Posts Tagged ‘Zisterzienser’

Hl. Rafael Arnaiz Baron (17)

28/03/2012

Am 11. Oktober 2009 wurde der spanische Trappist Rafael Arnaiz Baron (1911-1938) heilig gesprochen. Dieser mit 27 Jahren in der Abtei San Isidro de Duenas verstorbene Mystiker beeindruckt durch seine tiefe Spiritualität und sein einfaches und frohgemutes Wesen, mit dem er vertrauensvoll sein Kreuz auf sich nahm. Dank der freundlichen Genehmigung  der Herausgeberin und des Bernardus-Verlags, bei dem die Gesamtausgabe der Schriften des Heiligen bestellt werden können („Nur Gast auf Erden?“),  veröffentlichen wir hier Auszüge aus denselben.

Leben unter Deinem Kreuz (1)

13. Februar 1938 – Sonntag Septuagesima – im Alter von 26 Jahren

Guter Jesus, wie soll ich Dir sagen, o Herr, welch große Zärtlichkeit meine Seele empfindet angesichts der Milde Deiner Liebe? 

Was habe ich getan, mein Gott, dass Du mich so behandelst? Einmal fühle ich mich überschwemmt von tiefem Kummer, dann wieder erfüllt von überströmender Freude, wenn ich an Dich denke und an das, was Du mir verheisst für das Ende der Zeiten [vgl. Röm 8,18].

Womit habe ich das verdient, Herr? Heute habe ich bei der heiligen Kommunion den Trost erfahren, Deine Nähe zu spüren, obwohl mich alles zu verlassen scheint. Ich wollte, Herr, Deinem Herzen die Worte tief einprägen, die ich täglich spreche: „Lass nicht zu, Herr, dass ich mich von dir trenne!“ [Messliturgie]

Ich umfing Dein Kreuz und ging ins Kapitel… Unter Deinem Kreuz nahm ich die Nahrung, die meine schwache Natur benötigt… Unter Deinem blutüberströmten Kreuz finde ich den Trost, diese Zeilen zu schreiben… „Lass nicht zu, dass ich mich von dir trenne!“

Möge ich immer, Herr, im Schatten des harten Kreuzes stehen! Lass mich dort zu Deinen Füßen meine Zelle, mein Lager haben! Lass mich, Herr, dort meine Freude, meine Ruhe finden! Lass mich den Boden des Kalvarienberges mit meinen Tränen benetzen! Dort unter dem Kreuz möchte ich mein Gebet und meine Gewissenserforschungen verrichten.

„Lass nicht zu, Herr, dass ich mich von dir trenne!“

Welch große Freude bedeutet es, unter dem Kreuz leben zu können! Dort begegne ich Maria, dem hl. Johannes und all denen, die Dich lieben [vgl. Joh 19,25 ff]. Dort gibt es keinen Schmerz, denn angesichts des Deinen, Herr, wer wagt da zu behaupten, dass er leidet?

Dort vergisst man alles; man hat weder den Wunsch sich zu freuen, noch denkt man daran zu leiden… Beim Anblick Deiner Wunden, Herr, beherrscht nur ein Gedanke die Seele: Liebe…, ja, Liebe, um Deinen Schweiss abzutrocknen, Liebe, um Deine Wunden erträglicher zu machen, Liebe, um so viel und so ungeheuren Schmerz zu erleichtern.

„Lass nicht zu, Herr, dass ich mich von Dir trenne!“

weiter zu Teil 2

ganz zurück an den Anfang der Bruder Rafael-Auszüge

Werbeanzeigen

Hl. Rafael Arnaiz Baron (16)

08/03/2012

Am 11. Oktober 2009 wurde der spanische Trappist Rafael Arnaiz Baron (1911-1938) heilig gesprochen. Dieser mit 27 Jahren in der Abtei San Isidro de Duenas verstorbene Mystiker beeindruckt durch seine tiefe Spiritualität und sein einfaches und frohgemutes Wesen, mit dem er vertrauensvoll sein Kreuz auf sich nahm. Dank der freundlichen Genehmigung  der Herausgeberin und des Bernardus-Verlags, bei dem die Gesamtausgabe der Schriften des Heiligen bestellt werden können („Nur Gast auf Erden?“),  veröffentlichen wir hier Auszüge aus denselben.

Gott und meine Seele – San Isidro

7. Januar 1938 – Freitag – im Alter von 26 Jahren

Einer meiner größten Fehler ist die Ungeduld, und manchmal versetzt ein Bruder – ohne es selbst zu merken – meine Nerven in einen derartigen Zustand, besonders mit gewissen Geräuschen, dass ich schreiend davonlaufen würde, wenn ich mich von meinem Naturell leiten ließe.

Aber ich bin in die ‚Trapa‘ gekommen, um mich abzutöten und um zu erdulden, was der Herr mir schicken will. 

Die größte Buße ist das Gemeinschaftsleben.

Herrin und Königin des Himmels, verleih mir die Gnade, sanftmütig zu sein! Amen!

zurück an den Anfang der Bruder Rafael-Reihe

Hl. Rafael Arnaiz Baron (14)

09/04/2011

Heute, am 9. April 2011, ist der 100. Geburtstag des spanischen Trappisten Rafael Arnaiz Baron, der am am 11. Oktober 2009 heilig gesprochen wurde. Er ist einer (der jüngste) der Patrone des Weltjugendtages in Madrid.

Dieser mit 27 Jahren in der Abtei San Isidro de Duenas an Diabetes verstorbene Mystiker beeindruckt vor allem durch seine tiefe Spiritualität und sein einfaches und frohgemutes Wesen, mit dem er vertrauensvoll sein Kreuz auf sich nahm. Dank der freundlichen Genehmigung  der Herausgeberin und des Bernardus-Verlags, bei dem die Gesamtausgabe der Schriften des Heiligen bestellt werden können („Nur Gast auf Erden?“),  veröffentlichen wir hier Auszüge aus denselben.

Den folgenden Brief schrieb er von seinem Elternhaus aus an seine Tante (mit der er verabredet hatte, sich gegenseitig mit ‚Bruder‘ und ‚Schwester‘ anzureden), nachdem er ca. 2 Jahre vorher die Abtei aufgrund seiner Erkrankung  verlassen musste. Seine Rückkehr in die ‚Trapa‘ stand kurz bevor:

An seine Tante Maria, Herzogin von Maqueda, von Oviedo aus

26. November 1935 – Dienstag – im Alter von 24 Jahren

Meine liebste Schwester! Ich weiss nicht, wie ich beginnen soll. Dein Brief heute war für mich etwas, wofür ich weder Gott noch Dir genug danken kann. Er möge Dich segnen!

Ich sage Dir nur, dass ich in diesen Tagen eine Stelle aus der Sext des Offiziums betrachtet habe, die lautet: „Helft euch gegenseitig beim Tragen der Lasten. So werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Gal 6,2).

Wie tröstlich, nicht wahr? Und was machen wir? Ich weiss nicht, aber in Deinem Brief habe ich heute morgen eine ganz zarte, von Christus herrührende Liebe gesehen. Du möchtest mir helfen, mich trösten und ein wenig mein Kreuz tragen helfen; Du möchtest mein Mann aus Cyrene sein. Gepriesen sei die Liebe der Geschöpfe, die solche Dinge vollbringt! Gelobt sei der Herr, der uns ein Herz schenkt, das uns manchmal leiden, aber auch viele reine und übernatürliche Freuden erfahren lässt! Das geschieht, wenn wir Seelen begegnen, die uns derart lieben, wie du mir in Deinem Brief zeigst. Liebe Schwester, Du bist ein Engel, den mir der Herr in genau dem Augenblick schickt, da ich es am dringendsten benötige… Es soll Dir nicht sehr wichtig sein, dass ich es Dir sage, aber ich sehe es wirklich so.

Gerade jetzt, da ich dir zu schreiben beginne, komme ich vom Kloster der ‚Esclavas‘ zurück. Es ist halb sieben. Dort, vor dem Herrn und mit Deinem Brief in der Tasche, habe ich vor Freude fast geweint… Wie sehr liebst du mich, Herr! Wenn  Du wüsstest, Schwesterlein, wie glücklich ich bin! Du auch, nicht wahr?

Sieh, ich ging hin zu Jesus, um Ihm alles zu erzählen, so wie ich es immer tue, wenn ich einen Brief von Dir erhalte. Zuerst hielt ich einen Akt der Danksagung. Gott behandelt mich auf eine Weise, wie ich es nicht verdiene. Kurz und gut, warum sollte ich Dir alles nochmals aufzählen? Danach überdachte ich einige Dinge, die Du mir schreibst und von denen Du mich bittest, nicht böse darüber zu sein. Um Gottes willen, ich werde doch nicht ärgerlich darüber und habe Dir nichts zu verzeihen! Du meinst das nur. Du glaubst, dass ich so gut bin. Ich erzählte es dem Herrn, und wir lachten beide ein wenig. Ich sage es Dir in aller Einfachheit. Jesus gab mir zu verstehen, dass ich weder von Ihm noch vor Seiner Mutter etwas gewinne oder verliere durch die Meinung, die Du vielleicht von mir hast – das sei unwichtig.

Du bist wirklich ein ‚goldiges Fräuchen‘, liebe Schwester. Ich finde das ganz lustig und beneide fast Deine Treuherzigkeit. Du kannst mir mitteilen, was Du willst… Gott weiss alles, und ich erzähle Ihm schliesslich auch alles.

Als ich das heute nachmittag tat und merkte, dass der Herr mir zuhörte und auch lächelte, empfand ich plötzlich eine so grosse Freude, dass ich – hätte ich die Leute um mich herum nicht bemerkt – zu lachen angefangen hätte wie ein Irrer; mehr brauche ich Dir wohl nicht zu sagen.

Anschliessend konzentrierte ich mich sehr, und diese etwas unpassende Äusserung der Freude verwandelte sich in einen ganz grossen Frieden… Wenn Du sehen könntest, Schwester, wie gut Gott ist! Ich vergass alles: mich, Dich, alles… Jesus liebt mich so sehr, liebe Schwester! Liebe auch Du Gott ganz innig! Könntest Du doch auch diese Erfahrung machen! Nun gut…

 

Später liess Er mich merken, dass immer noch eine arme alte Frau in der Kirche war, die neben mir kniete und ganz fürchterlich anfing zu husten. Zuerst machte sie mich ungeduldig, dann aber war ich so beschämt über meine Ungeduld, dass ich die arme Frau bei der Hand nahm und sie der Jungfrau Maria vorstellte. Ich bat die Herrin, sich ihrer anzunehmen – und der Husten hörte auf. Dann betete ich für sie. Ich begann mit dem alten Frauchen neben mir, und schliesslich stellte ich alle Glaubenden unter den Schutzmantel der Gottesmutter. Hin und wieder habe ich derartige innere Anwandlungen, und ich sage Dir: dann fällt es mir schwer, stillzuhalten. Gut, versteh mich bitte recht!

Ich blieb in der Kirche, bis man mich hinauswarf (ich weiss nicht, wie man dieses Wort schreibt; verzeih meinen Fehler!) [Er schreibt ‚hecharon‘ statt ‚echaron‘, streicht das ‚h‘ aber durch.] Ich ging sehr fröhlich fort, weil ich eine Weile bei Jesus verbracht hatte, und hätte den Küster am liebsten umarmt. Wie glücklich bin ich doch, Schwesterlein! Wie sehr liebt mich Jesus!

Du, ja Du musst mir die Dinge verzeihen, die ich Dir erzähle. Aber ich möchte Dich teilnehmen lassen sowohl an meinen Freuden als – ich würde sagen – auch an meinen Leiden… Aber gut, was meine Leiden angeht, lassen wir es. Sie gehen rasch vorüber; der Herr lässt nicht zu, dass ich mich lange damit aufhalte. Er will nicht, dass ich egoistisch sei. Und wenn Du in meinen vorhergehenden Briefen eine Spur von Traurigkeit gefunden hast, verzeih mir, denn ich bin immer noch recht armselig.

Da Du mir in Deinem Brief davon sprichst, dass wir mit unserer Liebe zu Gott frohe Menschen sein müssen, konnte ich nicht anders und musste den Herrn loben mit heiliger Freude in dem Bewusstsein, dass wir Ihm gehören, im Bewusstsein darüber, dass wir von ihm brennend geliebt werden. Weg mit der Traurigkeit und mit den Sorgen! Gott, und Gott allein! Ich kann Dir sagen, dass unser Leben – wenn wir das immer so sähen – ein vorweggenommener Himmel wäre. Alles würde sich darauf beschränken, Gott zu lieben und zu wissen, dass Er uns liebt. Was würden wir dann nicht alles erreichen, nicht wahr? Uns mit den Engeln, mit den Heiligen, mit Maria vereinigen! Ja, dann könnten wir wirklich nicht stillhalten, wenn wir zum Gebet gingen. Und dann würden sich diese inneren Anwandlungen mit solcher Häufigkeit wiederholen, dass wir in einer davon… O Herr, wie lange noch belässt Du mich hier, wo ich mich dahinschleppe, Dich suche und nach Dir rufe, ohne dass das Herz entlastet würde oder zur Ruhe kommen könnte? … Es erkennt unser Elend, das uns daran hindert, uns ein für allemal an Dir zu erfreuen.

Wie egoistisch sind wir, Herr! Tu mit mir, was Du willst, nimm keine Rücksicht auf mich! Ich habe Deine Liebe nicht verdient. Aber Herr, diese Worte gibt nicht mein Herz mir ein; das Herz bittet Dich um Liebe, und dass Du es für immer nimmst und es weit machst oder es einfach zum Stillstand bringst… Herr, so ist das kein Leben. Mein Leben bist Du, und manchmal scheinst Du so fern zu sein. O mein Herr und mein Gott!

Schau, liebe Schwester, heute habe ich nichts als eines: Gott…; ich schicke Ihn Dir.

Ich möchte, dass der Brief heute weggeht. Es ist halb acht, und um halb neun wird der Briefkasten geleert. Ich möchte nämlich – auch wenn es nicht mehr als ein paar Zeilen sind -, dass Du morgen das erhältst, was ich Dir schicken möchte.

Der nächste Brief wird länger, und darin werde ich Dir sagen, was ich mir für die hl. Adventszeit vorgenommen habe. Heute abend fange ich an, Dir zu schreiben und ausführlich auf Deinen Brief zu antworten. Ich sehe in ihm tatsächlich unsere gute Mutter und dass Du sie sehr liebst.

Wie gut bist Du Schwesterchen! Gott möge es Dir lohnen.

Denk nicht daran, dass ich wieder in die ‚Trapa‘ zurückkehre… Was soll’s! Für Dich bin ich immer derselbe, meinst Du nicht?

Heute weiss ich Dir nichts mehr zu sagen. Es steckt etwas in mir, dass mich nicht lässt.

Es schickt Dir seine ungeheuer grosse Liebe Dein armer, verrückter Bruder,

Bruder Maria Rafael O.C.R.

Verzeih ihm!!

P.S. Ich schicke Dir einen Brief aus meiner ‚Trapa‘. Er sagt nichts aus, und doch sagt er mir viel… Wie gut ist Jesus! Alles ist mir ein Trost.

Heiliger Rafael Arnaiz Baron, bitte für uns und ganz besonders für die Jugend dieser Erde. Nimm uns, genau wie das ‚alte Frauchen‘ in Deinem Brief, an die Hand und stelle uns der Gottesmutter vor, damit sie uns alle unter ihren Mantel nehme, uns zu ihrem Sohn führe und ihn uns lieben lehre. Amen.

zurück an den Anfang der Bruder Rafael-Reihe

 

weiter zum nächsten Auszug der Schriften von Bruder Rafael

Hl. Rafael Arnaiz Baron (11)

27/01/2011

Am 11. Oktober 2009 wurde der spanische Trappist Rafael Arnaiz Baron (1911-1938) heilig gesprochen. Dieser mit 27 Jahren in der Abtei San Isidro de Duenas verstorbene Mystiker beeindruckt durch seine tiefe Spiritualität und sein einfaches und frohgemutes Wesen, mit dem er vertrauensvoll sein Kreuz auf sich nahm. Dank der freundlichen Genehmigung  der Herausgeberin und des Bernardus-Verlags, bei dem die Gesamtausgabe der Schriften des Heiligen bestellt werden können („Nur Gast auf Erden?“),  veröffentlichen wir hier Auszüge aus denselben.


Die folgenden Zeilen schrieb Bruder Rafael, nachdem er seine ‚Trapa‘, die Zisterzienserabtei, ungefähr anderthalb Jahre vorher wegen seiner Diabetes verlassen musste.

Kleines Album (oder Heft)

Seite 1: Ich bitte Gott und die heiligste Jungfrau, dass die Worte dieses Heftes dazu dienen mögen, meiner Seele in schweren Zeiten des Lebens Mut zu machen und sie dem Herrn näherzubringen.

Sie mögen mir einmal zum Trost dienen, dann wieder zur Meditation. Ich möchte in ihnen eine Hilfe finden, um besser zu werden, mich mehr und mehr von der Welt zu lösen und näher bei Gott zu sein.

Seite 11: Jesus, ich sehe andere leiden und leide selbst; ich sehe weinen und weine… Hilf, dass ich mein Blut lasse, und heile durch mich die Leiden derer, die um mich sind!

(Torrelodones, 27.8.1935)

Seite 6: Herr, wenn ich – um Dich zu lieben – das Kreuz brauche, dann schick es mir, denn ich sehe deutlich, dass ich Dich mehr liebe, je mehr Kreuz ich zu tragen habe! Du weisst ja, dass meine einzige Beschäftigung auf Erden die ist, Dich zu lieben, und je mehr ich Dich liebe, um so mehr Freude mach ich Dir. Heiligste Jungfrau, du lenktest meine Schritte in die ‚Trapa‘, damit ich lernte, Deinen Sohn zu lieben. Hilf mir in meinem Vorsatz, Ihn täglich inniger zu lieben! Wie wenig bescheiden bin ich! Welche Ansprüche erhebe ich!

Seite 8: Herr, schau auf Deinen Diener Rafael! … Du weisst, dass sein Leben und seine ganze Seele Dir gehören. Er hat sie Dir einmal übergeben, und Du, als Eigentümer und Herr, nahmst sie an. Du sahest, dass sie nicht vollkommen war, und wolltest sie läutern. Was ich Dir gab, war alles, was ich besass. Aber alles, was ich hatte, waren Sünden, Elend und Unvollkommenheiten, und das war Deiner nicht würdig.

Willst Du mich durch Opfer läutern? Opfere mich, Herr! Willst Du mein Leiden? Nimm es, Herr! Ich will Deinem göttlichen Handeln kein Hindernis in den Weg legen. Aber, Herr, vergiss mich nicht! Sieh, ich bin armselig und könnte es allein nicht aushalten. Gut, Herr, nimm keine Rücksicht auf mich und tu, was Du willst! Ich will mich nur darum bemühen, keine Hindernisse aufzubauen, und an mir geschehen lassen… Ausserdem ist das so einfach und so wohltuend!

Herr, mit jedem Tag, der vergeht, erkenne ich besser, was ich zu tun habe, um mich zu heiligen. Früher glaubte ich, dass ich – ich Armseliger! – derjenige war, der die Tugend übte und dass ich, wenn ich etwas Gutes tat, es aus mir selbst vollbrachte. Aber nein, Herr, das ist es nicht! Alles Gute kommt von Dir. Daher ist es das Beste, in meinem Leben Dich wirken zu lassen. Ich überlasse mich ganz Dir. Nicht einmal den Wunsch, gut zu sein, möchte ich haben, wenn es nicht auch Dein Wunsch ist. Ich will gar nichts. Ich will für die Welt ein Nichts sein. Ich möchte ganz Dein sein. Sogar meine Sünden gebe ich Dir, denn sie sind das Letzte, was mir bleibt und nur mir gehört.

Bist du zufrieden, Herr? – Ich bin’s.

zurück an den Anfang der Bruder Rafael-Reihe

weiter zum nächsten Auszug aus den Schriften von Bruder Rafael

 

 

Hl. Rafael Arnaiz Baron (9)

16/12/2010

Am 11. Oktober 2009 wurde der spanische Trappist Rafael Arnaiz Baron (1911-1938) heilig gesprochen. Dieser mit 27 Jahren in der Abtei San Isidro de Duenas verstorbene Mystiker beeindruckt durch seine tiefe Spiritualität und sein einfaches und frohgemutes Wesen, mit dem er vertrauensvoll sein Kreuz auf sich nahm. Dank der freundlichen Genehmigung  der Herausgeberin und des Bernardus-Verlags, bei dem die Gesamtausgabe der Schriften des Heiligen bestellt werden können („Nur Gast auf Erden?“),  veröffentlichen wir hier Auszüge aus denselben.

Apologie eines Trappisten (Manuskript). Oviedo

19. September 1934 – Mittwoch – im Alter von 23 Jahren

(…) wie schwer fällt es mir jetzt, wo ich in der Welt lebe und da ich Trappist bin, den Eindruck zu schildern, den ich habe. Er ist so anders und so vielfältig… Es gibt so viele Anlässe, die mir Stoff zur Meditation bieten. Jetzt befinde ich mich schon mehrere Monate ausserhalb meiner Abtei… Ich sehe, beobachte und schweige, aber in meiner Seele und in meinem Geist, der seit einiger Zeit sehr sensibel ist, gibt es neue Eindrücke ohne Ende. Häufig, ohne dass ich es will, vergleiche ich mein Leben als Zisterziensernovize mit dem Leben um mich herum. Es ist so anders in allem: in der Art und Weise zu handeln, zu denken, eine Meinung zu äussern. Die Interessen sind nicht dieselben. Es sieht aus, als sei Gott fern. Jedenfalls scheint es mir so, auch wenn es nicht zutrifft. Aber Gott entfernt sich nicht; es sind die Menschen, die dermaßen mit ihren armseligen Interessen beschäftigt sind, dass sie ihn allmählich vergessen. Gott ist für sie eine Angelegenheit zweiter Klasse, und das ist sehr schmerzlich!

Heute ging ich aus dem Haus, als es anfing dunkel zu werden. Ich durchlief die großen Straßen der Stadt, und etwas betäubt vom Wirrwarr des Menschengewühls, der Autos und der Lichter, lenkte ich meine Schritte zu dem Ort, nach dem sich mein Geist sehnte…: zum Haus Gottes. Es war wie ausgestorben. Eine fromme Frau murmelte Gebete vor einem schlecht erleuchteten Altar, eine weitere Gruppe von Frauen tuschelte heimlich neben einem Beichtstuhl, und der Herr, Gott der Schöpfung, Richter der Lebenden und der Toten, weilte im Tabernakel, von den Menschen vergessen…

Das beschämte mich, denn ich bin Mensch und daher Sünder, und obwohl ich die Beleidigungen des alleingelassenen Tabernakels wiedergutmachen möchte, sehe ich mich nicht in der Lage, es zu tun. Es ist schon reichlich viel, dass Gott mich vor sich treten läßt. Was kann ich tun, ich Unglücklicher, wenn ich der Erste bin, der seine Sohnespflichten einem solch guten Vater gegenüber nicht erfüllt? Mein Gebet ist so schwach und kraftlos, dass ich nicht weiß, ob es bei Gott ankommt. Und doch höre ich nicht auf, mich an Ihn zu wenden.

Im Frieden und in der Stille des Gotteshauses überließ sich meine Seele Gott. In meinem Geist sah ich alles Elend und alles Leid der Menschen vorüberziehen, ihren Haß und ihre Kämpfe. Ich dachte, dass die Menschen glücklicher wären, wenn sie diesen Gott, der sich unter der Gestalt von ein wenig Brot verbirgt, nicht so allein ließen, aber sie wollen nicht…

Da überkam mich Traurigkeit. Warum sollte ich es nicht bekennen? Vielleicht waren meine Sinne beeinflußt von dem grauen Nachmittag in dieser feuchten Stadt. Vielleicht war es meine Seele, die meine eigenen Sünden und die meiner Mitmenschen sah; ich weiß es nicht. Aber meine Traurigkeit wurde größer in jener Einsamkeit des Gotteshauses. Ich erinnerte mich an den Palmengesang in der ‚Trapa‘, sah meine Brüder, die Mönche, vor Gott singen und mich getrennt von ihnen und einsam. Ich sah mich ohne Kraft und schwach in meiner Liebe zu Gott. Ich möchte gern heilig sein und kann es nicht. (…)


„Ihr, die ich so oft um eure Hilfe für die armen Kinder und allen Verlassenen ersucht habe, erlaubt mir heute, euch um eure Aufmerksamkeit und Mithilfe zu Gunsten des Verlassensten aller Armen zu bitten: dem Allerheiligsten Sakrament. Ich bitte euch um eine Liebesspende für Jesus in seinem Heiligsten Sakrament …, um der Liebe der Unbefleckten Jungfrau und dieses verlassenen Herzens willen, bitte ich euch, zu Marien dieser verlassenen Tabernakel zu werden.“

(Sel. Manuel Gonzalez Garcia (1877-1940), Gründer der Eucharistischen Missionsschwestern von Nazareth)

zurück zum nächsten Auszug aus den Schriften Bruder Rafaels


Hl. Rafael Arnaiz Baron (7)

05/11/2010

Am 11. Oktober 2009 wurde der spanische Trappist Rafael Arnaiz Baron (1911-1938) heilig gesprochen. Dieser mit 27 Jahren in der Abtei San Isidro de Duenas verstorbene Mystiker beeindruckt durch seine tiefe Spiritualität und sein einfaches und frohgemutes Wesen, mit dem er vertrauensvoll sein Kreuz auf sich nahm. Dank der freundlichen Genehmigung  der Herausgeberin und des Bernardus-Verlags, bei dem die Gesamtausgabe der Schriften des Heiligen bestellt werden können („Nur Gast auf Erden?“),  veröffentlichen wir hier Auszüge aus denselben.

Hl. Rafael Arnaiz Baron

(Den folgenden Brief schrieb er von seinem Elternhaus aus, nachdem er sein Noviziat wegen der plötzlich auftretenden Diabetes unterbrechen musste.)

An Rosa Calvo von Oviedo aus

15. September 1943 – Samstag – im Alter von 23 Jahren

Liebe Tante Rosa! Schon vor längerem wollte ich dir schreiben. Jetzt, da ich Gelegenheit dazu habe, weil ich außerhalb meiner geliebten Abtei lebe, greife ich zur Feder, um Dir kurz zu schreiben und Dir damit zu sagen, daß ich meine gute Rosica nicht vergesse, von der ich immer wieder annehme, daß sie Gott lobt mit jedem Stempel, den sie auf ihre Lotteriescheine setzt. Zuerst berichte ich dir von Merceditas [seine Schwester], der es – Gott sei Dank! – weiterhin besser geht, wenn auch sehr langsam. Sie ißt sehr gut, obwohl sie keinen Appetit hat. Der Arzt sagt, daß es leicht zu einer Lösung kommen wird.

In bezug auf den anderen, den Novizen, kann ich Dir sagen, daß er schon fast wiederhergestellt ist. Er ißt von allem und bekommt keine Medikamente mehr. Ich glaube, daß ich ihn bald sehen werde, wie er in seinem weißen Habit sein Leben in der ‚Trapa‘ wieder aufnimmt.

Liebe Tante Rosa, wenn Du wüßtest, wie sehr ich mich danach sehne! Manchmal denke ich, daß es nicht sehr vollkommen ist, wenn man einen solch heftigen Wunsch hegt. Aber wenn man einmal die Milde und Güte des Herrn erfahren hat, möchte man nichts anderes mehr. Was meinst Du? Wenn Du wüßtest, wie sehr Er mich liebt! Diese Krankheit, die Er mir geschickt hat, ist ein Beweis dafür. Das war auch so, als es mir so schlecht ging, daß ich dem Tode nahe war. Jetzt, wo ich neues Leben in mir spüre, höre ich nicht auf, Ihm für alles zu danken.

