand. Auch die Wunden der Füße werden größer und das Blut fließt stärker. Während das Blut der Füße von den Zehen zu Boden tropft und am Balken des Kreuzes entlangrinnt, rinnt das Blut von den Händen, die sich in größerer Höhe befinden als die Schultern, über den Unterarm zu den Achseln und an den Rippen hinunter bis zum Gürtel. Die Dornenkrone verschiebt sich, als das Kreuz schwankt, bevor man es befestigt; denn das Haupt fällt nach hinten, und der Nacken schlägt mit dem dicken dornigen Knoten am Ende der stacheligen Krone auf das Holz. Dann rutscht sie wieder auf die Stirn zurück und kratzt und kratzt erbarmungslos.

Endlich ist das Kreuz befestigt, und es bleibt nur noch der Schmerz, angenagelt zu sein. Man richtet auch die Räuber auf, die, kaum dass sie sich in der Vertikalen befinden, brüllen, als ob sie lebendig gekocht würden, denn die Stricke, die in die Gelenke einschneiden, die Adern dick anschwellen und die Hände schwarz werden lassen, bereiten große Schmerzen. Jesus schweigt. Das Volk aber schweigt nicht mehr, sondern schreit noch teuflischer.

Nun hat der Gipfel des Golgotha sein Siegeszeichen und seine Ehrenwache. An der höchsten Erhebung das Kreuz Jesu. Zu beiden Seiten die Schächer. Die halbe Centurie der Soldaten mit ihren Waffen unten rings um den Gipfel, und in diesem Kreis von Bewaffneten die zehn Fußsoldaten, die mit Würfeln um die Kleider der Verurteilten spielen. Zwischen dem Kreuz Jesu und dem rechten Schächer steht Longinus. Es scheint, als würde er dem Märtyrer-König die Ehrenwache halten. Die andere halbe Centurie ist in Ruhestellung und wartet auf dem Feldweg links und auf dem unteren Platz auf einen Befehl des Adjudanten des Longinus, falls sie zu etwas gebraucht würden. Die Soldaten zeigen fast völlige Teilnahmslosigkeit. Nur ab und zu schaut einer zu den Gekreuzigten empor.

Longinus hingegen betrachtet alles neugierig und interessiert, vergleicht und zieht seine Schlüsse. Er betrachtet die Gekreuzigten, besonders Christus, und die Zuschauer. Seinem forschenden Auge entgeht nicht die geringste Einzelheit. Um besser sehen zu können, beschattet er die Augen mit der Hand, da ihn die Sonne sicher stört.

Es ist wirklich eine eigenartige Sonne, rot und gelb wie das Feuer eines Brandes. Dann scheint es, als ob das Feuer plötzlich erlöschen würde, denn eine pechschwarze Wolke steigt hinter den Bergen Judäas auf, zieht mit großer Geschwindigkeit über den Himmel und verschwindet hinter einem anderen Gebirge. Als die Sonne nun wieder erscheint, ist sie so grell, dass das Auge sie kaum erträgt.

Als er um sich schaut, sieht er direkt unterhalb des höchsten Punktes Maria, die ihr schmerzgequältes Gesicht zu ihrem Sohn erhebt. Er ruft einen der würfelnden Soldaten und sagt: „Wenn die Mutter und ihr Sohn, der sie begleitet, heraufkommen wollen, sollen sie es tun. Begleite sie und hilf ihr.“

Maria steigt mit Johannes, dem vermeintlichen Sohn, die in den Tuffstein gehauenen Stufen empor, geht durch die Absperrung der Soldaten und an den Fuß des Kreuzes. Aber sie bleibt in geringer Entfernung davon stehen, damit sie von Jesus gesehen wird und ihn auch selbst sieht. Das Volk überhäuft sie sofort mit den schmutzigsten Schmähungen und schließt sie in die Lästerungen gegen ihren Sohn mit ein. Aber sie, mit bebenden und blutleeren Lippen, versucht nur, ihn zu trösten durch ein schmerzliches Lächeln, das Tränen überströmen, die kein noch so starker Wille in den Augen zurückhalten kann.

Das Volk, angefangen von den Priestern, den Schriftgelehrten, den Pharisäern, den Sadduzäern, den Herodianern und ähnlichen, hat seinen Spaß daran, wie bei einem Karussell den steilen Weg hinaufzusteigen, entlang der höchsten Erhebung zu gehen und dann auf der anderen Seite wieder hinunter, oder umgekehrt. Jedesmal, wenn sie am Fuß des Gipfels vorüberkommen, versäumen sie es nicht, dem Sterbenden zu Ehren lästerliche Worte hinaufzuschreien. Die ganze Schändlichkeit und Grausamkeit, der ganze Hass und Wahnsinn, deren die Zunge des Menschen fähig ist, wird hier ausgiebig von diesen höllischen Mäulern demonstriert. Die Erbarmungslosesten sind die Angehörigen des Tempels, unterstützt von den Pharisäern.

„Nun? Du Erlöser des Menschengeschlechtes, warum rettest du dich nicht? Hat dein König Beelzebub dich verlassen? Hat er dich verleugnet?“ schreien drei Priester.

Und ein Schwarm der Juden: „Du, der du vor kaum fünf Tagen mit Hilfe Satans den Vater hast sagen lassen… ha, ha, ha, dass er dich verherrlichen würde, warum erinnerst du ihn nicht daran, dass er sein Versprechen hält?“

Drei Pharisäer: „Gotteslästerer! Er sagt, er habe die anderen mit Gottes Hilfe gerettet. Und sich selbst kann er nicht retten! Du willst, dass man dir glaubt? So wirke doch ein Wunder! Du kannst es wohl nicht mehr? Nun haben wir dir die Hände angenagelt und dich entblößt.“

Einige Sadduzäer und Herodianer zu den Soldaten: „Vorsicht mit dem Zauber, ihr, die ihr seine Kleider genommen habt! Ein Zeichen der Hölle ist daran.“

Eine Volksmenge schreit: „Steige vom Kreuz, und wir werden dir glauben. Du, du willst den Tempel zerstören… Verrückter! Sieh in dir an, den herrlichen und heiligen Tempel Israels. Er ist unzerstörbar, du Schänder! Und du stirbst.“

Andere Priester sagen: „Gotteslästerer! Du willst der Sohn Gottes sein? Dann steige doch von dort herab! Zerschmettere uns, wenn du Gott bist. Wir fürchten dich nicht und spucken auf dich.“

Andere gehen vorüber und schütteln die Köpfe: „Er kann nur weinen! Rette dich doch, wenn es wahr ist, dass du der Erwählte bist!“

Die Soldaten: „So rette dich doch. Lass Feuer auf diesen Abschaum des Abschaums fallen! Ja, der Abschaum des Reiches seid ihr, jüdische Kanaillen! Tue es, und Rom wird dich auf das Kapitol erheben und dich wie einen Gott verehren!“

Die Priester mit ihrem Gefolge: „Die Arme der Frauen waren zarter als die des Kreuzes, nicht wahr? Aber schau, sie sind schon zu deinem Empfang bereit, deine… (und sie sagen ein häßliches Wort). Ganz Jerusalem steht dir zur Verfügung als Brautjungfer“, und sie pfeifen wie Fuhrleute.

Andere werfen Steine: „Verwandle sie in Brot, du Brotvermehrer!“

Wieder andere äffen die Hosannarufe des Palmsonntags nach, werfen Zweige und schreien: „Verflucht sei, der da kommt im Namen des Teufels! Verflucht sei sein Reich! Ehre sei Sion, das die Lebenden von ihm befreit!“

Auszug aus “Der Gottmensch”, Bd. XI von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch

„Der Schuldigen weise ich den Weg der Rettung“

22/03/2010

(Erklärungen Jesu zur Episode „Jesus, die Pharisäer und die Ehebrecherin“ – Entsprechung im Johannesevangelium: 8,1-11)

Jesus spricht:

„Was mich verletzt hat, war der Mangel an Liebe und Aufrichtigkeit der Ankläger. Nicht dass ihre Anklage falsch gewesen wäre, die Frau war wirklich schuldig. Aber sie waren unaufrichtig und taten, als ob sie Ärgernis nähmen an einer Sünde, die sie selbst tausendmal begangen hatten und die nur wegen ihrer größeren Schlauheit und weil sie mehr Glück gehabt hatten, unbekannt geblieben war. Die Frau war bei ihrer ersten Sünde weniger schlau und hatte nicht viel Glück. Aber keiner ihrer Ankläger und Anklägerinnen – denn auch die Frauen, die zwar ihre Stimmen nicht zur Anklage erhoben, beschuldigten sie in ihrem Herzen – war frei von Schuld.

Ehebrecher ist, wer die Tat begeht, aber auch, wer mit seinem ganzen Sein danach verlangt. Unzucht begeht sowohl der, der sündigt, als auch der, der zu sündigen begehrt. Es genügt nicht, das Böse nicht zu tun, man darf auch nicht danach begehren.

Wer sich sinnlichen Gedanken hingibt und sinnliche Gefühle durch Lektüre und durch vorsätzlich und aus ungesunder Gewohnheit gesuchte Schauspiele erregt, ist ebenso unrein wie der, der sich tatsächlich schuldig macht. Ich wage zu sagen: er ist noch schuldiger; denn er verstößt mit seinen Gedanken gegen die Natur, nicht nur gegen die Sittlichkeit. Ich spreche nicht von dem, der wirklich naturwidrige Akte begeht. Die einzige Entschuldigung für einen solchen wäre eine organische oder psychische Krankheit. Wer aber diese Entschuldigung nicht hat, steht um zehn Stufen tiefer als das schmutzigste Tier. Damit einer gerecht urteilen kann, muss er selbst frei von Schuld sein.

