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„Glaubt an die Liebe Gottes“

09/03/2013

zum 4. Fastensonntag 2013: Laetare: 15,1-3.11-32

Um den böswilligen Nachstellungen des jüdischen Synedriums zu entkommen, hat sich Jesus in die Nähe von Jericho mit den Aposteln in eine einfache Hütte, die sonst den Landarbeitern des Lazarus als Unterkunft dient, zurückgezogen. Täglich kommen mehr Menschen mit dem Wunsch nach seelischer und körperlicher Heilung. So auch eine Mutter mit ihrem gelähmten kleinen Knaben, der von einem Herodianer mit seinem Pferdewagen umgefahren wurde und seitdem nur noch unter starken Schmerzen auf dem Rücken liegen kann. Jesus nimmt das Kind, das unbedingt bei ihm sein will, auf die Knie und unterrichtet die Zuhörer darüber, wie wichtig die Sabbatruhe ist und wie die wahre Heiligung des Feiertages sein soll:

„… Die Heiligung des Sabbats, also die körperliche Ruhe, ist eine Scheinhandlung, wenn sie nicht gepaart ist mit einer inneren, seelischen, heiligen Arbeit ehrlicher Selbsterforschung, einer demütigen Selbsterkenntnis seiner eigenen Erbärmlichkeit, einem ernsthaften Vorsatz, sich während der kommenden Woche besser zu verhalten.

Ihr werdet sagen: „Doch wenn man dann von neuem in die Sünde fällt?“ Was würdet ihr von einem Kinde halten, das, weil es gefallen ist, keinen Schritt mehr machen wollte, um nicht wieder zu fallen? Dass es ein Dummkopf ist, dass es sich nicht zu schämen braucht wegen seiner Unsicherheit beim Gehen, denn alle sind wir unsicher gewesen, als wir noch klein waren, und dass unser Vater uns deswegen doch geliebt hat. Wer erinnert sich nicht, wie uns das Umfallen eine Flut mütterlicher Küsse und väterlicher Liebkosungen eintrug?

verlorener Sohn

Dasselbe tut unser allergütigster Vater, der im Himmel ist. Er neigt sich über seinen Kleinen, der am Boden weint, und sagt: „Weine nicht! Ich werde dich aufheben. Das nächste Mal wirst du vorsichtiger sein. Komm in meine Arme. Da wird alles Weh vergehen, und du wirst gestärkt, geheilt und glücklich daraus hervorgehen.“ Das sagt unser Vater, der im Himmel ist. Das sage ich euch. Wenn es euch gelingen würde, den Glauben an den Vater zu haben, würde euch alles gelingen. Einen Glauben, gebt acht, wie jener eines Kindes! Das Kind hält alles für möglich. Es fragt nicht, ob und wie etwas geschehen kann. Es ermisst die Tragweite eines Geschehens nicht. Es glaubt dem, der in ihm Vertrauen erweckt, und tut, was er ihm sagt. Seid wie die Kinder vor dem Allerhöchsten. Wie liebt er diese verirrten Engelchen, welche die Schönheit der Erde sind! Genauso liebt er die Seelen, die einfach, gut und rein sind wie ein Kind.

Wollt ihr den Glauben eines Kindes sehen, um zu lernen, wie man Vertrauen haben muss? Seht! Ihr alle habt den Kleinen bemitleidet, den ich hier an meiner Brust halte und der, entgegen den Aussagen der Ärzte und der Mutter, beim Sitzen auf meinem Schoß nicht geweint hat. Seht ihr? Das Kind tat schon längere Zeit nichts anderes, als Tag und Nacht zu weinen, ohne Ruhe zu finden; hier weint es nicht. Es ist friedlich an meinem Herzen eingeschlafen. Ich habe es gefragt: „Willst du in meine Arme kommen?“ Es hat geantwortet: „Ja“, ohne an seinen elenden Zustand zu denken, an den möglichen Schmerz, den es infolge einer Bewegung hätte empfinden können. Es hat in meinem Antlitz Liebe gesehen und „Ja“ gesagt und ist gekommen. Es hat keinen Schmerz mehr empfunden. Es hat sich darüber gefreut, hier oben zu sein, alles sehen zu können, auf einen weichen Körper gesetzt zu werden und nicht mehr auf dem harten Brett liegen zu müssen. Es hat gelächelt, gespielt und ist mit einer Locke meiner Haare in den kleinen Händen eingeschlafen. Nun will ich das Kind mit einem Kuss wecken…“ und Jesus küsst das Kind auf die braunen Härchen, und es erwacht mit einem Lächeln.

„Wie heißt du?“

„Johannes.“

„Höre, Johannes, willst du gehen? Willst du zu deiner Mutter gehen und ihr sagen: ‚Der Messias segnet dich deines Glaubens wegen?‘ „

„Ja, ja“, und der Kleine klatscht in die Händchen und fragt: „Du machst, dass ich gehen kann? Auf die Wiesen? Ohne das harte Brett? Ohne die Ärzte, die mir weh tun?“

„Nicht mehr, nie mehr!“

„Oh, wie ich dich liebe!“, und das Kind wirft seine Ärmchen um den Hals Jesu und küsst ihn, und um ihn noch besser küssen zu können, kniet es mit einem Ruck auf die Knie Jesu, und eine Menge unschuldiger Küsse fällt auf Stirn, Augen und Wangen Jesu.

Jesus mit Kind

Das Kind, mit seinen anhin gebrochenen Knochen, bemerkt in seiner Freude nicht einmal, dass es sich bewegen kann. Aber der Schrei der Mutter und der Menge wecken es auf, und es blickt erstaunt um sich. Seine großen unschuldigen Augen im abgemagerten Gesichtlein schauen fragend. Immer noch auf den Knien, sein rechtes Ärmchen um den Hals Jesu gelegt, fragt es vertrauensvoll, indem es auf die aufgeregten Menschen und auf die Mutter im Hintergrund zeigt, die in einem fort: „Johannes, Jesus, Johannes, Jesus!“ ruft, „warum schreien die Leute und die Mutter? Was haben sie denn? Bist du Jesus?“

„Ich bin es. Die Leute schreien, weil sie froh sind, dass du wieder gehen kannst. Leb wohl, kleiner Johannes.“ Jesus küsst und segnet das Kind. „Geh zu deiner Mutter und sei lieb!“

Das Kind rutscht selbstsicher von den Knien Jesu, rennt zur Mutter, wirft sich ihr an den Hals und sagt: „Jesus segnet dich. Warum weinst du?“

Als die Leute sich beruhigt haben, ruft Jesus laut: „Macht es wie der kleine Johannes, ihr, die ihr in Sünde fallt und euch verletzt. Glaubt an die Liebe Gottes. Der Friede sei mit euch!“

Während sich die Hosannarufe der Menge mit dem glücklichen Weinen der Mutter vermengen, verlässt Jesus, von den Seinen geschützt, den Raum.

Das ist das Ende.

Auszug aus “Der Gottmensch″, Band III von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.chwww.parvis.ch

„Kommt doch, arme Kinder, kommt zu Mir“

Das Wunder am gelähmten Kinde

Hl. Rafael Arnaiz Baron (13)

18/02/2011

Am 11. Oktober 2009 wurde der spanische Trappist Rafael Arnaiz Baron (1911-1938) heilig gesprochen. Dieser mit 27 Jahren in der Abtei San Isidro de Duenas verstorbene Mystiker beeindruckt durch seine tiefe Spiritualität und sein einfaches und frohgemutes Wesen, mit dem er vertrauensvoll sein Kreuz auf sich nahm. Dank der freundlichen Genehmigung  der Herausgeberin und des Bernardus-Verlags, bei dem die Gesamtausgabe der Schriften des Heiligen bestellt werden können („Nur Gast auf Erden?“),  veröffentlichen wir hier Auszüge aus denselben.

An seine Tante Maria, Herzogin von Maqueda, von Oviedo aus

11. November 1935 – Montag – im Alter von 24 Jahren

(TEIL 2)

(zurück zu TEIL 1 dieses Briefes)

Wie einfältig bin ich, mein Gott! Wie wirst du über mich lachen, liebste Schwester! Aber das macht mir nichts aus. Ich habe mir vorgenommen, Dich dahin zu bringen, die Gottesmutter sehr zu lieben, weil ich erkenne, dass es das erste ist, was du tun musst, um heilig zu werden. Und da dir noch viel fehlt, sage ich Dir: der schnellste Weg, um anzufangen Gott zu lieben, ist der, Seine Mutter innig zu lieben. Siehst du einen anderen? Sag es mir mit aller Klarheit, so wie ich es auch Dir deutlich sage! Zeig mir meine Fehler oder wenigstens diejenigen, die Du beobachtet hast! Ich tue es auch bei Dir.

Beim Aufstieg müssen wir viele Dinge nach und nach abschleifen und andere aufgreifen, die uns zur Erklimmung des Berges der Vollkommenheit erforderlich sind. Manchmal genügen wir uns nicht selbst, um uns wirklich zu kennen, und wenn wir in den anderen nur Vollkommenheiten und Tugenden sehen und es ihnen auch noch sagen, haben wir eine falsche Liebe zu ihnen – jedenfalls kommt es mir so vor. Und was Dich und mich betrifft, sind wir so gering und so armselig und elend, dass es wirklich eine Schande ist, dass wir – mit allem, was uns Gott gegeben hat – noch nicht heilig sind.

Wie ist es nur möglich, mein Gott, so zu leben? Wie ist es möglich, so vielen Gnaden, so vielem Trost, so vielem Licht und so grosser Klarheit, wie Du uns schenkst, zu widerstehen? Sehr elende Wesen müssen wir sein, wenn Du uns, damit wir Dich ein wenig lieben, so unendlich viel geben musst. Wieviel Geduld bringst Du auf, Herr! Anderen hätte der hundertste Teil genügt von dem, was Du uns gibst, um sich Dir ganz zu schenken… Und doch: trotz unseres Widerstandes Deiner Gnade gegenüber gibst Du nicht nach und bestehst hartnäckig darauf, Dein Werk fortzusetzen und ein wenig Liebe von uns zu bekommen. Wie blind sind wir, wie schwerfällig! Wieviel Lehm und Schmutz haften an uns, die uns daran hindern, Dir entgegenzufliegen!

Aber es ist nie zu spät, mein Gott. Jetzt geben wir Dir voll und ganz das, wozu wir vorher so lange gebraucht haben, es Dir zu überlassen. Einverstanden, Tante Maria? Wie armselig sind wir, und wie sehr liebt uns Gott! Nie werden wir es ganz verstehen. Lass uns jetzt tun, was wir können, denn der Herr ist schon mit wenig zufrieden!

Bruder Rafael mit seiner Tante Maria

Heute habe ich den Herrn gefragt, ob ich Dir das alles schreiben soll. Es sieht aus, als habe Er mir zu verstehen gegeben, dass wir – wenn Er durch uns etwas in einer Seele wirken kann – grossmütig sein sollen und uns anbieten müssen und nicht das „Licht unter den Scheffel stellen“ dürfen. Ich versichere Dir, liebe Schwester, der Herr hat mir so viel Licht gegeben, dass ich nicht weiss, was ich anfangen soll. Wenn ich es nur irgendwie mitteilen könnte! Trotz allem bin ich so glücklich! Der Herr ist so gut zu mir! Tante Maria, ich habe Angst! Ich weiss nicht, was mit mir los ist!

Gut, ich will Dir nicht von mir reden. Wozu? Ich sage Dir aber, dass es mir gesundheitlich weiterhin gut geht. Jetzt passe ich besser auf mich auf. Mein Leib gehört nicht mir, sondern Gott, und wenn ich ihn in Seinen Dienst stellen will, muss er so gesund wie möglich sein, obwohl das nicht so wichtig ist. Ich zähle schon die Tage… Hier läuft alles ganz normal.

Ist Onkel Polin aus Toro zurück? Auch wenn es Dir schwerfällt, erzähl mir alles, was Euch betrifft, weil es auch mich angeht! Wie geht’s Pili? Oft denke ich an Euch alle und besonders an Dich. Nun gut, wie gross ist Gott, und was lässt Er nicht alles zu! Er wird wissen, warum.

Die Aufmerksamkeit mit dem Bildchen, das Du mir schicktest, ist eine Aufmerksamkeit Gottes. Wie gut bist Du! Ich habe nichts, was ich Dir senden könnte, es sei denn das Salve, das ich Dir versprach. Ich weiss nicht, ob Du es lesen kannst; das Bildchen ist nichts wert. P. Vicente, ein Trappist, gab es mir, als ich die Abtei verliess, damit ich die Gottesmutter nicht vergessen sollte. Jetzt, wo ich dorthin zurückkehre, ist es vielleicht Dir von Nutzen. Als ich so krank war, habe ich oft vor diesem Bild geweint und an die ‚Trapa‘ gedacht… Was will man machen? Das sind Schwächen… Gott lässt sie zu, und wer hat sie nicht?

In diesen Tagen schreibe ich Dir häufiger, und das tröstet mich sehr: auch eine Schwäche!

Gut, ich höre auf. Heute habe ich überhaupt keine Zeit. In einem der nächsten Briefe erzähle ich Dir von meinem Leben zu Hause und von dem, was ich tue, damit wir dann unsere Gebetszeiten aufeinander abstimmen können. Für heute verabschiede ich mich. Antworte mir, auch wenn es nur mit zwei Zeilen ist. Tust Du es?

Nimm an die riesengroße Liebe zu Dir von Deinem

Bruder Maria Rafael

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