Was würde ich Dir nicht alles von der ‚Trapa‘ erzählen, wenn ich in Toro wäre! In jenem Toro, wo mein größtes Vergnügen darin bestand, in einer Lotterieverwaltung von frommen Dingen zu reden. Erinnerst Du Dich? In der ‚Trapa‘ habe ich manchmal vor dem Allerheiligsten an die Verwalterin des gelb angestrichenen Lotteriekiosks gedacht, wo es wenig Geld, aber viel Liebe zu Gott gab.

Du merkst schon, daß alles eintrifft, sogar das scheinbar Unmögliche, aber für Gott gibt es nichts, was unmöglich wäre [vgl. Mt 19,26]. Erinnerst Du Dich an jenen ‚kleinen dummen Jungen‘, der eines Tages mit seinem Onkel Polin ankam? Nun, auch wenn Du mich in Deinen Gedanken im weißen Habit und mit geschorenem Kopf vor Dir siehst, bin ich doch immer noch derselbe, und ich nehme an, daß ich mich in Deinen Augen nicht verändert habe.

Ich weiß nicht, ob wir uns eines Tages wiedersehen. Gott weiß es. Aber irgendwann werden wir dort im Himmel und zusammen mit der Jungfrau Maria unsere Gespräche über Gott wieder aufnehmen. Was kümmern uns die Dinge von hier unten? Meinst Du nicht auch? Wenn wir auch durch die Entfernung voneinander getrennt sind, sind wir vor dem Tabernakel sehr verbunden miteinander. Jesus im Altarsakrament ist ja derselbe in der Stiftskirche von Toro wie in der ‚Trapa‘ zu Venta de Banos. Vergiß nicht, hin und wieder vor Ihm für mich zu beten! Ich tue es auch für Dich. Er möge Dir Leid, Trübsal, Enttäuschungen, in einem Wort, Dein Kreuz schicken! Du siehst schon, daß ich Dich auf Trappistenart liebe; denn wenn die Liebe zu Gott uns Geschöpfe eint, so vereinigt uns das Kreuz, das der Herr trug, mit Ihm, und das soll uns wichtig sein. Und wenn man alles mit Liebe, Hingabe und Freude erduldet, was können wir dann noch weiter wünschen und erbitten? Nichts, Tante Rosa, nichts! Und wären wir so, wie wir sein sollten, würden wir nicht einmal darum bitten. Alles würde sich darauf beschränken, Seinen göttlichen Willen zu erfüllen.

Gut, entschuldige meine Predigt, aber – obwohl ich außerhalb meines Klosters lebe – der Trappist, der in mir steckt, kommt fast immer durch, ohne daß ich es beabsichtige.


weiter zu Teil 2 dieses Briefes

zurück zum Anfang der Reihe über den hl. Rafael Arnaiz Baron

Hl. Rafael Arnaiz Baron (6)

21/10/2010

Am 11. Oktober 2009 wurde der spanische Trappist Rafael Arnaiz Baron (1911-1938) heilig gesprochen. Dieser mit 27 Jahren in der Abtei San Isidro de Duenas verstorbene Mystiker beeindruckt durch seine tiefe Spiritualität und sein einfaches und frohgemutes Wesen, mit dem er vertrauensvoll sein Kreuz auf sich nahm. Dank der freundlichen Genehmigung  der Herausgeberin und des Bernardus-Verlags, bei dem die Gesamtausgabe des Heiligen bestellt werden können („Nur Gast auf Erden?“),  veröffentlichen wir hier Auszüge aus denselben.

Hl. Rafael Arnaiz Baron

An P. Marcelo Leon, Novizenmeister, von Oviedo aus (Teil 2)

Gott begnügte sich nicht nur damit, mein Opfer anzunehmen, als ich die Welt verließ, sondern Er verlangte ein noch größeres Opfer von mir, als ich in die Welt zurückkehren mußte. Wie lange noch? Gott hat das letzte Wort. Er gibt die Gesundheit und Er nimmt sie. Wir Menschen können nichts weiter tun, als Seiner göttlichen Vorsehung zu vertrauen, wohl wissend, daß das, was Er tut, gut ist, auch wenn es auf den ersten Blick gegen unsere Wünsche zu sein scheint. Aber ich bin davon überzeugt, daß die wahre Vollkommenheit darin besteht, keine weiteren Wünsche zu haben, als daß Sein Wille sich an uns erfülle.

In Seiner unendlichen Weisheit fragt Gott den Menschen nicht, was er sich wünscht, um es ihm unmittelbar zu gewähren; denn meistens weiß der Mensch nicht, was für sein Heil angebracht ist. Er wirkt vielmehr über die Vernunft und die Absichten des Geschöpfes hinaus und führt und lenkt und prüft es auf tausend Weisen. Und der Mensch fragt: „Herr, warum tust du das?“ Und Gott scheint zu sagen: „Vertraue mir! Ihr seid wie Kinder. Um in das Reich meines Vaters zu gelangen, könnt ihr weder allein gehen, noch andern den Weg zeigen; ich werde euch führen. Folgt mir, auch wenn das gegen eure Pläne geht! Das Himmelreich leidet Gewalt“ [vgl. Mt 11,12]. Und um ans Ziel zu gelangen, muß es nicht auf dem vom Menschen bestimmten Weg sein, denn als Kind – das Mensch in Gottes Augen ist – kann er kaum laufen. „Vertraue mir – sagt Jesus -, ich werde dich führen!“

Lieber Pater Magister, ich lasse mich von Jesus leiten… Als ich am glücklichsten war, als ich meine Zukunft als Zisterzienser klar vor mir sah, als ich kein Verlangen mehr hatte nach der Welt und mein einziger Wunsch darin bestand, bis zum Tod mit meinen Brüdern im Ordensstand zusammen zu sein, da sagt Jesus: „Jetzt eine Krankheit, und hinaus!“ Nun gut: „Fiat“ [‚Mir geschehe‘; Lk 1,38]. Was könnte ich sonst noch tun?

Daher – Sie merken es schon, Pater – bin ich ruhig, denn die Schwierigkeiten, die ich durchzustehen habe, hängen nicht von mir ab. Und weil Gott es ist, der mich aus dem Noviziat herausgeholt hat, wird Er mich auch wieder dorthin zurückbringen, wenn Er will.

Was würde ich den Patres, den Novizen und den Oblaten nicht alles sagen! Mein Schweigen wird – glaube ich – beredter sein als alles, was ich in einem Brief mitteilen könnte. Ich habe in der ‚Trapa‘ so viel aufrichtige Zuneigung erfahren, daß ich es nicht vergessen kann. Ich bestelle Ihnen für niemanden besondere Grüße, weil ich sonst nach und nach die ganze Gemeinschaft mit Namen nennen müßte. Wenn ich auch – körperlich gesehen – hier bin, bin ich doch in Gedanken oft im Chor.

Ich stehe spät auf, gehe spät zu Bett und bin den ganzen Tag im Haus, ohne etwas zu tun. Das Lesen ermüdet meine Augen so sehr, daß ich es lassen muß, und meine Kräfte reichen zu nichts aus… Ich wandere von einem Sessel der Wohnung zum nächsten, um nicht immer in demselben zu sitzen. Und weil ich Ihnen nichts verheimlichen will: ich rauche wieder.

Den Habit ziehe ich nicht an, um nicht aufzufallen; ich bewahre ihn sorgfältig auf. Für mich war es ein Trost, ihn mitnehmen zu dürfen.

Ich empfange keinen Besuch; an den ersten Tagen, weil mich die Leute wirklich plagten, und jetzt, weil mich das, was sie mir erzählen, überhaupt nicht interessiert,  wie Sie sich leicht denken können. Es gibt zwar Menschen, die mich wirklich schätzen, aber es gibt auch viel Neugier, denn einen Trappisten sieht man nicht alle Tage.

Vor ein paar Tagen war Pater Felipe hier, den ich bisher nicht kannte. Er besuchte seine Angehörigen und kam vorbei, um mich kennenzulernen. Er ist sehr sympathisch und scheint ein sehr guter Mensch zu sein.

Ansonsten weiß ich Ihnen nichts zu berichten. Verzeihen Sie das Durcheinander dieser Zeilen, aber Sie wissen schon, wie ich schreibe: viel, schnell und schlecht, aber das bin ich nun einmal. Höflichkeitsbriefe schreibe ich Leuten, die nicht mein Pater Magister sind.

Ich rechne mit den Gebeten, die die Novizen und Oblaten an die heiligste Jungfrau richten. Darauf verlasse ich mich mehr als auf die Ärzte, denen Gott verzeihen möge, daß sie mich dermaßen hungern lassen. Ich kann Ihnen sagen, Pater: dieser Hunger ist schrecklich; ausserdem ist er typisch für diese Krankheit.

Für heute nichts weiter als die Bitte, daß Sie Pater Abt und die Novizen von mir grüßen, und von Ihnen erhofft sich Ihren Segen und Ihr Gebet Ihr Novize

Bruder Maria Rafael

zurück zu Teil 1 dieses Briefes

weiter zum nächsten Auszug aus den Schriften Bruder Rafaels

Hl. Rafael Arnaiz Baron (5)

19/10/2010

Hl. Rafael Arnaiz BaronAm 11. Oktober 2009 wurde der spanische Trappist Rafael Arnaiz Baron (1911-1938) heilig gesprochen. Dieser mit 27 Jahren in der Abtei San Isidro de Duenas verstorbene Mystiker beeindruckt durch seine tiefe Spiritualität und sein einfaches und frohgemutes Wesen, mit dem er vertrauensvoll sein Kreuz auf sich nahm. Dank der freundlichen Genehmigung  der Herausgeberin und des Bernardus-Verlags, bei dem die Gesamtausgabe der Schriften des Heiligen bestellt werden können („Nur Gast auf Erden?“),  veröffentlichen wir hier Auszüge aus denselben.


[Den nachfolgenden Brief schrieb er wieder von zu Hause aus, nachdem er die Abtei aufgrund seiner plötzlichen Erkrankung verlassen musste.]

An P. Marcelo Leon, Novizenmeister, von Oviedo aus (Teil 1)

11. Juni 1934 – Montag – im Alter von 23 Jahren

Ehrwürdiger Pater Marcelo Leon.

Lieber Pater Magister! Entschuldigen Sie bitte, daß es so lange gedauert hat, bis ich Ihnen jetzt endlich schreibe, um Ihnen Nachricht über meinen Gesundheitszustand zu geben; aber einem Kranken kann man diesen kleinen Fehler verzeihen.

Es geht mir weiterhin besser, wenn auch sehr langsam, aber nach und nach komme ich wieder zu Kräften. In den letzten Tagen konnte ich den Herrn empfangen. Ich kann natürlich nicht zu Fuß gehen – trotz der kurzen Entfernung zwischen der Kirche und meinem Elternhaus. Heute Nachmittag werde ich erstmals wieder eine Spazierfahrt mit dem Auto machen.

Ich muß weiterhin einen strengen Diätplan einhalten; die Mengen werden peinlich genau abgewogen, um die Menge an Kohlenhydraten zu kennen, die mein Organismus zuläßt, und um sie mit der an Insulin abzustimmen, die man mir verabreicht. Täglich wird mein Urin zweimal untersucht. Ich bekomme drei Insulinspritzen – auch diese täglich. Ich versichere Ihnen, Pater, daß ich mehr Hunger habe als in der Fastenzeit.

Der Arzt sagt, daß ich den ganzen Sommer so verbringen muß, daß ich aber wieder gesund werde… Das wünsche ich mir auch, um in meine Abtei zurückkehren zu können, auch wenn eine Zeit vergehen wird, bis ich den Speiseplan der ‚Trapa‘ wieder einhalten kann. Bis dahin liegt alles in Gottes Hand. Er ist es, der die Lösung bringen kann, und ich bin in Seinen Händen.

Mein seelischer Zustand ist wechselhaft. Das Ganze kam so plötzlich und so schnell, daß ich tagelang wie benommen war, nicht wußte, was in mir vorging, und wie betäubt lebte. Die Veränderung in meinem Leben ist so radikal, daß es nicht anders sein könnte. Ich glaubte, Gott nähme mich zu sich in den Himmel, aber es sieht so aus, als sei der Augenblick meiner Befreiung noch nicht gekommen und als wolle Er mich noch eine Weile länger hier auf Erden haben. Sein Wille geschehe und nicht der meine!

Als ich in die ‚Trapa‘ eintrat, übergab ich ihm alles, was ich war, und alles, was ich besaß: meine Seele und meinen Leib… Meine Hingabe war absolut und vollständig. Daher ist es ganz recht, daß Gott jetzt mit mir tut, was Er meint und was Ihm gefällt, ohne daß von meiner Seite auch nur eine Klage oder irgendeine Art von Auflehnung dagegen käme.

Gott ist unumschränkt mein Herr, und ich bin Sein Diener, der gehorcht und schweigt. Manchmal frage ich mich: Was will Gott von mir? Aber David sagt: Was ist der Mensch, um Gottes Absichten zu erkennnen? [vgl. Ps 8] Daher ist es das Beste, man schließt die Augen und läßt sich von Ihm leiten, denn Er weiß, was gut für uns ist.

Ich war allzu glücklich in der ‚Trapa‘. Die Prüfung, die Er von mir verlangt, ist hart, aber mit Seiner Hilfe wird es weitergehen. Hier oder dort oder sonstwo werde ich voranschreiten ohne umzukehren. Ich habe die Hand an den Pflug gelegt und kann nicht zurückschauen [vgl. Lk 9,62].

weiter zu Teil 2 dieses Briefes

Hl. Rafael Arnaiz Baron (4)

06/10/2010

Hl. Rafael Arnaiz BaronAm 11. Oktober 2009 wurde der spanische Trappist Rafael Arnaiz Baron (1911-1938) heilig gesprochen. Dieser mit 27 Jahren in der Abtei San Isidro de Duenas verstorbene Mystiker beeindruckt durch seine tiefe Spiritualität und sein einfaches und frohgemutes Wesen, mit dem er vertrauensvoll sein Kreuz auf sich nahm. Dank der freundlichen Genehmigung  der Herausgeberin und des Bernardus-Verlags, bei dem die Gesamtausgabe der Schriften des Heiligen bestellt werden können („Nur Gast auf Erden?“),  veröffentlichen wir hier Auszüge aus denselben.

An seine Eltern von San Isidro de Duenas aus (Teil 2)

Darum, liebste Eltern, wenn ich hier im Kloster so glücklich bin, obwohl ich als einzigen Besitz nur einen Habit und einen weißen Mantel habe, und sehe, daß man nicht mehr benötigt, um glücklich zu sein auf Erden, dann denke ich an Euch. Dann habe ich das brennende Verlagen, Euch mitzuteilen, was ich verspüre, und Euch und meinen Geschwistern zu sagen: Sorgt Euch nicht um die Welt und ihre Geschäfte; beunruhigt Euch nicht wegen der Zukunft; überlaßt sie Gottes Hand; faßt keine Zuneigung zu den Dingen der Erde, denn das bedeutet

Zeitverlust! Wendet Euch an Gott, und in Ihm werdet Ihr Frieden finden – schon hier auf Erden und später im Himmel! Ich möchte Euch in gewissen Augenblicken meine Seele mitteilen und meine Liebe zu Gott, damit Ihr sehen könntet, daß Euer Sohn den wahren Weg gefunden hat und – wie das Evangelium sagt – einen Schatz, und daß er sich schnellstens daranmacht, ihn auszugraben. Aber gleichzeitig – da ich kein Egoist bin – möchte ich all meine Mitmenschen herbeirufen und ihnen sagen: „Kommt mit und seht, daß es wahr ist, was ich euch sage! Sucht Gott, und ihr werdet Ihn finden, und wenn ihr Ihn gefunden habt, dann seid sicher, daß nichts und niemand euch dazu bewegen kann, wieder von Ihm abzulassen!“

Gut, da ist mir die Predigt herausgerutscht! Ich weiß wirklich nicht, wie ich das anstelle. Wenn Ihr zu Besuch kommt, werde ich eine kleine Predigt und sonst noch einiges vom Stapel lassen.

Jetzt gehen wir die Vesper beten, denn es ist gleich vier Uhr.

Es scheint, daß ich mich langsam an die Kapuze gewöhne …, besser gesagt, langsam gewöhne ich mich an alles. Der Leib ist ein Gewohnheitstier; man muß ihn nur zu bändigen wissen.

Befolgt das, was Pater Magister Euch sagte, und kommt jetzt nicht, denn im Gästehaus ist es noch kalt! Aber im Frühjahr ist es hier sehr angenehm. (…)

Noch mehr Einzelheiten: ich kann schon mit all meiner charakteristischen Eleganz Kartoffeln schälen. Wenn Du im Leben der Heiligen lesen solltest, daß sie sich – als bedeutende Eigenschaft – niedrigen Diensten widmeten, nimm es nicht so ernst; denn in Wirklichkeit ist es nichts Besonderes, wenn man mit einem Besen umzugehen versteht, weil alles relativ ist. Wenn ich mir zu Hause im Treppenhaus eine Schürze umgebunden und der Pfortenfrau geholfen hätte, die Treppe zu putzen, wäre ich aufgefallen, so wie hier ein Herr auffiele, der im Refektorium wie in einem Café in die Hände klatschte, um den Kellner zu rufen … Hier fegen wir alle und helfen uns gegenseitig bei allem. Vergangene Woche war mein verehrter Pater Magister Tischdiener … Heute morgen half mir beim Einpacken der Schokolade ein ehrwürdiger Priester mit weißen Haar, und später diente ich ihm bei der Konventsmesse.

Aus weltlicher Sicht ist es also nicht so leicht, das Leben in der ‚Trapa‘ zu verstehen, da das weltliche Leben so ganz anders ist.

In bezug auf die Arbeit, das Essen und das Schlafen und ebenso auf dem Friedhof sind wir alle gleich …, auch wenn es eine Reihenfolge vom Pater Abt bis hin zum letzten Novizen gibt. Jeder hat seinen Platz, sein Amt und seine Würde. Das heißt, daß im Orden der Zisterzienser Hierarchie und Gleichheit miteinander verknüpft sind: er bildet – in gewisser Hinsicht – eine vollkommene Gesellschaft, auch wenn es um menschliche Dinge geht.

Wenn Du das Ave Maria von Gounod singst, denk bitte nicht an mich! Es ist besser, Du denkst an Maria; dann wirst du mehr Nutzen daraus ziehen, und es wird besser klingen.

Keine Erinnerung an mich soll Dich traurig stimmen, ganz im Gegenteil! Laß uns keine unnützen Tränen vergießen!

Immer wenn Dich die Erinnerung an mich traurig stimmt, denk an die Jungfrau Maria! Auch sie hatte viel aufzuopfern. Ich freue mich, daß Vater sich nicht aufgehalten hat. Wäre es anders gewesen, hätte man ihm erlaubt, mit mir zu sprechen, und das wäre sowohl für ihn als auch für mich sehr schwer gewesen. Es ist nicht gut, wenn man die Dinge gewaltsam angeht. Ihr werdet natürlich verstehen, daß mein Noviziat die Zeit der größten Zurückgezogenheit in meinem Ordensleben ist.

Kurz und gut, auch ich hätte Euch vieles zu erzählen und möchte mein Herz am liebsten ausschütten auf dem Papier, aber Ihr müßt Euch mit der guten Absicht begnügen. Ich will diesen Brief beenden, der schon länger geworden ist, als er eigentlich sollte. Das Übrige hebe ich also für das nächste Mal auf.

Verteilt in meinem Namen alles, was Ihr wollt, und seid ganz lieb gegrüßt von Eurem Sohn

Br. M. Rafael


zurück zu Teil 1 dieses Briefes

weiter zum nächsten Auszug aus den Schriften Bruder Rafaels

zurück an den Anfang der Bruder Rafael-Reihe

Hl. Rafael Arnaiz Baron (3)

27/09/2010

Hl. Rafael Arnaiz BaronAm 11. Oktober 2009 wurde der spanische Trappist Rafael Arnaiz Baron (1911-1938) heilig gesprochen. Dieser mit 27 Jahren in der Abtei San Isidro de Duenas verstorbene Mystiker beeindruckt durch seine tiefe Spiritualität und sein einfaches und frohgemutes Wesen, mit dem er vertrauensvoll sein Kreuz auf sich nahm. Dank der freundlichen Genehmigung  der Herausgeberin und des Bernardus-Verlags, bei dem die Gesamtausgabe der Schriften des Heiligen bestellt werden können („Nur Gast auf Erden?“),  veröffentlichen wir hier Auszüge aus denselben.

.

An seine Eltern von San Isidro de Duenas aus (Teil 1)

1. April 1934 – Ostersonntag – im Alter von 22 Jahren

Liebste Eltern! Ich kann mir denken, daß Ihr ungeduldig auf meinen Brief wartet, den ich Euch zu Beginn der Fastenzeit versprach. Alles kommt und alles geht vorüber.

Heute, am Ostersonntag, hat mich Pater Magister gerufen, mir Papier gegeben und gesagt, ich solle Euch schreiben. Ich brauche Euch nicht zu sagen, mit welcher Freude ich in diesem Fall gehorche. Und ohne weitere Vorrede als ein Ave Maria – damit Gott meine Worte lenke – erzähle ich Euch, was ich in den letzten 40 Tagen getan habe.

Das ist schnell gesagt, denn da es darum geht, Jesus in der Wüste nachzufolgen, habe ich in diesen 40 Tagen gefastet, gebetet und Buße getan und sonst nichts – damit hatte ich auch genug zu tun. Und glaubt nur ja nicht, daß zu dieser Zeit des liturgischen Jahres viele lange und traurige Gesichter zu sehen sind aufgrund des Fastens, nichts davon! Man hat zwar Hunger, aber den erträgt man mit Freude, weil man ihn für Gott aushält. Und ich kann Euch versichern, daß ich nie fröhlicher vom Tisch aufgestanden bin als an einigen Freitagen, nachdem ich nichts als Brot und Wasser zu mir genommen hatte.

Es stimmt, daß die Fastenzeit in einer ‚Trapa‘ sehr hart ist, aber sie ist auszuhalten, und für den, der es nicht glaubt: hier bin ich und lebe noch, um Gott mit jedem Tag mehr und mehr zu loben. Die Finsternis ist verschwunden, die Trauer hat sich in Jubel und Freude gewandelt, der König des Himmels wird von allen Engeln gepriesen, und ein stürmisches ‚Halleluja‘ erklingt bis ans Ende der Erde, hinausgerufen von der katholischen Kirche. Ich bin stolz darauf, ein Sohn der Kirche zu sein und auch mein Gotteslob von hier, aus dem Chor einer ‚Trapa‘, erschallen zu lassen.

Alles findet seine Vergeltung im Himmel und manchmal auch auf der Erde. Pater Abt hat uns, die Gemeinschaft, heute mit einer ‚Zulage‘ beim Mittagessen dafür belohnt, daß der Gesang in diesen Tagen so gut war: es gab zwei Spiegeleier und eine Tasse Kaffee. Ihr seht, auch in der ‚Trapa‘ gibt es manchmal etwas Besonderes … Die zwei Spiegeleier haben mir köstlich geschmeckt. (…)

Dieser Tage mußte ich von einer erhöhten Stelle der Kirche aus einige Lesungen der Matutin vorsingen, und ich sage Euch: noch nie habe ich mich in einer solchen Bedrängnis gefühlt. Meine Stimme war zittrig, und ich fing mit Tönen an, die entweder zu hoch oder zu tief waren. Als ich die Stufen hinaufstieg, stolperte ich auch noch über den Mantel … Kurz und gut, es war eine richtige Katastrophe, aber daran kann man nichts ändern. Als ich mich um drei Uhr früh auf einer Kanzel sah und von oben alle Glatzen und kahlgeschorenen Köpfe der Mönche beherrschte, tanzten mir die Buchstaben des Lektionats vor den Augen; plötzlich vergaß ich die Aussprache des Lateins und kam überhaupt nicht mehr zurecht.

Ich war auch ‚Kirchendiener‘, d. h. ‚Kerzenlöscher‘. Das ist ein Dienst, der mir zusagt. Außerdem – glaubt mir! – ist er von Bedeutung, denn hier in der ‚Trapa‘ ist jede Zeremonie sehr wichtig, und um ein Licht anzuzünden oder auszumachen, muß man alle Vorschriften beachten, die die Regeln des Ordens vorschreiben. Sogar die Schritte, die Minuten und die Verbeugungen sind gezählt.

In der Kirche verhalten wir uns immer sehr feierlich. Da wird aus gar keinem Grund gesprochen, da werden keine Zeichen gegeben; man geht langsam, ohne Lärm; es werden tiefe Verbeugungen gemacht vor dem Herrn im Tabernakel. In einem Wort: man tut das, was der göttliche Kult sein soll und erfordert. Mich begeistert das, denn Ihr wißt gut, daß ich nie ein Freund von Vertraulichkeiten war und am wenigsten noch in der Kirche. Man kann sagen, daß sich die Trappisten einzig und allein für Gott heranbilden. Sie schulen zuerst ihre Seele, aber anschließend auch ihren Leib und ihr Verhalten. Und es ist nicht so, daß ich meinen Orden über irgend jemand anderen loben möchte, aber man kann sagen, daß – was die Feier des Kultes angeht – der Trappist der Vornehmste ist. Wie gern hätte ich es gesehen, wenn Ihr die Feierlichkeiten der Karwoche hättet miterleben können! Die unbedeutendsten Kleinigkeiten sind mathematisch genau geregelt, und das ist die einzige Form, kein Durcheinander zu stiften.

Kurz und gut, dieses Leben ist so anders als das, was ich bisher gefühlt habe, daß Ihr es Euch nicht vorstellen könnt, auch wenn ich Euch noch so viel erzählte … Alle Einzelheiten meines Lebens stehen im Buch des ‚Usus‘, das Ihr zu Hause habt. Bis hierher das, was sich auf das Äußere bezieht … In bezug auf meine Seele, was soll ich Euch da sagen? Gott liebt mich so sehr! Ich habe einen so tiefen Frieden in der Seele, daß ich unfähig bin, ihn zu beschreiben. Mit jedem Tag preise ich Gott mehr, weil Er mich unter so vielen auserwählt hat, ohne daß ich es verdient hätte.

Welch ganz andere Vorstellung haben die Menschen von einer ‚Trapa‘! Wie viele mag es geben, die mich bedauern und sogar über meine Lebensweise erschrecken, ohne überhaupt zu ahnen, daß im Verzicht auf sich selbst und in der Hingabe an Gott das einzige enthalten ist, was das Leben lebenswert macht, und das ist der Friede in Gott! (…)

Die größte Freude bereitet der Gedanke, daß dieser Friede ewig sein wird; denn wenn ich sterbe, wird er nur noch größer, und das in einem Ausmaß, das ich nicht erahnen kann. Die Liebe der Geschöpfe endet mit dem Tod. Der Wunsch nach menschlicher Anerkennung hört mit dem Tod auf, und die weltlichen Geschäfte lösen sich mit dem Tod in Nichts auf. Nur die Gottesliebe wird größer mit dem Tod. Das heißt: was ich habe, das habe ich für immer; das sagt mir der Glaube. Hingegen ist das, was ich in der Welt zurückgelassen habe, nur Leihgabe für einige Jahre – und danach nichts!

weiter zu Teil 2 dieses Briefes