Bezüglich der wichtigsten Vorraussetzungen für einen Richter verweise ich euch auf die früheren Diktate.

Mir waren die Herzen jener Pharisäer und Schriftgelehrten nicht unbekannt, ebenso wie die der anderen, die sich ihnen angeschlossen hatten, um gegen die Schuldige loszuziehen. Sünder gegen Gott und gegen den Nächsten waren sie, schuldig gegenüber der Religion, schuldig gegenüber den Eltern und den Nächsten, schuldig vor allem auch, und am häufigsten, gegenüber ihren Frauen. Wenn ich durch ein Wunder ihrem Blut befohlen hätte, ihre Sünden auf ihre Stirn zu schreiben, dann hätte unter den vielen Anklagen die des tatsächlichen oder gedanklichen Ehebrechers vorgeherrscht. Ich habe gesagt: „Was aus dem Herzen des Menschen kommt, ist es, was den Menschen befleckt.“ Abgesehen von mir selbst war dort niemand unter den Richtern, der ein reines Herz gehabt hätte.

Unaufrichtig und lieblos waren sie. Nicht einmal ihre eigene Ähnlichkeit mit ihr in bezug auf die Begierlichkeit, konnte sie zur Barmherzigkeit bewegen. Ich, der ich als einziger Abscheu hätte empfinden müssen, übte Liebe gegenüber dieser gedemütigten Frau. Erinnert euch jedoch daran: Je besser einer ist, desto barmherziger ist er mit den Schuldigen. Nicht die Sünde selbst entschuldigt er, das nicht, aber er bedauert die Schwachen, die der Sünde nicht widerstehen konnten.

Der Mensch! Oh! Leichter als ein schwaches Rohr und eine feine Zaunwinde gibt er der Versuchung nach und klammert sich an Dinge, von denen er Trost und Stütze erhofft.

Oft kommt es ja gerade beim schwachen Geschlecht zur Sünde, weil man Trost zu finden sucht. Daher sage ich, wer es seiner Frau oder auch der eigenen Tochter an Liebe fehlen lässt, ist zu neunzig Prozent an der Sünde seiner Frau oder seiner Tochter schuld und wird an ihrer Stelle Rechenschaft dafür ablegen müssen. Sowohl die übertriebene Liebesbezeigung, die zur törichten Sklaverei eines Mannes gegenüber der Frau oder eines Vaters gegenüber der Tochter führt, als auch die Vernachlässigung, oder schlimmer die Sünde der sinnlichen Lust, die den Mann zu fremder Liebe treibt und die Eltern zu anderen Interessen als die der Erziehung ihrer Kinder, sind der Ursprung der Hurerei und des Ehebruchs, und daher verurteile ich sie. Ihr seid vernunftbegabte Wesen, die von einem göttlichen Gesetz oder von einem Sittengesetz geleitet werden. Sich zu einer wilden oder tierischen Lebensweise zu erniedrigen, müsste eurem Hochmut verabscheuenswert erscheinen. Aber den Stolz, der in diesem Falle sogar nützlich wäre, habt ihr nur für ganz andere Dinge.

Ich habe Petrus und Johannes auf verschiedene Art angeschaut, denn dem ersten, einem Mann,  wollte ich sagen: „Petrus, fehle auch du nicht gegen die Liebe und die Aufrichtigkeit.“ Außerdem wollte ich ihm als meinem zukünftigen Hohenpriester sagen: „Erinnere dich dieser Stunde und urteile in Zukunft wie dein Meister.“ Dem anderen hingegen, einem Jüngling mit der Seele eines Kindes, wollte ich sagen: „Du kannst urteilen und urteilst nicht, weil du ein Herz wie das meine hast. Danke, Geliebter, der du so sehr mein eigen bist, dass du mein zweites Ich geworden bist.“ Ich habe beide fortgeschickt, bevor ich die Frau rief, um ihre Demütigung nicht zu vermehren durch die Anwesenheit zweier Zeugen.

Lernt, ihr Menschen ohne Barmherzigkeit: Wie schuldbeladen einer auch sein mag, soll er doch immer mit Achtung und Liebe behandelt werden. Freut euch nicht über seine Demütigung. Zieht nicht über ihn her, nicht einmal mit neugierigen Blicken. Erbarmen, Erbarmen für den, der gefallen ist!

Der Schuldigen weise ich den Weg zur Rettung: Die Rückkehr nach Hause, das demütige Bitten um Verzeihung und das Erlangen der Verzeihung durch ein rechtschaffenes Leben. Sie soll nicht mehr den Versuchungen des Fleisches nachgeben und die Güte Gottes und der Menschen nicht missbrauchen, um nicht durch eine zweifache oder vielfache Sünde noch schwerer büssen zu müssen als bisher. Gott verzeiht, und er verzeiht, weil er die Güte ist. Aber der Mensch weiß nicht zweimal zu verzeihen, obwohl ich gesagt habe: „Verzeih deinem Bruder siebenmal siebzigmal.“

Ich gebe ihr nicht den Frieden und den Segen, weil ich bei ihr noch nicht die entschiedene Absage an die Sünde gefunden habe, die erforderlich ist, um Verzeihung zu erlangen. In ihrem Fleisch und leider auch in ihrem Herzen herrscht nicht die Abscheu vor der Sünde. Maria von Magdala hatte, als sie mein Wort begriff, Abscheu vor der Sünde und war zu mir gekommen mit dem unbeugsamen Willen, ein anderer Mensch zu werden. In dieser Frau jedoch schwankten die Stimmen des Fleisches und des Geistes noch. Sie konnte in der Verwirrung der Stunde noch die Axt an den Wurzelstock des Fleisches legen und ihn ausreißen, um befreit von ihrer Last sehnsüchtig dem Reiche Gottes entgegenzugehen; befreit von dem, was zum Untergang führt, und bereichert mit dem, was Rettung bedeutet.

Willst du wissen, ob sie später gerettet wurde? Nicht für alle bin ich der Erlöser gewesen. Für alle wollte ich es sein, und doch war ich es nicht, denn nicht alle sehnten sich danach, gerettet zu werden. Und das ist einer der furchtbarsten Pfeile gewesen, die mein Herz durchbohrten in der Agonie von Gethsemane. (…)“

Auszug aus “Der Gottmensch″ (Band IX) von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz:book@parvis.ch, www.parvis.ch

Jesus, die Pharisäer und die Ehebrecherin

18/03/2010

(zum Sonntags-Evangelium vom 21. März 2010: Joh 8,1-11)

Ich sehe die Umfassungsmauer des Tempels von innen, also einen der vielen Höfe, die von Säulenhallen umgeben sind. Ich sehe auch Jesus, der ganz in den Mantel gehüllt ist, den er über seinem Gewand trägt, das nicht weiß, sondern dunkelrot ist und aus einem schweren wollenen Gewebe zu sein scheint. Jesus spricht von viel Volk umgeben.

Ich würde sagen, daß es ein Wintertag ist, denn ich sehe alle in dicke Mäntel gehüllt. Es muß sehr kalt sein, denn anstatt stillzustehen, gehen alle rasch hin und her, als wollten sie sich auf diese Weise erwärmen. Es bläst auch ein starker Wind, der die Mäntel bewegt und den Staub in den Höfen aufwirbelt.

Die Gruppe, die sich um Jesus drängt und die als einzige stillsteht, während alle anderen, die sich um diesen oder jenen Meister scharen, hin- und hergehen, teilt sich nun, um einen kleinen Trupp heftig gestikulierender Schriftgelehrter und Pharisäer vorbeizulassen, die giftiger sind als je zuvor. Sie sprühen Gift aus ihren Augen, ihrer Gesichtsfarbe und ihrem Mund. Welche Vipern! Sie führen, oder vielmehr schleifen eine Frau von etwa dreißig Jahren mit wüstem Haar und ungeordneter Kleidung mit sich, die aussieht, als sei sie mißhandelt worden, und die jetzt weint. Vor Jesus werfen sie sie zu Boden, als wäre sie ein Haufen Lumpen oder ein toter Balg. Dort bleibt sie zusammengekauert liegen, das Gesicht auf den Armen, die es verbergen und gleichzeitig ein Kissen auf dem Boden bilden.

„Meister, diese wurde auf frischer Tat ertappt, als sie Ehebruch beging. Ihr Gemahl liebte sie und ließ es ihr an nichts fehlen. Sie war Königin in ihrem Haus, aber sie betrog ihn, weil sie eine undankbare, lasterhafte Sünderin ist, die ihr Haus entehrt. Eine Ehebrecherin ist sie, und als solche muß sie gesteinigt werden. Moses hat es befohlen. In seinem Gesetz gebietet er, daß Frauen, wie sie, wie unreine Tiere gesteinigt werden müssen. Und unrein sind sie, denn sie mißbrauchen das Vertrauen ihres Mannes, der sie liebt und für sie sorgt, und wie das immer durstige Erdreich sind sie unersättlich in ihrem Verlangen nach Wollust. Schlimmer als Huren sind sie, denn ohne durch die Not gezwungen zu sein, geben sie sich hin, um ihre Begierde zu sättigen. Sie sind ansteckend in ihrer Verkommenheit und müssen zum Tode verurteilt werden. Moses hat es befohlen. Und du, Meister, was sagst du dazu?“

Jesus hat bei der stürmischen Ankunft der Pharisäer aufgehört zu sprechen. Er schaut die armselige Meute mit seinen durchdringenden Augen an, senkt dann den Blick auf die zu seinen Füßen liegende, gedemütigte Frau und schweigt.

Er beugt sich nieder, ohne sich von seinem Sitz zu erheben, und schreibt mit einem Finger auf den vom Wind mit Staub bedeckten Boden der Säulenhalle. Sie reden, und er schreibt.

 

Christus und die Ehebrecherin (E. Signol)

„Meister, wir sprechen mit dir. Höre uns zu. Antworte uns. Hast du nicht verstanden? Diese Frau ist beim Ehebruch ertappt worden, in ihrem eigenen Haus, im Ehebett ihres Mannes. Sie hat es mit ihrer Unzucht beschmutzt.“

Jesus schreibt.

„Der Mann ist blöde! Seht ihr nicht, daß er nichts versteht und Zeichen in den Staub schreibt wie ein armer Irrer?“

„Meister, um deines guten Namens willen, sprich. Deine Weisheit antworte auf unsere Frage. Wir wiederholen dir: Dieser Frau hat es an nichts gefehlt. Sie hatte Kleider, Nahrung, Liebe und sie hat ihren Mann betrogen…“

Jesus schreibt.

„Sie hat ihren Mann belogen, der ihr vertraute. Mit lügnerischem Mund hat sie ihn gegrüßt und mit einem Lächeln zur Türe begleitet, und dann hat sie die geheime Türe geöffnet und ihren Liebhaber eingelassen. Und während der Gatte abwesend war, um für sie zu arbeiten, hat sie sich wie ein unreines Tier in ihrer Wollust gewälzt.“

„Meister, sie hat das Gesetz entheiligt, nicht nur das Ehebett. Sie ist eine Rebellin, eine Schänderin, eine Gotteslästerin.“

Jesus schreibt. Er schreibt, verwischt das Geschriebene wieder mit seinen Sandalen und schreibt dann daneben weiter, während er sich langsam um sich selbst dreht, um noch mehr Platz zum Schreiben zu finden. Er gleicht einem spielenden Kind; doch das was er nacheinander geschrieben hat, sind nicht die Worte eines Spiels. Er hat geschrieben: „Wucherer… Lügner… unehrerbietiger Sohn… Ehebrecher… Mörder… Gesetzesschänder… Usurpator… Dieb… Unzüchtiger… unwürdiger Gatte und Vater… Gotteslästerer… Rebell gegen Gott…“, und immer neue Worte schreibt er, während immer neue Ankläger reden.

„Aber nun höre doch endlich, Meister! Gib ein Urteil ab. Die Frau muß gerichtet werden. Sie darf mit der Last ihrer Sünden nicht die Erde beflecken. Ihr Atem ist ein Gifthauch, der die Herzen verwirrt.“

Jesus erhebt sich. Barmherzigkeit! Welch ein Antlitz! Flammende Blitze, die auf die Ankläger fallen. Er scheint noch stattlicher als sonst, mit hocherhobenem Haupt. Er gleicht einem König auf seinem Thron, so streng und feierlich ist er. Sein Mantel ist ihm von seiner Schulter geglitten und bildet eine kleine Schleppe hinter ihm. Aber er kümmert sich nicht darum.

Mit unbeweglichem Antlitz, ohne den leisesten Schatten eines Lächelns um Mund und Augen, richtet er seinen Blick auf die Menge, die zurückweicht wie vor zwei spitzen Klingen. Er schaut einen nach dem anderen fest an, mit prüfender Intensität, die Furcht einflößt. Die, die er so angesehen hat, versuchen sich in der Menge zu verbergen. So wird der Kreis immer größer und löst sich auf, wie von einer geheimen Kraft gesprengt.

Endlich spricht er: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie.“ Seine Stimme gleicht dem Donner, begleitet von den noch lebhafteren Blitzen seiner Augen. Jesus, die Arme vor der Brust gekreuzt, steht aufrecht da wie ein Richter, der wartet. Sein Blick läßt ihnen keine Ruhe. Er forscht, durchdringt, klagt an.

Zuerst einer, dann zwei, dann fünf und schließlich in Grüppchen entfernen sich die Anwesenden mit gesenktem Haupt. Nicht nur die Schriftgelehrten und die Pharisäer, sondern auch die, die sich schon zuvor um Jesus geschart hatten, und andere, die nähergetreten waren, um seine Ansicht und die Verurteilung zu hören, und die zusammen mit den übrigen die Schuldige beschimpft und ihre Steinigung gefordert hatten.

Jesus bleibt allein mit Petrus und Johannes zurück. Die anderen Apostel sehe ich nicht.

Jesus hat wieder begonnen zu schreiben, während die Ankläger geflohen sind, und nun schreibt er: „Pharisäer… Nattern… Gräber voller Unrat… Lügner… Verräter… Feinde Gottes… Beleidiger seines Wortes… „

Als der ganze Hof sich geleert hat und ein großes Schweigen eingetreten ist, hört man nur noch das Rauschen des Windes und das Plätschern eines Brünnleins in einer Ecke. Da erhebt Jesus sein Haupt und schaut sich um. Sein Antlitz ist nun ruhig, traurig, aber nicht mehr erzürnt. Er blickt Petrus kurz an, der sich etwas entfernt und an eine Säule gelehnt hat, und dann Johannes, der fast hinter ihm steht und ihn mit seinen liebevollen Augen anschaut. Der Schatten eines Lächelns gleitet über das Antlitz Jesu, als er Petrus ansieht, und als er den Blick auf Johannes richtet, wird es lebhafter. Zwei verschiedene Lächeln.

Dann betrachtet er die Frau, die immer noch weinend zu seinen Füßen liegt. Er beobachtet sie. Sie richtet sich auf und bringt ihr Gewand in Ordnung, als wolle sie sich auf den Weg machen. Jesus gibt den beiden Aposteln einen Wink, sich zum Ausgang zu begeben.

Als sie allein sind, ruft er die Frau: „Frau, höre mir zu. Schau mich an.“ Er wiederholt seinen Befehl, da sie nicht wagt, ihr Haupt zu erheben. „Frau, wir sind allein. Schau mich an.“

Die Unglückliche erhebt ihr Gesicht, auf das Tränen und Staub eine Maske der Demütigung gezeichnet haben.

„Frau, wo sind deine Ankläger?“ Jesus spricht leise, mit mitleidigem Ernst. Sein Antlitz und sein Körper neigen sich leicht über dieses Elend auf dem Boden, und mit Augen voll des Erbarmens und der Aufmunterung fragt er: „Hat dich niemand verurteilt?“

Die Frau antwortet zwischen zwei Seufzern: „Niemand, Meister.“

„Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige nicht mehr. Geh  nach Hause und bitte Gott und den Betrogenen um Verzeihung. Mißbrauche nicht die Güte des Herrn. Geh.“

Er hilft der Frau aufzustehen, indem er ihre Hand nimmt. Aber er segnet sie nicht und sagt auch nicht den Friedensgruß. Er sieht sie fortgehen mit geneigtem Haupt und etwas wankend unter dem Gewicht ihrer Schande, und als sie verschwunden ist, geht auch er mit den beiden Jüngern.

Auszug aus “Der Gottmensch″ (Band IX) von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz:book@parvis.ch, www.parvis.ch

Erklärungen Jesu zur vorstehenden Episode

Das Scherflein der Witwe

07/11/2009

zum Sonntags-Evangelium vom 8. November 09: Mk 12, 38-44:

Zuerst sehe ich nur Säulengänge und Vorhöfe, die ich als zum Tempel gehörig erkenne, und Jesus, der einem Herrscher gleicht – so feierlich ist er in seinem leuchtend roten Gewand und dem etwas dunkleren Mante l- und an einer riesigen viereckigen Säule lehnt, die einen Bogen der Säulengänge stützt.

Er schaut mich fest an. Ich verliere mich in seiner Betrachtung und beselige mich an seinem Anblick, da ich ihn seit zwei Tagen nicht gesehen und gehört habe. Diese Vision dauert lange. Und solange sie dauert, schreibe ich nicht, denn sie erfüllt mich mit Freude. Aber nun, da die Szene sich belebt, verstehe ich, dass etwas geschieht, und schreibe.

Der Platz füllt sich mit Menschen, die aus allen Richtungen kommen. Es sind Priester und Gläubige, Männer, Frauen und Kinder. Die einen gehen spazieren, andere bleiben stehen, um den Lehrern zuzuhören, wieder andere ziehen Lämmer hinter sich her oder tragen Tauben irgendwohin, vielleicht Opfertiere.

Jesus steht an seiner Säule gelehnt und schaut. Er sagt nichts. Zweimal schon hat er auf Fragen seiner Apostel nur mit einem Kopfschütteln geantwortet, ohne ein Wort zu sagen. Er beobachtet sehr aufmerksam. Aus seinem Ausdruck schließe ich, dass er ein Urteil fällt über das, was er sieht. Seine Augen und sein Antlitz erinnern mich an die Vision des Paradieses, als er beim besonderen Gericht die Seelen richtete. Nun ist er natürlich Jesus, der Mensch; dort oben war er der verherrlichte Jesus und deshalb noch beeindruckender. Aber der Gesichtsausdruck ist ähnlich. Er ist ernst, prüfend, manchmal so streng, dass auch der Frechste erzittern muss, und manchmal so sanft, von einer lächelnden Traurigkeit, die mit Blicken zu liebkosen scheint.

Anscheinend hört er nichts. Aber er muss wohl alles genau hören, denn als sich aus einer Gruppe, die einige Meter entfernt um einen Lehrer versammelt ist, eine näselnde Stimme erhebt und erklärt: „Wichtiger als jedes andere Gebot ist dieses: Was für den Tempel ist, soll dem Tempel gegeben werden. Der Tempel steht über dem Vater und der Mutter, und wenn jemand dem Herrn zu Ehren alles geben will, was er übrig hat, so soll er es tun, und er wird gesegnet sein, denn kein Blut und keine Liebe steht über dem Tempel.‘, da wendet Jesus sein Haupt in diese Richtung und schaut mit einem Blick… den ich nicht auf mich gerichtet sehen wollte.

Er scheint jetzt nur allgemein umherzuschauen. Doch als ein zitternder Greis sich bemüht, die fünf Stufen zu einer Art Terrasse hinaufzusteigen, die sich in der Nähe Jesu befindet und wohl zu einem anderen, weiter innen liegenden Vorhof führt, und beim Aufsetzen des Stockes, der sich in den Kleidern verfängt, beinahe fällt, streckt Jesus seinen Arm aus und fängt ihn auf. Er stützt ihn und lässt ihn nicht los, bis er wieder sicher auf den Beinen steht. Das alte Männchen erhebt sein graues Haupt, sieht seinen hochgewachsenen Retter an und flüstert ein Wort des Segens. Jesus lächelt ihm zu und liebkost seinen halbkahlen Kopf. Dann lehnt er sich wieder an seine Säule, verlässt sie aber noch einmal, um ein Kind aufzurichten, das sich von der Hand der Mutter losgemacht hat, gerade vor seinen Füßen gegen die erste Stufe gefallen ist und weint. Er hebt es auf, liebkost es, tröstet es. Die verwirrte Mutter dankt ihm, und Jesus lächelt auch ihr zu und gibt ihr das Kind zurück.

Aber er lächelt nicht mehr, als ein aufgeblasener Pharisäer vorübergeht, und auch nicht, als eine Gruppe von Schriftgelehrten und anderen Männern – ich weiss nicht, wer sie sind – vorbeikommt. Diese Gruppe grüßt ihn mit großen Gesten und tiefen Verbeugungen. Jesus schaut sie so fest an, als wolle er sie mit seinem Blick durchbohren, und grüßt sie trocken. Er ist streng. Auch einen Priester, der vorbeikommt und ein hohes Tier sein muss, da die Leute den Weg freigeben und ihn grüßen, während er selbst wie ein Pfau vorbeistolziert, sieht Jesus lange an. Mit einem Blick, der diesen trotz seines Hochmuts den Kopf senken lässt. Er grüßt nicht. Aber er kann dem Blick Jesu nicht standhalten.


Jesus wendet die Augen von ihm ab und beobachtet ein armes, dunkelbraun gekleidetes Frauchen, das verschämt die Stufen hinaufsteigt zu einer Wand, an der sich etwas wie ein Löwen- oder ähnliche Tierköpfe mit offenen Mäulern befinden. Viele gehen dorthin. Doch Jesus scheint bisher nicht darauf geachtet zu haben. Nun blickt er aufmerksam diesem Weiblein nach. Sein Auge drückt Mitleid aus und wird liebevoll, als er sieht, wie die Frau eine Hand ausstreckt, um etwas in das steinerne Maul eines dieser Löwen zu werfen. Als die Frau zurückkommt und nahe an ihm vorbeigeht, sagt er: „Der Friede sei mit dir, Frau.“

Diese hebt erstaunt den Kopf und ist sprachlos.

„Der Friede sei mit dir“, wiederholt Jesus. „Geh, der Allerhöchste segnet dich.“ Die arme Frau kann es gar nicht fassen. Dann flüstert sie einen Gruß und geht.

„Sie ist glücklich in ihrem Unglück“, sagt Jesus und bricht endlich sein Schweigen. „Nun ist sie glücklich, denn der Segen Gottes begleitet sie. Hört, Freunde, und ihr, die ihr mich umgebt. Seht ihr diese Frau? Sie hat nur zwei kleine Münzen gegeben, nicht einmal genug, um dafür Futter für einen Sperling im Käfig zu kaufen, und doch hat sie mehr gegeben als alle anderen, die ihren Beitrag in den Tempelschatz geworfen haben, seit der Tempel bei Sonnenaufgang geöffnet wurde.

Hört. Ich habe eine große Anzahl reicher Leute beobachtet, die in die Mäuler dort Geldmengen geworfen haben, die ausreichen würden, diese Arme ein Jahr lang zu ernähren und ihre Armut zu kleiden, die nur deshalb anständig aussieht, weil sie sauber ist. Ich habe gesehen, wie Reiche mit sichtlicher Genugtuung Summen dort hineingelegt haben, die ausgereicht hätten, die Armen der Heiligen Stadt einen oder mehrere Tage satt zu machen und Gott preisen zu lassen. Aber wahrlich, ich sage euch, niemand hat mehr gegeben als sie. Ihr Almosen ist Liebe, das der anderen nicht. Ihres ist Großmut, das der anderen nicht. Ihres ist Opfer, das der anderen nicht. Heute wird die Frau nichts essen, denn sie hat nichts mehr. Sie muss erst wieder um Lohn arbeiten, um ihren Hunger mit Brot stillen zu können. Sie hat keine Reichtümer und sie hat keine Verwandten, die für sie verdienen. Sie ist allein. Gott hat ihr die Eltern, den Mann und die Kinder genommen, er  hat ihr das wenige genommen, was diese ihr hinterlassen hatten, und mehr als Gott haben es ihr die Menschen genommen; diese Menschen, die nun, ihr seht es, weiterhin mit großmütiger Geste von ihrem Überfluss dort hineinwerfen, den sie zu einem guten Teil durch Wucher den armen Händen der Schwachen und Hungernden entrissen haben.  Sie sagen, es gibt kein Blut und keine Liebe, die höher stehen als der Tempel, und so lehren sie, den Nächsten nicht zu lieben.

Ich sage euch, über dem Tempel steht die Liebe. Das Gesetz Gottes ist die Liebe, und wer kein Mitleid mit dem Nächsten hat, liebt nicht. Das überflüssige Geld, das von Wucher, Habgier, Härte und Heuchelei beschmutzte Geld singt nicht das Lob des Herrn und zieht auf seinen Spender den himmlischen Segen nicht herab. Gott lehnt es ab. Es füllt diese Kasse. Aber es taugt nicht für den Weihrauch. Es ist Schlamm, in dem ihr versinkt, ihr Diener, die ihr nicht Gott, sondern den eigenen Interessen dient. Es ist ein Strick, der euch erdrosselt, ihr Lehrer, die ihr eure eigene Lehre lehrt. Es ist Gift, das euch den Rest der Seele verdirbt, ihr Pharisäer, der euch noch verblieben ist. Gott will nicht, was mit tränenerstickter Stimme schreit: „Ich hätte einen Hungernden sättigen sollen, aber man hat mich ihm verweigert, um hier zu prahlen. Ich hätte einem alten Vater, einer hinfälligen Mutter helfen sollen, und man hat es nicht gestattet, da diese Hilfe vor der Welt verborgen geblieben wäre. Ich muss meine Glocke ertönen lassen, damit die Welt den Geber erkennt.“

Nein, Rabbi, der du lehrst, dass der Überfluss Gott gegeben werden soll, und dass es erlaubt ist, dem Vater oder der Mutter etwas vorzuenthalten, um es Gott zu geben. Das erste Gebot ist: „Liebe Gott mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele, deinem ganzen Verstand und deinen ganzen Kräften.“ Daher muss man ihm nicht den Überfluss, sondern das eigene Blut geben, und man soll es lieben, für ihn zu leiden. Leiden. Nicht leiden machen. Und wenn es schwerfällt, viel zu geben, weil man sich nicht gerne von seinem Reichtum trennt, weil die Schätze der Mittelpunkt des von Natur aus verderbten Menschenherzens sind, dann muss man sich von ihnen trennen, gerade weil es schwerfällt. Aus Gerechtigkeit: denn alles, was man besitzt, besitzt man durch die Güte Gottes. Aus Liebe: denn es ist ein Beweis der Liebe, das Opfer zu lieben, um dem Freude zu schenken, den man liebt. Man soll leiden, um schenken zu können. Aber selbst leiden! Nicht leiden machen, ich wiederhole es. Denn das zweite Gebot heisst: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das Gesetz erklärt, dass nach Gott die Eltern die Nächsten sind, denen man verpflichtet ist, Ehre und Hilfe zu erweisen.

Daher sage ich euch, diese arme Frau hat das Gesetz wahrhaft besser verstanden als die Weisen und ist mehr als alle anderen gerechtfertigt und gesegnet; denn in ihrer Armut hat sie Gott alles gegeben, während ihr gebt, was übrig bleibt, und es nur gebt, um in der Achtung der Menschen zu steigen. Ich weiss, dass ihr mich hasst, weil ich so spreche. Aber solange dieser Mund sprechen kann, wird er solche Worte sprechen. Vereinigt euren Hass auf mich mit der Verachtung für die Arme, die ich lobe. Aber glaubt nicht, dass ihr aus diesen beiden Steinen ein doppeltes Postament für euren Hochmut errichten könnt. Sie werden die Mühlsteine sein, die euch zermalmen.

Gehen wir. Lassen wir die Vipern einander beissen, um ihr Gift zu vermehren. Wer rein, gut, demütig und zerknirscht ist und das wahre Antlitz Gottes kennenlernen will, soll mir folgen.“

Auszug aus “Der Gottmensch″, Band XI  von Maria Valtorta, mit  der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören.