Posts Tagged ‘Vernunft’

„Ich glaube, dass auch Jesus kein guter Rechner ist“

21/09/2011

In ihrer Autobiographie spricht Maria Valtorta u.a. von ihrer Schulzeit; der Auszug passt in gewisser Weise auch zum heutigen Gedenktag des Apostels Matthäus, der ein Zöllner, ein Rechner, war:

 


Ohne große Mühe und mit wenig Verdienst, denn die Arbeit war mir sehr leicht vorgekommen, wurde ich in Italienisch, Französisch und den mündlichen Fächern zur Klassenbesten erklärt.

In Mathematik blieb ich weiterhin meiner Dummheit treu. Als ich geschaffen wurde, hat man wahrscheinlich vergessen, mir die Mathematik-Zellen in den Kopf zu setzen. Da herrscht eine absolute Leere, die weder durch meine Anstrengungen noch durch die Bemühungen anderer je ausgefüllt worden ist. Was das Rechnen betrifft, bin ich völlig unbrauchbar.

Aber ich bedauere es nicht besonders. Ich glaube, dass auch Jesus kein guter Rechner ist. Wenn er einer wäre, dann wäre er nicht das, was er ist. Dafür ist er ein Dichter, das zeigt sein Evangelium; er ist ein geschickter Diplomat, auch das geht aus dem Evangelium hervor; er ist Arzt, Lehrer, Freund und Heiland, alles, nur kein Rechner. Und wie alle Nicht-Rechner ist er über alle Maßen großzügig, geduldig und gütig. Und daraus schöpfe ich die große Hoffnung… Bei einem Idealisten kann man immer hoffen. Bei einem Rechner nie. Wenn Gott ein Mathematiker wäre, immer auf genaue Rechnungen bedacht, wer könnte dann auf Rettung hoffen? Aber Jesus ist kein Mathematiker. Er läßt nicht die Wissenschaft, sondern das Herz sprechen. Er überlegt nicht mit der Vernunft, sondern mit dem Herzen, oder besser gesagt, er überlegt einzig und allein mit der Vernunft des Herzens, und wer ihn von dieser Seite zu nehmen versteht, erhält von ihm alles. 

Auch ich gebrauche im praktischen wie im geistigen Leben die Vernunft des Herzens. Ich bin eine Idealistin, eine Großzügige, die nie die Summen von Soll und Haben berechnet. 

Auszug aus „Maria Valtorta – Autobiographie“. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch

„Der Schuldigen weise ich den Weg der Rettung“

22/03/2010

(Erklärungen Jesu zur Episode „Jesus, die Pharisäer und die Ehebrecherin“ – Entsprechung im Johannesevangelium: 8,1-11)

Jesus spricht:

„Was mich verletzt hat, war der Mangel an Liebe und Aufrichtigkeit der Ankläger. Nicht dass ihre Anklage falsch gewesen wäre, die Frau war wirklich schuldig. Aber sie waren unaufrichtig und taten, als ob sie Ärgernis nähmen an einer Sünde, die sie selbst tausendmal begangen hatten und die nur wegen ihrer größeren Schlauheit und weil sie mehr Glück gehabt hatten, unbekannt geblieben war. Die Frau war bei ihrer ersten Sünde weniger schlau und hatte nicht viel Glück. Aber keiner ihrer Ankläger und Anklägerinnen – denn auch die Frauen, die zwar ihre Stimmen nicht zur Anklage erhoben, beschuldigten sie in ihrem Herzen – war frei von Schuld.

Ehebrecher ist, wer die Tat begeht, aber auch, wer mit seinem ganzen Sein danach verlangt. Unzucht begeht sowohl der, der sündigt, als auch der, der zu sündigen begehrt. Es genügt nicht, das Böse nicht zu tun, man darf auch nicht danach begehren.

Wer sich sinnlichen Gedanken hingibt und sinnliche Gefühle durch Lektüre und durch vorsätzlich und aus ungesunder Gewohnheit gesuchte Schauspiele erregt, ist ebenso unrein wie der, der sich tatsächlich schuldig macht. Ich wage zu sagen: er ist noch schuldiger; denn er verstößt mit seinen Gedanken gegen die Natur, nicht nur gegen die Sittlichkeit. Ich spreche nicht von dem, der wirklich naturwidrige Akte begeht. Die einzige Entschuldigung für einen solchen wäre eine organische oder psychische Krankheit. Wer aber diese Entschuldigung nicht hat, steht um zehn Stufen tiefer als das schmutzigste Tier. Damit einer gerecht urteilen kann, muss er selbst frei von Schuld sein.

Bezüglich der wichtigsten Vorraussetzungen für einen Richter verweise ich euch auf die früheren Diktate.

Mir waren die Herzen jener Pharisäer und Schriftgelehrten nicht unbekannt, ebenso wie die der anderen, die sich ihnen angeschlossen hatten, um gegen die Schuldige loszuziehen. Sünder gegen Gott und gegen den Nächsten waren sie, schuldig gegenüber der Religion, schuldig gegenüber den Eltern und den Nächsten, schuldig vor allem auch, und am häufigsten, gegenüber ihren Frauen. Wenn ich durch ein Wunder ihrem Blut befohlen hätte, ihre Sünden auf ihre Stirn zu schreiben, dann hätte unter den vielen Anklagen die des tatsächlichen oder gedanklichen Ehebrechers vorgeherrscht. Ich habe gesagt: „Was aus dem Herzen des Menschen kommt, ist es, was den Menschen befleckt.“ Abgesehen von mir selbst war dort niemand unter den Richtern, der ein reines Herz gehabt hätte.

Unaufrichtig und lieblos waren sie. Nicht einmal ihre eigene Ähnlichkeit mit ihr in bezug auf die Begierlichkeit, konnte sie zur Barmherzigkeit bewegen. Ich, der ich als einziger Abscheu hätte empfinden müssen, übte Liebe gegenüber dieser gedemütigten Frau. Erinnert euch jedoch daran: Je besser einer ist, desto barmherziger ist er mit den Schuldigen. Nicht die Sünde selbst entschuldigt er, das nicht, aber er bedauert die Schwachen, die der Sünde nicht widerstehen konnten.

Der Mensch! Oh! Leichter als ein schwaches Rohr und eine feine Zaunwinde gibt er der Versuchung nach und klammert sich an Dinge, von denen er Trost und Stütze erhofft.

Oft kommt es ja gerade beim schwachen Geschlecht zur Sünde, weil man Trost zu finden sucht. Daher sage ich, wer es seiner Frau oder auch der eigenen Tochter an Liebe fehlen lässt, ist zu neunzig Prozent an der Sünde seiner Frau oder seiner Tochter schuld und wird an ihrer Stelle Rechenschaft dafür ablegen müssen. Sowohl die übertriebene Liebesbezeigung, die zur törichten Sklaverei eines Mannes gegenüber der Frau oder eines Vaters gegenüber der Tochter führt, als auch die Vernachlässigung, oder schlimmer die Sünde der sinnlichen Lust, die den Mann zu fremder Liebe treibt und die Eltern zu anderen Interessen als die der Erziehung ihrer Kinder, sind der Ursprung der Hurerei und des Ehebruchs, und daher verurteile ich sie. Ihr seid vernunftbegabte Wesen, die von einem göttlichen Gesetz oder von einem Sittengesetz geleitet werden. Sich zu einer wilden oder tierischen Lebensweise zu erniedrigen, müsste eurem Hochmut verabscheuenswert erscheinen. Aber den Stolz, der in diesem Falle sogar nützlich wäre, habt ihr nur für ganz andere Dinge.

Ich habe Petrus und Johannes auf verschiedene Art angeschaut, denn dem ersten, einem Mann,  wollte ich sagen: „Petrus, fehle auch du nicht gegen die Liebe und die Aufrichtigkeit.“ Außerdem wollte ich ihm als meinem zukünftigen Hohenpriester sagen: „Erinnere dich dieser Stunde und urteile in Zukunft wie dein Meister.“ Dem anderen hingegen, einem Jüngling mit der Seele eines Kindes, wollte ich sagen: „Du kannst urteilen und urteilst nicht, weil du ein Herz wie das meine hast. Danke, Geliebter, der du so sehr mein eigen bist, dass du mein zweites Ich geworden bist.“ Ich habe beide fortgeschickt, bevor ich die Frau rief, um ihre Demütigung nicht zu vermehren durch die Anwesenheit zweier Zeugen.

Lernt, ihr Menschen ohne Barmherzigkeit: Wie schuldbeladen einer auch sein mag, soll er doch immer mit Achtung und Liebe behandelt werden. Freut euch nicht über seine Demütigung. Zieht nicht über ihn her, nicht einmal mit neugierigen Blicken. Erbarmen, Erbarmen für den, der gefallen ist!

Der Schuldigen weise ich den Weg zur Rettung: Die Rückkehr nach Hause, das demütige Bitten um Verzeihung und das Erlangen der Verzeihung durch ein rechtschaffenes Leben. Sie soll nicht mehr den Versuchungen des Fleisches nachgeben und die Güte Gottes und der Menschen nicht missbrauchen, um nicht durch eine zweifache oder vielfache Sünde noch schwerer büssen zu müssen als bisher. Gott verzeiht, und er verzeiht, weil er die Güte ist. Aber der Mensch weiß nicht zweimal zu verzeihen, obwohl ich gesagt habe: „Verzeih deinem Bruder siebenmal siebzigmal.“

Ich gebe ihr nicht den Frieden und den Segen, weil ich bei ihr noch nicht die entschiedene Absage an die Sünde gefunden habe, die erforderlich ist, um Verzeihung zu erlangen. In ihrem Fleisch und leider auch in ihrem Herzen herrscht nicht die Abscheu vor der Sünde. Maria von Magdala hatte, als sie mein Wort begriff, Abscheu vor der Sünde und war zu mir gekommen mit dem unbeugsamen Willen, ein anderer Mensch zu werden. In dieser Frau jedoch schwankten die Stimmen des Fleisches und des Geistes noch. Sie konnte in der Verwirrung der Stunde noch die Axt an den Wurzelstock des Fleisches legen und ihn ausreißen, um befreit von ihrer Last sehnsüchtig dem Reiche Gottes entgegenzugehen; befreit von dem, was zum Untergang führt, und bereichert mit dem, was Rettung bedeutet.

Willst du wissen, ob sie später gerettet wurde? Nicht für alle bin ich der Erlöser gewesen. Für alle wollte ich es sein, und doch war ich es nicht, denn nicht alle sehnten sich danach, gerettet zu werden. Und das ist einer der furchtbarsten Pfeile gewesen, die mein Herz durchbohrten in der Agonie von Gethsemane. (…)“

Auszug aus “Der Gottmensch″ (Band IX) von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz:book@parvis.ch, www.parvis.ch