Posts Tagged ‘Seher’

Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner

23/10/2010
zum Sonntagsevangelium vom 24. Oktober 2010: Lukas 18,9-14

„… Nachdem sie ihre Angelegenheiten erledigt hatten, stiegen die beiden zum Tempel hinauf, und als sie am Opferkasten vorüberkamen, zog der Pharisäer ostentativ einen großen Geldbeutel aus seiner Brusttasche und schüttete den Inhalt bis zum letzten Heller in den Tempelschatz. In dieser Geldbörse waren vor allem die Geldstücke, die er den Kaufleuten abverlangt hatte, und der Erlös für das Öl, das er dem Verwalter abgenommen und sofort an einen Händler verkauft hatte. Der Zöllner hingegen warf eine Handvoll kleiner Münzen hinein und behielt soviel zurück, als er für die Rückreise in die Heimat benötigte. Der eine wie der andere gaben alles, was sie hatten. Scheinbar war sogar der Pharisäer der Großzügigere, da er alles bis zum letzten Heller hergab. Aber man muß bedenken, daß er in seinem Palast noch viel Geld hatte und außerdem Kredit bei reichen Geldwechslern.

Dann begaben sich beide vor den Herrn. Der Pharisäer ging nach vorn, bis zur Grenze des Atriums der Hebräer vor dem Heiligtum. Der Zöllner blieb hinten stehen, fast unter dem Gewölbe, das zum Vorhof der Frauen führt. Er stand da, gebeugt und niedergeschmettert bei dem Gedanken an sein Elend im Vergleich zur göttlichen Vollkommenheit. Beide beteten.


Der Pharisäer stand aufrecht, fast anmaßend da, als ob er der Hausherr wäre, der sich herabläßt, einen Besucher zu empfangen, und sprach: „Sieh, ich bin gekommen, um dich in dem Haus zu verehren, das unser Ruhm ist. Ich bin gekommen, obwohl ich fühle, daß du in mir bist, da ich ein Gerechter bin. Ich bin kein Räuber. Ich bin nicht ungerecht, kein Ehebrecher und kein Sünder, wie jener Zöllner dort, der fast gleichzeitig mit mir eine Handvoll Kupermünzen in den Schatz geworfen hat. Ich, du hast es gesehen, habe dir alles gegeben, was ich bei mir hatte. Dieser Geizhals dagegen hat zwei Teile gemacht und dir den kleineren gegeben. Den anderen Teil wird er wohl für Schwelgereien und für Frauen behalten haben. Ich bin rein. Ich beflecke mich nicht. Ich bin rein und gerecht, faste zweimal in der Woche und bezahle den Zehnten von allem, was ich besitze. Ja, ich bin rein, gerecht und gesegnet, weil ich heilig bin. Erinnere dich daran, Herr.“

Der Zöllner in seinem entfernten Winkel wagte kaum, die Augen zu den kostbaren Pforten des Heiligtums zu erheben. Er schlug an seine Brust und betete so: „Herr, ich bin nicht würdig, an diesem Ort zu stehen. Aber du bist gerecht une heilig, und du gestattest es mir, weil du weißt, daß der Mensch ein Sünder und ein Teufel wird, wenn er nicht zu dir kommt. Oh, mein Herr, ich möchte dich ehren Tag und Nacht, aber ich bin so viele Stunden der Sklave meiner Arbeit. Es ist eine harte Arbeit, die mich demütigt, denn ich füge meinem unglücklichen Nächsten Schmerz zu. Aber ich muß meinen Vorgesetzten gehorchen, um mein tägliches Brot zu verdienen. Hilf mir, o mein Gott, daß ich das Pflichtgefühl gegenüber meinen Vorgesetzten immer mäßige durch die Liebe zu meinen armen Brüdern, damit meine Arbeit nicht zu meiner Verdammung führe. Jede Arbeit ist heilig, wenn sie mit Liebe getan wird. Laß deine Liebe stets in meinem Herzen gegenwärtig sein, damit ich, armselig wie ich bin, mit meinen Untergebenen Mitleid habe, wie du mit mir, dem großen Sünder, Mitleid hast. Ich hätte dich gern mehr geehrt, o Herr, du weißt es. Aber ich hielt es für besser, mit dem für den Tempel bestimmten Geld acht unglückliche Herzen zu trösten als es in den Opferkasten zu werfen und dann acht unschuldige und unglückliche Menschen verzweifelt weinen zu lassen. Wenn ich jedoch gefehlt habe, laß es mich wissen, o Herr, denn ich bin ein großer Sünder.“

Das ist das Gleichnis. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, während der Pharisäer den Tempel verließ, nachdem er noch eine Sünde zu den schon bevor der den Moriah erstieg begangenen hinzugefügt hatte, ging der Zöllner gerechtfertigt hinaus, und der Segen Gottes begleitete ihn bis zu seinem Haus und ruhte darauf. Denn er war demütig und barmherzig, und seine Werke waren noch heiliger als seine Worte; der Pharisäer dagegen war nur mit Worten und nach außen hin gut, in seinem Inneren aber und mit seinem Hochmut und seiner Hartherzigkeit vollbrachte er Werke des Teufels, weshalb er Gott verhaßt war.

Wer sich selbst erhöht, wird immer, früher oder später, erniedrigt werden; wenn nicht in diesem, dann im anderen Leben. Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden, besonders droben im Himmel, wo die Handlungen der Menschen in ihrem wahren Wert erscheinen.

Komm, Zachäus. Kommt ihr, die ihr mit ihm seid, und ihr, meine Apostel und Jünger. Ich werde noch allein mit euch sprechen.“

Er hüllt sich in seinen Mantel und kehrt in das Haus des Zachäus zurück.

Auszug aus “Der Gottmensch“, Band IX von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch


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Gleichnis vom Richter und der Witwe

16/10/2010
zum Sonntagsevangelium vom 17. Oktober 2010: Lukas 18,1-8

Er schaut auf das Volk, das sich versammelt hat, an die hundert Menschen, und spricht: „Hört dieses Gleichnis, das euch den Wert des ausdauernden Gebetes erklären wird!

Ihr wißt, was das Deuteronomium über die Richter und Beamten sagt. Sie müssen gerecht und barmherzig sein und ohne Voreingenommenheit alle anhören, welche sich an sie wenden. Sie sollen deren Angelegenheiten so behandeln, als wären es ihre eigenen, keine Geschenke annehmen, nicht auf Drohungen achten, schuldig gewordene Freunde nicht begünstigen und solche, die mit den Freunden des Richters verfeindet sind, nicht benachteiligen. Und wenn auch die Worte des Gesetzes gerecht sind, so sind es doch die Menschen, die dem Gesetz nicht zu gehorchen wissen, nicht immer. Man sieht also, daß die menschliche Gerechtigkeit oft unvollkommen ist; denn selten sind die Richter, die sich nicht durch Bestechlichkeit beflecken, die barmherzig und geduldig sind sowohl mit den Reichen als auch mit den Armen, mit den Witwen und Waisen, wie auch mit denen, die dies nicht sind.

In einer Stadt lebte ein seines Amtes, das er nur durch mächtige Verwandte erlangt hatte, sehr unwürdiger Richter. Er war äußerst ungerecht in seinen Urteilen und immer geneigt, den Reichen und Mächtigen, den von Reichen und Mächtigen Empfohlenen, und auch denen, die ihn mit reichen Geschenken bestachen, recht zu geben. Er fürchtete Gott nicht und lachte über die Klagen der Armen und Schwachen, die keinen mächtigen Verteidiger hatten. Wenn er jemanden nicht anhören wollte, der so überzeugende Beweise gegen einen Reichen vorbrachte, daß er ihm in keiner Weise Unrecht geben konnte, ließ er ihn von sich jagen und drohte ihm mit Kerker. Die meisten ertrugen seine Gewaltakte stillschweigend, zogen sich geschlagen zurück und akzeptierten ihre Niederlage, noch bevor ihr Fall vor Gericht erörtert worden war.

In dieser Stadt lebte auch eine Witwe mit vielen Kindern, der ein reicher, einflußreicher Herr eine große Summe für Arbeiten, die ihr verstorbener Gatte für diesen Mächtigen ausgeführt hatte, schuldig geblieben war. Getrieben von Not und mütterlicher Liebe hatte sie sich bemüht, die Summe zu erhalten, die es ihr ermöglicht hätte, ihre Kinder zu ernähren und sie für den kommenden Winter mit Kleidung zu versehen. Aber all ihr Drängen und Flehen war erfolglos geblieben, und so wandte sie sich an den Richter.

Harold Copping: Die hartnäckige Witwe

Der Richter war ein Freund dieses Reichen, und letzterer hatte zu ihm gesagt: „Wenn du mir recht gibst, gehört ein Drittel der Summe dir.“ Daher war der Richter taub gegenüber den Worten der Witwe, die ihn bat: „Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher. Du siehst, wie sehr ich dieses Geldes bedarf. Alle können dir bestätigen, daß ich ein Anrecht auf diese Summe habe.“ Der Richter aber blieb taub und ließ sie von seinen Dienern fortjagen. Doch die Frau kehrte ein-, zwei-, zehnmal zurück, am Morgen, zur sechsten und neunten Stunde, am Abend, unermüdlich. Sie lief ihm nach auf der Straße und rief ihm zu: „Schaffe mir Recht. Meine Kinder haben Hunger und frieren, und ich habe kein Geld, um Mehl und Kleider zu kaufen.“

Sie war an der Schwelle seines Hauses, wenn er heimkehrte, um sich mit seinen Kindern zu Tisch zu setzen. Und der Schrei der Witwe: „Schaffe mir Recht, denn ich leide zusammen mit meinen Kindern Hunger und Kälte“, drang bis ins Haus, bis in den Speisesaal und in das Schlafgemach während der Nacht, durchdringend wie das Geschrei eines Wiedehopfs: „Erweise mir Gerechtigkeit, wenn du nicht willst, daß Gott dich bestrafe! Erweise mir Gerechtigkeit! Bedenke, daß die Witwen und Waisen Gott heilig sind, und wehe dem, der sie bedrückt. Erweise mir Gerechtigkeit, wenn du nicht eines Tages erleiden willst, was wir jetzt leiden. Hunger leiden und frieren, wie wir jetzt, wirst du im anderen Leben, wenn du nicht Gerechtigkeit walten läßt, du Elender!“

Der Richter fürchtete weder Gott noch den Nächsten. Doch er hatte es satt, von der Hartnäckigkeit der Witwe beständig verfolgt und zum Gegenstand des Spottes und auch des Tadels der ganzen Stadt zu werden. Daher sagte er eines Tages zu sich selbst: „Wenn ich auch weder Gott noch die Drohungen der Frau oder das Urteil der Mitbürger fürchte, so will ich doch all diesen Belästigungen ein Ende setzen und der Witwe Gehör schenken. Ich werde Gerechtigkeit walten lassen und den Reichen verpflichten zu zahlen, damit sie mich nicht mehr verfolgt und mich in Ruhe läßt.“ So rief er denn den reichen Freund zu sich und sagte ihm: „Mein Freund, es ist mir nicht länger möglich, dich zufriedenzustellen. Tue deine Pflicht und zahle, denn ich ertrage es nicht länger, deinetwegen belästigt zu werden.“ So mußte der Reiche die Summe zahlen, wie es die Gerechtigkeit wollte.

Das ist das Gleichnis. Nun ist es an euch, es anzuwenden.

Ihr habt die Worte eines Ungerechten gehört: „Um den vielen Belästigungen ein Ende zu setzen, will ich der Frau Gehör schenken.“ Er war ein Ungerechter! Sollte etwa Gott, der gütigste Vater, weniger gut sein als der schlechte Richter? Wird er nicht diesen seinen Kindern Gerechtigkeit erweisen, die ihn Tag und Nacht anrufen? Wird er sie so lange auf die Gnade warten lassen, bis ihr niedergeschlagenes Herz aufhört zu beten? Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich Gerechtigkeit widerfahren lassen, damit ihre Seele den Glauben nicht verliere. Man muß aber auch zu beten wissen und nicht gleich nach den ersten Gebeten ermüden, und man muß um Gutes zu bitten wissen. Auch muß man sich Gott anvertrauen und sagen: „Es möge jedoch geschehen, was deine Weisheit für uns als das Beste erachtet.“

Habt Vertrauen! Wißt zu beten im Vertrauen auf das Gebet und auf Gott, euren Vater, und er wird euch Gerechtigkeit erweisen gegenüber euren Bedrückern, mögen sie nun Menschen oder Dämonen, Krankheiten oder andere Unglücksfälle sein. Das beharrliche Gebet öffnet den Himmel, und das Vertrauen rettet die Seele, in welcher Weise auch immer das Gebet gehört und erhört wird. Laßt uns gehen!“

Er geht auf den Ausgang zu. Und als er beim Hinausgehen sein Haupt erhebt und sieht, wie wenige ihm folgen und wie viele ihm gleichgültig und feindselig von weitem nachschauen, ruft er traurig aus: „Wenn der Menschensohn wiederkehrt, wird er dann noch Glauben finden auf Erden?“ Und seufzend hüllt er sich enger in seinen Mantel und begibt sich mit langen Schritten zur Vorstadt Ophel.

Auszug aus “Der Gottmensch“, Band IX von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch


Die Heilung der zehn Aussätzigen

10/10/2010
zum Sonntagsevangelium vom 10. Oktober 2010: Lukas 17,11-19

Judas Iskariot schaut ihn an und würde vielleicht etwas sagen; aber er wird abgelenkt durch einen Schrei, der von einem Hügel herkommt, der die Ortschaft beherrscht, an der sie entlanggehen und einen Weg hinein suchen.

„Jesus! Rabbi! Jesus, Sohn Davids und unser Herr, habe Erbarmen mit uns!“

„Aussätzige! Gehen wir Meister, sonst wird das ganze Dorf herbeilaufen und uns in den Häusern aufhalten“, sagen die Apostel.

Aber die Aussätzigen haben den Vorteil, daß sie ihnen voraus sind, hoch über der Straße, wenn auch wenigstens fünfhundert Meter vom Dorf entfernt; und sie kommen hinkend herunter und laufen auf Jesus zu, wobei sie ihre Rufe wiederholen.

„Gehen wir ins Dorf, Meister, dorthin dürfen sie nicht kommen“, sagen einige Apostel; aber andere entgegnen: „Einige Frauen schauen schon aus den Häusern. Wenn wir ins Dorf gehen, entkommen wir den Aussätzigen, aber wir werden auch erkannt und aufgehalten.“

Während sie im Ungewissen sind, was sie tun sollen, nähern sich die Aussätzigen Jesus immer mehr, der allem Wenn und Aber zum Trotz seinen Weg fortgesetzt hat. Die Apostel müssen sich fügen und ihm folgen, während Frauen mit Kindern an ihrer Brust und einige alte Männer, die im Dorf zurückgeblieben sind, herbeieilen, um zu sehen, aber in entsprechender Entfernung von den Aussätzigen. Diese bleiben einige Meter vor Jesus stehen und flehen wieder: „Jesus, hab Erbarmen mit uns!“

James Tissot: Die Heilung der zehn Aussätzigen

Jesus betrachtet sie einen Augenblick. Dann fragt er, ohne auf die Leidensgruppe zuzugehen: „Seid ihr aus diesem Dorf?“

„Nein, Meister, wir kommen aus verschiedenen Orten. Aber von der anderen Seite dieses Berges, auf dem wir leben, kann man die Straße nach Jericho überblicken, und der Ort ist gut für uns…“

„Dann geht in das Dorf, das eurem Berg am nächsten liegt, und zeigt euch den Priestern.“

Jesus setzt seinen Weg fort, geht dabei aber am Rand der Straße, um nicht mit den Aussätzigen in Berührung zu kommen, die ihn näherkommen sehen und deren ganze und einzige Hoffnung im Blick ihrer armen Augen liegt. Als Jesus auf gleicher Höhe mit ihnen ist, erhebt er die Hand zum Segen.

Die Dorfbewohner kehren enttäuscht in ihre Häuser zurück… Die Aussätzigen steigen wieder auf ihren Berg, um in ihre Höhlen oder an die Straße nach Jericho zu gehen.

„Es war gut, daß du sie nicht geheilt hast. Die Leute dieses Dorfes hätten uns nicht mehr losgelassen…“

„Ja, und wir müssen noch vor Einbruch der Nacht Ephraim erreichen.“

Jesus geht weiter und schweigt. Das Dorf ist nun vor ihren Blicken verborgen, da die Straße in Kurven und starken Windungen der Form des Berges folgt, an dessen Fuß sie verläuft.

Da erreicht sie eine Stimme: „Lob sei Gott, dem Allerhöchsten, und seinem wahren Messias! In ihm ist alle Macht, Weisheit und Barmherzigkeit! Lob sei Gott, dem Allerhöchsten, der uns in ihm den Frieden geschenkt hat. Lobt ihn alle, ihr Menschen von Judäa und Samaria, von Galiläa und Transjordanien. Bis zu den Firnen des höchsten Hermon, bis zu den verbrannten Steinwüsten Idumäas, bis zu den Wellen des großen Ozean bespülten Gestaden erklinge das Lob des Allerhöchsten und seines Christus. Seht, nun ist die Prophezeiung des Bileam in Erfüllung gegangen. Der Stern Jakobs erstrahlt am neuen Himmel des vom wahren Hirten geeinten Vaterlandes. Nun haben sich die den Patriarchen gegebenen Versprechen erfüllt. Dies, dies ist das Wort des Elias, der uns liebte. Hört es, o ihr Völker von Palästina, und versteht es!

Jetzt darf man kein schwankendes Rohr mehr sein, jetzt muß man im Licht des Geistes wählen, und wenn der Geist redlich ist, wird er richtig wählen. Dies ist der Herr! Folgt ihm. Ach, denn wir sind bisher bestraft worden, da wir uns nicht bemühten zu verstehen. Der Mann Gottes verfluchte den falschen Altar und prophezeite: „Siehe, dem Hause Davids wird ein Sohn geboren, Josia ist sein Name. Er wird auf dem Altar opfern und Menschengebeine verbrennen. Und der Altar wird bersten bis in die Eingeweide der Erde, und die Asche des Brandopfers wird zerstreut nach Mitternacht und nach Mittag, nach Osten und nach Westen, wo die Sonne untergeht.“ Handelt nicht wie der törichte Ahasja, der den Gott von Ekron befragen ließ, während doch der Allerhöchste in Israel weilte. Seid nicht geringer als die Eselin von Bileam, die in ihrem Gehorsam gegen den Geist des Lichtes das Leben verdiente, während der Prophet geschlagen wurde, da er nichts sah.Seht das Licht, das unter uns wandelt. Öffnet die Augen, o ihr Geistesblinden, und seht!“ Einer der Aussätzigen folgt ihnen in immer geringerer Entfernung auch auf der Hauptstraße, die sie nun erreicht haben, und weist die Pilger auf Jesus hin.

Verärgert drehen sich die Apostel zwei- oder dreimal zu dem Aussätzigen um, der nun vollständig geheilt ist, und gebieten ihm, zu schweigen. Schließlich drohen sie ihm beinahe.

Aber er, der so seine Stimme erhebt, damit alle sie hören, hält nur einen Augenblick inne und entgegnet: „Wollt ihr, daß ich die Großtaten nicht verherrliche, die Gott an mir vollbracht hat? Wollt ihr, daß ich ihn dafür nicht lobpreise?“

„Preise ihn in deinem Herzen und schweige“, antworten sie unruhig.

„Nein, ich kann nicht schweigen. Gott legt die Worte in meinen Mund.“

Dann beginnt er wieder laut zu rufen: „Volk der beiden Grenzdörfer, du Volk, das du zufällig vorübergehst, halte an und bete an den, der da herrschen wird im Namen des Herrn. Ich spottete einst über viele dieser Worte. Jetzt aber wiederhole ich sie, denn ich sehe ihre Erfüllung. Seht, alle Völker setzen sich in Bewegung und kommen frohlockend zum Herrn auf den Wegen des Meeres und der Wüste, über Hügel und Berge. Auch wir, das Volk, das in Finsternis wandelte, werden hingehen zum Licht, das aufgegangen, zum Leben, das entsprossen ist, aus dem Land des Todes. Wölfe, Leoparden und Löwen, die wir waren, werden wir im Geiste des Herrn wiedergeboren werden und uns lieben in ihm, im Schatten des aus Jesse entsprungenen Sprosses, der zur Zeder geworden ist, unter der er die Nationen versammelt von den vier Enden der Erde. Seht, es kommt der Tag, da die Eifersucht Ephraims ein Ende haben wird, denn es gibt nicht mehr Israel und Juda, sondern nur ein einziges Reich: das Reich des Gesalbten des Herrn. Seht, ich singe das Lob des Herrn, der mich gerettet und getröstet hat. Seht, ich sage: Lobt ihn und kommt, das Wasser aus den Quellen des Heils zu schöpfen. Hosanna! Hosanna den Großtaten Gottes! Hosanna dem Allerhöchsten, der seinen Geist im Gewand des Fleisches unter die Menschen gesandt hat, auf daß er ihr Erlöser werde!“

William Hole: Der dankbare Aussätzige

Er ist nicht zu erschöpfen. Das Volk mehr sich, drängelt und versperrt den Weg. Wer hinten war, eilt herbei; wer vorne war, kehrt nach hinten zurück. Die Bewohner einer kleinen Ortschaft, in deren Nähe sie nun sind, schließen sich den Vorübergehenden an.

„Aber bringe ihn doch zum Schweigen, Herr. Er ist ein Samariter, wie das Volk uns sagt. Er darf nicht von dir sprechen, wenn du nicht einmal erlaubst, daß wir vor dir hergehen und dich verkünden!“ sagen die Apostel voller Unruhe.

„Meine Freunde, ich wiederhole die Worte Moses an Josua, den Sohn Nuns, der sich beklagt hatte, weil Eldad und Medad im Feldlager prophezeiten; „Eiferst du für mich? Möchte doch Jahwe das ganze Volk zu Propheten machen! Daß doch der Herr allen seinen Geist mitteile!“ Doch ich werde auf ihn warten und ihn entlassen, um euch zufriedenzustellen.“

Jesus bleibt stehen, dreht sich um und ruft den geheilten Aussätzigen zu sich, der herbeieilt, sich vor Jesus niederwirft und den Staub küßt.

„Erhebe dich! Wo sind die anderen? Wart ihr nicht zehn? Haben die anderen neun nicht das Bedürfnis verspürt, dem Herrn zu danken? Was ist das? Unter zehn Aussätzigen, von denen nur einer Samariter ist, hat sich keiner gefunden als dieser Fremdling, der sich verpflichtet gefühlt hätte, zurückzukehren und Gott die Ehre zu erweisen, bevor er dem Leben und seiner Familie wiedergegeben wird? Und er wird „Samariter“ genannt. Sie sind also nicht mehr trunken, die Samariter, da sie sehen, ohne sich zu täuschen, und den Weg des Heiles einschlagen, ohne zu wanken? Spricht das Wort etwa eine fremde Sprache, da die Fremden sie verstehen, nicht aber das eigene Volk?“

Er läßt seine herrlichen Augen über die Menschen aus allen Orten Palästinas schweifen, die hier zugegen sind. Man kann das Strahlen dieser Augen nicht ertragen… Viele  neigen das Haupt, geben ihren Reittieren die Sporen oder entfernen sich zu Fuß.

Jesus aber richtet seine Augen auf den Samariter zu seinen Füßen, und sein Blick nimmt den Ausdruck wunderbarer Sanftmut an. Er erhebt die Hand, die locker an seiner Seite gehangen hat, macht eine Segensgeste und sagt: „Erhebe dich und geh. Dein Glaube hat in dir mehr gerettet als nur das Fleisch. Wandle fortan im Lichte Gottes. Geh!“

Der Mann küßt noch einmal den Staub und bittet, bevor er sich erhebt: „Einen Namen, o Herr! Gib mir einen neuen Namen, denn alles ist neu in mir, und für immer.“

„In welchem Land befinden wir uns?“

„Im Land Ephraim.“

„Ephraim sollst du von nun an heißen; denn zweimal hat das Leben dir das Leben gegeben. Nun geh.“

Der Mann erhebt sich und geht.

Auszug aus “Der Gottmensch“, Band VIII von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR),www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch


Mariä Heimsuchung

14/08/2010

(Lukas 1, 39-56)

Anstelle Saras erscheint oben an der Treppe an der Hausseite eine sehr betagte Frau voller Runzeln und mit sehr ergrautem Haar, das früher wohl tiefschwarz gewesen sein muss; denn sie hat noch schwarze Wimpern und Augenbrauen. Einen eigenartigen Kontrast zu ihrem offenbaren Alter bildet die trotz des weiten Gewandes sichtbare Schwangerschaft. Sie blickt nach unten, indem sie die Hand zum Schutz gegen die Sonne vor die Augen hält. Da erkennt sie Maria, hebt die Arme mit einem freudigen und erstaunten Ausruf zum Himmel und eilt, so gut sie kann, Maria entgegen. Auch Maria, die sonst in ihren Bewegungen immer ruhig ist, läuft nun schnell wie ein junges Reh und erreicht den Treppenabsatz gleichzeitig mit Elisabeth. Maria umarmt mit lebhafter Herzlichkeit die Base, die bei ihrem Anblick Freudentränen weint.

Sie bleiben einen Augenblick umschlungen, dann löst sich Elisabeth von der Umarmung mit einem: „Ah!“, einem Gemisch von Schmerz und Freude, und legt die Hände auf ihren schwangeren Mutterschoss. Sie neigt ihr Antlitz, das abwechselnd erbleicht und errötet. Maria und der Diener strecken ihre Hände aus, um sie zu stützen, denn sie wankt, als fühle sie sich übel. Aber nachdem sie eine Weile wie in sich gesammelt geblieben ist, erhebt sie ihr Gesicht so strahlend, dass sie ganz verjüngt erscheint; lächelnd und mit einer Ehrfurcht, als erblicke sie einen Engel, verneigt sie sich tief und sagt:

„Du bist gebenedeit unter den Frauen! Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes! Wie habe ich es verdient, dass zu mir, deiner Dienerin, die Mutter meines Herrn kommt? Sieh: Beim Ton deiner Stimme jubelte das Knäblein in meinem Schoss, und als ich dich umarmte, hat der Geist der Herrn erhabene Wahrheiten zu meinem Herzen gesprochen. Selig bist du, weil du geglaubt hast, dass bei Gott auch das möglich sei, was dem menschlichen Verstand unmöglich erscheint! Gebenedeit bist du, denn durch deinen Glauben lässt du die Verheissungen in Erfüllung gehen, die der Herr dir gegeben und die von den Propheten für diese Zeit vorausgesagt worden sind! Gebenedeit bist du, weil du meinem Sohn die Heiligkeit gebracht hast; denn ich fühle, dass er aufhüpft wie ein fröhliches Zicklein in meinem Schoss; denn er fühlt sich befreit von der Last der Schuld und dazu berufen, der Vorläufer zu sein, der geheiligt ist vor der Erlösung durch den Heiligen, der in dir heranwächst!“

Maria ruft nun unter Tränen, die wie Perlen aus den Augen zum lächelnden Mund herabfliessen, und mit zum Himmel erhobenem Blick und Händen, in einer Körperhaltung, die später so oft ihr Jesus annehmen wird: „Hochpreise meine Seele den Herrn“, und fährt fort mit dem Lobgesang, so wie er uns überliefert ist. Zum Schluss, beim Vers: „Er hat sich Israels, seines Knechtes, angenommen usw.“, kreuzt sie die Hände über der Brust und verneigt sich bis zur Erde, in die Anbetung Gottes versunken.

Auszug aus “Der Gottmensch“, Band I von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch


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Der Lobgesang Marias: Magnificat

Meine Seele preist die Größe des Herrn,
und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.
Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig.
Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.
Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;
er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.
Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und läßt die Reichen leer ausgehen.
Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen,
das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.

Jesus, die Pharisäer und die Ehebrecherin

18/03/2010

(zum Sonntags-Evangelium vom 21. März 2010: Joh 8,1-11)

Ich sehe die Umfassungsmauer des Tempels von innen, also einen der vielen Höfe, die von Säulenhallen umgeben sind. Ich sehe auch Jesus, der ganz in den Mantel gehüllt ist, den er über seinem Gewand trägt, das nicht weiß, sondern dunkelrot ist und aus einem schweren wollenen Gewebe zu sein scheint. Jesus spricht von viel Volk umgeben.

Ich würde sagen, daß es ein Wintertag ist, denn ich sehe alle in dicke Mäntel gehüllt. Es muß sehr kalt sein, denn anstatt stillzustehen, gehen alle rasch hin und her, als wollten sie sich auf diese Weise erwärmen. Es bläst auch ein starker Wind, der die Mäntel bewegt und den Staub in den Höfen aufwirbelt.

Die Gruppe, die sich um Jesus drängt und die als einzige stillsteht, während alle anderen, die sich um diesen oder jenen Meister scharen, hin- und hergehen, teilt sich nun, um einen kleinen Trupp heftig gestikulierender Schriftgelehrter und Pharisäer vorbeizulassen, die giftiger sind als je zuvor. Sie sprühen Gift aus ihren Augen, ihrer Gesichtsfarbe und ihrem Mund. Welche Vipern! Sie führen, oder vielmehr schleifen eine Frau von etwa dreißig Jahren mit wüstem Haar und ungeordneter Kleidung mit sich, die aussieht, als sei sie mißhandelt worden, und die jetzt weint. Vor Jesus werfen sie sie zu Boden, als wäre sie ein Haufen Lumpen oder ein toter Balg. Dort bleibt sie zusammengekauert liegen, das Gesicht auf den Armen, die es verbergen und gleichzeitig ein Kissen auf dem Boden bilden.

„Meister, diese wurde auf frischer Tat ertappt, als sie Ehebruch beging. Ihr Gemahl liebte sie und ließ es ihr an nichts fehlen. Sie war Königin in ihrem Haus, aber sie betrog ihn, weil sie eine undankbare, lasterhafte Sünderin ist, die ihr Haus entehrt. Eine Ehebrecherin ist sie, und als solche muß sie gesteinigt werden. Moses hat es befohlen. In seinem Gesetz gebietet er, daß Frauen, wie sie, wie unreine Tiere gesteinigt werden müssen. Und unrein sind sie, denn sie mißbrauchen das Vertrauen ihres Mannes, der sie liebt und für sie sorgt, und wie das immer durstige Erdreich sind sie unersättlich in ihrem Verlangen nach Wollust. Schlimmer als Huren sind sie, denn ohne durch die Not gezwungen zu sein, geben sie sich hin, um ihre Begierde zu sättigen. Sie sind ansteckend in ihrer Verkommenheit und müssen zum Tode verurteilt werden. Moses hat es befohlen. Und du, Meister, was sagst du dazu?“

Jesus hat bei der stürmischen Ankunft der Pharisäer aufgehört zu sprechen. Er schaut die armselige Meute mit seinen durchdringenden Augen an, senkt dann den Blick auf die zu seinen Füßen liegende, gedemütigte Frau und schweigt.

Er beugt sich nieder, ohne sich von seinem Sitz zu erheben, und schreibt mit einem Finger auf den vom Wind mit Staub bedeckten Boden der Säulenhalle. Sie reden, und er schreibt.

 

Christus und die Ehebrecherin (E. Signol)

„Meister, wir sprechen mit dir. Höre uns zu. Antworte uns. Hast du nicht verstanden? Diese Frau ist beim Ehebruch ertappt worden, in ihrem eigenen Haus, im Ehebett ihres Mannes. Sie hat es mit ihrer Unzucht beschmutzt.“

Jesus schreibt.

„Der Mann ist blöde! Seht ihr nicht, daß er nichts versteht und Zeichen in den Staub schreibt wie ein armer Irrer?“

„Meister, um deines guten Namens willen, sprich. Deine Weisheit antworte auf unsere Frage. Wir wiederholen dir: Dieser Frau hat es an nichts gefehlt. Sie hatte Kleider, Nahrung, Liebe und sie hat ihren Mann betrogen…“

Jesus schreibt.

„Sie hat ihren Mann belogen, der ihr vertraute. Mit lügnerischem Mund hat sie ihn gegrüßt und mit einem Lächeln zur Türe begleitet, und dann hat sie die geheime Türe geöffnet und ihren Liebhaber eingelassen. Und während der Gatte abwesend war, um für sie zu arbeiten, hat sie sich wie ein unreines Tier in ihrer Wollust gewälzt.“

„Meister, sie hat das Gesetz entheiligt, nicht nur das Ehebett. Sie ist eine Rebellin, eine Schänderin, eine Gotteslästerin.“

Jesus schreibt. Er schreibt, verwischt das Geschriebene wieder mit seinen Sandalen und schreibt dann daneben weiter, während er sich langsam um sich selbst dreht, um noch mehr Platz zum Schreiben zu finden. Er gleicht einem spielenden Kind; doch das was er nacheinander geschrieben hat, sind nicht die Worte eines Spiels. Er hat geschrieben: „Wucherer… Lügner… unehrerbietiger Sohn… Ehebrecher… Mörder… Gesetzesschänder… Usurpator… Dieb… Unzüchtiger… unwürdiger Gatte und Vater… Gotteslästerer… Rebell gegen Gott…“, und immer neue Worte schreibt er, während immer neue Ankläger reden.

„Aber nun höre doch endlich, Meister! Gib ein Urteil ab. Die Frau muß gerichtet werden. Sie darf mit der Last ihrer Sünden nicht die Erde beflecken. Ihr Atem ist ein Gifthauch, der die Herzen verwirrt.“

Jesus erhebt sich. Barmherzigkeit! Welch ein Antlitz! Flammende Blitze, die auf die Ankläger fallen. Er scheint noch stattlicher als sonst, mit hocherhobenem Haupt. Er gleicht einem König auf seinem Thron, so streng und feierlich ist er. Sein Mantel ist ihm von seiner Schulter geglitten und bildet eine kleine Schleppe hinter ihm. Aber er kümmert sich nicht darum.

Mit unbeweglichem Antlitz, ohne den leisesten Schatten eines Lächelns um Mund und Augen, richtet er seinen Blick auf die Menge, die zurückweicht wie vor zwei spitzen Klingen. Er schaut einen nach dem anderen fest an, mit prüfender Intensität, die Furcht einflößt. Die, die er so angesehen hat, versuchen sich in der Menge zu verbergen. So wird der Kreis immer größer und löst sich auf, wie von einer geheimen Kraft gesprengt.

Endlich spricht er: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie.“ Seine Stimme gleicht dem Donner, begleitet von den noch lebhafteren Blitzen seiner Augen. Jesus, die Arme vor der Brust gekreuzt, steht aufrecht da wie ein Richter, der wartet. Sein Blick läßt ihnen keine Ruhe. Er forscht, durchdringt, klagt an.

Zuerst einer, dann zwei, dann fünf und schließlich in Grüppchen entfernen sich die Anwesenden mit gesenktem Haupt. Nicht nur die Schriftgelehrten und die Pharisäer, sondern auch die, die sich schon zuvor um Jesus geschart hatten, und andere, die nähergetreten waren, um seine Ansicht und die Verurteilung zu hören, und die zusammen mit den übrigen die Schuldige beschimpft und ihre Steinigung gefordert hatten.

Jesus bleibt allein mit Petrus und Johannes zurück. Die anderen Apostel sehe ich nicht.

Jesus hat wieder begonnen zu schreiben, während die Ankläger geflohen sind, und nun schreibt er: „Pharisäer… Nattern… Gräber voller Unrat… Lügner… Verräter… Feinde Gottes… Beleidiger seines Wortes… „

Als der ganze Hof sich geleert hat und ein großes Schweigen eingetreten ist, hört man nur noch das Rauschen des Windes und das Plätschern eines Brünnleins in einer Ecke. Da erhebt Jesus sein Haupt und schaut sich um. Sein Antlitz ist nun ruhig, traurig, aber nicht mehr erzürnt. Er blickt Petrus kurz an, der sich etwas entfernt und an eine Säule gelehnt hat, und dann Johannes, der fast hinter ihm steht und ihn mit seinen liebevollen Augen anschaut. Der Schatten eines Lächelns gleitet über das Antlitz Jesu, als er Petrus ansieht, und als er den Blick auf Johannes richtet, wird es lebhafter. Zwei verschiedene Lächeln.

Dann betrachtet er die Frau, die immer noch weinend zu seinen Füßen liegt. Er beobachtet sie. Sie richtet sich auf und bringt ihr Gewand in Ordnung, als wolle sie sich auf den Weg machen. Jesus gibt den beiden Aposteln einen Wink, sich zum Ausgang zu begeben.

Als sie allein sind, ruft er die Frau: „Frau, höre mir zu. Schau mich an.“ Er wiederholt seinen Befehl, da sie nicht wagt, ihr Haupt zu erheben. „Frau, wir sind allein. Schau mich an.“

Die Unglückliche erhebt ihr Gesicht, auf das Tränen und Staub eine Maske der Demütigung gezeichnet haben.

„Frau, wo sind deine Ankläger?“ Jesus spricht leise, mit mitleidigem Ernst. Sein Antlitz und sein Körper neigen sich leicht über dieses Elend auf dem Boden, und mit Augen voll des Erbarmens und der Aufmunterung fragt er: „Hat dich niemand verurteilt?“

Die Frau antwortet zwischen zwei Seufzern: „Niemand, Meister.“

„Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige nicht mehr. Geh  nach Hause und bitte Gott und den Betrogenen um Verzeihung. Mißbrauche nicht die Güte des Herrn. Geh.“

Er hilft der Frau aufzustehen, indem er ihre Hand nimmt. Aber er segnet sie nicht und sagt auch nicht den Friedensgruß. Er sieht sie fortgehen mit geneigtem Haupt und etwas wankend unter dem Gewicht ihrer Schande, und als sie verschwunden ist, geht auch er mit den beiden Jüngern.

Auszug aus “Der Gottmensch″ (Band IX) von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz:book@parvis.ch, www.parvis.ch

Erklärungen Jesu zur vorstehenden Episode

Die Verklärung

28/02/2010
(zum Sonntags-Evangelium vom 28. Februar 2010: Lukas 9,28-36)

Nach einer kurzen Rast im Schatten einer Baumgruppe, sicher wegen Petrus, den der Aufstieg sichtlich ermüdet hat, beginnt Jesus weiter aufzusteigen. Er geht fast bis zum Gipfel, dorthin, wo sich ein mit Gras bewachsenes Plateau befindet, das im Halbkreis von einigen Bäumen begrenzt wird.

„Ruht euch aus, Freunde. Ich will dorthin gehen, um zu beten“, sagt Jesus indem er auf einen großen Felsblock zeigt, der nicht gegen den Abhang, sondern nach innen, dem Gipfel zu, emporragt.

 

Berg Tabor

 

Jesus kniet auf der Wiese nieder und lehnt Hände und Haupt an den Felsblock, dieselbe Haltung, die er später beim Gebet in Gethsemane einnehmen wird. Die Sonne bescheint ihn nicht, da der Gipfel ihn vor ihr schützt, doch der übrige Rasenplatz ist sehr sonnig, außer dem schattigen Rand mit den Bäumen, unter welchen sich die Apostel niedergelassen haben.

Petrus löst seine Sandalen, schüttelt Staub und Steinchen ab und bleibt barfuß, mit seinen müden Füßen im frischen Gras, halb ausgestreckt liegen, wobei er den Kopf auf einem Büschel ruhen lässt, das etwas höher aus dem Gras ragt und eine Art Polster bildet.

Jakobus tut es ihm nach. Doch, um es sich bequemer zu machen, sucht er nach einem Baumstumpf, auf den er seinen Mantel legt, um sich darauf zu stützen.

Johannes bleibt sitzen und beobachtet den Meister. Aber die Ruhe des Ortes, das frische Lüftchen, die Stille und die Müdigkeit überwältigen auch ihn, und sein Kopf sinkt auf die Brust und seine Augen fallen zu. Keiner von den dreien schläft tief, sie sind nur von der sommerlichen Schläfrigkeit wie betäubt.

Doch plötzlich werden sie durch eine Lichtfülle geweckt, die so lebendig erstrahlt, daß selbst die Sonne in ihr entschwindet; sie dringt bis zum Grün der Bäume und Sträucher, so sie sich niedergelassen haben.

Erstaunt öffnen sie ihre Augen und sehen Jesus verklärt. Jesus ist genau so, wie ich ihn in den Visionen des Paradieses schaue, natürlich ohne die Wundmale und ohne das Siegeszeichen des Kreuzes. Aber die Majestät seines Antlitzes und seiner Gestalt ist dieselbe, er strahlt wie im Himmel und trägt dasselbe Gewand wie dort, das sich aus einem dunkelroten in ein diamantenes, perlglänzendes immaterielles Gewebe verwandelt hat. Sein Antlitz ist eine Sonne, die stärker leuchtet als Sterne, und seine Augen strahlen wie Saphire. Er scheint noch stattlicher zu sein, als habe die Verklärung seine Gestalt anwachsen lassen. Ich kann nicht sagen, ob die Lichtfülle, die den ganzen Platz in phosphoreszierendes Licht taucht, ihm entströmt, oder ob sich sein eigenes Licht mit dem vermischt, das sich vom All und vom Paradies auf seinen Herrn ausgießt. Ich weiss nur, dass es etwas Unbeschreibliches ist.

Jesus steht jetzt aufrecht da, vielmehr, er schwebt über der Erde, denn zwischen ihm und dem Grün des Bodens ist eine Lichtwolke, ein Zwischenraum aus lauter Licht, auf dem er zu stehen scheint. Doch ist es so lebendig, daß ich mich auch täuschen könnte, und das Verschwinden des Grüns unter den Füßen Jesu könnte auch hervorgerufen sein durch dieses intensive Licht, das vibriert und wogt, wie man es oft bei großen Feuern sieht, blendend weiße Wogen. Jesus steht da, mit zum Himmel erhobenem Antlitz, und lächelt einer Vision zu, die ihn verzückt.

Die Apostel geraten beinahe in Angst und rufen ihm zu, denn er scheint nicht mehr ihr Meister zu sein, so erhaben verklärt und verwandelt ist er.

„Meister, Meister“, rufen sie leise und ängstlich.

Doch er hört sie nicht.

„Er ist in Ekstase“, sagt Petrus zitternd. „Was sieht er wohl?“

Die drei haben sich erhoben und möchten sich Jesus nähern, aber sie wagen es nicht.

Das Licht wird noch stärker durch zwei Flammen, die vom Himmel zu beiden Seiten Jesu herabkommen. Auf der Höhe der Ebene öffnet sich ihr Schleier, und es erscheinen zwei majestätische, strahlende Gestalten. Die eine ist älter, mit einem strengen, ernsten Blick und einem langen zweigeteilten Bart. Von seiner Stirne gehen zwei Lichthörner aus, die ihn mir als Moses anzeigen. Die andere Gestalt ist hager, bärtig und behaart, ungefähr wie der Täufer, dem er in Gestalt, Magerkeit und Strenge des Blickes ähnlich sieht. Während das Licht von Moses weiß ist, wie das von Jesus, besonders die Strahlen, die von der Stirn ausgehen, ist das Licht, das Elias ausströmt, sonnig, wie das einer lebendigen Flamme.

 

Carl Bloch - Die Verklärung

 

Die beiden Propheten stehen voller Ehrfurcht zu beiden Seiten ihres fleischgewordenen Gottes, und obwohl er in familiärem Ton mit ihnen spricht, verharren sie in ihrer ehrfurchtsvollen Haltung. Ich verstehe keines der gesprochenen Worte.

Die drei Apostel fallen zitternd auf die Knie und halten die Hände vors Gesicht. Sie möchten hinschauen, aber sie fürchten sich. Endlich sagt Petrus: „Meister, Meister, höre mich an!“ Jesus wendet sich Petrus zu und lächelt, so daß dieser Mut faßt und sagt: „Es ist schön, mit dir, Moses und Elias hier zu sein. Wenn du willst machen wir drei Zelte, für dich, für Moses und für Elias, und bleiben hier, um euch zu dienen…“

Jesus schaut ihn abermals an und lächelt noch ausdrücklicher. Dann schaut er auch Johannes und Jakobus an. Ein Blick, der die beiden mit Liebe umfängt! Auch Moses und Elias schauen die drei an und ihre Augen leuchten wie Blitze. Es müssen Strahlen sein, welche die Herzen durchdringen.

Die Apostel wagen kein Wort mehr zu sagen. Verängstigt schweigen sie und scheinen vor Verwunderung wie betäubt zu sein. Doch als ein Schleier, der weder ein Nebel, noch eine Wolke und auch kein Strahl ist, die drei Verklärten einhüllt und hinter einem noch helleren Lichtschirm verbirgt, und eine mächtige, wohlklingende Stimme die Luft erfüllt, fallen die drei zu Boden und verbergen das Antlitz im Gras.

„Das ist mein vielgeliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe. Auf ihn sollt ihr hören!“

Petrus hat, als er sich mit dem Gesicht voran zu Boden geworfen hat, ausgerufen: „Erbarmen mit mir Sünder! Die Herrlichkeit Gottes steigt herab!“ Jakobus gibt keinen Lauf von sich. Johannes flüstert mit einem Seufzer, als wäre er nahe dran, ohnmächtig zu werden: „Der Herr spricht!“

Keiner wagt seinen Kopf zu heben, selbst als es ganz still geworden ist, und sie bemerken daher nicht, wie das natürliche Sonnenlicht zurückkehrt, in welchem Jesus in seinem roten Gewand wieder wie gewohnt erscheint. Lächelnd schreitet er auf sie zu, berührt und schüttelt sie und ruft sie beim Namen.

„Steht auf, ich bin es. Fürchtet euch nicht“, sagt er, denn die drei wagen nicht, ihre Augen zu erheben und flehen um Barmherzigkeit für ihre Sünden, da sie fürchten, daß es der Engel des Herrn ist, der sie dem Allerhöchsten zeigen will.

„So erhebt euch doch. Ich gebiete es euch“, wiederholt Jesus mit machtvoller Stimme. Sie schauen auf und sehen Jesus, der ihnen zulächelt.

„Oh, Meister, mein Gott!“ ruft Petrus aus. „Wie wird es uns noch möglich sein, fortan an deiner Seite zu leben, da wir deine Herrlichkeit geschaut haben? Wie werden wir unter den Menschen leben können, wir sündigen Menschen, nun, da wir die Stimme Gottes gehört haben?“

„Ihr werdet an meiner Seite leben müssen und meine Herrlichkeit schauen bis zum Ende. Seid dessen würdig, denn die Zeit ist nahe. Gehorcht meinem Vater und eurem Vater. Nun wollen wir zu den Menschen zurückkehren, denn ich bin gekommen, um unter ihnen zu sein und sie Gott zuzuführen. Laßt uns gehen. Seid im Gedenken an diese Stunde heilig, stark und treu. Ihr werdet einst teilhaben an meiner vollkommenen Herrlichkeit. Aber sprecht jetzt mit niemandem über das, was ihr gesehen habt. Auch nicht mit den Gefährten. Wenn der Menschensohn einst von den Toten auferstanden und in die Herrlichkeit des Vaters zurückgekehrt sein wird, dann werdet ihr sprechen, denn dann wird man, um an meinem Reich teilzuhaben, glauben müssen.“

Auszug aus “Der Gottmensch″ (Band VI) von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch

Der wunderbare Fischfang

06/02/2010
(zum Sonntags-Evangelium vom 7. Februar 2010: Lukas 5,1-11)

Nach dem Segen Jesu entfernen sich die Leute nur ungern; und doch sind keine Kranken oder Arme unter ihnen.

Jesus sagt zu Simon: „Rufe die anderen beiden herbei! Wir wollen auf den See hinausfahren und das Netz auswerfen.“

„Meister, meine Arme schmerzen noch, da ich die ganze Nacht umsonst das Netz ausgeworfen und eingezogen habe. Die Fische sind in der Tiefe, wer weiß wo.“

„Tue, was ich dir sage, Petrus! Höre immer auf den, der dich liebt!“

„Ich werde tun, was du sagst, aus Achtung vor deinem Wort.“ Und er ruft laut die Gehilfen und auch Jakobus und Johannes herbei.

„Laßt uns zum Fischfang ausfahren! Der Meister will es.“ Und während sie wegfahren, sagt er zu Jesus: „Doch ich muß es dir sagen, Meister, daß die Stunde nicht günstig ist. Wer weiß, wo die Fische zu dieser Stunde sind, um sich auszuruhen…“

Jesus, der am Bug sitzt, lächelt und schweigt.

Sie fahren in einem Bogen über den See und werfen dann das Netz aus. Einige Minuten des Wartens, dann erhält das Boot eigenartige Stöße, obwohl der See ruhig wie Glas unter der schon hochstehenden Sonne liegt.

„Das sind Fische, Meister!“ sagt Petrus mit aufgerissenen Augen. Jesus lächelt und schweigt.

Raphael: Der wunderbare Fischfang

„Hissen, hissen…!“ befiehlt Petrus den Jungen. Doch das Boot neigt sich zur Seite des Netzes. „Oh, Jakob, Johannes! Schnell! Kommt! Bringt die Ruder! Schnell!“

Sie kommen, und mit der Kraft der beiden Mannschaften gelingt es, das Netz hochzuziehen, ohne den Fang zu beschädigen.

Die Boote legen an. Sie sind dicht beieinander. Ein Korb, zwei, fünf, zehn. Alle sind voll von erstaunlicher Beute. Und immer noch zappeln Fische im Netz, silbern und golden, und versuchen, dem Tod zu entfliehen. Es bleibt keine andere Wahl: der Rest muß ins Boot geleert werden! So geschieht es auch, und der Schiffsboden wimmelt von Leben, das mit dem Tod kämpft. Die Boote sind tief ins Wasser gesunken wegen des ungewöhnlichen Gewichtes.

„Legt euch in die Ruder, spannt die Segel! Gebt auf das Steuer acht! Stangen bereithalten, um den Zusammenstoss zu vermeiden! Das Gewicht ist zu groß!“

Während des Manövers hat Petrus keine Zeit zum Nachdenken. Doch, wie sie am Ufer sind, tut er es und versteht. Er fühlt Reue: „Meister, Herr! Gehe weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Ich bin nicht wert, in deiner Nähe zu sein!“ Er wirft sich vor Jesus auf den kiesigen, feuchten Strand.

Jesus betrachtet ihn und lächelt: „Steh auf! Folge mir nach! Ich lasse dich nicht mehr los! Von nun an wirst du Menschenfischer sein, und mit dir diese deine Gefährten! Fürchtet nichts mehr! Ich rufe euch! Kommt!“

„Sofort, Herr! Ihr kümmert euch um die Boote. Bringt alles Zebedäus und meinem Schwager! Laßt uns gehen! Alles für dich, Jesus! Der Ewige sei gepriesen für diese Erwählung!“

Die Vision ist zu Ende.

Auszug aus “Der Gottmensch″ (Band II) von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch

Die Taufe Jesu am Jordan

10/01/2010
(zum Sonntags-Evangelium vom 10. Januar 2010: Lukas 3,15-16.21-22.)

(…)

Jesus ist allein. Er geht langsam auf Johannes zu, der ihn nicht kommen sieht, da er ihm den Rücken zuwendet. Jesus nähert sich unauffällig, als sei auch er einer der vielen, die Johannes aufsuchen, um sich taufen zu lassen, um sich vorzubereiten und gereinigt zu sein bei der Ankunft des Messias. Nichts unterscheidet ihn von den anderen; er ist dem Gewand nach ein Landmann, dem schönen Aussehen und der Haltung nach ein Herr; doch keinerlei göttliches Merkmal hebt ihn von der Menge ab.

Es scheint, als ob Johannes eine besondere geistige Ausstrahlung empfinde. Er wendet sich um und errät sofort die Quelle dieser Ausstrahlung. Mit Ungestüm verlässt er den Felsblock, der ihm als Kanzel gedient hat, und geht eilig auf Jesus zu, der sich einige Meter von der Menge entfernt an einen Baumstamm gelehnt hat.

Jesus und Johannes schauen sich einen Augenblick fest in die Augen. Jesus mit dem sanften Blick seiner blauen Augen; Johannes mit seinen ernsten, schwarzen, blitzenden Augen. Die beiden, wie sie so nebeneinander stehen, bilden einen krassen Gegensatz. Hochgewachsen sind sie beide, dies ist die einzige Ähnlichkeit; doch in allem übrigen sind sie grundverschieden.


Jesus hat ordentliche, lange, blonde Haare, eine elfenbeinfarbene Gesichtshaut, blaue Augen und trägt ein einfaches, doch vornehm wirkendes Gewand.

Johannes ist verwildert. Die schwarzen, glatten Haare von ungleichmäßiger Länge hängen ihm auf die Schultern herab, während der schwarze Bart, der das ganze Gesicht umrandet, nicht verhindern kann, dass man die vom Fasten eingefallenen Wangen bemerkt. Die Augen sind schwarz und fieberglänzend. Die Haut ist von der Sonne und vom Wetter gebräunt und dicht behaart; er ist halbnackt und trägt ein Kamelfell, das in der Taille mit einem Lederriemen gegürtet ist und auf den Seiten Schlitze hat, durch die man die mageren Beine sehen kann. So sieht es aus, als ob ein Wilder neben einem Engel stehe.

Johannes heftet seinen durchdringenden Blick auf Jesus und ruft dann aus: «Seht, das Lamm Gottes! Wie geschieht mir, dass mein Herr zu mir kommt?»

Jesus antwortet ruhig: «Um den Ritus der Buße zu vollziehen.»

«Nie, Herr. Ich muß zu Dir gehen, um geheiligt zu werden; und nun kommst Du zu mir?»

Jesus legt Johannes, der gebeugt vor ihm steht, die Hand aufs Haupt und antwortet: «Lass es nach meinem Willen geschehen, damit alle Gerechtigkeit erfüllt und deine Handlung zum Anfang eines höheren Geheimnisses werde; damit den Menschen verkündet werde, dass sich das Sühneopfer auf dieser Welt befindet!»

Johannes betrachtet Jesus, und eine Träne lässt seinen Blick sanfter erscheinen; dann geht er voraus ans Ufer, wo Jesus den Mantel und die Tunika ablegt. Mit einer Art Beinkleider steigt er ins Wasser, wo Johannes schon auf ihn wartet. Er tauft ihn nun, und gießt ihm Wasser des Flusses über das Haupt mit einem Gefäß, das er am Gürtel hängen hatte und das, wie mir scheint, eine Muschel oder eine halbe, ausgehöhlte und getrocknete Kürbisschale ist.

Jesus ist wahrlich das Lamm. Das Lamm in der Reinheit des Fleisches, in der Bescheidenheit des Ausdrucks und in der Sanftmut des Blickes. Nachdem Johannes Jesus das Wasser über das Haupt gegossen hat, steigt Jesus aus dem Fluß und legt seine Kleider wieder an. Dann sammelt er sich zum Gebet. Währenddessen hat Johannes den Leuten versichert und bezeugt, daß er IHN erkannt habe an einem Zeichen, das ihm der Geist Gottes als unfehlbares Erkennungsmerkmal des Erlösers geoffenbart habe (die göttliche Taube und die göttliche Stimme).

Ich aber bin in den Anblick des betenden Jesus versunken, und in mir bleibt nichts als diese lichtvolle Gestalt vor dem grünen Hintergrund.

Auszug aus “Der Gottmensch″, Band I von Maria Valtorta, mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören


„Johannes benötigte kein besonderes Erkennungszeichen“ (Erläuterungen Jesu im Anschluss an die Vision seiner Taufe)

Die Geburt Jesu, unseres Herrn

23/12/2009

 

Fra Angelico - Madonna der Demut

Joseph wirft sich neben dem Feuer auf die Knie, um nicht wieder dem Schlaf zu verfallen, und betet. Er betet mit den Händen vor dem Gesicht. Bisweilen entfernt er sie, um das Feuer zu schüren; dann kehrt er wieder zu seinem inständigen Gebet zurück. Abgesehen von dem Geräusch der Holzstücke, die im Feuer prasseln, und dem des Esels, der dann und wann mit einem Huf auf den Boden schlägt, hört man nichts.

Ein feiner Mondstrahl dringt durch einen Spalt in der Decke und scheint wie eine körperlose, silberne Klinge Maria zu suchen. Sie wird mit dem Höhersteigen des Mondes immer größer, so dass sie schließlich das Haupt der Betenden erreicht und es mit einem strahlenden Glanz umgibt.

Maria hebt das Haupt, wie einer himmlischen Stimme folgend, und wirft sich von neuem auf die Knie. Oh! Wie schön ist sie jetzt! Ihr Haupt scheint im weißen Licht des Mondes zu strahlen, und ein übernatürliches Lächeln verklärt sie. Was sieht sie? Was hört sie? Was empfindet sie? Nur sie allein könnte sagen, was sie sieht, hört und empfindet in der leuchtenden Stunde ihrer Mutterschaft. Ich sehe nur, daß um sie herum das Licht stärker und immer stärker wird. Es scheint vom Himmel zu kommen; es scheint von den ärmlichen Dingen rings um sie herum auszugehen; es scheint vor allem, daß sie selbst es ist, die es ausstrahlt.

Ihr dunkelblaues Gewand erscheint jetzt im milden Himmelsblau des Vergißmeinnichts. Die Hände und das Gesicht werden bläulich, wie unter dem Licht eines riesigen, bleichglühenden Saphirs. Diese Farbe erinnert mich, auch wenn sie zarter ist, an jene, die ich in den Visionen des heiligen Paradieses und auch bei der Ankunft der Weisen gesehen habe. Immer mehr breitet sie sich aus über die Gegenstände und Kleider und läutert sie und gibt ihnen ihren Glanz.

Immer mehr strömt dieses Licht vom Körper Marias aus. Es scheint, daß sie alles Licht anzieht, das vom Himmel kommt. Nunmehr ist sie selbst die Verwalterin des „Lichtes“, sie, die dieses Licht der Welt geben soll. Es ist das beseligende, unbezwingbare, unermessliche, ewige, göttliche Licht, das jetzt gegeben wird und das sich ankündet durch eine Morgendämmerung, einen Morgenstern, einen Chor von Lichtatomen, die anwachsen, wachsen wie eine Meeresflut, die steigen, aufsteigen wie Weihrauch, die herniederfallen wie ein Strom und sich ausbreiten wie ein Schleier…

Die Decke voller Risse, Spinngewebe, hervorspringender Trümmer, die in der Schwebe hängen wie ein statisches Wunder, rauchgeschwärzt und abstoßend, erscheint nun wie das Gewölbe eines königlichen Saals. Jeder Stein wirkt wie ein silberner Block, jeder Riß wie das Schimmern eines Opals, jedes Spinngewebe wie ein kostbarer Baldachin, durchwirkt mit Silber und Diamanten. Eine große Eidechse, die sich zwischen zwei Felsstücken im Winterschlaf befindet, scheint ein Smaragd zu sein, der dort von einer Königin vergessen wurde, und eine Traube von schlafenden Fledermäusen sieht aus wie ein kostbarer Leuchter von Onyx. Das Heu, das von der höheren Krippe herunterhängt, ist kein Gras mehr: Es sind Fäden aus reinem Silber, die in der Luft mit der Anmut aufgelöster Haare zittern.

Die darunterliegende Krippe in ihrem groben Holz ist ein Block von gebräuntem Silber geworden. Die Wände sind bedeckt mit einem Brokat, in dem der Glanz der weißen Seide unter den perlfarbigen Verzierungen verschwindet. Und der Boden? … Was ist aus dem Boden geworden? Ein von weißem Licht erhellter Kristall. Die Buckel sind wie Lichtrosen, die als Ehrenbezeigung auf den Boden gestreut wurden, und die Löcher wie kostbare Kelche, aus denen Wohlgerüche aufsteigen.

Das Licht wird stärker und stärker. Es wird für das Auge unerträglich. In ihm verschwindet, wie von einem weißglühenden Lichtschleier verhüllt, die Jungfrau… und kommt aus ihm hervor als die Mutter.

Ja, als das Licht für meine Augen wieder erträglich wird, sehe ich Maria mit ihrem neugeborenen Sohn auf den Armen. Ein Kindlein, rosig und mollig, das sich bewegt und mit seinen Händchen – gross wie Rosenknospen – herumfuchtelt und mit seinen Füßlein zappelt, die im Herzen einer Rose Platz hätten. Es wimmert mit einem zitternden Stimmlein, gerade wie ein eben geborenes Lämmlein, und zeigt beim Öffnen des Mündleins, das klein wie eine Walderdbeere ist, ein gegen den Gaumen zitterndes Zünglein. Ein Kindlein, das sein Köpfchen bewegt, das die Mutter in ihrer hohlen Hand hält, während sie ihr Kindlein betrachtet und anbetet, weinend und freudig zugleich. Sie neigt sich, um es zu küssen, nicht auf das unschuldige Haupt, sondern tiefer, mitten auf die Brust, dort, wo das Herzchen schlägt… ja, für uns schlägt… dort, wo eines Tages die Wunde sein wird. Sie heilt sie schon im voraus, die Wunde; sie, die Mutter, mit ihrem unbefleckten Kuß.

Der vom Lichtglanz geweckte Ochse erhebt sich mit großem Lärm der Hufe und mit einem lauten Muhen. Der Esel wendet seinen Kopf und schreit sein „Iah!“. Das Licht, das sie verwundert, hat sie geweckt; aber ich denke lieber, daß sie ihren Schöpfer haben grüßen wollen, in ihrem Namen und in dem aller Tiere.

Auszug aus “Der Gottmensch″, Band I von Maria Valtorta, mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören.

Das Scherflein der Witwe

07/11/2009

zum Sonntags-Evangelium vom 8. November 09: Mk 12, 38-44:

Zuerst sehe ich nur Säulengänge und Vorhöfe, die ich als zum Tempel gehörig erkenne, und Jesus, der einem Herrscher gleicht – so feierlich ist er in seinem leuchtend roten Gewand und dem etwas dunkleren Mante l- und an einer riesigen viereckigen Säule lehnt, die einen Bogen der Säulengänge stützt.

Er schaut mich fest an. Ich verliere mich in seiner Betrachtung und beselige mich an seinem Anblick, da ich ihn seit zwei Tagen nicht gesehen und gehört habe. Diese Vision dauert lange. Und solange sie dauert, schreibe ich nicht, denn sie erfüllt mich mit Freude. Aber nun, da die Szene sich belebt, verstehe ich, dass etwas geschieht, und schreibe.

Der Platz füllt sich mit Menschen, die aus allen Richtungen kommen. Es sind Priester und Gläubige, Männer, Frauen und Kinder. Die einen gehen spazieren, andere bleiben stehen, um den Lehrern zuzuhören, wieder andere ziehen Lämmer hinter sich her oder tragen Tauben irgendwohin, vielleicht Opfertiere.

Jesus steht an seiner Säule gelehnt und schaut. Er sagt nichts. Zweimal schon hat er auf Fragen seiner Apostel nur mit einem Kopfschütteln geantwortet, ohne ein Wort zu sagen. Er beobachtet sehr aufmerksam. Aus seinem Ausdruck schließe ich, dass er ein Urteil fällt über das, was er sieht. Seine Augen und sein Antlitz erinnern mich an die Vision des Paradieses, als er beim besonderen Gericht die Seelen richtete. Nun ist er natürlich Jesus, der Mensch; dort oben war er der verherrlichte Jesus und deshalb noch beeindruckender. Aber der Gesichtsausdruck ist ähnlich. Er ist ernst, prüfend, manchmal so streng, dass auch der Frechste erzittern muss, und manchmal so sanft, von einer lächelnden Traurigkeit, die mit Blicken zu liebkosen scheint.

Anscheinend hört er nichts. Aber er muss wohl alles genau hören, denn als sich aus einer Gruppe, die einige Meter entfernt um einen Lehrer versammelt ist, eine näselnde Stimme erhebt und erklärt: „Wichtiger als jedes andere Gebot ist dieses: Was für den Tempel ist, soll dem Tempel gegeben werden. Der Tempel steht über dem Vater und der Mutter, und wenn jemand dem Herrn zu Ehren alles geben will, was er übrig hat, so soll er es tun, und er wird gesegnet sein, denn kein Blut und keine Liebe steht über dem Tempel.‘, da wendet Jesus sein Haupt in diese Richtung und schaut mit einem Blick… den ich nicht auf mich gerichtet sehen wollte.

Er scheint jetzt nur allgemein umherzuschauen. Doch als ein zitternder Greis sich bemüht, die fünf Stufen zu einer Art Terrasse hinaufzusteigen, die sich in der Nähe Jesu befindet und wohl zu einem anderen, weiter innen liegenden Vorhof führt, und beim Aufsetzen des Stockes, der sich in den Kleidern verfängt, beinahe fällt, streckt Jesus seinen Arm aus und fängt ihn auf. Er stützt ihn und lässt ihn nicht los, bis er wieder sicher auf den Beinen steht. Das alte Männchen erhebt sein graues Haupt, sieht seinen hochgewachsenen Retter an und flüstert ein Wort des Segens. Jesus lächelt ihm zu und liebkost seinen halbkahlen Kopf. Dann lehnt er sich wieder an seine Säule, verlässt sie aber noch einmal, um ein Kind aufzurichten, das sich von der Hand der Mutter losgemacht hat, gerade vor seinen Füßen gegen die erste Stufe gefallen ist und weint. Er hebt es auf, liebkost es, tröstet es. Die verwirrte Mutter dankt ihm, und Jesus lächelt auch ihr zu und gibt ihr das Kind zurück.

Aber er lächelt nicht mehr, als ein aufgeblasener Pharisäer vorübergeht, und auch nicht, als eine Gruppe von Schriftgelehrten und anderen Männern – ich weiss nicht, wer sie sind – vorbeikommt. Diese Gruppe grüßt ihn mit großen Gesten und tiefen Verbeugungen. Jesus schaut sie so fest an, als wolle er sie mit seinem Blick durchbohren, und grüßt sie trocken. Er ist streng. Auch einen Priester, der vorbeikommt und ein hohes Tier sein muss, da die Leute den Weg freigeben und ihn grüßen, während er selbst wie ein Pfau vorbeistolziert, sieht Jesus lange an. Mit einem Blick, der diesen trotz seines Hochmuts den Kopf senken lässt. Er grüßt nicht. Aber er kann dem Blick Jesu nicht standhalten.


Jesus wendet die Augen von ihm ab und beobachtet ein armes, dunkelbraun gekleidetes Frauchen, das verschämt die Stufen hinaufsteigt zu einer Wand, an der sich etwas wie ein Löwen- oder ähnliche Tierköpfe mit offenen Mäulern befinden. Viele gehen dorthin. Doch Jesus scheint bisher nicht darauf geachtet zu haben. Nun blickt er aufmerksam diesem Weiblein nach. Sein Auge drückt Mitleid aus und wird liebevoll, als er sieht, wie die Frau eine Hand ausstreckt, um etwas in das steinerne Maul eines dieser Löwen zu werfen. Als die Frau zurückkommt und nahe an ihm vorbeigeht, sagt er: „Der Friede sei mit dir, Frau.“

Diese hebt erstaunt den Kopf und ist sprachlos.

„Der Friede sei mit dir“, wiederholt Jesus. „Geh, der Allerhöchste segnet dich.“ Die arme Frau kann es gar nicht fassen. Dann flüstert sie einen Gruß und geht.

„Sie ist glücklich in ihrem Unglück“, sagt Jesus und bricht endlich sein Schweigen. „Nun ist sie glücklich, denn der Segen Gottes begleitet sie. Hört, Freunde, und ihr, die ihr mich umgebt. Seht ihr diese Frau? Sie hat nur zwei kleine Münzen gegeben, nicht einmal genug, um dafür Futter für einen Sperling im Käfig zu kaufen, und doch hat sie mehr gegeben als alle anderen, die ihren Beitrag in den Tempelschatz geworfen haben, seit der Tempel bei Sonnenaufgang geöffnet wurde.

Hört. Ich habe eine große Anzahl reicher Leute beobachtet, die in die Mäuler dort Geldmengen geworfen haben, die ausreichen würden, diese Arme ein Jahr lang zu ernähren und ihre Armut zu kleiden, die nur deshalb anständig aussieht, weil sie sauber ist. Ich habe gesehen, wie Reiche mit sichtlicher Genugtuung Summen dort hineingelegt haben, die ausgereicht hätten, die Armen der Heiligen Stadt einen oder mehrere Tage satt zu machen und Gott preisen zu lassen. Aber wahrlich, ich sage euch, niemand hat mehr gegeben als sie. Ihr Almosen ist Liebe, das der anderen nicht. Ihres ist Großmut, das der anderen nicht. Ihres ist Opfer, das der anderen nicht. Heute wird die Frau nichts essen, denn sie hat nichts mehr. Sie muss erst wieder um Lohn arbeiten, um ihren Hunger mit Brot stillen zu können. Sie hat keine Reichtümer und sie hat keine Verwandten, die für sie verdienen. Sie ist allein. Gott hat ihr die Eltern, den Mann und die Kinder genommen, er  hat ihr das wenige genommen, was diese ihr hinterlassen hatten, und mehr als Gott haben es ihr die Menschen genommen; diese Menschen, die nun, ihr seht es, weiterhin mit großmütiger Geste von ihrem Überfluss dort hineinwerfen, den sie zu einem guten Teil durch Wucher den armen Händen der Schwachen und Hungernden entrissen haben.  Sie sagen, es gibt kein Blut und keine Liebe, die höher stehen als der Tempel, und so lehren sie, den Nächsten nicht zu lieben.

Ich sage euch, über dem Tempel steht die Liebe. Das Gesetz Gottes ist die Liebe, und wer kein Mitleid mit dem Nächsten hat, liebt nicht. Das überflüssige Geld, das von Wucher, Habgier, Härte und Heuchelei beschmutzte Geld singt nicht das Lob des Herrn und zieht auf seinen Spender den himmlischen Segen nicht herab. Gott lehnt es ab. Es füllt diese Kasse. Aber es taugt nicht für den Weihrauch. Es ist Schlamm, in dem ihr versinkt, ihr Diener, die ihr nicht Gott, sondern den eigenen Interessen dient. Es ist ein Strick, der euch erdrosselt, ihr Lehrer, die ihr eure eigene Lehre lehrt. Es ist Gift, das euch den Rest der Seele verdirbt, ihr Pharisäer, der euch noch verblieben ist. Gott will nicht, was mit tränenerstickter Stimme schreit: „Ich hätte einen Hungernden sättigen sollen, aber man hat mich ihm verweigert, um hier zu prahlen. Ich hätte einem alten Vater, einer hinfälligen Mutter helfen sollen, und man hat es nicht gestattet, da diese Hilfe vor der Welt verborgen geblieben wäre. Ich muss meine Glocke ertönen lassen, damit die Welt den Geber erkennt.“

Nein, Rabbi, der du lehrst, dass der Überfluss Gott gegeben werden soll, und dass es erlaubt ist, dem Vater oder der Mutter etwas vorzuenthalten, um es Gott zu geben. Das erste Gebot ist: „Liebe Gott mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele, deinem ganzen Verstand und deinen ganzen Kräften.“ Daher muss man ihm nicht den Überfluss, sondern das eigene Blut geben, und man soll es lieben, für ihn zu leiden. Leiden. Nicht leiden machen. Und wenn es schwerfällt, viel zu geben, weil man sich nicht gerne von seinem Reichtum trennt, weil die Schätze der Mittelpunkt des von Natur aus verderbten Menschenherzens sind, dann muss man sich von ihnen trennen, gerade weil es schwerfällt. Aus Gerechtigkeit: denn alles, was man besitzt, besitzt man durch die Güte Gottes. Aus Liebe: denn es ist ein Beweis der Liebe, das Opfer zu lieben, um dem Freude zu schenken, den man liebt. Man soll leiden, um schenken zu können. Aber selbst leiden! Nicht leiden machen, ich wiederhole es. Denn das zweite Gebot heisst: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das Gesetz erklärt, dass nach Gott die Eltern die Nächsten sind, denen man verpflichtet ist, Ehre und Hilfe zu erweisen.

Daher sage ich euch, diese arme Frau hat das Gesetz wahrhaft besser verstanden als die Weisen und ist mehr als alle anderen gerechtfertigt und gesegnet; denn in ihrer Armut hat sie Gott alles gegeben, während ihr gebt, was übrig bleibt, und es nur gebt, um in der Achtung der Menschen zu steigen. Ich weiss, dass ihr mich hasst, weil ich so spreche. Aber solange dieser Mund sprechen kann, wird er solche Worte sprechen. Vereinigt euren Hass auf mich mit der Verachtung für die Arme, die ich lobe. Aber glaubt nicht, dass ihr aus diesen beiden Steinen ein doppeltes Postament für euren Hochmut errichten könnt. Sie werden die Mühlsteine sein, die euch zermalmen.

Gehen wir. Lassen wir die Vipern einander beissen, um ihr Gift zu vermehren. Wer rein, gut, demütig und zerknirscht ist und das wahre Antlitz Gottes kennenlernen will, soll mir folgen.“

Auszug aus “Der Gottmensch″, Band XI  von Maria Valtorta, mit  der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören.