Posts Tagged ‘Unkeuschheit’

„Es genügt nicht, das Böse nicht zu tun; man darf auch nicht begehren, es zu tun“ (2)

29/07/2010

Der Traum der Valtorta (Fortsetzung; zurück zu Teil 1 HIER)

Der Mittlere, der mich mehr als alle anderen anzog, überragte seine beiden Gefährten um eine Hals- und eine Kopflänge. Er trug einen weißen Mantel, während das Gewand darunter zartrot, fast rosarot war. Eine große Majestät ging von ihm aus, von seinen Bewegungen, seinem Gang, der Art, wie er sich seinen Gefährten zuwandte, und seinen Blicken, die eine übermenschliche Liebe ausdrückten. Sein Gesicht war sehr blaß, aber nicht erdfahl. Er hatte dunkelblaue Augen, eine sehr schöne, hohe, glatte Stirn, ein langes, feines, ovales Gesicht, das der rotblonde Kinnbart noch verlängerte. Das schulterlange Haar, das, von einem Scheitel geteilt, links und rechts in weichen Strähnen herunterfiel, war mehr rot als blond. Die Maler nennen diese Farbe Tizian-Blond. Er hatte sehr schöne, lange, weiße Hände. Sein Körper war schlank, eher mager, sein Blick ein Gedicht von Güte: ein bißchen traurig, wenn auch von einem Lächeln durchzogen. Ein Blick, der die Bitte ausdrückte: „Liebe mich.“

Ich betrachtete ihn immer faszinierter und fühlte mich zu ihm hingezogen.

Mein Gefährte packte mich mit beiden Händen, um mich wegzuziehen. Er war nunmehr wütend und häßlich, mit einem wilden, tückischen, verzerrten Gesichtsausdruck. Von Minute zu Minute nahm seine Häßlichkeit zu. Er zitterte und fletschte die Zähne. Aber ich widerstand ihm. Ich kämpfte nun mit ihm, kratzte und biß ihn.

Während ich so kämpfte, bemerkte ich, daß die drei den Fluß überquert hatten; ich weiß nicht wie, denn weit und breit war keine Brücke zu sehen. Sie waren jetzt bereits ganz nahe bei uns. Da begriff ich, wer sie waren: Jesus, Petrus und Johannes, der Apostel. Mit einer letzten Anstrengung befreite ich mich  von meinem Gefährten, der mir nun wie ein Feind erschien, lief zu Jesus und warf mich ihm zu Füßen. „Herr, rette mich!“, schrie ich, indem ich den Saum seines Gewandes ergriff.

Der Feind – ich könnte eigentlich FEIND schreiben, denn nun hatte ich ganz klar begriffen, wer er war, da sein Gesicht teuflische Züge angenommen hatte – lief noch einmal auf mich zu. Er war derart außer sich, daß er sogar den Ekel überwandt, den ihm der Anblick Jesu verursachte, und faßte nach meiner Schulter. Ich spürte seine Hand, die zur Kralle geworden war,  in mein Fleisch dringen.

Weinend wiederholte ich: „Herr, rette mich!“

Jesus schwieg. Er schaute mich an und schwieg. Ein großes Erbarmen lag in seinem Blick, aber seine Lippen blieben verschlossen und seine Hände hingen reglos an dem weißen Gewand herab.

Der heilige Petrus… Ja, der heilige Petrus war alles andere als gütig und sagte zu Jesus, daß ich kein Erbarmen verdiene. Der heilige Johannes hingegen trat für mich ein. Mit tief betrübter Stimme und traurigem Blick sagte er: „Meister, hab Erbarmen mit diesem armen Geschöpf. Befreie es, Du, der du es vermagst! Im Grunde hat sie dich immer geachtet. Einst liebte sie Dich, dann hat sie sich einer Täuschung hingegeben… Hilf ihr, Meister!“

Der Feind heulte: „Nein, sie gehört mir. Ich lasse sie nicht los. Ich habe sie mir genommen und behalte sie!“

Jesus schwieg.

Da hob ich den Kopf und die Arme, umfaßte Jesu Hände, bedeckte sie mit Küssen und sagte: „O Herr, Herr! Wie kannst du mir nicht helfen? Schließlich habe ich dich immer geliebt! Erinnerst du Dich nicht mehr daran? Ausgesprochen Böses habe ich nie getan. Warum befreist du mich nicht von dem, der mich mit sich fortschleppen will?“

Nun sprach Jesus… Diese Stimme werde ich nie vergessen! Wer könnte auch diesen Tonfall nachahmen, der noch heute in mir nachklingt und wohl weiter nachklingen wird bis zu dem seligen Augenblick, da ich ihn im Himmel wieder vernehmen werde? Jesus sagte: „Maria, du mußt wissen, daß es nicht genügt, das Böse nicht zu tun; man darf auch nicht begehren, es zu tun.“

Während Petrus mich von Jesus loslöste und zurückdrängte, und Johannes für mich flehte, während der Feind sich unter Flüchen und entsetzlich höhnischem Gelächter mit seiner Krallenhand noch stärker an meine rechte Schulter klammerte, hörte ich Jesus noch zweimal jene Worte wiederholen. Dann legte er seine Hand auf meinen Kopf zum Zeichen der Vergebung und des Segens. Noch heute spüre ich die zarte Berührung jener langen Finger auf meinem Haar…

Ich begriff, daß mir verziehen war, daß ich gerettet war. In einer Aufwallung des Dankes warf ich mich schluchzend an seine Brust und vergoß Tränen der Dankbarkeit, der Reue und der Freude. Es war wie eine Waschung, die mich vollkommen läuterte. Der Feind floh mit einem verzweifelten Schrei, und ich wurde von Jesus umarmt.

Ich erwachte, die Seele durch etwas Unirdisches erhellt.

Seit dieser Nacht sind sechsundzwanzig Jahre und neun Monate vergangen, aber der Traum steht noch lebendig vor mir, wie in dem Augenblick, als ich erwachte. Ich sehe ihn in allen kleinsten Einzelheiten vor mir. Wenn ich Malerin wäre, könnte ich jene Gesichter und alle Phasen des Traumes malen. Ich habe kein Wort verändert, nichts mit der Phantasie hinzugedichtet. Ich habe Ihnen getreu erzählt, was ich geträumt habe.

Antlitz des Turiner Grabtuchs

Antlitz des Turiner Grabtuchs

Später habe ich in allen möglichen Kunstläden ein Antlitz Jesu gesucht wie jenes, das ich im Traum geschaut hatte, ohne es je finden zu können. Auf einem Bild stimmte das Oval des Gesichtes, aber nicht der Blick, auf einem anderen der Blick, aber nicht der Mund, auf einem dritten der Mund, aber nicht die Wangen. Ich bin zur Überzeugung gelangt, daß Menschenhand dieses Antlitz nicht darstellen kann… Jesus ist mir dann noch viele Male im Traum erschienen, und immer hatte er dieses Antlitz, diese Gestalt und diese Hände. Seit einiger Zeit wird mir etwas mehr als ein Traum zuteil; aber ich sehe Jesus immer mit demselben Antlitz, derselben Gestalt und denselben Händen. Als Sie, Pater, mir jenes Buch über das Leichentuch Christi gegeben haben, hat es mir einen Schlag versetzt; denn ich erkannte, trotz der Veränderung durch das erlittene Leid, jenes Antlitz, jene Gestalt und jene Hände wieder…

Die Zeit der schlimmsten Versuchungen war vorbei. Ich kann nicht behaupten, daß ich keine finsteren Stunden der Auflehnung mehr erlebte. Nein, ich erlebte deren noch viele. Aber wenn der Dämon der Auflehnung, der Sinnlichkeit und der Verzweiflung mich bestürmte und mir unheilvolle Gedanken eingab, gelang es mir dank der Worte Jesu, das Verlangen, Böses zu tun, zu überwinden.

Auszug aus der Autobiographie von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz:book@parvis.ch, www.parvis.ch

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„Es genügt nicht, das Böse nicht zu tun; man darf auch nicht begehren, es zu tun“ (1)

27/07/2010

Der Traum der Valtorta

Es war im fortgeschrittenen Frühling des Jahres 1916 – auch nach so vielen Jahren erinnere ich mich noch genau an das Datum –, es war in der Nacht vom 17. zum 18. Juni (Maria Valtorta war damals 19 Jahre alt, Anm. d. Red.). Ich machte eine furchtbare Zeit der Verzweiflung und Begierde durch… Von allen Frömmigkeitsübungen hatte ich, glaube ich, einzig die Kommunion am ersten Freitag des Monats beibehalten. Meine Seele war vergiftet und rebellisch. Stellen Sie sich vor, ob ich da noch Gott im Sinn haben konnte. Nein, was mich betrifft, war keinerlei Vorbereitung auf diesen Traum da. Ich war vielmehr am anderen Ufer, weit entfernt von Gott.

Maria Valtorta mit 15 Jahren

Maria Valtorta fünfzehnjährig (mit Genehmigung des Centro Editoriale Valtortiano)

Im Traum sah ich eine schöne Landschaft. Über die grünen Wiesen strich ein milder leichter Wind, so daß die winzigen Grashalme wogten und die vielfarbigen Blumen einander küßten. Da und dort standen einige Bäume, die wie Riesen wirkten, die miteinander redeten. Ein bläulicher Fluß mit niederen Ufern und ruhigen Wassern teilte die schöne Landschaft in zwei Teile. In der Ferne verloren sich die Hügel… Ich bin mir heute wie damals sicher, daß ich während meiner vielen Reisen durch ganz Italien nie einen solchen Ort gesehen habe. Ich lief über das smaragdgrüne Gras und bückte mich, um Blumen zu pflücken.

Plötzlich sah ich an meiner Seite einen jungen Mann. Er war wunderschön, groß, von dunklem Teint, mit gekräuseltem Haar, sehr dunklen Augen, die wie Sterne strahlten, und einem vollen, lächelnden Mund. Er war mit einer Tunika bekleidet, die bis zum Boden reichte, und schien mir ein Orientale zu sein, so zwischen Beduine und antikem Römer. Er kam immer näher zu mir heran und erkundigte sich höflich, was ich täte. Schließlich begann auch er, Blumen für mich zu pflücken. So schöne hatte ich noch nie gesehen, denn kaum berührte er etwas, so wurde es wunderschön. Es machte mir Freude, mit ihm zu sprechen und ihn in meiner Nähe zu haben. Er war so schön und freundlich!… Er war geradezu verführerisch, und ich war glücklich, ihm begegnet zu sein.

Doch – doch da tauchten im Hintergrund, fast am Horizont, auf der anderen Seite des Flusses, drei Personen auf. Auch sie trugen ein locker herabfallendes Gewand und einen Mantel. Sie schritten rasch und doch mit großer Würde auf uns zu. Ich betrachtete sie wie bezaubert, denn es ging etwas Geheimnisvolles von ihnen aus, das zunahm, je mehr sie sich uns näherten.


Der schöne junge Mann an meiner Seite sagte mir: „Nicht hinschauen, komm weg!“ und legte mir eine Hand auf die Schulter, um seinen Willen durchzusetzen. Ich erhob den Kopf, um ihn anzuschauen, denn er war viel größer als ich, und ich war verblüfft über die Veränderung seiner Gesichtszüge. Ein aus Angst und Zorn gemischter Ausdruck hatte sich auf seinem Gesicht ausgebreitet und es entstellt. Ich erschrak fast und antwortete, indem ich versuchte, mich aus seinem Griff zu befreien: „Laß mich sehen, dann komme ich mit.“ Aber der Jüngling, der immer unruhiger wurde, wiederholte: „Komm weg, komm weg. Diese drei sind dir feindlich gesinnt und wollen dir Böses tun.“ Ich erwiderte: „Das ist nicht möglich! Sie haben zu gute Gesichter.“

Nun konnte man bereits die Gesichtszüge der drei unterscheiden. Einer war ein älterer Mann mit einem strengen Gesicht, eher aus dem Volk. Er trug einen mehr grau als schwarzen Bart, der ihm Wangen und Kinn bedeckte und nur die kräftigen Backenknochen freiließ, die von einigen leichten Falten gefurcht waren.

Die Haare waren ziemlich kurz geschnitten, aber nicht so, wie sie die Männer jetzt tragen, ein Mittelding zwischen längerem und zeitgenössischem Schnitt. Seine sehr lebhaften und strengen Augen wanderten immer von mir zu seinem Gefährten in der Mitte, mit dem er sich angeregt unterhielt. Der andere war ein Jüngling im Alter von ungefähr zwanzig, höchstens fünfundzwanzig Jahren. Während der erste ein graues Gewand und einen tabakbraunen Mantel anhatte, trug der zweite ein rotes Gewand mit einem etwas dunkleren Mantel derselben Farbe. Letzterer war ziemlich groß und schlank, hatte ein sehr schönes, bartloses Gesicht mit einem frischen, rosigen Teint, sehr sanfte, gütige, hellblaue Augen und fahlblondes Haar, das bis zum Hals reichte und leicht gewellt war. Auch er sprach mit dem in der Mitte, aber mit großer Gelassenheit, und betrachtete mich voller Mitleid.

(weiter zu Teil 2)

Auszug aus der Autobiographie von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz:book@parvis.ch, www.parvis.ch

 

„Nur der Tod scheidet die Ehegatten“

04/10/2009
(zum Sonntags-Evangelium vom 3. Oktober 2009: Mk 10, 2-16)

Jesus sagt:

« Es ist euch auch gesagt worden: ‘Wer seine Frau entlässt, gebe ihr einen Scheidebrief’, doch ist eine solche Tat zu verwerfen, da sie nicht dem Willen Gottes entspricht. Gott sagte zu Adam: ‘Das ist die Gefährtin, die ich für dich erschaffen habe. Seid fruchtbar und mehret euch, erfüllet die Erde und machet sie euch untertan.’ Adam, der in Vollkommenheit erschaffen wurde und dessen Intelligenz noch nicht durch die Sünde getrübt war, rief aus : ‘Das ist nun endlich Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Sie wird Mannweib heissen, denn vom Manne entnommen, ist sie mein anderes Ich. So wird der Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen, und die beiden werden ein Fleisch sein.’

Mit zunehmendem Strahlen stimmte das Ewige Licht lächelnd dem Ausspruch Adams zu, der zum ersten unauslöschlichen Gesetz wurde. Wenn nun der irdische Gesetzgeber wegen der immer grösseren Härte des Menschen ein neues Gesetz schaffen musste; wenn er der stets wachsenden Unbeständigkeit Einhalt gebieten und sagen musste : ‘Wenn du sie schon verstossen hast, dann kannst du sie nicht mehr zurücknehmen’, so setzt dies das erste, authentische im irdischen Paradies entstandene und von Gott gebilligte Gesetz nicht ausser Kraft.

Ich sage euch: Jeder, der seine Frau entlässt- ausgenommen im Fall nachgewiesener Unzucht- setzt sie dem Ehebruch aus. Denn in der Tat, was macht in neunzig Prozent der Fälle die verstossene Frau? Sie wird eine neue Ehe eingehen. Mit welchen Folgen? Oh, wieviel gäbe es hierüber zu sagen! Wisst ihr nicht, dass es dadurch ungewollt zu einer Blutschande kommen kann? Wie viele Tränen werden vergossen, die ihren Ursprung in der Unkeuschheit haben! Ja, Unkeuschheit. Einen anderen Namen gibt es dafür nicht. Seid ehrlich! Alles kann überwunden werden, wenn der Mensch rechtschaffen ist. Ist er jedoch unzüchtig, dient ihm alles zum Anlass, um seiner Fleischeslust zu frönen. Weibliche Gefühlskälte und Hang zum Nörgeln, Liebe zum Luxus : All dies kann überwunden werden, ja selbst Krankheit und Reizbarkeit, wenn man sich in heiliger Weise liebt. Da man sich jedoch nach einer gewissen Zeit nicht mehr so liebt wie am ersten Tag, betrachtet man gleich das durchaus Mögliche als unmöglich und wirft eine Frau einfach hinaus auf die Strasse und ins Verderben.

Wer sie verstösst, begeht Ehebruch, und wer sie nach der Verstossung heiratet, begeht Ehebruch. Nur der Tod scheidet die Ehegatten. Merkt euch dies. Habt ihr eine unglückliche Wahl getroffen, so tragt die Folgen wie ein Kreuz, lebt als zwei Unglückliche, aber Gerechte, und lasst es nicht eure Kinder büssen, denn sie sind an allem unschuldig und leiden am meisten unter diesen unseligen Verhältnissen. Die Liebe zu den Kindern sollte euch hundert und aberhundert Mal über alles nachdenken lassen, auch im Fall, dass einer der Ehegatten sterben sollte. »

Auszug aus “Der Gottmensch″, Band III  von Maria Valtorta, mit  der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören.