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Die Bekehrung des Zachäus

30/10/2010
zum Sonntagsevangelium vom 31. Oktober 2010: Lukas 19,1-10

Die Zeit vergeht. Die Sonne wird heißer. Der Marktplatz leert sich. Der Zöllner sitzt an seiner Wechselbank, den Kopf in die Hände gestützt, und denkt nach.

„Seht, da kommt der Nazarener!“ schreien die Kinder und weisen auf die Hauptstraße.

Frauen, Männer, Kranke und Bettler eilen ihm entgegen. Der Platz ist nun menschenleer. Nur die Esel und Kamele, die an den Palmen festgebunden sind, bleiben zurück, und Zachäus bleibt auf seiner Bank sitzen.

Doch dann steht er auf und steigt auf die Bank. Aber er kann noch nichts sehen, denn viele haben Zweige von den Bäumen abgerissen und schwenken sie jubelnd, und Jesus ist über Kranke gebeugt. Schließlich legt Zachäus den Mantel ab und steigt, nur mit der kurzen Tunika bekleidet, auf einen der Bäume. Nur mit Mühe klettert er an dem großen glatten Stamm empor, den seine kurzen Arme und Beine kaum zu umklammern vermögen. Aber es gelingt ihm, und schließlich hockt er rittlings über zwei Ästen. Seine Beine baumeln von diesem Untersatz herab, wie bei jemandem, der auf einem Fensterbrett sitzt und auf die Straße schaut.

Die Menge strömt auf den Platz. Jesus erhebt seine Augen und lächelt dem einsamen Zuschauer zu, der sich zwischen den Zweigen eingenistet hat.


„Zachäus, steige sofort herab. Heute will ich in deinem Haus verweilen“, gebietet Jesus.

Zachäus läßt sich nach einem Augenblick des Staunens, mit vor Aufregung gerötetem Angesicht, wie ein Sack zur Erde gleiten. Er ist so erregt, daß es ihm nur mit Mühe gelingt, seinen Mantel wieder anzuziehen. Er will rasch seine Register und seine Kasse schließen, aber in seiner aufgeregten Hast geht das alles nur sehr langsam. Jesus ist geduldig. Er liebkost einige Kinder, während er wartet.

Schließlich ist Zachäus bereit. Er gesellt sich zum Meister und führt in zu einem schönen Gebäude, das von einem großen Garten umgeben ist und im Zentrum der Ortschaft liegt. Es ist eine schöne Ortschaft, ja, eine Stadt, kaum geringer als Jerusalem, was die Gebäude und vielleicht sogar die Ausdehnung anbelangt.

Jesus betritt das Haus und während er darauf wartet, daß man das Mahl bereitet, nimmt er sich der Kranken und Gesunden an mit einer Geduld, wie nur er sie haben kann.

Zachäus kommt und geht. Er ist eifrig mit Vorbereitungen beschäftigt und außer sich vor Freude. Er möchte mit Jesus sprechen, aber Jesus ist immer von einer großen Volksmenge umgeben.

Schließlich entläßt Jesus alle mit den Worten: „Kommt wieder, wenn die Sonne untergeht. Nun begebt euch zu euren Häusern. Der Friede sei mit euch.“

Der Garten entvölkert sich, und das Mahl wird in einem schönen, kühlen Saal serviert, der auf den Garten schaut. Zachäus hat eine reiche Tafel bereiten lassen. Ich sehe keine Familienangehörigen und schließe daraus, daß Zachäus unverheiratet ist und nur mit seinen vielen Dienern im Haus lebt.

