Posts Tagged ‘Relativismus’

Rechtssache „Kruzifix“

25/10/2010

Ein beispielloses Bündnis gegen die Säkularisierung

von Grégor Puppinck

Die Rechtssache Lautsi hat in ganz Europa Aufruhr geschaffen – wegen der Verurteilung Italiens durch den europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, der befand, dass die Gegenwart eines Kreuzes in öffentlichen Schulklassen die „Menschenrechte“ verletze [November 2009]. Daher müssen sich, so der Gerichtshof, die europäischen Staaten unreligiös verhalten, um dem „Pluralismus“ zu dienen. Mit anderen Worten: der Gerichtshof bestätigt in seinem Beschluß, dass eine Gesellschaft auf ihre religiöse Identität verzichten muß, um demokratisch zu sein. Es handelt sich um puren „Säkularismus“, von dem der Heilige Vater gesagt hat, er sei „anders, aber nicht weniger gefährlich als der Marxismus“.

Italien hat gegen diese Entscheidung vor der großen Kammer des Gerichtshofes in Straßburg Berufung eingelegt. Diese Berufung wurde am 30. Juni 2010 angenommen. Das Urteil des Gerichtshofes wird im kommenden November erwartet.

Es wird jeden Tag klarer, dass ein wirklich beachtlicher Sieg gegen die Dynamik der Säkularisierung erlangt worden ist. Tatsächlich haben nicht weniger als 20  europäische Länder Italien offiziell unterstützt, indem sie die Rechtmäßigkeit christlicher Symbole in der Gesellschaft und vor allem in den Schulen öffentlich verteidigten. Zunächst sind zehn Länder bei der Rechtssache Lautsi als „amicus curiae“ vertreten. Jedes dieser Länder – Armenien, Bulgarien, Zypern, Griechenland, Litauen, Malta, Monaco, Rumänien, die russische Föderation und San Marino – hat bei dem Gerichtshof eine schriftliche Abhandlung eingereicht, in dem dieser aufgefordert wird, sein erstes Urteil zu revidieren. Diese Schriften sind bemerkenswerte Zeugnisse der Verteidigung von Erbe und Identität angesichts der Auferlegung eines einheitlichen kulturellen Modells.

Diesen zehn Ländern haben sich bis heute die Regierungen von Albanien, Österreich, Kroatien, Ungarn, Moldavien, Polen, Serbien, der Slowakei und der Ukraine angeschlossen, die das Urteil des Gerichtshofes ebenfalls in Frage stellen.

So ist es, zusammen mit Italien, bereits fast die Hälfte des Europarates, der die soziale Rechtmäßigkeit des Christentums in der europäischen Gesellschaft bestätigt. Diese Staaten haben ihre Verbundenheit mit Christus öffentlich bekräftigt und verteidigt; sie haben in Erinnerung gerufen, dass es mit dem öffentlichen Gemeinwohl im Einklang steht, dass Christus in der Gesellschaft präsent ist und verehrt wird.

Dieses Bündnis, das fast ganz Zentral- und Osteuropa einschließt, zeigt die Fortdauer einer inneren kulturellen Spaltung Europas auf; es zeigt auch, dass diese Spaltung überwunden werden kann, wie die Bedeutung der Unterstützung für Italien durch Länder mit orthodoxer Tradition bezeugt. Diese Unterstützung rührt zu großen Teilen von der Entschlossenheit der Orthodoxen her, sich gegen den zunehmenden Säkularismus zu verteidigen. So hat z. B. der Metropolit Hilarion die Bildung einer „strategischen Allianz von Katholiken und Orthodoxen“ vorgeschlagen, um gemeinsam die christliche Tradition „gegen den Säkularismus, den Liberalismus und den Relativismus, die im modernen Europa  vorherrschen“ zu verteidigen.

Diese massive aus dem Osten kommende Unterstützung kündigt einen Umbruch in der Dynamik des kulturellen Aufbaus der europäischen Einheit an. Tatsächlich hat man immer gedacht, dass die europäische Einheit zwangsläufig von Westen nach Osten durch eine „Eroberung des Ostens“ durch den wirtschaftlichen und kulturellen westlichen Liberalismus erfolgen würde. Nun aber hat die Rechtssache Lautsi einen umgekehrten Effekt von Ost nach West erzeugt. Ganz offensichtlich sind die Verteidiger der Freiheit angesichts des Materialismus nicht mehr dort, wo sie einmal waren.

Grégor Puppinck ist Direktor des European Centre for Law and Justice (ECLJ), einer christlichen NGO, die sich für den die Verteidigung der Religionsfreiheit insbesondere gegenüber dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und der UNO einsetzt. Grégor Puppinck hat einen juristischen Doktorabschluss.

Der Originalartikel ist erschienen in „AED – Revue L’Eglise dans le Monde n° 150, Oktober-November 2010“ – wir danken für die Genehmigung der Wiedergabe auf unserem Blog.

Schweiz verbietet Minarettbau

30/11/2009

Die Schweiz hat entschieden – gegen den Bau von Minaretten. Minarette sind Türme an oder neben einer Moschee, von denen die Muslime zum Gebet gerufen werden. Sie stellen außerdem ein Symbol politischer Macht dar. Das Abstimmungsergebnis war eindeutig: 59 % der Stimmen haben sich für das Verbot ausgesprochen. Die Stimmenverteilung zeugt jedoch von einer gespaltenen Meinung im Land: mit Ausnahme von Basel stimmten sämtliche deutschsprachigen und die katholischen Kantone für das Verbot. Die Westschweizer Kantone Neuenburg, Waadt und Genf stimmten dagegen.

Mit der Minarett-Abstimmung hat die Schweiz ein prekäres Thema angeschnitten: die vielbeschworene Toleranz gegenüber Andersgläubigen. Im christlich geprägten Abendland, in dem die christliche Tradition und ihre Werte leider immer weiter an Bedeutung verlieren, erschallt der Ruf nach Toleranz ungeniert laut, und meist wird ihm Folge geleistet. Politische Korrektheit und religiöser Relativismus sind längst an die Stelle der demütigen Akzeptanz einer absoluten, der christlich-katholischen Wahrheit getreten. Ein gefährlicher Weg, der beschritten wird.

Außer Acht wird in der Toleranzdebatte nämlich gelassen, dass der Islam, für dessen ungehinderte Ausübung und Manifestation in christlichen Ländern sich so vehement eingesetzt wird, selbst ja alles andere als tolerant gegenüber Andersgläubigen ist. Von den weltweit über 200 Millionen Christen, die verfolgt werden, erfährt der Großteil Repressalien und Gewaltattacken in islamischen Ländern (siehe Open Doors‘ World Watch List). Der Glaubensabfall vom Islam kann gemäß Scharia mit strengen Repressalien bis hin zu lebenslanger Haft und Todesstrafe geahndet werden.

Der Präsident des päpstlichen Migrantenrates, Erzbischof Antonio Maria Veglio argumentiert, man dürfe die Religionsausübung einer Minderheit auch dann nicht einschränken, selbst wenn diese in ihren Heimatländern Andersgläubige unterdrücke, man solle ihr sozusagen mit gutem Beispiel vorangehen. Doch diese Haltung führt in eine Sackgasse, aus der es nicht leicht sein wird, wieder hinaus zu gelangen. Es muss unseren nach wie vor mehrheitlich christlichen Ländern wieder oberstes Anliegen werden, die eigene Religion und Tradition selbstbewusst zu verteidigen und jene, die sie unverhohlen angreifen und zu zerstören trachten, in ihre Schranken zu weisen!

Die Schweizer Bischofskonferenz zeigte sich über das Ergebnis der Abstimmung besorgt, da „das Bauverbot für Minarette das gute Zusammenleben der Religionen und Kulturen nicht fördert, sondern diesem im Gegenteil schadet.“ Weiter wird befürchtet, dass das Verbot „den bedrängten und verfolgten Christen in islamischen Ländern nichts nützen wird und der Glaubwürdigkeit ihres Engagements in diesen Ländern schadet.“

Angesichts solcher Aussagen drängt sich die Frage auf, ob und inwieweit die Erlaubnis des Baus von Minaretten in christlichen Ländern den verfolgten Christen in islamischen Ländern denn in ihrer bedrohlichen Lage helfen würde. Die Antwort liegt klar auf der Hand: Nein, das wäre sicher keine Hilfe! Es würde sich vielmehr als Zeichen der Duldung jener Unterdrückung deuten lassen.

Das Schweizer Abstimmungsergebnis mag sich angesichts dieses weltumspannenden Konfliktes wie ein Tropfen auf heißem Stein ausmachen, doch es hat ein Signal gesetzt, dessen Strahlkraft hoffentlich eine ganze Weile anhalten wird.

Was ist Wahrheit?

05/07/2009

„Was ist Wahrheit?“ fragt Pilatus in den Raum, nachdem Jesus ihm zuvor geantwortet hat: „Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“ (Joh 18, 37-38) Mit dieser Antwort kann Pilatus nichts anfangen, er stößt sich am Begriff der Wahrheit, wie so viele andere.

Pilatus zweifelt an, dass es die Wahrheit gibt. Mit dieser Haltung trifft er den heutigen Zeitgeist, der von Relativismus und sogenannter Toleranz gegenüber Lebensstilen geprägt wird:  – beinahe – alles ist erlaubt, Richtlinien des Handelns unterliegen subjektiver Auslegung. Eine absolute Wahrheit als Grundfeste und Ursache allen Lebens wird als unzeitgemäß und kleingeistig abgelehnt. Gleichzeitig aber ist in dieser „offenen“ Gesellschaft mehr und mehr festzustellen, dass die Kritik an ihrer „Offenheit“ weniger und weniger erlaubt zu sein scheint, siehe die Kontroverse um den diesjährigen Marburger Kongress.

Was also ist Wahrheit? Die Wahrheit ist, dass der Mensch bloß innerhalb seines persönlichen Radius die Dinge erfassen, zuordnen und werten kann. Zwar erhebt die Wissenschaft (*) den Anspruch, der Wahrheit auf der Spur zu sein, mit Hilfe objektiver Untersuchungen und Experimenten, und mag dadurch eine Vielzahl an Vorgängen analysieren und erklären können. Den Grund für die erforschten biochemische Reaktionen des Organismus, den Antrieb zur Entstehung neuen Lebens und das Leben an sich, wird sie jedoch mit all ihrer Methodik nie herausfinden können, da auch die Wissenschaft bloß innerhalb jenes Radius menschlicher Verstandeskraft agiert. Was die Wissenschaft von der Erkenntnis der Wahrheit trennt, ist die Verweigerung des Eingeständnisses, dass es ausserhalb des menschlich erfassbaren und messbaren das Unfassbare, Unermessliche gibt, welches Kraft, Antrieb und Ursprung des Lebens ist: den Schöpfergott. Gott, der als Mensch zur Welt kam, um den Menschen die Wahrheit zu zeigen und sie in der Wahrheit zu unterweisen. Der Gott-Mensch, der sich aus Liebe zu den hochmütigen, abtrünnig gewordenen Menschen, Verrat, Verleumdung und einer grausamen Hinrichtung ergeben hat.

Was ist Wahrheit? Die Wahrheit ist, dass es eine absolute Wahrheit gibt. Es muss sie geben, gibt es sie doch immer: in jedem Streitfall, bei jedem kriminellen Delikt kommt früher oder später ans Licht, wie es sich wirklich zugetragen hat.

Die absolute Wahrheit, die unverrückbar allen zeitlichen Veränderungen und Umwälzungen widersteht. Die Wahrheit, die sich niemals ändert, die gestern so gültig war wie es heute ist und morgen sein wird. Die Wahrheit, die auf alle Fragen Antworten gibt und keine Zweifel offen lässt. Die Wahrheit, die impliziert, dass jene Lehren, die sich nicht mit ihr decken, falsch sind.

Die Wahrheit möchte gesucht werden. Sie lässt sich finden.

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(*) Wissenschaft = hier gemeint: atheistische, darwinistische Wissenschaft