Nach Beendigung der Mahlzeit zerstreuen sich die Jünger im Schatten der Büsche, um auszuruhen. Zachäus bleibt mit Jesus im kühlen Saal zurück. Für kurze Zeit bleibt Jesus sogar allein, da Zachäus sich zurückzieht, wie um Jesus Ruhe zu gönnen. Dann aber kommt er wieder und schaut durch einen Spalt des Vorhangs. Er sieht, daß Jesus, statt zu schlafen, nur nachdenklich dasitzt, und da nähert er sich ihm. In den Händen hält er einen schweren Schrein. Er stellt ihn neben Jesus auf den Tisch und sagt: „Meister… Man hat mir schon vor einiger Zeit von dir gesprochen. Eines Tages hast du auf einem Berg so viele Wahrheiten gepredigt, die unsere Gelehrten nicht mehr zu verkünden wissen. Sie sind mir im Herzen geblieben… und seitdem denke ich an dich… Dann wurde mir gesagt, du seist gut und würdest auch die Sünder nicht zurückweisen. Ich bin ein Sünder, Meister. Man sagte mir, daß du die Kranken heilst. Ich bin im Herzen krank, denn ich habe Menschen betrogen. Ich habe Wucherei getrieben, mich dem Laster hingegeben, geraubt und bin hart gegen die Armen gewesen. Aber jetzt, sieh, jetzt bin ich geheilt, weil du zu mir gesprochen hast. Du hast dich mir genähert, und der Dämon der Sinnlichkeit und der Habsucht ist entflohen. Ich bin von heute an dein, wenn du mich nicht zurückweist. Um dir zu zeigen, daß ich in dir wiedergeboren werde, entledige ich mich all meiner sündhaft erworbenen Reichtümer und gebe dir die Hälfte davon für die Armen; die andere Hälfte werde ich benützen, um vierfach zurückzuerstatten, was ich durch Betrug an mich genommen habe. Ich weiß, wen ich betrogen habe. Wenn ich dann jedem das Seine zurückgegeben habe, werde ich dir folgen. Meister, wenn du es erlaubst…“

„Ja, ich will es. Komm. Ich bin gekommen, um zu retten und zum Licht zu rufen. Heute haben Licht und Heil das Haus deines Herzens erreicht. Diejenigen, die jenseits des Gartentores murren, weil ich dich erlöst habe, indem ich mich an deine Tafel gesetzt habe, vergessen, daß auch du ein Sohn Abrahams bist wie sie, und daß ich gekommen bin, um zu retten, was verloren war, und um den geistig Toten das Leben zu geben. Komm, Zachäus. Du hast mein Wort besser verstanden als so viele, die mir nur folgen, um mich anklagen zu können. Daher wirst du von nun an bei mir sein.“

Hier endet die Schauung.

Auszug aus “Der Gottmensch“, Band VII von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch


Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner

23/10/2010
zum Sonntagsevangelium vom 24. Oktober 2010: Lukas 18,9-14

„… Nachdem sie ihre Angelegenheiten erledigt hatten, stiegen die beiden zum Tempel hinauf, und als sie am Opferkasten vorüberkamen, zog der Pharisäer ostentativ einen großen Geldbeutel aus seiner Brusttasche und schüttete den Inhalt bis zum letzten Heller in den Tempelschatz. In dieser Geldbörse waren vor allem die Geldstücke, die er den Kaufleuten abverlangt hatte, und der Erlös für das Öl, das er dem Verwalter abgenommen und sofort an einen Händler verkauft hatte. Der Zöllner hingegen warf eine Handvoll kleiner Münzen hinein und behielt soviel zurück, als er für die Rückreise in die Heimat benötigte. Der eine wie der andere gaben alles, was sie hatten. Scheinbar war sogar der Pharisäer der Großzügigere, da er alles bis zum letzten Heller hergab. Aber man muß bedenken, daß er in seinem Palast noch viel Geld hatte und außerdem Kredit bei reichen Geldwechslern.

Dann begaben sich beide vor den Herrn. Der Pharisäer ging nach vorn, bis zur Grenze des Atriums der Hebräer vor dem Heiligtum. Der Zöllner blieb hinten stehen, fast unter dem Gewölbe, das zum Vorhof der Frauen führt. Er stand da, gebeugt und niedergeschmettert bei dem Gedanken an sein Elend im Vergleich zur göttlichen Vollkommenheit. Beide beteten.


Der Pharisäer stand aufrecht, fast anmaßend da, als ob er der Hausherr wäre, der sich herabläßt, einen Besucher zu empfangen, und sprach: „Sieh, ich bin gekommen, um dich in dem Haus zu verehren, das unser Ruhm ist. Ich bin gekommen, obwohl ich fühle, daß du in mir bist, da ich ein Gerechter bin. Ich bin kein Räuber. Ich bin nicht ungerecht, kein Ehebrecher und kein Sünder, wie jener Zöllner dort, der fast gleichzeitig mit mir eine Handvoll Kupermünzen in den Schatz geworfen hat. Ich, du hast es gesehen, habe dir alles gegeben, was ich bei mir hatte. Dieser Geizhals dagegen hat zwei Teile gemacht und dir den kleineren gegeben. Den anderen Teil wird er wohl für Schwelgereien und für Frauen behalten haben. Ich bin rein. Ich beflecke mich nicht. Ich bin rein und gerecht, faste zweimal in der Woche und bezahle den Zehnten von allem, was ich besitze. Ja, ich bin rein, gerecht und gesegnet, weil ich heilig bin. Erinnere dich daran, Herr.“

Der Zöllner in seinem entfernten Winkel wagte kaum, die Augen zu den kostbaren Pforten des Heiligtums zu erheben. Er schlug an seine Brust und betete so: „Herr, ich bin nicht würdig, an diesem Ort zu stehen. Aber du bist gerecht une heilig, und du gestattest es mir, weil du weißt, daß der Mensch ein Sünder und ein Teufel wird, wenn er nicht zu dir kommt. Oh, mein Herr, ich möchte dich ehren Tag und Nacht, aber ich bin so viele Stunden der Sklave meiner Arbeit. Es ist eine harte Arbeit, die mich demütigt, denn ich füge meinem unglücklichen Nächsten Schmerz zu. Aber ich muß meinen Vorgesetzten gehorchen, um mein tägliches Brot zu verdienen. Hilf mir, o mein Gott, daß ich das Pflichtgefühl gegenüber meinen Vorgesetzten immer mäßige durch die Liebe zu meinen armen Brüdern, damit meine Arbeit nicht zu meiner Verdammung führe. Jede Arbeit ist heilig, wenn sie mit Liebe getan wird. Laß deine Liebe stets in meinem Herzen gegenwärtig sein, damit ich, armselig wie ich bin, mit meinen Untergebenen Mitleid habe, wie du mit mir, dem großen Sünder, Mitleid hast. Ich hätte dich gern mehr geehrt, o Herr, du weißt es. Aber ich hielt es für besser, mit dem für den Tempel bestimmten Geld acht unglückliche Herzen zu trösten als es in den Opferkasten zu werfen und dann acht unschuldige und unglückliche Menschen verzweifelt weinen zu lassen. Wenn ich jedoch gefehlt habe, laß es mich wissen, o Herr, denn ich bin ein großer Sünder.“

Das ist das Gleichnis. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, während der Pharisäer den Tempel verließ, nachdem er noch eine Sünde zu den schon bevor der den Moriah erstieg begangenen hinzugefügt hatte, ging der Zöllner gerechtfertigt hinaus, und der Segen Gottes begleitete ihn bis zu seinem Haus und ruhte darauf. Denn er war demütig und barmherzig, und seine Werke waren noch heiliger als seine Worte; der Pharisäer dagegen war nur mit Worten und nach außen hin gut, in seinem Inneren aber und mit seinem Hochmut und seiner Hartherzigkeit vollbrachte er Werke des Teufels, weshalb er Gott verhaßt war.

Wer sich selbst erhöht, wird immer, früher oder später, erniedrigt werden; wenn nicht in diesem, dann im anderen Leben. Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden, besonders droben im Himmel, wo die Handlungen der Menschen in ihrem wahren Wert erscheinen.

Komm, Zachäus. Kommt ihr, die ihr mit ihm seid, und ihr, meine Apostel und Jünger. Ich werde noch allein mit euch sprechen.“

Er hüllt sich in seinen Mantel und kehrt in das Haus des Zachäus zurück.

Auszug aus “Der Gottmensch“, Band IX von Maria Valtorta. Veröffentlicht mit der Genehmigung des Herausgebers Centro Editoriale Valtortiano srl. Isola del Liri (FR), www.mariavaltorta.com, dem die Rechte für die Werke Maria Valtortas gehören. Um die Bücher Maria Valtortas in deutscher Sprache zu erwerben bitte wenden an den Parvis-Verlag, 1648 Hauteville, Schweiz: book@parvis.ch, www.parvis.ch